Efeu - Die Kulturrundschau

Man sieht Fleisch, Fleisch, Fleisch

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.04.2018. In der NZZ erklärt die Schriftstellerin Rachel Cusk das Baumaterial ihrer Romane. Die Welt schwelgt in den Körpern von Delacroix. Pop-Veteran Klaus Voormann erklärt, warum er seinen Echo zurückgegeben hat. Zu spät, findet der Tagesspiegel. Und auch die Dercon-Debatte schwelt weiter: Klaus Lederer weist alle Schuld von sich, critic.de staunt über die Selbstgerechtigkeit der Berliner Kulturszene. Der war Dercon wohl nicht männlich genug, spottet Zeit online.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2018 finden Sie hier

Bühne

Die Dercon-Debatte schwelt doch noch weiter. Berlins Kultursenator Klaus Lederer musste dem Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses in der Sache Rede und Antwort stehen, berichtet Udo Badelt im Tagesspiegel, und lehnte jede Verantwortung für Dercons Rücktritt ab: "Er erzählt von Indizien, die sich seit November gehäuft hätten, Indizien dafür, dass Dercons Konzept einer Mischung der Sparten mit teuren Koproduktionen und Gastspielen nicht aufgehe, dass sich bei mangelndem Publikumszuspruch ein strukturelles Problem zuspitzt. 'Von Dercon kamen keinerlei Ansätze oder Ideen, wo es hingehen könnte', so Lederer. 'Das war ausschlaggebend, nicht allein die Finanzlage. Schlechte Zahlen, das kann passieren, deshalb muss man keine Intendanz beenden.' Ab Herbst hätte es kein spielfähiges Repertoire mehr gegeben, mit Schließzeiten von bis zu 15 Tagen im Monat."

Die Behandlung Chris Dercons wirft ein abgründiges Licht auf die Berliner Kulturszene, schreibt Michael Kienzl auf critic.de: "Das Frustrierende an dieser ganzen Geschichte ist jedoch, dass sich kaum jemand die Mühe gemacht hat, sich ernsthaft mit dem neuen Programm auseinanderzusetzen. Selbst innerhalb der Kulturszene - also eigentlich unter gebildeten, offenen Menschen - wurde mit kaum zu überbietender Selbstgerechtigkeit privat genauso wie öffentlich immer wieder derselbe Quatsch von der neoliberalen Eventbude und dem seelenlosen Durchreisetheater nachgeplappert. Man entschied sich dazu, Dercon erst gar keine Chance zu geben. Besonders bockig reagierte man im Theater-Milieu, wo man sich durch den Quereinstieg des Intendanten schon aus Prinzip auf den Schlips getreten fühlte und auch nicht davor zurückschreckte, angestaubte Vorurteile gegen modernen Tanz und zeitgenössische Kunst aus der Mottenkiste zu ziehen."

Dercon war den Berliner Kulturrabauken wohl nicht männlich genug, spottet Robin Detje auf Zeit online: "'Mit härtesten Bandagen' werde um die Volksbühne gekämpft, hat der Tagesspiegel ihm nachgerufen. Dabei stand von Bandagen nichts in seinem Vertrag, von Härte auch nicht. Da stand überhaupt nichts von männlichem Kampf, und die atavistische Vorstellung, Kultur sei eine Art Krieg, da müsse man die Zähne fletschen, sich bewähren und sich ohne mit der Wimper zu zucken täglich die Scheiße von der Tür kratzen, mit der einen der Feind männlich bewirft, ist ja auch wirklich ausgesprochen schwachsinnig. Das Einzige, was so eine Kultur sich schafft, sind Kriegerdenkmäler, und das mag es auch sein, was Castorf in der Volksbühne sieht: sein privates Reiterstandbild auf dem Feldherrenhügel, für ihn, den unbesiegten Schlachtenlenker."

Weiteres: Im Tagesspiegel stellt Ulrich Amling das Programm für die neue Saison der Deutschen Oper Berlin vor. Und Patrick Wildermann berichtet vom Theaterfestival der Jugend in Berlin. Till Briegleb unterhält sich für die SZ mit dem "wahnsinnig netten" Ayad Akhtar, dessen kapitalismuskritisches Stück "Junk" gerade am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere hatte: "Selten war Defätismus eine derartig herzliche Angelegenheit und positive Erscheinung". (Kritiken gibt's in der Welt und in der nachtkritik)

Besprochen werden David Böschs Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" in Frankfurt (nachtkritik, FAZ), "Hänsel und Gretel" mit Rammsteins Till Lindemann am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik, FAZ), die Eröffnung des renovierten Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth mit Hasses "Artaserse" (Tagesspiegel), "Der alte Schinken" von Nehle Stuhler und Jan Koslowski am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik), Dieudonné Niangounas "Phantom" an der Berliner Schaubühne (Tagesspiegel), Yael Ronens "A Walk on the Dark Side" am Berliner Gorki Theater (FR), Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" in Meiningen (nmz), Verdis "Aida" an der Staatsoper Hannover (nmz), Brittens "A Midsummer Night's Dream" im Theater an der Wien (Standard), Wagners "Götterdämmerung" an der Wiener Staatsoper (Standard) und Claudio Monteverdis "Krönung der Poppea" am Nationaltheater Mannheim (FR).
Archiv: Bühne

Musik

Im Nachhinein will jeder couragiert gewesen sein: Doch wenn nun das Notos Quartett und Klaus Voormann ihre Echos im Nachhinein aus Protest gegen die Auszeichnung für Kollegah und Farid Bang zurückgeben, dann ist das nur noch wohlfeil, schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel: "Augen zu und durch, so haben bis auf Campino alle gedacht: die Verantwortlichen von Vox, die den Echo live übertragen haben, die beteiligten Popmusiker. Doch wer nominiert ist, kann auch gewinnen, so moralisch verwerflich das in diesem Fall nun ist."

Für Jens-Christian Rabe von der SZ ist der Branchenpreis nach dem Debakel der letzten Tage ohnehin am Ende: "Genau jetzt ist der Moment, in dem man ihn entweder für immer begräbt - oder mutig neu gründet." Am liebsten wäre ihm eine "Akademie-Jury" nach dem Vorbild der Oscars, in der die Kreativen, nicht die Manager das Sagen haben.

Voormann schreibt in seiner Erklärung: "Ich habe mir .. bewusst Zeit gelassen mir mein eigenes Bild über die gesamte Situation zu machen, da ich selbst am Echo-Abend nicht wusste, um was es überhaupt ging. Ich habe mich zum Beispiel nicht nur darauf beschränkt den Text von '0815' ganz zu lesen sondern auch mehrere Lyrics des umstrittenen nominierten Albums 'JBG3'. Provokation ist erlaubt und manchmal sogar notwendig um Denkanstöße zu geben. Aber es darf nicht die Grenze zu menschenverachtende, frauenfeindliche, rassistische, antisemitische, gewaltverherrlichende Äußerungen und Taten überschritten werden. Genau diese Attribute treffen im gegebenen Fall zu... Woher kommt es, dass derartige Entgleisungen hierzulande so erfolgreich sind und von Sendern wie Vox sogar noch gefeatured werden?"

Weitere Artikel: In der Welt plaudert Michael Pilz mit Charly Hübner und Monchi, dem Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, die sich in ihrer Mecklenburg-Vorpommerner Heimat rustikal gegen Nazis wehrt. Die Welt am Sonntag hat Claudia Sewigs Gespräch mit Revolverheld online nachgereicht. Auf ZeitOnline stellt Daniel Gerhardt die Rapperin Cardi B vor. Hier ein aktuelles Video:



Besprochen werden ein Liszt-Konzert der Pianistin Martha Argerich (NZZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine CD mit Debussy-, Ravel- und Dutilleux-Aufnahmen von Quatuor Hermès (SZ).
Archiv: Musik

Film

Harald Keller staunt in der taz, was in der 1963 zum Start des ZDF gelaufenen, auf DVD vorliegenden Krimi-Serie "Die Karte mit dem Luchskopf" rund um die Agentin Kai Fröhlich alles möglich gewesen ist: "Immer wieder wird der männliche Blick mit Intelligenz, Witz und oft auch handgreiflich unterlaufen. Manch ein Macho erfährt unter Schmerzen, dass das Geschlechterbild von der wehrlosen Frau nicht der Wirklichkeit entspricht."

Für den Freitag hat Matthias Dell Hans-Jürgen Syberbergs Erinnerungen an die Dreharbeiten an dessen dokumentarischen Essayfilm "Romy - Portrait eines Gesichts" über Romy Schneider aufgeschrieben. Unter anderem geht es um die Querelen rund um die finale Schnittversion, die erst unter Anwaltsblick zustande kam: " Einmal durften wir ihn zeigen in der originalen Fassung, danach nie mehr." Die dann lange Zeit offizielle Fassung endete auf Wunsch von Harry Meyen mit dem Schlussbild einer glücklichen Familie: "Bei mir war ihm das zu trist. Romy sollte nicht so nachdenklich sein. Von heute aus betrachtet hat der Film in meiner Version Bestand. Meyen hat sich umgebracht, der Sohn ist umgekommen und Romy ist auch tot. Den Harry-Meyen-Schluss gibt es nicht mehr. Eine glückliche Mutter, die Romy letzten Endes nicht war in ihrem Leben - es wäre eine Fälschung gewesen, sie so darzustellen."

Weitere Artikel: Im New Yorker denkt Molly Ringwald über ihr heute ambivalentes Verhältnis zu John Hughes' 80s-Komödien wie "Pretty in Pink" und "Der Frühstücksclub" nach, die sie seinerzeit berühmt machten. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Regisseurs Vittorio Taviani. Hanns-Georg Rodek schreibt in der Welt einen Nachruf auf den Schauspieler R. Lee Ermey der als sadistischer Militärausbilder in Stanley Kubricks "Full Metal Jacket" bekannt geworden ist:



Besprochen werden Felipa Césars "Spell Reel" (SZ) und die vom ZDF online gestellte Serie "Hard Sun" (FR).
Anzeige
Archiv: Film

Literatur

Im Tagesspiegel schreibt die griechische Schriftstellerin Amanda Michalopoulou über Berlin im Wandel: "Berlin ist ein Zustand. Es ist dieser dunkle Bezirk in uns, das Schweigen, die Schwere, die Innerlichkeit. Arbeiter mit Bierflaschen in der U-Bahn, die U-Bahn selbst, die alten Waggons, gelb und dunkelrot, mit den Fernsehturmbezügen. Es ist der Staub um die Baugerüste, der immer noch riecht wie damals, als der Potsdamer Platz eine Ödnis war, mit einer roten Box in der Mitte."

In der NZZ spricht die Autorin Rachel Cusk mit Thomas David über ihren neuen Roman "Kudos", der bald erscheint. Dabei reflektiert sie, was sie aus dem Skandal um ihren autobiografisch geprägten Roman "Aftermath" gelernt hat, in dem sie ein scharfes Porträt von Mutterschaft und Ehe zeichnete: "Es ist eine unterschiedliche Herangehensweise, und ich nehme an, 'Aftermath' hat nicht richtig funktioniert, es konnte missverstanden werden. ... Meine Verwendung von persönlichem Material ähnelt der Art und Weise, wie ein Maurer Steine verwendet, ist also bedeutungslos. Jeder verfügt über persönliches Material, und mein Material ist nicht anders als das aller anderen. ... Ich meine damit die Aufforderung an den Leser, den eigenen Inhalt oder die eigene Geschichte beizusteuern."

Das heutige Interesse an Bestsellerlisten ist eine Errungenschaft der 68er, klärt Jörg Magenau im Freitag auf: Die Listen dienten mitunter "als Erkenntnisinstrument. Mit dem Interesse für Massenpsychologie und -konsum wurden sie zum Forschungsgegenstand der Germanistik. Am Geschmack der großen Leserschaft ließ sich die Stimmung im Land ablesen. Allerdings geschah das unter den Vorgaben der Ideologiekritik: oft schlecht gelaunt und besserwisserisch. 1968 hatte also durchaus Konsequenzen: Der Blick auf den Markt veränderte sich."

Weitere Artikel: In der FR deutet Harry Nutt den fortschreitenden Zerfall der Schwedischen Akademie als "Kampf um unterschiedliche Vorstellungen von Ehre und moralischer Integrität". In der taz schreibt Benno Schirrmeister zum Tod des Comicverlegers und -journalisten Bert Dahlmann.

Besprochen werden James Carlos Blakes Kriminalroman "Red Grass River" (Freitag), Lucy Frickes "Töchter" (Tagesspiegel), Nadja Spiegelmans "Was nie geschehen ist" (taz), Can Mereys Biografie "Der ewige Gast" über seinen Vater (taz), der zweite Teil aus Haruki Murakamis Trilogie "Die Ermordung des Commendatore" (SZ), Eva Müllers Comic "Sterben ist echt das Letzte" (taz) und Svenja Leibers "Staub" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst


Eugène Delacroix: Der Tod des Sardanapalus, 1826. Louvre Museum, Paris

Tilman Krause hat für die Welt die große Delacroix-Ausstellung im Louvre besucht und sieht einerseits den letzten Maler in der Tradition einer "grande maniera" und andererseits den Revolutionär: "'Ein Feuer, das versengend über die Leinwand fiel', so pries ihn sein sprachmächtigster Fan zu Lebzeiten, der Dichter Charles Baudelaire. Und in der Tat: Vor allem die frühen Arbeiten dieses Malers, die es jedoch von Anfang an in die offiziösen jährlichen Kunstausstellungen des 'Salons' schafften, sind wahre Flammenwerferbilder. Überall Aufruhr. Durchweg große Gefühle. Ohne Rauchsäulen und Ascheregen, Gewitter und Sturm, ekstatische Körper, die sich in Lust- oder Todesqualen winden, geht bei ihm gar nichts. Und man sieht Fleisch, Fleisch, Fleisch. Herrlich hingebreitete weibliche Alabasterkörper - ein Graus für alle Sexismusbeauftragten. Aber eben auch in Verwesung befindliche, gern auch abgetrennte Gliedmaßen, die schimmern, als seien sie kostbare Geschmeide. Davon können noch heute Hersteller von Splattermovies manches lernen."

Weiteres: Andreas Platthaus berichtet über eine angenehm unideologische Diskussion vier ostdeutscher Museumsdirektoren über die Frage, ob Kunst aus der DDR wirklich als "durchweg staatstreu und deshalb minderwertig" angesehen wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Bizim Berlin - unser Berlin 89/90 mit Bildern des Fotografen Ergun Çagatay im Märkischen Museum Berlin (Berliner Zeitung) und eine Retrospektive des Künstlers Stephan Dillemuth im Münchner Lenbachhaus (SZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Delacroix, Eugene