Efeu - Die Kulturrundschau

Mentale Käfighaltung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2018. Die DNA des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr westlich - und Blasphemie ist illegal, lernt die FAZ bei der Frühlingsausstellung der Sharjah Art Foundation. Derweil feiern Berliner Zeitung und Tagesspiegel den biblisch-pornografischen Auftakt des FIND-Festivals an der Schaubühne. Wo bleibt die Debatte über Sexismus und Antisemitismus im Deutsch-Rap, fragt der Deutschlandfunk verärgert. Alles nur Intrigen und Neid, winkt James Levine in der FAZ die Missbrauchs-Vorwürfe gegen ihn ab. In Indonesien soll die Dichterin Sukmawati Soekarnopurti, die bereits 2006 in einem Gedicht die Scharia ablehnte, Selbstkritik üben, meldet die FAZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2018 finden Sie hier

Bühne


Bild: Szene aus "¿Qué haré yo con esta espada?" Foto: Luca del Pia, 2018

Dank Angélica Liddell und Rodrigo García, die sich in ihren Stücken dem "in Tugendschein gehüllten Konformismus unserer Zeit" widmen, hat Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung) einen "furiosen" Auftakt des Festivals für Internationale Dramatik an der Schaubühne gesehen. Besonders Lidells grausam-archaische Fünfstundenmesse, bei der die Künstlerin auf einem altarähnlichen Seziertisch liegt, hat es ihr angetan: "Langsam spreizt sie die Beine und bietet dem Publikum in voller Pracht ihre Vagina dar, während sie von nekrophilen Sehnsüchten spricht. Etwas später kommt der Hintern dran, und acht nackte Grazien treten auf, die in diversen Kamasutra-Stellungen ausgiebig dasselbe tun, während drei Japaner und eine nackte Geisha in No-hafter Langsamkeit Bücher vor sich her tragen und den immer orgiastischer sich spreizenden Mädchen Oktopusse zum Reinbeißen und Zerreißen auf die Körper werfen. Nein, mit pseudofeministischem 'Metoo'-Kokolores hält sich Liddell nicht auf."
 
Das Stück ist "ein strapaziöses, aber lohnendes Exerzitium" meint Patrick Wildermann im Tagesspiegel, "weil Liddell in ihrem misanthropischen, aber letztlich sehr moralischen Furor gegen die Entwertung der Begriffe 'Gott', 'Schönheit' und 'Liebe' die Balance aus biblischem Pathos und finsterem Humor findet."

Besprochen werden außerdem Stephan Müllers Frisch-Inszenierung "Ärger im Paradies" am Schauspielhaus Zürich (NZZ), Claudia Bauers Inszenierung "Schöpfung" am Theater Dortmund (nachtkritik), Martin Kindervaters "Woyzeck" am Theater Würzburg (nachtkritik),  Bettina Bruiniers Inszenierung "Robert Redfords Hände selig" am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik), Tamer Yiğits "Berlin DNA" im HAU, das deutsch-türkische Kreuzberger-Lebensläufe gegeneinander schneidet (taz), und Ed Hauswirths Inszenierung "Memory Alpha" in Dortmund (SZ).
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Film

Einen echten Katzenjammer angesichts des Tsunamis öffentlich-rechtlicher Fernsehkrimis, die stets die gleichen Muster bedienten, entwickelt Fernsehkritiker Hans Hoff bei dwdl.de: "Ich schaue Krimis nur noch, wenn ich dafür bezahlt werde. Und ich denke, dass es nicht mehr allzu lang dauern wird, bis es mir andere gleichtun werden. Dann werden sie sich wundern bei ARD und ZDF, wenn ihnen ihre Monokultur um die Ohren fliegt, wenn sie merken, dass sie nur noch Massenware aus mentaler Käfighaltung im Angebot haben."

Besprochen werden Amanda Kernells "Das Mädchen aus dem Norden" (SZ), Ava DuVernays Verfilmung des Jugendbuchklassikers "Das Zeiträtsel" (Freitag), Jonas Carpignanos "Pio" (Tagesspiegel), Danny Strongs auf Heimmeiden veröffentlichter Film "Rebel in the Rye" über die jungen Jahre von J.D. Salinger (SZ) und ein Band, der an den vor vier Jahren verstorbenen Regisseur Florian Flicker erinnert (Standard).
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Stichwörter: Fernsehkrimis, Ard

Kunst


Bild: Raedah Saadeh, Vacuum, 2007. Sharjah Art Foundation

Sharjah
ist eines der arabischen Emirate. Dort fanden in der staatlichen Sharjah Art Foundation eine Frühjahrsausstellung und eine Tagung statt. Die FAZ hat Georg Imdahl hingeschickt (auf wessen Kosten, wüsste man gern). Einflussmöglichkeiten des "Global South" seien hier thematisiert worden, so Imdahl. Und die formuliert dann Hoor Al Qasimi, Präsidentin der Art Foundation: "Die Verunglimpfung von Religionen, Blasphemie und Pornographie seien nun einmal illegal. Punkt." Dann folgen postkolonialistische Ausführungen: "Die DNA des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr westlich", zitiert Imdahl die Kuratorin und folgt diesem Befund auch in dem Tagungsprogramm, in dem die Anwesenden "die Überwindung eines kolonialen Denkens forderten, das noch immer ungebrochen und wirksam sei. Die Situation stelle sich heute sogar noch schwieriger dar als in den siebziger Jahren, proklamierte der Bildhauer Rasheed Araeen, Autor des 'Black Manifesto' von 1975. Die 'koloniale Ordnung' sei damals noch offensichtlicher gewesen als heute; inzwischen feierten zwar Künstler aus Afrika und Asien Erfolge auf der ganzen Welt, kaschierten damit aber ungewollt die fortbestehenden Schieflagen in den Machtverhältnissen."
 

Foto:  "Iko Iko" aus "The Afronauts", 2012, © Cristina De Middel

Fasziniert berichtet taz-Kritikerin Sophie Jung von der Schau "Afro-Tech And The Future of Reinvention" im Hardware MedienKunst Verein Dortmund, in der 32 Künstler des Afrofuturismus sich in "makelhafter Verknüpfung von Wunsch und Realität, Vision und Trash" mit den Themen Krieg, Müll, Armut und Ungleichheit auseinandersetzen: "Die New Yorker Urfigur des Afrofuturismus, der Rapper Rammelzee, konstruierte etwa seine feuerspuckenden Exoskelette aus Ramsch, und die Fotografien von Kiluanji Kia Henda dokumentieren nur vermeintlich Ugandas Ambitionen in den Sechzigern, wie die USA und die UdSSR am 'Wettlauf zum Mond' teilzunehmen. Denn die futuristischen Bauwerke mit spitzen Betonarmen und Prismafassade aus den ersten Jahren der Unabhängigkeit, die der Künstler ironisch als Indiz für ein geheimes Raumfahrtprogramm Ugandas deutet, verfallen längst in den Hinterhöfen einer wuchernden Stadt."
 
Weiteres: Die zeitgenössische Kunstszene in Griechenland leidet nicht nur unter den drastischen Sparmaßnahmen nach der Finanzkrise, notiert Manuel Almeida Vergara, der sich für die FR exakt ein Jahr nach der Documenta-Eröffnung in Athen umgesehen hat: "In einem Land, das so unfassbar reich an Geschichte und historischer Kunst ist, haben es moderne Kulturansätze schwer, aus dem Schatten der Antike zu treten." Im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von der Eröffnungsschau der Akademie der Künste, wo der israelische Künstler Micha Ullmann mit seiner Installation "Bis zum letzten Sandkorn" jüdische Geschichte bis hin zum palästinensisch-israelischen Konflikt reflektiert.
 
Besprochen wird die Schau des Videokünstlers "Charles Atlas. Scary, Scary, Community Fun, Death" im Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich (SZ).
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Musik

Im Deutschlandfunk ärgert sich Jens Balzer, dass die Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang mit ihren derben Sexismen und antisemitischen Textzeilen nicht nur kaum Gegenwind bekommen, sondern auf der Bühne des Echo-Musikpreises auch noch gefeiert werden: "Wir haben in Berlin gerade monatelang über die Frage diskutiert, ob ein Gedicht an einer Hauswand stehen darf, in dem Frauen mit Blumen verglichen werden, oder ob das sexistisch ist und deswegen weg muss." Auf dem neuen Album von Kollegah und Farid Bang gebe es "Zeilen wie 'Dein Chick ist 'ne Broke Ass Bitch, denn ich fick sie, bis ihr Steißbein bricht'. Und das scheint mir persönlich doch noch sexistischer zu sein, als wenn man Frauen mit Blumen vergleicht. Aber darauf öffentliche Debatte? Null, nichts."

Durchaus Opernqualitäten hat James Levines Klageschrift, mit der sich der Star-Dirigent gegen die laut gewordenen Vorwürfe, Untergebene sexuell missbraucht zu haben, und gegen die Kündigung durch die Metropolitan Opera wehren will - sagt zumindest Patrick Bahners, der die Schrift für die FAZ gelesen hat. Deren Kern bilde "eine kunstpolitische Polemik vor dem Hintergrund des Besucherrückgangs der Met und der dadurch ausgelösten Finanzprobleme. Levine lässt sich als Opfer einer Intrige des Intendanten Peter Gelb darstellen, der seit Jahren auf die Ablösung des Stammpublikumsmagneten hingearbeitet habe. Das unterstellte Motiv: natürlich nicht die Sorge wegen der Gesundheit des von Parkinson geplagten, aus dem Rollstuhl dirigierenden Maestros", sondern "nackter Neid."

Die Washingtoner Indie- und Post-Punk-Pioniere Fugazi haben ihre Band seit 2003 auf Eis liegen und auch das hauseigene Label Dischord war zuletzt etwas weniger aktiv als zu Glanzzeiten. Umso mehr freut sich tazler Jens Uthoff, dass Bassist Joe Lally und Schlagzeuger Brendan Canty nun gemeinsam mit dem Jazzgitarristen Anthony Pirog das Nebenprojekt The Messthetics ins Leben gerufen haben: "Die losen Fäden, die The Messthetics auf ihrem Debüt auswerfen, aber nicht stupide weiterverfolgen - Art Rock, Jazz Metal, arabische Harmonien -, machen neugierig, in welche Richtung es weitergeht." Die Band liefert "ein perfektes Beispiel dafür, wie lokale Musikkulturen ein Klangbild prägen und wie dies auch zwei Generationen später deutlich hörbar ist. Denn die D.C.-Postpunk-Schule klingt genauso durch wie Funk- und Folk-Traditionen der Stadt." Zu hören ist das Album auf Bandcamp:



Weitere Artikel: Frauenbands wie unter anderem Dream Wife und Goat Girl (mehr) retten derzeit den Rock'n'Roll, schreibt Nadine Lange im Tagesspiegel. Michaelle Lhooq erklärt auf Electronic Beats, wie die Berliner Clubkultur die Rave-Szene in Singapur geprägt hat. Für die Jungle World werfen Arne Hartwig und Martin Stich einen Blick in die prosperierende Straight-Edge-Hardcore-Punk-Szene Mannheims. Kaleb Horton erinnert auf Pitchfork an das erste, 1994 veröffentlichte Album aus Johnny Cashs "American Recordings"-Reihe. Nachdem in Großbritannien ein Bratscher nach einem bei einem Konzert erlittenen akustischen Schock das Royal Opera House verklagt und Recht bekommen hat, erkundigt sich Michael Stallknecht für die SZ, was deutsche Konzerthäuser für den Schutz der Ohren ihrer Musiker tun. Bei Brahms muss einem "das Herz brechen", sagt Paavo Järvi im FAZ-Gespräch mit Jan Brachmann. Für die Welt spricht Michael Pilz mit Air-Musiker Jean-Benoît Dunckel, der gerade sein neues Solo-Album "H+" veröffentlicht hat, über Physik und Transhumanismus. Hier ein aktuelles Video:



Besprochen werden ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Andrés Orozco-Estradas Taktstock (Standard), ein von Simon Rattle dirigierter "Parsifal" der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), Menahem Presslers Berliner Konzert mit dem Schumann Quartett (Tagesspiegel), Kali Uchis Album "Isolation" (SZ), die Biografie des Rolling-Stone-Gründers Jann Wenner (Standard), Nathaniel Rateliffs mit den Night Sweats aufgenommenes Album "Tearing at the Seams" (FAZ) und die Ausstellung "Bach-Typen" im Bachhaus Eisenach (FAZ).
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Architektur

Dass Großbauprojekte auch ohne Skandale und Kostenexplosionen funktionieren können, lernt Standard-Kritiker Wojciech Czaja in der von Andrea Jürges kuratierten Ausstellung "Große Oper, viel Theater?" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. In der NZZ erinnert Ulf Meyer an den dänischen Architekten Jørn Utzon, Architekt der Oper von Sidney, der heute 100 Jahre alt geworden wäre.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Utzon, Jorn

Literatur

"Ich kenne nicht die Scharia. Alles, was ich kenne, ist der Klang der Hymne von Mutter Indonesien, er ist sehr schön, melodiöser als Dein Gebetsruf." Für diese bereits 2006 veröffentlichten, damals unbeanstandeten Gedichtzeilen wird die indonesische Dichterin Sukmawati Soekarnopurti jetzt, nach einer öffentlichen Lesung, in Form zahlreicher Protestmärsche öffentlich angegangen, berichtet Marco Stahlhut in der FAZ: Gefordert werde "die sofortige Festnahme der Dichterin", die sich derweil in Demutsgesten vor den religiösen Autoritäten des Landes verbeugen muss: "Am Donnerstag besuchte sie mit Kopftuch - normalerweise trägt sie keines - den Rat indonesischer Islamgelehrter (MUI), faktisch die oberste religiöse Autorität des Landes, und küsste seinem Vorsitzenden, dem berüchtigten Hardliner Ma'ruf Amin, unter Tränen mehrfach die Hände. Amin forderte die 'muslimische Gemeinschaft' daraufhin dazu auf, Sukmawati zu vergeben. Ebenso wie zuvor bereits ein führendes Mitglied der Muhammadiyah (...), der Sukmawati mit dem Argument verteidigte, sie stamme aus einer 'guten muslimischen Familie'. Gleichzeitig forderte der Funktionär die Dichterin zu einer 'Vertiefung ihres Glaubens' und 'Selbstkritik' auf."

Von der Krise der Schwedischen Akademie, dessen Gremium nach diversen Skandalen rund um den Ehemann der Lyrikerin Katarina Frostenson und infolge einiger Rücktritte kurz davor steht, nicht mehr entscheidungsfähig zu sein, berichten Reinhard Wolff (taz) und Thomas Steinfeld (SZ). Das Problem: Lediglich 13 der 18 besetzten Plätze sind noch aktiv, mindestens zwölf Plätze müssen aber für Entscheidungen besetzt sein. Da die Mitgliedschaft aber lebenslang gilt, können die vakanten Plätze vorerst nicht neu besetzt werden. "Spekuliert wird nun in Schweden vor allem über das Verhalten von Katarina Frostenson", schreibt Steinfeld. "Würde sie von ihrem Amt zurücktreten, wäre dem Konflikt für den Augenblick die Spitze genommen. Die drei Abtrünnigen würden vielleicht zurückkehren. Eine allfällige Neuordnung der Akademie und ihrer Geschäfte könnte dann womöglich in etwas geregelteren Formen durchgesetzt werden können."

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline schreibt Can Dündar über den Trost, den ihm Stefan Zweigs "Schachnovelle" in der Haft in türkischen Gefängnissen spendete. Für das Zeit-Magazin spricht Ijoma Mangold mit der Schriftstellerin Marie Reiners. Der Bayerische Rundfunk liest aus Martin Walsers neuem Roman "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte".

Besprochen werden unter anderem Alice Schmidts "Tagebücher der Jahre 1948/49" (taz), Flannery O'Connors Geschichtenband "Keiner Menschenseele kann man noch trauen" (Tagesspiegel), Jesmyn Wards "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" (Freitag), Naomi Aldermans feministischer Science-Fiction-Roman "Die Gabe" (Tagesspiegel), Dennis Coopers "God Jr." (Jungle World) und Ion Luca Caragiales Feuilletonsammlung "Humbug und Variationen" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jochen Hieber über Jorge Luis Borges' "Erwartung der Liebe":

"Nicht die vertraute Nähe deiner Stirn, hell wie ein Fest,
noch die Gewohnheit deines Körpers, wiewohl mysteriös, schweigsam und mädchenhaft,
..."
Archiv: Literatur