Efeu - Die Kulturrundschau

Abstufungen von Breitbeinigkeit

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07.04.2018. Das Theater ist nach wie vor männlich, weiß, privilegiert, klagt die Autorin Darja Stocker auf Zeit Online. Währenddessen feierte Tilmann Köhlers Christa-Wolf-Stück "Medea. Stimmen" am Deutschen Theater Premiere: Feministisches Fingerspitzengefühl, lobt die nachtkritik, wenig subtil, meint der Tagesspiegel. Die taz freut sich über winzige blasphemische Schritte auf der Kunst-Biennale in Pakistan. Die SZ konstatiert ein Antisemitismus-Problem im Deutschen Rap. Und alle trauern um den japanischen Anime-Filmer Isao Takahata und den Jazzmusiker Cecil Taylor.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2018 finden Sie hier

Bühne

Das Theater ist nach wie vor ein weißer, privilegierter Ort - spätestens mit #MeToo muss es sich aber einigen Fragen stellen, schreibt die Theaterautorin Darja Stocker auf Zeit Online. Sie fordert neue Frauenrollen auf der Bühne: "Das Theater hinkt der gesellschaftlichen Realität hinterher. Jedes neoliberale Unternehmen ist diverser als das Theater, weil die profitorientierte Wirtschaft begriffen hat, dass unterschiedliche Perspektiven Qualität fördern. 70 Prozent der Theaterregisseure sind männlich. Auf der großen Bühne sogar 80 Prozent. Frauen findet man besonders oft im Kinder- und Jugendtheater. Von Diversität sozialer und weiterer Herkünfte kann keine Rede sein."

Kathleen Morgeneyer und Johanna Kolberg in "Medea. Stimmen". Foto: Arno Declair

Ok, auch Christa Wolfs Roman "Medea. Stimmen" wurde mit Tilmann Köhler gerade von einem Mann am Deutschen Theater Berlin inszeniert - allerdings mit präzisem Gespür für Wolfs feministische Lesart, die den männlichen Blick in Frage stellt, lobt Nachtkritikerin Eva Biringer. Dass Köhler den Frauen einen "Hauch Bitch" verleiht und weitere Aspekte des Romans unter den Tisch fallen lässt, geht für Biringer in Ordnung: "Dass noch immer viel zu wenige Frauen mitherrschen, außer vielleicht bei der Frage, was auf dem Abendbrottisch landet, ist unbestritten. Eine Inszenierung wie die am DT trifft den Zeitgeist also auch, ohne nennenswerte ästhetische Akzente zu setzen. Das ist okay. Medeas letzte Sätze lauten: 'Was bleibt mir. Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.' Mit Blick auf einen Feminismus, der viele zurzeit so sehr nervt, und der doch so unglaublich wichtig ist, lautet die Antwort: Genau hier passt sie hin."

Tagesaktuell, aber nicht besonders subtil und mit Hang zum Deklamationstheater erscheint hingegen Christine Wahl im Tagesspiegel die Inszenierung: "Glauke, bei Wolf quasi eine andere Gesellschaftsopfer-Variante als Medea, durchzittert in der verzweiflungsreichen Darstellung von Kathleen Morgeneyer einen epileptischen Anfall nach dem nächsten in der Wasserlache. Während die Männer - von Edgar Eckert als Jason über Helmut Mooshammer als Akamas bis zu Thorsten Hierse als Leukon - das Bühnen-Nass eher in verschiedenen Abstufungen von Breitbeinigkeit durchschreiten. Mal trittfester und mal feiger, mal renitenter und mal opportunistischer. Neu erfunden wird der zwischengeschlechtliche Stereotypen-Diskurs im DT also nicht." Ein Stück zur "Flüchtlingsproblematik in Westeuropa" sieht stattdessen FAZ-Kritkerin Irene Bazinger, das sie als "puristisch" gestaltetes "Bühnenweihefestspiel" würdigt.

Der Prozess gegen den russischen Regisseur Kirill Serebrennikow ist groteskes Theater, schreibt in der FAZ der litauische Autor Marius Ivaskevicius, der nicht nur der Gerichtsverhandlung, sondern auch einer "Nurejew"-Aufführung im Bolschoi-Theater beiwohnte: "der jetzige Kulturminister Russlands spart nach der Generalprobe nicht mit Applaus für dieses Drama, und der Pressesprecher des russischen Präsidenten behauptet, dass diese Premiere ein kulturelles Ereignis von historischer Bedeutung in Russland sei. Als wüssten sie nicht, dass der Regisseur dieses Ereignisses unter Hausarrest auf seinen Prozess wartet, dass er von der Staatsmacht noch offener und brutaler verfolgt wird als sein Bühnenheld."

Weiteres: Von der heute unter dem Titel "Come Out Now!" startenden Roma-Biennale am Gorki-Theater, die die Wechselwirkung zwischen Rassismus, Sexismus und Homophobie deutlich machen will, berichtet Hannah El-Hitami in der taz.

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Literatur

Für die Welt wühlt sich Hannes Stein durch die bereits in der Antike einsetzende Geschichte der "Anti-Literatur", also Traktaten unterschiedlicher geistiger Provenienz, die das literarische Schreiben in Grund und Boden stampfen. Hinweise verdankt er dabei dem Literaturwissenschaftler William Marx, der in seinem Buch "The Hatred of Literature" zahlreiche "Perlen der Blödheit" gesammelt hat. Steins Fazit nach Streifzügen durch Antike, Aristokratie und Aufklärung: "Bisher hat die Literatur alle Anfeindungen munter überlebt. ... Die Literatur ist das, was widersteht, das, was sich nicht einordnen lässt, das, was sich keinen Erwartungen unterwirft, das, was gegen den Strich geht, das, was keinen Zwecken dient. Sie ist der Rest, der nicht aufgeht, wenn die Welterklärer mit ihren philosophischen Systemen fertig sind. Sie ist das, was am Ende übrig bleibt."

Nach der Entscheidung weiterer Mitglieder der Schwedischen Akademie, ihre Mitarbeit in der Institution zu beenden, "Damit steht in Frage, ob und wie die Akademie überhaupt weiterarbeiten (und den nächsten Literaturpreis vergeben) kann", schreibt Johan Schloemann in der SZ. Mehr dazu im Handelsblatt.

Weitere Artikel: Elettra de Salvo spricht für die taz mit Domenico Starnone über dessen Roman "Auf immer verbunden". Dennis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Deutschlandfunk Kultur bringt eine Lange Nacht über den anarchistischen Dichter Erich Mühsam. In der FAZ erinnert Steffi Böttger an Walther von Goethe, den Enkel des Dichterfürsten, dessen seinerzeit überraschende Entscheidung, das Erbe seines Großvaters Großherzogin Sophie zu überlassen, die Grundlage für die Goethe-Stiftung in Weimar darstellt.

Besprochen werden unter anderem Anuschka Roshanis "Komplizen. Erinnerungen an meine noch lebenden Eltern" (NZZ), Josefine Rieks' "Serverland" (Freitag), Ruth Klügers Gedichtband "Gegenwind" (Standard), Hans Beltings und Andrea Buddensiegs "Ein Afrikaner in Paris. Léopold Sédar Senghor und die Zukunft der Moderne" (Welt), Johann Gottfried Seumes "Mein Leben" (Tagesspiegel), Garth Greenwells Debüt "Was zu dir gehört" (taz), Anita Nairs Krimi "Gewaltkette" (taz), Connie Palmens "Die Sünde der Frau" (Welt), Paul Theroux "Mutterland" (FR), Joan Didions "Süden und Westen" (SZ) und Wilhelm Genazinos "Kein Geld, keine Uhr, Keine Mütze" (FAZ).
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Film

Mit dem Tod Isao Takahatas verliert der japanische Animationsfilm einen seiner größten Künstler. Neben Hayao Miyazaki gründete und leitete er das Studio Ghibli und drehte dort viele Klassiker des japanischen Kinos. "Takahata stand für die Erde unter den Himmeln, die sich Miyazaki eroberte", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR: Im 1988 entstandenen Zeichentrickfilm "Die letzten Glühwürmchen" etwa schilderte Takahata den "Überlebenskampf zweier kleiner Kinder im ausgebombten Kobe. Es ist vermutlich der traurigste Animationsfilm der Geschichte und einer der bewegendsten Filme gegen den Krieg überhaupt. Ungeschönt, aber getragen von subtiler Poesie, rührt der Film auch an die Grenzen des Mediums. Die spärliche Bewegung wird zur Metapher für die Kostbarkeit des Lebens selbst." Der verstorbene Filmemacher "belebte nicht nur Linien, sondern das ganze Kino", schwärmt Andreas Platthaus in der FAZ. Hier mehr zu Takahatas letztem Film, dem 2014 gezeigten "Die Legende der Prinzessin Kaguya".

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel spricht Christiane Peitz mit der Schauspielerin Marie Bäumer, die demnächst als Romy Schneider in Emily Atefs "3 Tage in Quiberon" zu sehen ist. In epdFilm dröselt Georg Seeßlen das Referenzensystem von Steven Spielbergs neuem Nostalgie-Blockbuster "Ready Player One" (hier unsere Kritik) auf. Dunja Bialas befasst sich im Filmdienst mit Actionheldinnen im Gegenwartskino. Besprochen wird die Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" gewidmete Ausstellung im Filmmuseum in Frankfurt (Berliner Zeitung).
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Musik

Große Trauer um Cecil Taylor - der Jazz verliert einen "Donner-und-Blitz-Titan", schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel  und bleibt auch ansonsten im meteorologischen Register: "In atonalen Wirbeln und Strudeln berserkerte er quer über die Tastatur und schraffierte mit seiner totalen Chromatik jeden nachvollziehbaren harmonischen Zusammenhang zu.Taylors Clusterwolken waren auf eine Musik der reinen Energie aus. Sie wollte nicht vom flirrenden Ergebnis her wahrgenommen werden, sondern aus ihrer gestischen Aktion heraus." Ähnlich liest es sich in der FAZ, wo Wolfgang Sandner die "rabiate Intensität würdigt, mit der er seine cluster-ähnlichen Akkorde heraushämmerte, die aberwitzige Dichte klanglicher Strukturen, die schiere physische Energie. ... Der Mann spielte Klavier immer mit Händen und Füßen, mit Kopf und Kragen, mit Körper und Seele." Zu sehen gab es "Materialschlachten, Klänge wurden hin und her bewegt, von allen Seiten betrachtet, abgeklopft und auseinandergenommen."

Taylor stellte eine Zäsur dar, hält Stefan Hentz in der NZZ fest. Er war "der Pianist, der die Entfesselung seines Instruments immer weitergetrieben hat." Mit seiner Verdichtung komplexer Harmonien "verschaffte er sich selbst und seinen Musikern ein bisher unerreichtes Maß an Freiheit." Weitere Nachrufe schreiben Christian Broecking (taz), Ulrich Stock (ZeitOnline) und Ljubisa Tosic (Standard). Immer noch lesenswert ist außerdem Diedrich Diederichsens 2004 in der taz erschienene Würdigung Taylors zu dessen 75. Geburtstag. Hier eine große Improvisation aus den Achtzigern:



Der Ethikrat hat beschlossen, dass die deutschen Rapper Kollegah und Farid Bang, nachdem sie für antisemitische Zeilen in ihren Songs in die Kritik geraten waren, weiterhin für den Echo nominiert bleiben können: Die künstlerische Freiheit habe Vorrang. Jens-Christian Rabe ärgert das in der SZ ebenso wie die plumpen Versuche der Rapper, sich unter Verweis auf die Fiktionalität von Gangsta-Rap-Texten und mit wirren Angeboten wie lebenslang freiem Konzerteintritt für Juden aus der Affäre zu ziehen: Was bleibt, ist "der Eindruck einer gruseligen Mischung aus Gewissen- und Verantwortungslosigkeit gepaart mit geschäftlichem Kalkül und verblüffend trotziger Dummheit. Es gibt natürlich keinen Protagonisten des deutschen Gangster-Rap, der im strengen Sinne systematisch auf die Auslöschung Israels und der Juden hinwirken möchte. Sehr wohl aber gibt es reichlich stumpfe antisemitische Ressentiments, die vom Deckmantel der Israelkritik meistens nur sehr notdürftig verborgen werden."

Weitere Artikel: In der NZZ begeistert sich Bjørn Schaeffner für den Fundus japanischer Popmusik, in den sich derzeit viele Musiksammler versenken. Im Zuge ist auch Midori Takadas Experimental-Album "Through The Looking Glass" von 1983 wieder populär geworden:



Besprochen werden der von Rhian E. Jones herausgegebene Sammelband "Under my Thumb" über sexistische Rocksongs und die Frauen, die sie mögen (taz), Igor Levitts Brahms-Konzert in Zürich (NZZ), neue Sammelboxen mit Aufnahmen von Christa Ludwig (NZZ), ein Auftritt von Der Nino (Tagesspiegel) sowie kurz und bündig zahlreiche weitere neue Musikveröffentlichungen, darunter das Album "Mr. Dynamit" von Creep Show (NZZ).
Archiv: Musik

Kunst

Dass die Lahore-Biennale in Pakistan kein "blasphemischer Sturmlauf" ist, wundert Ingo Ahrend in der taz nicht: Gibt es in dem muslimischen Land doch eines der schärfsten Blasphemie-Gesetze überhaupt. Aber immerhin habe sich mit der Lahore-Biennale eine weitere Instanz etabliert, die in kleinen Schritten ihr Terrain gegen den religiös definierten Raum ausbaut, so Arend: "Unter dem Schirm der Biennale wagen sich auch kleine Initiativen in die Öffentlichkeit. Die Kuratoren Abdullah Qureshi und Natasha Malik organisierten in einer abgewrackten Fabrik eine Schau queerer Kunst. 'River in the Ocean' nannten sie sie nach dem Werk der feministischen Künstlerin Lala Rukh - Berlin-Feeling in Lahore. Vor allem aber ist die zweite pakistanische Biennale ein Indiz für den kulturellen Aufbruch im Land."

Weiteres: Mitten im ungarischen Wahlkampf zeigt das Budapester Ludwig-Museum die Ausstellung "Permanente Revolution" mit ukrainischer Gegenwartskunst, meldet Michael Freund im Standard: "Brachial oder ironisierend, pathetisch oder subtil behandeln die Arbeiten vor allem den Konflikt der Ukraine mit Russland. Im Vorfeld gab es Vermutungen, dass dies in Ungarn nicht so gern gesehen wird, hat die jetzige und wahrscheinlich nächste Regierung doch gute Beziehungen zu Putin und weniger gute zur Ukraine - seit zwei Jahren schwelt ein Konflikt mit der ungarischen Minderheit im Westen des Landes. "

Besprochen wird die Ausstellung "Gerhard Marcks. Der Bildhauer denkt!" im Kölner Käthe Kollwitz-Museum (FR), James Turrells Installation Lichtraum Turrell Trauerkapelle auf dem Dorotheenstädtischer Friedhof (Berliner Zeitung),  die Ausstellung "Thomas Gainsborough. Die moderne Landschaft" in der Hamburger Kunsthalle (Weltkunst), die Ian-Anüll-Ausstellung "Untitled" im Kunstmuseum Solothurn (NZZ), die William-Kentridge-Ausstellung "O Sentimental Machine" im Frankfurter Liebieghaus (SZ) und die Schau "Ausstellen des Ausstellens. Von der Wunderkammer zur kuratorischen Situation" in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden (Welt).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Pakistan, Biennale, Islam, Ungarn