Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Anarchist zwischen den Klängen

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06.04.2018. Die taz würdigt das Proletarische im Werk des Musik-Dadaisten und Can-Musikers Holger Czukay. Auch Ryan Cooglers schwarzer Superheldenfilm "Black Panther" muss sich jetzt für kulturelle Aneignung rechtfertigen, berichtet die SZ. Im Logbuch Suhrkamp erzählt der Dramatiker Martin Heckmanns von seiner ersten Begegnung mit seiner künftigen Übersetzerin Shino Nagata. Die NZZ staunt über die Aktualität von Donizettis "Don Pasquale".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2018 finden Sie hier

Musik

Die klischeehafte Geschichte vom Krautrock als Wegbereiter des Technos kann man mit dem neuen Boxset "Cinema", das Holger Czukays Schaffen in einer Gesamtschau zu würdigen versucht, einmal getrost beiseite lassen, freut sich Lars Fleischmann in der taz: Vielmehr tritt der vor wenigen Monaten verstorbene Can-Musiker hier als eine Art verspielter Musik-Dadaist in den Vordergrund: "Hochtechnische Klangmontagen vereinen Avantgarde-Pop mit banalen Radioklängen des Alltags. Trotz aller Schöngeistigkeit bleibt das bis zuletzt Proletarische (im besten Sinne) auch immer Holger Czukays Musik inhärent. Dabei habe ihn, so Kurator Otremba, das Politische als Teil der Musik gar nicht so interessiert - vor allen Dingen das Sloganhafte sei nie sein Fall gewesen. Doch kann man auch eher beiläufig einen Anarchisten zwischen den Klängen erkennen. Czukays Ansatz, im Studio möglichst viel aufzunehmen, und sei es auch das noch so banalste Geräusch, enthebt die Musik ihres weihevollen Status." Zuvor hatte Daniel Martin-McCormick die Box auf Pitchfork hymnisch besprochen. zu hören gibt es auf dem Boxset unter anderem das Stück "Oh Lord, give us more money".



Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Christiane Wiesenfeldt von den Thüringer Bachwochen. Für die SZ porträtiert Michael Stallknecht das Piano-Duo Lucas und Arthur Jussen, das für die Deutsche Grammophon gerade eine von Katja Riemann gesprochene, von Roger Willemsen geschriebene Variante des "Karneval der Tiere" vertont hat.

Besprochen werden ein Konzert des City of Birmingham Orchestras unter Mirga Grazinyte-Tyla (Standard), das neue Album von The Caretaker (The Quietus), das Debütalbum der britischen Produzenten Rezzett (taz), ein Auftritt von Michael Fabiano (FR), ein neues Album von Elton John (Welt), eine Live-DVD von Van Morrison (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein Klavieralbum von Malakoff Kowalski (ZeitOnline).

Literatur

In der NZZ denkt Hans Magnus Enzensberger darüber nach, warum heute niemand mehr sterben will.

Besprochen werden unter anderem Adriano Sofris "Variazione di Kafka" (NZZ), Werke von und über H. P. Lovecraft (NZZ), Olga Martynovas Essayband "Über die Dummheit der Stunde" (NZZ), Curt Morecks "Ein Führer durch das lasterhafte Berlin. Das deutsche Babylon 1931" (taz) und Claire Keegans Erzählband "Liebe im hohen Gras" (SZ). Außerdem liegt der SZ heute eine Krimi-Beilage bei.
Stichwörter: Martynova, Olga

Film


Kulturelle Aneignung? Kostüme aus "Black Panther"

Ryan Cooglers Blockbuster "Black Panther" wurde allerorten für sein emanzipatorisches Potenzial gefeiert - doch mischen sich auch skeptische Untertöne ins Konzert, berichtet Jonathan Fischer in der SZ: Insbesondere in afrikanischen Ländern häufen sich Stimmen, die es für unangemessen halten, wenn sich Afro-Amerikaner - nicht bloß im Kino, sondern insbesondere auch in der Popkultur - mit ästhetischen Insignien afrikanischer Kulturen schmücken: "Kulturelle Aneignung! Oder: Die Ausbeutung afrikanischer Kultur durch afroamerikanische Ignoranten. ... Etwa die Szene in Warrior Falls, bei dem sich die verschiedenen Stämme Wakandas in wilden Kombinationen von Wachsstoff-Drucken, neonfarbigen Lippentellern und Kopfbedeckungen irgendwo zwischen südafrikanischen Zulu und malischen Dogon zeigen. Wer hat das eigentlich erlaubt?"

Nach "Black Panther" kommt mit dem Fantasyfilm "Das Zeiträtsel" jetzt der zweite Blockbuster aus afro-amerikanischer Hand in die Kinos - und Regisseurin Ava DuVernay ist überhaupt erst die dritte Frau, die einen Hollywoodfilm mit einem Budget über 100 Millionen Dollar drehen darf, erklärt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Kulturelle Diversifizierung ist für Disney in erster Linie natürlich ein Geschäftsmodell. In Zeiten, in denen immer weniger Menschen ins Kino gehen, müssen Zielgruppen aktiviert werden, die sich bislang in Hollywood nicht repräsentiert fühlten. Gleichzeitig erlaubt eine Lockerung der bislang ehernen Regeln in der Filmindustrie aber auch neue Stimmen, Erfahrungen, Kinogeschichten." Für den Perlentaucher bespricht Katrin Doerksen den mit Oprah Winfrey besetzten Film.

Weiteres: Für den Standard plaudert Dominik Kamalzadeh mit Regisseur John Carroll Lynch über dessen Film "Lucky" mit Harry Dean Stanton (unsere Kritik hier).

Besprochen werden Christian Petzolds "Transit" (FR, Perlentaucher, mehr dazu hier), Jonas Carpignanos "Pio" (SZ), Steven Spielbergs Blockbuster "Ready Player One" (FR, Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Mike Whites Komödie "Im Zweifel glücklich" mit Ben Stiller, die für  Daniel Kothenschulte irgendwo zwischen Woody Allen und Frank Capra steht (FR), "Jeannette", Bruno Dumonts Metal-Musical-Variante der Geschichte von Jean D'Arc (Standard) und Yasemin und Nesrin Samderelis Dokumentarfilm "Die Nacht der Nächte" (Tagesspiegel).
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Kunst

Steht uns ein "Bildersturm der Beleidigten" bevor? Christian Saehrendt befürchtet es in der NZZ mit Blick auf die Fälle, in denen lautstarke Einzelne, die oft genug für niemanden außer sich selbst sprechen, ein Deutungsmonopol behaupten konnten: Die Entfernung von Gomringers "Avenidas"-Gedicht wurde von einer sehr kleinen Gruppe initiiert, erinnert er. Im Fall von Dana Schutz' Gemälde 'Open Casket' "war es eine Einzelperson, die britische Künstlerin und Kunstjournalistin Hannah Black, die die Debatte ins Rollen brachte; ihr offener Brief wurde von nur gerade 34 Unterzeichnern unterstützt. Militanz und Medienpräsenz machen aus Zwergen Riesen - und liefern damit Muster für Nachahmer. Museen, Universitäten und Kuratoren täten gut daran, hier rote Linien zu ziehen und Forderungen nach der Entfernung oder Zerstörung von Kunstwerken prinzipiell abzulehnen. Dennoch sollten diese Angriffe zum Anlass genommen werden, den universalistischen Bildungsauftrag sowie den künstlerischen Kanon selbstkritisch zu hinterfragen."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung stellt Susanne Lenz Hamze Bytyçi vor, der am Berliner Maxim Gorki Theater die erste Roma-Biennale kuratiert hat, die am Wochenende eröffnet. Im Tagesspiegel schreibt Ina Hildebrandt über die Biennale.

Besprochen werden eine Ausstellung des Malers Anton Romako im Wiener Leopold-Museum (Standard), die Ausstellung "Power to the People. Politische Kunst jetzt" in der Frankfurter Schirn Kunsthalle (Tagesspiegel), eine Ausstellung des Ethnologen und Filmemachers Michael Oppitz in der Berliner Galerie Buchholz (Tagesspiegel), eine Ausstellung des Irak-Veteranen und Malers Marcus Jansen in der Zitadelle Spandau (Tagesspiegel), die Ausstellung "Gediegener Spott - Bilder aus Krähwinkel" im LA8 in Baden-Baden (FAZ), eine Ausstellung des südafrikanischen Fotografen David Goldblatt im Centre Pompidou (SZ).

Bühne

Im Logbuch Suhrkamp erzählt der Dramatiker Martin Heckmanns von seiner Begegnung mit Shino Nagata, einer japanischen Schauspielerin und Übersetzerin, die ihm eines Tages in einer Mail erklärte, sie wolle seine Dramen ins Japanische übersetzen. "Ich antwortete vorsichtig und meine Antwort fand keinen Ton. Ein halbes Jahr später kam Shino zu Besuch nach Deutschland. Vor unserem Treffen ging ich zum Friseur und rasierte mich. Ich räumte die Wohnung auf und bügelte mein einziges weißes Hemd, das mir zu eng geworden war. Mein schwerer Körper fiel mir auf, meine Unordnung, meine Nachlässigkeit, wie undeutlich mir die Traditionen sind, nach denen ich mich einrichte oder von denen ich mich absetze (die letzteren sind deutlicher). Mir war nicht mehr klar, wie ich fremde Frauen begrüßte, der Handschlag kam mir grob vor, die Umarmung übergriffig. Als ich die Tür öffnete, stand eine sehr zarte, kleine, junge Frau vor mir, die sich lächelnd verbeugte."


Donizettis "Don Pasquale" an der Mailänder Scala. Foto: © Brescia e Armisano, Teatro alla Scala

In der NZZ stellt Marco Frei gleichzeitig überrascht und erfreut fest, dass die beiden Inszenierungen von Gaetano Donizettis "Don Pasquale", die derzeit in Stuttgart und an der Mailänder Scala zu sehen sind, aktuelle Sozialkritik bieten. Besonders unter dem Dirigenten Chailly in Mailand wird die Bissigkeit Donizettis herrlich aktualisiert, so Frei. Regisseur Davide Livermore hat die Handlung in die 50er Jahre verlegt: "In dieser Lesart erinnert Don Pasquale an jenen Ministerpräsidenten Italiens, der sich gern als Cavaliere gerierte und schlüpfrige Bunga-Bunga-Partys feierte. In dieser dekadenten Welt werden Frauen zu Objekten. Das dahinterstehende Frauenbild ist bestens bekannt, nicht zuletzt aus den bizarren Fernsehballetten, die bis heute in Italien ausgestrahlt werden."

Besprochen werden außerdem ein "Tannhäuser" in Görlitz (nmz) und Mariko Harigais Band "Ortlose Stimmen" (nachtkritik).