Efeu - Die Kulturrundschau

Von wem, für wen und wozu

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04.04.2018. Der Standard erlebt im Wiener KHM, wie das warme Licht Rembrandts bei Rothko nachhallt. Die SZ lernt im Palazzo Reale in Mailand, wie das Spiel mit scheinbaren Identitäten in den siebziger Jahren italienische Mode wurde. Die NZZ kommt in der Entschlüsselung des Voynich-Manuskripts einen kleinen Schritt voran. Von Eslam El Sha'ary lässt sie sich mit Tars und Rubabs den Körper massieren. Die Zeit stürzt sich in Salzburgs entschlossen tranige HipHop-Szene.

Kunst


Rembrandt van Rijn, Großes Selbstporträt, 1652. © KHM-Museumsverband. Mark Rothko, Untitled, 1959/60. © The Collections of Christopher Rothko.

Wiens Kunsthistorisches Museum stellt in seiner Ausstellung  "The Shape of Time" über die Epochengrenzen hinweg einzelne Künstler zu Paaren zusammen, Tizian mit Picasso zum Beispiel oder Manet mit Velázquez. Das funktioniert hervorragend, meint Anne Katrin Fessler im Standard: "Finster sind die Farbnebel und doch erfüllt von warmem Licht, das von einer unsichtbaren Quelle in das Bild zu strömen scheint. Dieses innere Leuchten, diese Dramatisierung mit Licht, sie beschreibt ein ungewöhnlich kleines Gemälde von Mark Rothko - aber ebenso auch das 300 Jahre ältere Selbstporträt von Rembrandt gleich daneben. Rothkos Granatrot, sein Braun und Preußischgrün, sie sind wie ein stummes Echo jener Farben, die der Kollege im 17. Jahrhundert verwendet hat, ein Nachhall wie ein unterirdisches, Schaudern hervorrufendes Grollen. Zwei zurückhaltende Bilder, große Wirkung."

Besprochen werden die Pariser Retrospektive der amerikanischen Künstlerin Sheila Hicks (SZ), das von Misal Adnan Yıldız kuratierte Projekt "Mutterzunge", das die verschiedenen Stränge der türkischen Kunst-Community in Berlin zusammenführt (taz) und die Ausstellung "Black und White" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (die Iris Brahms in der FAZ zeigte, wie reizvoll der Verzicht auf Farbigkeit in der Malerei sein kann).
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Design


Italiana - L'Italia vista dalla moda 1971-2001. Palazzo Reale. Foto: Oliviero Toscani - editorial Unilook in L'Uomo Vogue Dec 1971-Jan 1972. Courtesy Conde Nast Italia Archive

Das Palazzo Reale in Mailand nimmt mit der Ausstellung "Italiana" die italienische Mode in jener Phase in den Blick, in der sie sich einen internationalen Namen machte. Thomas Steinfeld hat die Ausstellung für die SZ besucht und dabei beobachtet, dass sich in deren Perspektive "die großen Befreiungsbewegungen der späten Sechzigerjahre - die Befreiung der Arbeiter und die Befreiung der Körper, die Befreiung zur Kultur und die Befreiung zum Geschlecht - allesamt als Bekenntnisse zur Mode darstellen. ... Besonders folgenreich für die Entwicklung der Mode, daran lässt die Schau keinen Zweifel, waren vor allem die androgynen Ideale der Siebziger- und Achtzigerjahre, die schmalen Hüften und breiten Schultern von Männern wie von Frauen, die überhaupt erst die Grundlage bildeten für das Spiel mit scheinbaren Identitäten, das seitdem als Mode gilt."
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Bühne

In der Welt wärmt sich Matthias Heine an den neuesten Gerüchten und Spekulationen über die Volksbühne, in der Chris Dercon angeblich herumgeistere wie in einem Totenhaus: "Wenn einer, dessen nahezu einzige Qualifikation sein polyglotter Charme ist, diesen verliert - was bleibt ihm dann?" Reinhard Kager berichtet in der FAZ vom Osterfestival Tirol.

Besprochen werden Leos Janáceks Dostojewski-Oper "Aus einem Totenhaus" in Frankfurt (FR), Jossi Wielers Inszenierung von Donizettis Belcanto-Oper "Don Pasquale" in Stuttgart (SZ) und Jo Fabians Welttheater "Terra In Cognita" am Staatstheater Cottbus (Tagesspiegel).
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Archiv: Bühne
Stichwörter: Chris Dercon, Leos Janacek

Literatur

In der NZZ relativiert Felix Philipp Ingold ein wenig die Sensationsmeldungen, denen zufolge das spätmittelalterliche Voynich-Manuskript mittels künstlicher Intelligenz entschlüsselt werden konnte. Von wegen! Die Computerprogramme haben herausgefunden, dass die unentzifferbare Sprache entweder auf einer semitischen oder einer eigens geschaffenen Kunstsprache basiere: "Allein dies ist aus heutiger Sicht als bemerkenswerte Leistung mittelalterlicher Textprogrammierung und -verschlüsselung zu würdigen. Die beiden Vermutungen sind computerlinguistisch aus der vergleichenden Analyse von 380 natürlichen Sprachen sowie von Esperanto mit 97-prozentiger Sicherheit gewonnen worden, doch die hohe formale Präzision findet auf der Bedeutungsebene keinerlei Entsprechung: Nach wie vor lässt sich weder feststellen noch erschliessen, von wem, für wen und wozu denn überhaupt das Werk verfertigt wurde."

Besprochen werden unter anderem Friedrich Christian Delius' "Die Zukunft der Schönheit" (Skug), Wilhelm Genazinos "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze" (Berliner Zeitung), Botho Strauß' "Der Fortführer" (SZ), Fabien Toulmés Comic "Die zwei Leben von Balduin" (taz) und Jurek Beckers Postkartenband "Am Strand von Bochum ist allerhand los" (FAZ).
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Film


Zurück in die Zukunft: Steven Spielbergs "Ready Player One" sehnt sich im Jahr 2045 nach den 80ern.

In den achtziger Jahren hat Steven Spielberg Textur und Motivik der Blockbuster-Popkultur maßgeblich geprägt - in seinem neuen Science-Fiction-Epos "Ready Player One" dient ihm dieser Fundus nun als Material fürs Recycling, dem er noch ordentlich Virtual-Reality- und japanische Anime-Ästhetik unterhebt: Fertig ist die Achtziger-Retro-Sause aus dem Rechenzentrum. Einigermaßen fade findet das SZ-Kritiker David Steinitz für lange Zeit. Zeit-Kritiker Lars Weisbrod sieht sich in dieser riesigen Eighties-Show "geradezu pornografischer Nostalgie" gegenüber. Doch warum interessiert sich die Retro-Kultur eigentlich so sehr für die Achtziger? "Auf den ratternden Brotkastencomputern, auf den Actionfiguren und Comicbänden dieser Zeit hat sich zum letzten Mal eine Patina aus Wohlstand und Geborgenheit bilden können, die den blanken, trostlosen Spielzeugen der nächsten Generationen fehlt." In der FAZ begeistert sich Dietmar Dath vor allem für die Massenszenen, die hier klüger seien als alle vergleichbaren Szenen der letzten Jahre: "Die Avatare zücken Gewehre, aber die Aufständischen haben nichts in der Hand als ihre drahtlosen Ketten."

Weitere Artikel: In der Welt stellt Leonie Bartsch die norwegische Serie "Skam" vor, die das Internet und Social Media als krossmediale Erzählplattform nutzt.

Besprochen werden Christian Petzolds "Transit" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier) und Jonas Carpignanos halbdokumentarischer Film "Pio" (taz).
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Musik

Rund umd den Ferdinand-Hanusch-Platz in Salzburg hat sich in den vergangenen Jahren eine der interessanteren deutschsprachigen Hip-Hop-Szenen gebildet, schreibt Daniel Gerhardt in der Zeit. Wobei Protagonisten wie Crack Ignaz und Yung Hurn in ihrer ausgestellten Tranigkeit nach Ansicht der Macho-Blockwarte im deutschen Hip-Hop das Genre verraten haben. Gerhardt lässt das nicht gelten: Young Hurns Texte "sind meistens auf schlaue Weise dumm und entlarven damit die Sprachverliebtheit vieler deutschsprachiger Rapper als angestrengtes Strebertum. Der Rausch ist sein Leitmotiv, und natürlich geht es dabei viel um Alk und Koks. ... Wo es bei Bushido, Haftbefehl und ihren Handtuchschwingern jedoch um die Aufrechterhaltung von Fassaden und die Demonstration von Stärke geht, erlaubt Yung Hurn tiefere Einblicke. Ihm steht das Schwächliche und Armselige hinter jedem Absturz ins milchbärtige Gesicht geschrieben."

Susanne Petrin lauscht in der NZZ verzückt den Klängen, die der Ägypter Eslam El Sha'ary seinen 32 Instrumenten aus über zehn Ländern entlocken kann. Unter anderem spielt er viele antike Raritäten wie afghanische Rubabs und persische Tars, staunt sie. Um seine Musik auch westlichen Ohren näherzubringen, hat er jetzt sein Vorbild Nik Bärtsch mit ins Boot geholt, so Petrin: "Die klassische Musik des Westens setzt auf zwölf Halbtöne pro Oktave, in der östlichen Musik gerät das Tonsystem viel kleinteiliger. 'Daraus ergeben sich viel mehr Stimmungen, viel mehr Nuancen', erklärt Eslam El Sha'ary. 'Musik ist wie eine Massage - und jeder Ton berührt im Körper andere Punkte.'... Doch wer nicht mit Vierteltönen aufgewachsen sei, habe normalerweise Mühe, diese anders denn als verstimmte Töne zu erfahren."

Weiteres: In der FR schreibt Stephan Kaufmann über den gestrigen Börsengang von Spotify. Manuel Brug plaudert für die Welt mit Alan Gilbert, dem künftigen Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Für die FAZ hat Reinhard Kager das Osterfestival Tirol besucht, das in diesem Jahr unter dem Motto "über.leben" sein 30-jähriges Bestehen feierte. Für The Quietus blättert sich Jeremy Allen anlässlich Serge Gainsbourgs (gestrigem) 90. Geburtstag durch dessen Musikvideos, darunter dieses Video zum großartigen Mini-Album "L'Histoire de Melody Nelson":



Besprochen werden ein Konzert des Trios Peter Brötzmann, Heather Leigh und Keiji Haino (Skug), die Compilation "Uneven Paths: Deviant Pop From Europe 1980-1991" (Pitchfork), Michael Schindhelms Biografie über den Musiker und Maler Walter Spies (Tagesspiegel), ein Auftritt der Editors (Tagesspiegel) und neue Popalben, darunter das neue Album von Kylie Minogue, das SZ-Kritiker Jens-Christian Rabe für "noch schlapper" hält als die "erste, schon ziemlich spektakulär schlappe Single vermuten ließ".
Archiv: Musik