Efeu - Die Kulturrundschau

Zahnräder des Bedeutens

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.03.2018. Da haben CSU und SZ ja ganze Arbeit geleistet, ärgert sich der Tagesspiegel: Matthias Lilienthal wird seinen Vertrag bei den Münchner Kammerspielen nicht verlängern. Leider wird er nicht ein zweites Mal die Volksbühne retten können, bedauert die Berliner Zeitung. Die taz fragt sich, was für ein Bild von Drogen und Clubkultur der Spiegel verbreitet. Die SZ freut sich über Hamburgs Osterweiterung.  Und in der FR erkennt Gilberto Gil im Rhythmus den Ursprung von allem.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2018 finden Sie hier

Architektur


Elbtower, Hamburg 2017. Bild: David Chipperfield Architects.

Till Briegleb sieht in der SZ der Hamburger Osterweiterung eigentlich erwartungsfreudig entgegen: David Chipperfield Architekten werden einen 235 Meter hohen Elbtower an den Elbbrücken errichten, am Billebogen in Rothenburgsort: "Dort begrüßen einen bisher Stelzendächer von Stückguthallen, bröckelnde Hafenbecken mit Birkenbewuchs, verlorene Backsteingebäude und eine Menge nostalgisch wirkender Gewerbepragmatismus - vom Reifenstapel bis zum pinkelnden Brummifahrer. Dieser Verfallscharme einer aussterbenden Hafenkultur aus der Zeit, als echte Männer noch echte Säcke in ungeheizte Speicher schleppten, wird in den nächsten Jahren verschwinden." Aber er ahnt auch: "Den distinguierten Hamburger, der so gerne Schirmlampen in die Fenster seiner Altbauwohnung stellt, mag es vor diesem Megazeichen und seinen Implikationen schaudern."
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Bühne

Matthias Lilienthal wird seinen Vertrag als Intendant der Münchner Kammerspiele nicht über 2020 hinaus verlängern, bedauert Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "So will es die CSU im Stadtrat, so wollte es die Süddeutsche Zeitung und ein Teil des Kammerspiele-Publikums. Ihnen ist sein Programm zu dezidiert politisch, zu performativ, zu viel freie Szene - zu wenig traditionelle Schauspielkunst, wie sie allerdings auch anderswo kaum mehr zu finden ist. Fünf Jahre Lilienthal an den Kammerspielen, ein ausgemachter Berliner in München, das konnte nicht glattgehen. Lilienthal hat andere Talente als Fingerspitzengefühl. Im Grunde hat er offen durchgezogen, was andere verdeckt machen - den Wandel des deutschen Stadttheaters zur Diskursplattform."

Das sieht Christine Dössel in der SZ ganz anders. Nicht München sei stehen geblieben, sondern Lilienthal: "Das Münchner Publikum ist traditionell linksliberal und so neugierig, offen und theaterbegeistert wie kaum ein anderes in Deutschland. Es ist allerdings insofern konservativ, als es Schauspieler liebt und damit auch Schauspielertheater, Schauspielkunst. Im postdramatischen, soziopädagogischen Performance- und Politkurs der Kammerspiele ist dafür wenig Platz."

Auch SZ-Kritiker Egbert Tholl wird Lilienthal keine Träne nachweinen: "Es war im Ergebnis halt einfach nicht gut genug." Seine Kollegin Christiane Lutz dagegen kann sich gut vorstellen, warum es mit dem Berliner Theatermacher in München nicht klappen konnte: "Wer sich nur von Sprechtheater im Goldrahmen ernähren will, der wird bei Lilienthal nicht satt." Für Ulrich Seidler steht in der Berliner Zeitung fest, dass München Lilienthal einfach nicht verdient hat. Aber leider mutmaßt er auch über eine Rückkehr nach Berlin: "Dass er die Volksbühne ein zweites Mal retten wird, ist undenkbar."

Besprochen werden Christoph Marthalers exzentrisch-pataphysischer Abend "Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch" am Hamburger Schauspielhaus (In der FAZ ist Simon Strauß hingerissen von Marthalers faszinierenden Traumwelten und ihrer "ruhigen Rätselhaftigkeit", taz), Erich Wolfgang Korngolds Oper "Das Wunder der Heliane" an der Deutschen Oper Berlin (taz), Luk Percevals "Rosa oder Die barmherzige Erde"  am Wiener Burgtheater (Welt), Derek Andersons Inszenierung von Robert Askins Broadway-Erfolg "Hand to God" im English Theatre Frankfurt (FR) und Peter Konwitschnys Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper "Soldaten" am Staatstheater Nürnberg (FAZ).
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Literatur

Der Schweizer Schriftsteller und Jazz-Enthusiast Jürg Laederach ist tot. Es gab niemanden sonst, "der so wie Laederach die Grammatik des Modern Jazz beherrschte und dessen musikalische Verfahren in Prosa zu übersetzen verstand", würdigt Ronald Pohl den Verstorbenen im Standard: "Seine weit ausschwingenden Sätze besaßen Drive." Bei der Kritik galt Laederach als "ein auf Präzision versessener Sprachvirtuose", hält Harry Nutt in der FR fest. In seinen Werken "drehten sich Wörter um andere Wörter", erklärt Paul Jandl in der NZZ: "Zahnräder des Bedeutens griffen in Zahnräder des Meinens, der Wahn in die Wirklichkeit. Es war ein Surren und Knirschen, und wenn man meinte, dass die Sache nun endgültig in die Luft fliegt, dann hat Laederach schreibend klargemacht, dass das gar nicht geht." Weitere Nachrufe in Tagesspiegel und SZ.

Weiteres: Die Schriftstellerin (und Fußpflegerin) Katja Oskamp setzt ihre Porträtreihe im Freitext-Blog auf ZeitOnline über Menschen aus Marzahn mit einem Bericht von ihrer Begegnung mit Frau Blumeier, einem Ost-Berliner Original mit Schnauze, fort. Besprochen werden Garth Greenwells "Was zu dir gehört" (SZ), Anthony McCartens "Jack" (FR) und Neuübersetzungen der Briefe Agnès Rouziers (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Stichwörter: Laederach, Jürg

Kunst

In der Presse empfiehlt Almuth Spiegler die Schau zur Wiener Moderne "Wagner, Hoffmann, Loos" im Hofmobiliendepot. Die Berliner Zeitung meldet, dass das Berliner Bauhaus-Museum für fünf Wochen ins Open House lädt, bevor es für fünf Jahre zur Sanierung geschlossen wird.
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Film


Josef Bierbichler in "Zwei Herren im Anzug"

Mit "Zwei Herren im Anzug" hat Josef Bierbichler seinen Roman "Mittelreich" eigenhändig verfilmt - oder zumindest einige Motive daraus: "Als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller (in gleich zwei Patriarchenrollen) hält er alle Fäden in der Hand", schreibt Christine Dössel in der SZ, nach diesem Film, der die Untiefen bayerischer Heimatgeschichte durchleuchtet. Und Bierbichlchers Hand "ist eine Pranke, die kräftig zulangt und derb-realistische Szenen hinhaut - wie die Hausschlachtung einer Sau samt der damit verbundenen Scheiße -, die aber auch vor Expressionismus und Opernpathos nicht zurückschreckt."

Die Welt ändert sich - auch in Saudiarabien, erzählen Dania Nassief und Danya Alhamrani im Interview mit dem Tagesspiegel. Die beiden leiten eine Filmproduktionsfirma, für die sie zuerst keine Genehmigung bekamen: "Ich habe dann einen Termin im Ministerbüro gemacht, ich wollte einfach den Grund wissen. Der Minister hatte folgendes Problem: Wenn wir auf irgendeine Art gegen die Regeln verstoßen würden, wie würde er uns belangen können? Als Frauen? 'Wie kann ich Sie denn ins Gefängnis bringen, Sie verklagen?', fragte er. Ich habe ihm gesagt, ich bin eine studierte Frau, Sie können mich verklagen, wann immer Sie wollen. Ich bin schließlich verantwortlich für meine eigenen Handlungen. 'Wirklich?', fragte er, 'also wenn das so ist, okay.' Dann gab er uns eine Ausnahmegenehmigung."

Weitere Artikel: Dominik Kamalzadeh spricht im Standard mit Regisseur Craig Gillespie über dessen von Andreas Busche im Tagesspiegel besprochenes Eiskunstlauf-Drama "I, Tonya". Carolin Weidner (taz) und Silvia Hallensleben (Tagesspiegel) resümieren die Diagonale in Graz.
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Musik

Laura Ewert ärgert sich in der taz über den Spiegel, der in seiner aktuellen Ausgabe den Fall einer Drogentoten im Berghain für eine ihrer Ansicht nach reißerische Reportage aufbauscht: "Ein Mensch stirbt anscheinend an einer Überdosis. Das ist in den wenigsten Fällen eine Geschichte für ein Nachrichtenmagazin. ... Die Geschichte ist also nicht die Frau, sondern der Ort. Das Berghain muss herhalten, genauso wie der tragische Tod einer Frau, um die Empörungssau durchs Dorf zu treiben: In Clubs werden Drogen konsumiert und keiner tut etwas! So weit, so richtig. Was genau getan werden soll, bleibt aber leider unklar. Die meisten Berliner Clubs kontrollieren ihre Gäste auf Drogen und nehmen sie ihnen ab." Bei Übermedien greift Boris Rosenkranz die Geschichte kritisch auf. Bei Vice behauptet Thomas Vorreyer, dass der Spiegel Details der Geschichte unterschlage.

Weitere Artikel: Max Dax hat sich für die FR mit Tropicalismo-Meister Gilberto Gil getroffen, der über seine Zeit als brasilianischer Kulturminister, seine Jahre im Londoner Exil und die Bedeutung von Samba für die brasilianische Kultur spricht, dess hypnotische Trommelrhythmen aus der religiösen Musik Afrikas stammen: "Es handelt sich um einen tief in der Gesellschaft verankerten Lifestyle, nicht bloß um einen Rhythmus. Und dennoch ist der Rhythmus der Ursprung von allem. Hören Sie genau hin, und Sie werden feststellen, dass jede große Stadt, jede Region ihre eigene Spielart des Sambas pflegt, indem sie den Rhythmus individuell variiert, mit einem eigenen Stempel versieht."

Begeistert berichtet Marco Frei in der NZZ von der Münchner musica viva, wo Werke von Gérard Grisey und Georges Aperghis aufgeführt wurden. Julian Weber war für die taz beim Festival Sónar in Reykjavík, wo ihn vor allem der Auftritt der britischen Musikerin Klein überzeugen konnte. Die Schweizer Popszene diskutiert auf mehreren Festivals über die Bedeutung der Frauen im Betrieb, berichtet Fabienne Schmuki in der NZZ. Hans-Klaus Jungheinrich schreibt in der FR über Bernd Alois Zimmermann, der gestern 100 Jahre alt geworden wäre. Karl Fluch erinnert im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard an das Opal-Album "Happy Nightmare Baby", das im Jahr 1987 ein echter Querschläger auf dem ansonsten auf kantigen Hardcore spezialisierten Label SST gewesen ist. Eine Hörprobe:



Besprochen werden eine sechs CDs umfassende Box zum Schaffen des im vergangenen Jahr gestorbenen Can-Bassisten Holger Czukay ("Zeitlos irre. Groovig. Schön", freut sich Christian Schachinger im Standard), das Debüt von Superorganism, die den Netzutopie-Glaube der späten 90er retrofuturistisch aufgreifen (Welt), ein Auftritt von Brent Faiyaz (Tagesspiegel) und die Autobiografie von Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson (ZeitOnline).
Archiv: Musik