Efeu - Die Kulturrundschau

Sicher liegt das an seinen Nazieltern

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22.02.2018. Die FAZ bewundert in der Berliner Ausstellung "Nautilus" die extreme Mathematik der Natur. Die Zeit begegnet in Frankfurt dem Mash-up-Künstler Rubens und dem Humanisten Basquiat. Der Standard sieht eine Verquickung von Interessen, wenn das Mumok dem Berliner Sammler Alexander Schröder eine Ausstellung widmet. Und in der Berliner Zeitung hält Regisseur Ersan Mondtag den Machtmissbrauch am Theater auch für eine Generationenfrage.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2018 finden Sie hier

Kunst


Imogen Cunningham: Five Shells, um 1930. Imogen Cunningham Trust


FAZ
-Kritiker Niklas Maak lernt in der faszinierenden Ausstellung "Nautilus" mit Fotografien von Schnecken, Muscheln und andere Mollusken in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin die "extreme Mathematik der Natur" zu bewundern, die streng nach dem Goldenen Schnitt wachsen lasse. Oder auch in unerklärlichen Mustern: "Gerhard Kerffs 1960, zu Beginn des 'moon age', aufgenommene 'Murex tenispina' erinnert an futuristische Mars-Häuser oder außerirdische Intelligenzen; wenn man sie sieht, beginnt man zu überlegen, ob man das, was man im All vermutet, besser in der Tiefsee suchen sollte. Und Andreas Feininger zeigt 1977 nicht die industriell und ebenmäßig wirkende Helix-Spirale, sondern den Torso, die zerbrochene, von den Wellen zwischen Steinen herumgewirbelte, in langen Sonnentagen ausgeblichene, zerbröckelnde Rest-Helix einer Seeschnecke: Sie sieht auf seinen Aufnahmen aus wie eine abstrakte Skulptur, eine zur Unkenntlichkeit abgeschliffene Antike."

Das Wiener Mumok bereitet mit der Ausstellung "Optik Schröder II" dem Sammler Alexander Schröder einen großen Bahnhof. Schröder betreibt in Berlin die Galerie Neu und den Ausstellungsraum MD72 und ist Gesellschafter der Art Berlin Contemporary, des Gallery Weekend und der Kunstmesse ABC, weswegen Anne Katrin Fessler im Standard hier eindeutig Interessen divergieren sieht: "Ein Mann vom Fach, könnte man sich auch über Professionalität und Expertise des Sammlers freuen und abwiegeln, die kommerzielle Involviertheit in den Kunstmarkt sei nicht weiter von Belang. Jedoch, so klar ist die Optik der 'Optik Schröder II' nicht. Denn von 42 präsentierten Positionen (darunter Isa Genzken, Manfred Pernice, Martha Rosler oder Danh Vo) sind 21 - also 50 Prozent - von Künstlerinnen und Künstlern, die Schröder auch als Galerist vertritt. Man beachte: Eine museale Ausstellung adelt Werke, lässt Marktwerte von Künstlern in der Regel steigen."

Unbedingt nach Frankfurt fahren. Durch frappierende Parallelen in der Rubens-Schau im Städel lernt Zeit-Kritiker Jörg Scheller, dass der gleichzeitig in der Schirn ausgestellte Basquiat ein Humanist und Universalgelehrter war und durch den umgekehrten Vergleich, dass Rubens auch schon ein Mash-Up-Künster und Prädigitaler war: "Auch Selbstaussagen Basquiats stützen diese Sicht. Im Jahr 1985 wurde er gefragt, wo er Kunst am liebsten begegne. In Museen, sagte er, der als Sprayer auf der Straße begonnen hatte. Ob er sich selbst als Teil der musealen Kunsttradition sehe, wollten die Interviewer wissen. 'Ja, durchaus', war die Antwort. Kulturtechniken wie Sampeln, Remixen, Appropriieren, Synthetisieren, Zitieren, Kooperieren verbinden Basquiat und Rubens."

Bühne

Im Interview mit Eva Biringer in der Berliner Zeitung hält Regisseur Ersan Mondtag Sexismus und Machtmissbrauch an den Theatern auch für eine Generationenfrage: "Ich will nicht über Kollegen herziehen, aber Peymann hatte auf jeden Fall Probleme. Da ging es viel um Macht und Erniedrigung. Sicher liegt das an seinen Nazieltern. Im Prinzip waren die 68er ähnliche Tyrannen wie ihre Eltern. Nehmen Sie Fassbinder - der hat seine Schauspieler regelrecht gequält; unter menschlichen Gesichtspunkten müsste man dessen Filme verbieten." Und Frank Castorf? "Hat beim Inszenieren einen strengen Ton, ist aber auch ein weicher Mann. Er weiß, was er will, seine Autorität ist künstlerisch motiviert. Außerdem arbeitet er mit den Souveränsten überhaupt: Eine wie Sophie Rois lässt sich nicht runtermachen." (Na, dann müsste sich ja mit dem Abgang der alten Garde das Problem erledigt haben.)

In Oliver Reeses Inszenierung "Panikherz" erscheint der taz-Kritikerin Barbara Behrendt Benjamin von Stuckrad-Barre als genau die "talentierte, durchgeknallte, egomane Koksnase, für die ihn das Showbiz immer schon gehalten hat".

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Horváths Stück "Zur schönen Aussicht" in Zürich (SZ), Roger Vontobels Inszenierung des "Kaufmanns von Venedig" mit Burghart Klaußner in Düsseldorf (SZ), David Böschs Inszenierung der "Glasmenagerie" am Wiener Akademietheater (FAZ).

Film

In der ZeitOnline-Reihe "10 nach 8" plädiert Marlen Hobrack mit Nachdruck dafür, dass sich das Kino mehr mit dem Erwachen weiblicher Sexualität beschäftigten sollte. Denn: "Von links wie von rechts, von Feministinnen wie von Ultrakonservativen wird eine Sexualisierung beklagt. Dominant ist besonders die Vorstellung von sexuell unschuldigen Kindern, die durch Bilder oder gar Aufklärungsmaterial zu verfrühten sexuellen Handlungen verleitet werden oder die Fantasien von Erwachsenen erregen. ... Wenn wir den Gedanken zuließen, das Mädchen erregt werden und geil sein können, vor allem aber wenn eigenständige Bilder weibliche, frühadoleszente Lust zu formalisieren wüssten, könnten Mädchen viel selbstbewusster ihre eigene - anstelle der von einem männlich geprägten Blick oktroyierten - Sexualität entdecken."


Meryl Streep in Steven Spielbergs "Die Verlegerin"

Bevor die Washington Post im Zuge von Watergate Nixon zu Fall brachte, hatte sich das Blatt bereits mit der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere mit dem Präsidenten angelegt: Eine wichtige Episode aus der Geschichte im Kampf um die Pressefreiheit, die Steven Spielberg nun mit "Die Verlegerin" wieder in Erinnerung ruft. Meryl Streep spielt darin die Titelfigur, Katharine Graham, die damalige Eigentümerin des Blattes, die sich mit der Entscheidung konfrontiert sieht, ob sie brisanten Materialien veröffentlichen (und damit einen Aktiengang des Blattes womöglich gefährden) wird oder nicht. Christoph Schröder von ZeitOnline sah "einen Film von großer innerer Spannung, der sich erfreulich viel Zeit nimmt und jeden Anflug von nationalem Pathos mit Ironie konterkariert. ... Spielberg hat den Film auf eine doppelte Charakterstudie konzentriert, anstatt ihn zu einem verlogenen Epos aufzublasen." Spielbergs "Huldigung längst vergangener Presse-Zeiten" versteht Thomas Klein in der Berliner Zeitung als Plädoyer für eine kritische Presse gerade auch für die Trump-Ära. Jedoch sei der Film zwar "handwerklich geschickt, aber doch auch sehr gewollt." In der Welt liefert Alan Posener historische Hintergründe und kommt schließlich zu dem Schluss, dass der Film "am Ende weniger journalistischer Heldenepos und mehr feministischer Entwicklungsroman" sei.

Für die NZZ bespricht Patrick Straumann Roman Polanskis "Nach einer wahren Geschichte", der bei uns erst im Mai in die Kinos kommt: Den Kritiker erstaunt es, "wie Polanski bei aller Konstanz gegenüber seinen Motiven und Obsessionen durch minimale Variationen stets wieder neue Themen erschließen kann. Die Frage, die hier den Abgrund aufreißt, betrifft das Metier der Hauptfigur: Wer schreibt, wenn das Ich schreibt?" Weitere Besprechungen bei critic.de und Kinozeit.

Die Berlinale neigt sich unterdessen spürbar ihrem Ende zu: Gestern sahen die Kritiker unter anderem neue Filme von Philip Gröning und Mani Haghighi - alles dazu und vieles mehr: Im Pressespiegel in unserem Berlinale-Blog.

Besprochen werden Craig Gillespies Sportlerinnendrama "I, Tonya" (NZZ) und Michael David Pates in den Wäldern vor den Toren Berlins gedrehter Horrorfilm "Heilstätten" (Standard).
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Literatur

Martin Zähringer erkundigt sich für die NZZ, ob für den Druck der zahlreichen, derzeit sehr publikumswirksamen Wald- und Wiesenbüchern nicht gehörig viel Wald dran glauben muss. Sein Ergebnis: "Das Nischenkonzept 'Green Content - Green Publishing' des einstmals unauffälligen Ökologieverlages Oekom ist im Mainstream angekommen, und der Raubbau an den Wäldern könnte einer Triebkraft verlustig gehen, der wachsenden Nachfrage nach Papier. Allerdings beginnt sich ein neues Druckverfahren durchzusetzen, das die guten Flugfortschritte des Blauen Engels hemmen könnte, denn beim sogenannten UV-Druck lässt sich die Farbe nachträglich nicht mehr ganz aus den Fasern lösen; das bedeutet schlechte Zeiten für hochwertiges Drucken mit Recyclingpapieren."

Außerdem: Das Logbuch Suhrkamp bringt den dritten Teil von Martin Prinz' Reisebericht "Ins Innere von Österreich". Online nachgereicht schreibt der Künstler Julius von Bismarck in der Welt über die Bücher, die ihn beeinflusst haben.

Besprochen werden unter anderem J. M. Coetzee: Die Schulzeit Jesu (Tagesspiegel), Garry Dishers Krimi "Leiser Tod" (FR), Jürgen Beckers Journalgedicht "Graugänse über Toronto" (NZZ), Charles Fosters "Der Geschmack von Laub und Erde. Wie ich versuchte, als Tier zu leben" (taz), Till Raethers Krimi "Neunauge" (Tagesspiegel), eine Neuauflauge von Ovids "Liebeskunst" (Tagesspiegel), Hans Joachim Schädlichs "Felix und Felka" (SZ) und Esther Kinskys "Hain" (FAZ).

Musik

Ziemlich schauderhaft findet SZ-Kritiker Jens-Christian Rabe die Geste des Rappers Drake, der für sein neues Video scheinbar haufenweise Geld verschenkt: Als Multimillionär vor Armen in der Pose des Gönners mit Geld zu wedeln und dies auch noch mit "God's Plan" zu überschreiben, dies sei "narzisstischer Altruismus der traurigsten Sorte. Antipolitik als publikumswirksamer Ablasshandel." Schließlich betoniere dies gerade "die Zustände, weil sich am Misslichen (...) nichts grundlegend ändert, wenn man ein paar Armen einmal einen Haufen Geld in die Hand drückt". Hier kann man sich selbst davon einen Eindruck verschaffen:



Weitere Artikel: Skug dokumentiert ein Gespräch zwischen Eva Egermann und Diedrich Diederichsen zum Thema "Deviante Körper in sozialen Bewegungen und Popkultur". Im Standard spricht Ljubisa Tosic mit dem Geiger Tibor Kovác über dessen Projekt Philharmonic Five. Für The Quietus schreibt Carsten Nicolai alias Alva Noto, dessen neues gemeinsames Album mit Ryuichi Sakamoto auf Skug besprochen wird, über die Platten, die ihn geprägt haben. Für Pitchfork erinnert sich Rebecca Tuhus-Dubrow an Discmans aus dem Jahr 1998. Besprochen wird ein Auftritt von Circuit des Yeux (taz).
Stichwörter: Drake, Geld