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Efeu - Die Kulturrundschau

Chauvinisten, Despoten und Choleriker

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.02.2018. Die SZ sieht das Ende der Regie-Despoten an den Bühnen kommen. Aus den Security-Leuten bei Popkonzerten ist schließlich auch eine seriöse Terrorabwehr geworden. Die taz porträtiert den Designer William Fan, der in Berlin gegen die Vergesslichkeit der Mode arbeitet. Die FAZ klärt auf: Im Kino geht es nicht um Glauben, sondern um die Aufhebung des Unglaubens. Und zum Tod von Stefan Moses bedankt sich die Welt noch einmal für den Sympathiezauber, den er beim Fotografieren über die Nachkriegsdeutschen legte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2018 finden Sie hier

Bühne


Armin Petras' "Weber"-Inszenierung am Schauspiel Köln. Foto: Krafft Angerer

Ziemlich spektakulär findet Simon Strauß, wie sich in Armin Petras' Kölner Aufführung von Gerhart Hauptmanns "Webern" das Unrecht durch das Bühnenbild zieht: "Hunderte von straffgezogenen feinen Seilen sind quer über die Panoramabühne gespannt. Je nach Beleuchtung lassen sie den Blick durch oder weisen ihn ab wie ein pixelgestörtes Fernsehbild. Wenn sie berührt werden, zittern sie wie Espenlaub in der Kälte. Auf ihnen balancieren, zwischen ihnen hängen und unter ihnen zucken: die Weber. Krank, vergrätzt, hungernd betteln sie beim Fabrikanten um einen Lohnvorschuss, aber der lässt sie abblitzen und fortprügeln."

In der SZ findet es Christine Dössel überfällig, dass mit dem Offenen Brief über das Gebaren des Regisseurs Matthias Hartmann die Bewunderung für das despotische Regie-Genie endlich ein Ende nimmt. Viel zu lange hätten sich Regisseure auf Sprüche berufen können, nach denen sie Schauspieler "brechen" müssten und die Bühne "kein Ponyhof" sei: "Natürlich braucht der künstlerische Prozess - gerade im Theater - das Verrückte, Riskante, Intime, das Abgründige und Ausfällige, nicht das Dienst-nach-Vorschrift-Gemäße. Aber wo steht geschrieben, dass das Theater Chauvinisten, Despoten und Choleriker braucht, um große Kunst zu schaffen? Während es gleichzeitig die Despoten 'draußen' - in der Gesellschaft, in der Politik - anprangert und das moralisch Gute beschwört. Es sind die extrem hierarchischen, geradezu feudalistischen Strukturen in der Männerdomäne Theater, die diesen Typus von Intendanten und/oder Regisseur befördert, inthronisiert und mit einem gewissen Nimbus versehen haben."

In der NZZ weiß Daniele Muscionico zwar um Hartmanns Ausfälligkeiten, will darüber aber nicht diskutieren: "Autoritäre Arbeitsverhältnisse zu akzeptieren, gilt auf der Bühne als Alltagspflicht. Theater ist ein totalitäres und kein demokratisches System."

Besprochen werden Berlioz' Oper "La damnation de Faust" unter Markus Poschner in Linz (FAZ, Standard), Mozarts "Idomeneo" am Opernhaus Zürich (NZZ) und Donizettis "Roberto Devereux" in einer konzertanten Aufführung in der Oper Frankfurt (FR).
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Kunst

Im SZ-Interview mit Catrin Lorch sprechen die beiden Museumsdirektoren Matthias Mühling vom Münchner Lenbachhaus und Yilmaz Dziewior vom Kölner Museum Ludwig über ein neues Selbstverständnis, das sie die "Dekolonisierung der Museen" nennen. Es geht um eine Öffnung für neue Positionen und eine Offenlegung der eigenen Praxis: "Dass wir behaupten, mit der Kunst positive Inhalte zu vermitteln und Demokratie zu verwirklichen, das geht natürlich nicht, wenn die Gemälde der Moderne, die das belegen, Juden geraubt wurden. Aber es endet ja nicht bei der Frage, was angekauft wird. Wir müssen uns auf jeder Ebene dekolonisieren, in den Arbeitsverhältnissen, im Hinblick darauf, wer bei uns Programm gestaltet, darin, wie wir Hierarchien aufbauen, woher die Werke kommen, bei welchen Galerien die gekauft werden. Mein Beispiel ist immer die Arbeit von Harun Farocki, deren vergröberte Aussage lautet, dass der Kapitalismus ein ungerechtes System ist. Das ist schwierig zu zeigen, wenn davor eine Aufsicht steht, deren Arbeitsbedingungen und Stundenlohn der Aussage des Kunstwerkes widersprechen."

Stefan Moses ist tot. In der Welt erinnert Christoph Stölzl an den großen Fotografen der deutschen Nachkriegszeit, der Adenauer und Adorno, Fritz Bauer, Willy Brandt und Blumenkinder gleichermaßen erfasste: "In mehr als sieben Jahrzehnten war er der große Porträtist der Deutschen geworden. Ihnen, ihren Gesichtern und Gestalten hat er seine unermüdliche Neugier zugewandt. Ihnen hat er mit einem einmaligen Sympathiezauber die Offenbarung ihrer Seelen abgerungen. Moses' Bilder der Deutschen werden in späterer Zeit davon erzählen, wie sie wirklich waren, aber auch davon, wie sie in ihren besten Momenten sein konnten." Weitere Nachrufe gibt es in der SZ und auf ZeitOnline.

Weitere Artikel: taz-Kritikerin Brigitte Werneburg entdeckt den ästhetischen Reiz natürlicher Bauformen in der Ausstellung "Nautilus: Schnecken, Muscheln und andere Mollusken in der Fotografie" in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin. Im Welt-Interview stemmt sich der Kunsthistoriker Arnold Nesselrath gegen den neuen Hype, der zwei Bilder aus dem Vatikan nun doch wieder Raffael zuschreibt.

Besprochen wird die Ausstellung "Drive Drove Driven" über das Auto in der Fotografie in der Kommunalen Galerie in Berlin (Tagesspiegel).
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Design

Für die taz porträtiert Marina Razumovskaya den in Berlin lebenden Modeschöpfer William Fan. Seine gleichermaßen auf Eleganz wie Bequemlichkeit setzenden Entwürfe "arbeiten gegen die Vergesslichkeit der Moden. Schon das rückt die Begegnung von asiatischem und westlichem Stil in Fans Kollektionen weit weg von jeder multikulturellen Beliebigkeit. ... Die chinesischen Elemente in Fans Entwürfen sind oft bäuerlich inspiriert. Zur Spannungslinie zwischen dem Asiatischen und dem Europäischen kommt die zwischen dem einfachen Bauernstil und dem Spektakulären. Einmal sind auf einer eleganten Jacke aus feinstem, kariertem Stoff Taschen aus Schaffell aufgesetzt, die auch zu kurzen Jacken aus kraushaarigem Fell werden. Ein anderes Mal trägt man über Baumwollhemden aus Popeline mit langen Ärmeln im chinesischen Bauernstil glänzende Brokatstoffe mit Glaskristallen." (Foto: William Fan, Collection SS18)

Außerdem blättert Brigitte Werneburg in der taz durch die neue Ausgabe der Zeitschrift Fotogeschichte, die sich diesmal der Modefotografie widmet. In der FAZ bespricht Damian Dombrowski eine Ausstellung in Florenz über Mode im 14. Jahrhundert.
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Film

Der Heimatfilm ist wieder da - nur hat er sich diesmal unter dem Deckmantel der Diversität als exotistische "Afrika-Schmonzette" getarnt und flutet seit geraumer Zeit die öffentlich-rechtlichen Kanäle, stöhnt Cornelia Grobner auf ZeitOnline genervt: Ein "Naturparadies, das weder von postmodernen Verunsicherungen noch von der schnelllebigen Technologisierung der Gegenwart tangiert wird. Diese angeblich unbelastete und Geborgenheit vermittelnde Wahlheimat muss vor den Bedrohungen durch Fortschritt und Moderne geschützt werden. ... Die schwarze Bevölkerung wird infantilisiert und bevormundet, damit die weiße Hauptfigur als Fürsprecherin für Minenarbeiter, Aids-Kranke, Gewaltopfer und indigene Gruppen glänzen darf. Das bestätigt rassistische Vorurteile über Afrika und beruhigt letztlich das Gewissen der Zuschauer."

Dietmar Dath freut sich immer, wenn es auf der Leinwand drastisch zugeht, für die Dreharbeiten gilt das nicht. Umso übler nimmt es der FAZ-Filmkritiker Quentin Tarantino, dass dieser Uma Thurman bei den Dreharbeiten zu "Kill Bill" zu einem unsicheren Stunt und damit in einen Unfall getrieben hat, wie die Schauspielerin am Wochenende enthüllte (unser Resümee). Dath rächt sich an dem Regisseur mit selbst für Fans kaum lesbaren Schwurbeleien, die in dieses Fazit münden: "Kunst genießen heißt nicht 'glauben, dass das Spannende, das ich da sehe, wirklich gefährlich ist', sondern 'für den Moment vergessen, dass es nicht wirklich gefährlich ist'. Ginge es in der Kunst um Glauben statt um diese komplexere 'Aufhebung des Unglaubens' (Samuel Taylor Coleridge), dann wäre Scientology dasselbe wie Science-Fiction."

Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt der Medienanwalt Christian Schertz, wann Berichterstattung über nicht in einem Prozess erwiesene Vorwürfe zulässig ist und wann nicht. Schertz vertritt die Schauspielerinnen Jany Tempel und Patricia Thielemann, die den Filmregisseur Dieter Wedel beschuldigen, sie vor über 20 Jahren sexuell misshandelt und verletzt zu haben. Heute, meint Schertz, wären solche Vorfälle kaum noch denkbar: "Es ist eine Film- und Fernsehindustrie entstanden, die es vor 20, 30 Jahren in Deutschland so noch nicht gab. So wie ich heute Produktionen erlebe, geht es da hauptsächlich um Zahlen und Inhalte. Die Verantwortungen sind auch geteilt. Die Besetzung wird professionalisiert von Casterinnen abgewickelt. Es gibt einfach keine Regisseure mehr, die im Bademantel in der Hotelsuite sitzen und dann etliche Schauspielerinnen zum Casting kommen lassen. Das würde gar keiner mehr bezahlen."

Weitere Artikel: Bert Rebhandl gratuliert der Filmemacherin Ula Stöckl auf FAZ.net zum 80. Geburtstag. Das Berliner Kino Arsenal würdigt die Regisseurin mit einer Werkschau.

Besprochen werden Volker Schlöndorffs beim ZDF abrufbare Verfilmung von Friedrich Anis Kriminalroman "Der namenlose Tag" (FR, Berliner Zeitung, FAZ) und Christian Gudegasts Gangsterfilm "Criminal Squad" (FAZ, Kinozeit, Filmgazette).

Und Klaus Lemke hat Wort gehalten (siehe Efeu von gestern): Zum Gedenken an Rolf Zacher hat er seine rare, aber schön verspulte Gammler- und Hippie-Komödie "Liebe so schön wie Liebe" aus den frühen 70ern auf Youtube gestellt. Lesenswert dazu auch Lukas Foersters enthusiastische Besprechung.


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Literatur

Thomas Ribi verfolgt in der NZZ fassungslos die Fälle von Ernst Gomringer bis Balthus, in denen Kunst der Tugend oder dem Empfinden betroffener Menschen weichen musste: "Wer Kunst als 'tätige Reflexion des Menschen über sich selbst' ernst nimmt, darf ihr keine Fesseln anlegen." Im Atlantic feiert Caitlin Flanagan Peter O'Donnells in den 60ern und 70ern entstandene Pulproman-Reihe rund um die schlagkräftige Ermittlerin Modesty Blaise als große Ermächtigungsfantasie."

Besprochen werden Szczepan Twardochs "Der Boxer" (NZZ), Roberto Savianos "Der Clan der Kinder" (Welt), Andreas Maiers "Die Universität" (Tagesspiegel), Mia Coutos "Imani" (Tagesspiegel), Omar Robert Hamiltons "Stadt der Rebellion" (FAZ), Nicola Gardinis "Latein lebt. Von der Schönheit einer nutzlosen Sprache" (SZ) und drei Comic-Ausstellungen in Oldenburg (online nachgereicht von der FAZ, Tagesspiegel).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Früher galten Security-Maßnahmen vor großen Popkonzerten als Ärgernis - in Anbetracht der Gefahr terroristischer Anschläge beschweren sich heutige Konzertgänger allerdings, wenn sie nicht ausreichend durchsucht werden, berichtet Martin Wittmann in einer großen Reportage zum Thema auf der Seite Drei der SZ. Das Bild hat sich gewandelt: "Security-Leute waren zu Beginn der Pop-Ära gerne auch mal die örtlichen Hells Angels, die dann öfter mehr Leute verprügelten, als sonst überhaupt auf die Idee gekommen wären, sich zu prügeln. In den Jahren danach, ab den schon domestizierten 80ern, waren es mal drollige bis grobe Statisten, die das Schmuggeln von Alkohol verhindern sollten. Jetzt sind diese Menschen auf einmal eine seriöse Terrorabwehr. Besser bezahlt wird der Billig-Job deswegen nicht. Manche wollen da nicht mehr mitmachen. "

Man kriegt ja fast schon Mitleid mit Justin Timberlake, der sich für sein neues Album "Man of the Woods" derzeit reihum Dresche abholen muss (hier ein erstes Resümee). Der Versuch, sich das Image eines Naturburschen anzueignen, darf als kläglich gescheitert angesehen werden. "Versemmelt" findet Daniel Gerhardt auf ZeitOnline die Werbekampagne im Vorfeld, den wirren Auftritt beim Super Bowl und auch das Album selbst: "Wann gab es zuletzt ein popmusikalisches Großprojekt, das derart widersprüchlich, weltfremd und geschmacksverirrt daherkam?" In der Berliner Zeitung ätzt Markus Schneider: "Ein Spaziergang im Görlitzer Park ist aufregender und funkiger als Timberlakes Ausflug ins Holz." SZ-Kritiker Jan Kedves sieht in dem Album den "Ausdruck einer mittelschweren Zerrissenheit".

Für die taz spricht Alexander Diehl mit Randy Newman. Illusionen über die Wirkmächtigkeit kritischer Musik macht sich die Songwriter-Legende heutzutage nicht: "Manchmal versuche ich zu sagen: Dieses oder jenes ist falsch. Ich glaube nur nicht, dass die Leute einen Song hören und plötzlich sagen: Oh, ich lag falsch, tut mir leid, ich werde mich bessern."

Weitere Artikel: Ljubisa Tosic spricht im Standard mit dem Trompeter Till Brönner über dessen neue CD "Nightfall". Nadine Lange porträtiert im Tagesspiegel die Pop-Songwriterin Kat Frankie. Michael Ossenkopp erinnert in der Berliner Zeitung an Falco, der vor 20 Jahren gestorben ist. Frank Junghänel (FR) und Christian Schröder (Tagesspiegel) schreiben Nachrufe auf den Temptations-Sänger Dennis Edwards.

Besprochen werden ein Bernstein-Abend mit dem Berliner Konzerthausorchester unter Yutaka Sado (Tagesspiegel), ein Konzert der Jussen-Brüder mit der Academy of St Martin in the Fields (FR), ein gemeinsamer Auftritt von Lars Vogt, Christian Tetzlaff und Tanja Tetzlaff (Tagesspiegel), das DAF-Konzert zum Abschluss der Berliner Club Transmediale (Tagesspiegel), ein Konzert der Freejazzer George Lewis und Roscoe Mitchell beim Berlin (Tagesspiegel), eine konzertante Aufführung von Donizettis "Roberto Devereux" mit Ambur Braid und Alice Coote (FR), ein Depeche-Mode-Konzert (Standard), Holly Herndons Auftritt bei der Club Transmediale in Berlin (FAZ) und ein Konzert des Pianisten Michail Pletnjow (FAZ).
Archiv: Musik