Efeu - Die Kulturrundschau

Denken Sie an Ihre Lust

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.02.2018. Der Freitag plaudert mit Simon Strauß über engagierte Literatur und autonome Ästhetik. In der Welt singt der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch ein Liebeslied auf Warschau. Die Welt hört den neuen Justin Timberlake und erkennt den Mann im Wald als Baum und Berg. Der Standard bewundert vier kotzende Maikäfer in Thomas Vinterbergs "Suff". In der NZZ erklärt Elisabeth Kübler, warum die Kunst Pierre Klossowskis nicht frauenfeindlich ist: Man muss nur Johann Jakob Bachofen lesen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2018 finden Sie hier

Kunst


Simon Fujiwaras nachgebautes Anne-Frank-Haus im Kunsthaus Bregenz. Foto: Kunsthaus Bregenz

Angemessen kapitalismuskritisch findet taz-Kritikerin Annegret Erhard das begehbare Anne-Frank-Haus, das der Konzeptkünstler Simon Fujiwara im Kunsthaus Bregenz nachgebaut hat. Schon im Amsterdamer Original findet sich kaum noch authentisches. Das 3-stöckige Haus in Bregenz hat Fujiwara nach einem Pappmodell-Bausatz aus dem Amsterdamer Museumsshop nachgebildet und mit eigenen Arbeiten, mit Objekten und Installationen gefüllt, "die die Gnadenlosigkeit der gegenwärtigen populären Lebenswelten spiegeln. In Anne Franks Zimmer mit dem Schreibtischchen, mit an die Wand gepinnten Blumenbildchen und Zeitungsausschnitten von den Stars jener Jahre, hängt ein blaues Kleidchen mit Baskenmütze und Ledertäschchen, das jüngst als Halloween-Kostüm ('World War II Evacuee') bei der Firma 'Girls Fantasy' bezogen werden konnte. Zu betrachten ist hier auch der nachgeschneiderte dezente Hosenanzug, den Beyoncé kürzlich beim angemessen zurückhaltenden Besuch in Amsterdam trug. Er war zwei Stunden nach dem auf Instagram gemeldeten Ereignis ausverkauft."

Antje Stahl unterhält sich für die NZZ mit der Galeristin Elisabeth Kübler, die schon früh die Kunst von Pierre Klossowski ausgestellt hat, der heute - wie sein Bruder Balthus - umstritten ist. Sind diese Bilder wirklich so frauenfeindlich, wie behauptet wird? "Auf einer Zeichnung entdeckt man auch wieder diesen Däumling, der über den Körper der Frau turnt und ihn inspiziert. In Klossowskis Text 'Divertimento für Gilles Deleuze' glaubt man, seine literarische Entsprechung zu finden: Roberte wird in einem Hotelzimmer von einem Winzling vermessen, während eine Schülergruppe unter der Aufsicht eines Rektors diesem Studium beiwohnt. Aus feministischer Perspektive steht dieses Szenario wohl in einer genealogischen Linie mit Gustav Courbets Gemälde 'L'Origine du monde' und beweist wieder einmal, wie der männliche Blick den weiblichen Körper entblößt. Klossowskis ehemalige Galeristin glaubt hingegen, Roberte habe das kleine Wesen geboren. Und überhaupt habe es mehr Ähnlichkeit mit einem Phallus, der ihr diene. 'Alles hängt vom Betrachter ab', gibt sie deshalb zu bedenken. 'Denken Sie an Ihre Lust.' (Man braucht nicht zu erwähnen, dass sie dabei lacht.)"

In der Berliner Zeitung kritisiert Nikolaus Bernau das Abhängen eines präraffaelitischen Bildes mit nackten Nymphen in der Manchester Art Gallery (mehr dazu gestern): "Diesem antihistorischen Rigorismus geht es nicht um Erkenntnis, etwa in die Wandelbarkeit der Werte, Interessen und Perspektiven. Es geht nur um die Behauptung, dass einzig die heutige Sicht auf die Welt die angemessene sei."

Weitere Artikel: Die Zeit hat Thomas Mießgangs Artikel zum Achtzigsten des Malers Günter Brus online nachgereicht. In der FR stellt Regina Kerner die Leiterin der Vatikanischen Museen vor, Barbara Jatta. Besprochen wird die Kiki-Smith-Ausstellung "Procession" im Münchner Haus der Kunst (SZ).

Literatur

Ist FAZ-Theaterkritiker und Schriftsteller Simon Strauß nun rechts oder nicht? Mladen Gladic hat sich für den Freitag im Rahmen der Vergabe der Jewish History Awards mit dem in die Kritik geratenen Sohn von Botho Strauß zum Gespräch getroffen - die daraus entstandene Reportage ist sehr lakonisch geworden. Unter anderem sprechen die beiden "über den alten Konflikt zwischen engagierter Literatur und autonomer Ästhetik. Sartre gegen Adorno sage ich. Bohrer gegen Habermas sagt Strauß. Was denn an Mallarmé rechts sei, will er wissen und ich spekuliere, ob der Vorwurf des politischen Konservatismus, der Vertretern einer weltabgewandten Ästhetik gemacht werde, etwas mit Sippenhaft zu tun habe. ... Wenn rechts sei, zu sagen, dass Kunst einen Wert habe, eine Eigenlogik, jenseits der Tagespolitik, dann sei er ein Rechter. Aber nur dann, sagt Strauß."

Für die Welt hat sich Richard Kämmerlings mit dem polnischen Schriftsteller Szczepan Twardoch getroffen, dessen (auch im Tagesspiegel hymnisch besprochener) Roman "Der Boxer" ihn ungemein beeindruckt hat. Auch von Twardochs Liebe zum historischen Warschau, in dem der Roman angesiedelt ist, erfahren wir: Für den Autor "ist Warschau die einzige echte Stadt Polens im emphatischen Sinne; sie sei ähnlich wie Berlin hässlich und sexy zugleich. ... 'Die Stadt, über die ich schreiben will, existiert nicht mehr. Das wäre nur verwirrend, also habe ich 'Morphin' zu Hause und in Krakau geschrieben, mithilfe von alten Karten und Büchern. Ich brauchte nichts von diesem Warschau hier um uns herum.'"

Die Schriftstellerin Sabine Scholl berichtet in der Textreihe "10 nach 8" auf ZeitOnline von ihrem Wiedersehen mit Chicago, wo sie einst gelebt hatte - ein Wiederbegegnung als Abschied: "Jetzt erinnert nur wenig an die Straßenecke, wo wir als Familie wohnten, weil alle Gebäude und die daran anschließenden entweder abgerissen oder umgebaut wurden. Nur den Bettdeckenladen und den Dollarstore gibt es noch. Der Mann an der Kasse des Billiggeschäfts ist gealtert, aber weiterhin freundlich. Ich schaue die Fenster hoch und spüre seltsamerweise nichts. Erwarte, dass mein früherer Nachbar mich sieht und hereinbittet. Doch nichts geschieht."

Weitere Artikel: Für die taz unterhält sich Christoph Haas mit der Comiczeichnerin Ulli Lust über deren neuen Comic "Wie ich versuchte, ein guter Mensch" zu sein, in dem sie ihre Erfahrungen in einer Dreiecksbeziehung verarbeitet. Für das Logbuch Suhrkamp reist Martin Prinz "ins Innere von Österreich". Im Zeitfragen-Feature von Deutschlandfunk Kultur befasst sich Michael Meyer mit Journalisten, die ins literarische Fach wechseln. Sängerin Laura Merling präsentiert in der Literarischen Welt ihre prägendsten Bücher. Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Virgina Woolfs "Orlando". Stefan Zweigs Reflexionen "Die Welt von gestern" über ein geeintes Europa sind auch für heutige Debatten noch lesenswert, schreibt Sandra Kegel in der FAZ. Für die FAZ hat sich Tilman Spreckelsen mit Fantasy-Autor Philip Pullman zum Gespräch getroffen, der kürzlich die Vorgeschichte zu seinem Zyklus "His Dark Materials" geschrieben hat.

Besprochen werden Angelika Klüssendorfs "Jahre später" (taz, Tagesspiegel, SZ), Omar Robert Hamiltons "Die Stadt der Rebellion" (taz, SZ), Haruki Murakamis "Die Ermordung des Commendatore" (Tagesspiegel), Fernando Aramburus "Patria" (online nachgereicht von der FAZ), Gusel Jachinas "Suleika öffent die Augen" (taz), Fikry El Azzouzis "Sie allein" (Freitag) und drei Comic-Austellungen in Oldenburg (FAZ).

Musik

Jens Uthoff spricht in der taz mit Holly Herndon, die mit ihrem Chor-Ensemble heute beim Berliner CTM-Festival auftreten wird. Unter anderem geht es um künstliche Intelligenz und über das Subjekt im digitalen Zeitalter: "Dass Herndon an Humanität gelegen ist, spiegelt sich in ihrer Kunst wider. Ihre Stimme soll bei den neuen Stücken im Vordergrund stehen. ...  Seit einem Jahr arbeitet sie mit einem international zusammengewürfelten Chor zusammen: Es sei viel darum gegangen, die spezifischen stimmlichen Talente jedes und jeder Einzelnen zu erkennen. Ihr ist es wichtig, dies auf die Bühne zu bringen: 'Es gibt bei Festivals der elektronischen Musik eine Tendenz, auf die menschliche Stimme, auf das Lebendige zu verzichten. Dabei ist mir gerade die menschliche Performance wichtig.'" Hier gibt es davon einige Eindrücke:



Nicht allzu viel Freude haben die Kritiker an Justin Timberlakes neuem Album "Man of the Woods", in dem der einstige R'n'B-Star den Holzfäller in sich entdeckt und sich im Flanellhemd posierend auf die Suche nach seinen amerikanischen Wurzeln begibt. Ziemlich "peinlich" findet Tagesspiegel-Kritikerin Nadine Lange diesen Stilwechsel. Ein paar gute Popsongs abseits des Konzepts biete das Album zwar auch, doch im wesentlichen strotze das Album vor schlecht beratenen Entscheidungen: "Wo ist bloß der Justin Timberlake von "FutureSex/LoveSounds" geblieben, der so stilsicher wie sexy seinen Vorbildern Prince und Michael Jackson huldigte?" Der "Country-Trip" verkomme mitunter "zu Schmalz", hält auch Felix Hooß auf FAZ.net fest, kann sich aber immerhin mit "Say Something" (siehe Video) anfreunden, das Timberlake mit Country-Legende Chris Stapleton aufgenommen hat: "Das Südstaaten-Ding wirkt auf einmal rund." Michael Pilz deutet das Album mit seinen Männlichkeitsentwürfen in der Welt vor dem Hintergrund aktueller Genderdebatten: Timberläke adressiere auf der Platte einen "Begriff von Männlichkeit, der sich im laufenden Identitätstheater auch nur noch als Farce durchdeklinieren lässt. Der Mann im Wald als Baum und Berg. Der mühelose Mann als selbstgewisser Spross seiner Natur und Sohn seiner Kultur."



In der FAZ erinnert sich Josef Oehrlein an den Organisten Theo Brandmüller, der am 2. Februar 70 Jahre alt geworden wäre und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Auch von Brandmüllers Neigung zu Eulenspiegeleien erfahren wir: "Als der frühere Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker, während seiner Reise in die BRD 1987 durch die Saarbrücker Ludwigskirche geführt wurde, während viele seiner Landsleute Zuflucht in ausländischen Botschaften suchten, spielte Theo dort auf der Orgel die Bach-Choräle 'O Mensch, bewein dein Sünde groß' und 'Wo soll ich fliehen hin'."

Besprochen werden Steve Reichs "Pulse/Quartet" (Pitchfork), das Rap-Album "Montenegro Zero" von Haiyti (Freitag), das Geburtstagskonzert des Cellisten Mischa Maisky (Standard) und ein von Ingo Metzmacher dirigiertes Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester (Tagesspiegel).

Und Musik zum Wochenende: Der französische Sender LYL Radio mit einer einstündigen Hommage an den vor kurzem verstorbenen Fall-Sänger Mark E. Smith:


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Film

Michael Ranze unterhält sich für den Filmdienst mit Filmemacherin Barbara Alberts über deren Film "Licht", dessen Heldin das blinde Klavier-Wunderkind Maria Theresia Paradis ist. Im Filmdienst schreibt Esther Buss über die Arbeit des Kostümbildners Mark Bridges, der auch die Kostüme für Paul Thomas Andersons "Der seidene Faden" (Besprechungen im Freitag und im Perlentaucher) angefertigt hat. Deutschlandfunk bringt ein Feature von Katrin Ohlendorf über junge Sexfilmer aus der Kölner Off-Szene, die mit "Schnick Schnack Schnuck" ihre Version eines frischen, jungen Pornofilms gedreht haben. Im Buch Zwei der SZ erinnert sich Michael Jürgs ausführlich an das große Stern-Interview, das er 1981 mit Romy Schneider geführt hat und das nun die Grundlage für Emily Atefs bei der kommenden Berlinale uraufgeführten Film "Drei Tage in Quiberon" bildet.

Besprochen werden der erste, autobiografische Band aus Harun Farockis Schriftenreihe (Filmgazette), die Netflix-Science-Fiction-Serie "Altered Carbon" (online nachgereicht von der FAZ) und die CD "Soundworks" mit den ambienten Klängen aus Apichatpong Weerasethakuls Filmen (Filmdienst).

Bühne


"Suff". Foto: © Hedwig Prammer

Das beste an der Uraufführung von Thomas Vinterbergs "Suff" in den Wiener Kammerspielen sind die Hauptdarstellerinnen - "vier Goldmädchen mit silbernem Haar" - und das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt, meint Ronald Pohl im Standard. "MacDonald liegt eingangs mit dem Rücken auf der Decke. Alles hat sich buchstäblich umgedreht in dieser Welt der mopsfidelen Alkoholmissbrauchsopfer. Der Stuckfries bildet nunmehr die Bodenleiste. Die Flügeltür steht kopf, die quietschvergnügten Zecherinnen purzeln wie kotzende Maikäfer in die gute Stube. Die wunderbare Sona MacDonald hat den undankbarsten Part in diesem insgesamt wenig moussierenden und noch weniger amüsierenden Stück."

Mit der Inszenierung von Alexandra Liedtke können die Kritiker insgesamt wenig anfangen: "Statt den Mädels ihr gebrochenes Flair zwischen Upperclass-Attitüde und Zerstörung zu lassen, macht Liedtke sie zu Karikaturen und schlägt sie damit zu Brei. Schaurig", klagt Barbara Petsch in der Presse. "Eine eher trockene Angelegenheit", sekundiert Reinhard Kriechbaum in der nachtkritik.

In einem Offenen Brief, den der Standard publiziert, beklagen sich Mitarbeiter des Burgtheaters über Machtmissbrauch des  Ex-Direktors Matthias Hartmann: "Die Ausläuferwellen von #MeToo haben nun also 'die Burg' erfasst", heißt es dazu im Standard. "Dabei geht es nicht um strafbaren sexuellen Missbrauch, um strafbare Übergriffe oder überhaupt um Strafbares, sondern ums Aufzeigen des 'Klimas', das unter Hartmann geherrscht habe. All das haben die Theaterleute in einem 'offenen Brief' festgehalten, den bis Freitag 14 Uhr 60 Burg-Mitarbeiter unterschrieben haben. Nicht um der Debatte eine weitere Stimme hinzuzufügen, wollen die Schauspieler ein neues Schlaglicht auf die Ära Hartmann werfen, sagen sie, die laufende Debatte zu Sexismus, dem Ausnützen von Abhängigkeiten habe sie vielmehr 'ermutigt', erstmals miteinander offen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit Hartmann zu sprechen. Mit Brief und Debatte wolle man Anstoß geben zu 'positiven Entwicklungen'." (Der offene Brief findet sich unter dem Artikel)

Weitere Artikel: In der neuen musikzeitung erinnert Albrecht Dümling an den Skandal, den Ernst Schnabels und Hans Werner Henzes Che Guevara gewidmetes Oratorium "Das Floß der Medusa" bei der Uraufführung in Hamburg 1968 auslöste. Daniele Muscionico unterhält sich für die NZZ mit den Schweizer Kabarettisten Sibylle und Michael Birkenmeier über deren neues Programm. In der taz stellt Luciana Ferrando die Initiative Rollenfang vor, die SchauspielerInnen mit Behinderung hilft, in Filmproduktionen unterzukommen.

Besprochen werden Lunds & Zaufkes Musical "Grimm!" in Erfurt (nmz), Kurt Weills Musical "Love Life"am Theater Freiburg (nmz) und Dietrich Hilsdorfs Inszenierung von Wagners "Walküre" an der Deutschen Oper Düsseldorf (WAZ, FAZ).

Architektur

In der FAZ ermuntert Niklas Maak die öffentliche Hand und Discounter wie Aldi und Lidl, die auf ihren Supermärkten günstige Wohnungen errichten wollen, bei der Planung modernen Lebensverhältnissen Rechnung zu tragen: "Mehrgenerationenmodelle, Häuser mit Platz für acht Achtzigjährige, die nicht ins Heim, sondern zusammenwohnen wollen, Bauten, die das Zusammenleben von vier Alleinerziehenden mit Kindern erleichtern; überhaupt Bauten, die neue Lebensmodelle ermutigen oder wenigstens alte städtische Wohnqualitäten wiederentdecken, findet man viel zu selten. Statt Discountern und Dekorateuren die Definition zu überlassen, wie Wohnen geht, brauchte es eine neue Internationale Bauausstellung für die Stadt der Zukunft."