Efeu - Die Kulturrundschau

Was einst Kraft hatte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.01.2018. Der Tagesspiegel blickt beim Kunstfestival Transmediale in das Gesicht Chelsea Mannings und begreift, wie viel Interpretationsspielraum genetisches Material lässt. Die taz lernt beim parallel laufenden Musikfestival Club Transmediale von Jlin, das Selbst in jeder Sekunde zu wechseln. Die Berliner Zeitung betrachtet die neue Fassadenkunst der Volksbühne. SZ und FAZ blicken auf Daniel Day-Lewis, der im Liebes-Drama "Der seidene Faden" nahtlos in seiner Rolle als Damenschneider aufgeht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2018 finden Sie hier

Kunst


Heather Dewey-Hagborg und Chelsea Manning: A Becoming Resemblance. Foto: Paula Abreu Pia. Transmediale

"Face Value" lautet das Motto der diesjährigen Transmediale, des Festivals für digitale Kunst im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Tagesspiegel-Kritikerin Birgit Rieger hat vor allem von der Biohackerin Heather Dewey-Hagborg und ihrer Arbeit mit der Whistleblowerin Chelsea Manning gelernt, nicht alles für bare Münze zu nehmen: "Manning sandte der Künstlerin aus dem Gefängnis Haare und andere DNA-Proben von sich zu. Die Künstlerin analysierte das genetische Material und leitete daraus die äußeren Merkmale ihrer Spenderin ab. Die verschiedenen Porträts zeigen, wie viel Interpretationsspielraum in den angeblich so charakteristischen genetischen Informationen steckt. Manning, von der es nach ihrer Wandlung vom Mann zur Frau zunächst keine Fotos mehr in der Öffentlichkeit gab, bekam durch diese Aktion wieder Sichtbarkeit - und als Besucher wird man darauf aufmerksam gemacht, das Biometrie und moderne Sicherheitstechnik so etwas wie eine flexible Geschlechteridentität nicht vorsehen."

Weiteres: Stefanie Bolzen berichtet in der Welt vom britischen Streit über die Kunstsammlung Charles I., die in einer pompösen Schau in der Royal Academy gezeigt wird. Dazu gehören auch etliche Werke, die sonst in den Privatgemächern der Queen hängen (unser Resümee). In der FR kann auch Sebastian Borger dem Vorhaben wenig abgewinnen, den verrückten König zu rehabilitieren, indem man seinem Kunstsinn huldigt. In der NZZ blickt Franz Zelger auf die ehrwürdige Geschichte der Gallerie dell'Accademia, die mit der Ausstellung "L'ultima gloria di Venezia" ihre Granden Canova, Hayez und Cicognara feiert. Daphne Weber berichtet in der taz vom Lichtkunst-Festival "Lichtungen" in Hildesheim, bei dem vor allem sakrale Orte, Kirchen und das Dommuseum bespielt wurden.

Besprochen werden die große Ausstellung über die extravagante Fotografin Madame d'Ora im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (SZ) und die Gruppenausstellung "From the inside to the outside" in der Wiener Galerie Crone (Standard)
Archiv: Kunst

Musik

Philipp Rhensius gibt in der taz Zwischenstands-Meldung vom ebenfalls in Berlin stattfindenden Festival Club Transmediale, bei dem es vor allem drastische und experimentelle elektronische Musik zu hören gibt. Das meiste hätte er genauso vor zwanzig Jahren hören können, bis er dann bei der Künstlerin Jlin doch noch auf echte Avantgarde stieß: "Endlich waren sie da, die Sounds, die etwas über unser Leben erzählen: stetig war man auf der Suche nach der Zählzeit, die sich mit jedem neuen Beat neu justierte, als springe man von Plateau zu Plateau. Stetig war man unterwegs, ohne anzukommen, und wechselte sein Selbst in jeder Sekunde." Außerdem wirft Steffen Greiner für die taz einen Blick ins Programm der kommenden CTM-Tage.

Jens Uthoff besucht für die taz ein letztes Mal die Berliner Plattenladen-Institution "Mr Dead and Mrs Free", die am kommenden Wochenende endgültig die Pforten schließt - im übrigen gar nicht mal unbedingt umsatzbedingt, sondern eher aus privaten Gründen: Der "Laden habe immer antizyklisch funktioniert - weder den großen Einbruch des Vinylmarktes habe man in den Neunzigern und Nullerjahren stark gespürt noch das Comeback der Schallplatte in den vergangenen Jahren."

In der SZ-Popkolumne schwelgt Julian Dörr zur "guten Sexmusik" von Rhye: Die spielen auf ihrem Album "Blood" nämlich "Musik, die sich sehnt und windet, die ganz leise tost und tobt und ganz laut schweigt und schwelgt. Der pluckernde Bass, der diese Produktionen von tief unten anschiebt, das sanfte Flöten der Orgel, die Synthie-Tupfer. Und dann ist da noch diese Stimme. ... Wenn Mike Milosh seine Worte gegen den zarten Beat haucht, ist es vollends egal, ob das die weiblichste Männerstimme oder männlichste Frauenstimme ist. Dann geht es nur noch um den einen, den perfekten Popmoment, in dem für einen Augenblick alles gut ist." Auch die Musikexperten von Byte.FM küren die Platte zum "Album der Woche". Wir hören rein:




Weitere Artikel: Roman Rhode porträtiert im Tagesspiegel Bernhard Meyer und sein Quintett. Frederik Hanssen schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Dirigenten Stevan Bevier.

Besprochen werden ein Fluxus-Konzert des Ensembles TaG (NZZ), eine von Paavo Järvi dirigierte Schostakowitsch-Aufnahme (NZZ), ein Konzert des Pianisten Kit Armstrong (FR), ein Auftritt von A-ha (Tagesspiegel) und Wynston Marsalis' Auftritt mit seinem Lincoln Center Orchestra in Wien (Standard).
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Architektur

Unfassbar findet Reinhard Seiss in der taz die Hartnäckigkeit, mit der Wiens rot-grüne Stadtregierung die Hochhauspläne für die Innenstadt betreibt, obwohl sie damit den Weltkulturerbe-Status aufs Spiel setzt: "Projektbetreiber ist der schillernde Risikokapitalmanager Michael Tojner, dessen Geschäftsfreunde 2008 ein 10.000 Quadratmeter großes Grundstück unweit der Wiener Ringstraße von der öffentlichen Hand erwarben - laut Rechnungshof für weniger als die Hälfte des erzielbaren Preises. Nach Kauf des benachbarten Hotels Intercontinental - eines sanierungsbedürften 43 Meter hohen Riegels aus den 60er Jahren - übernahm der Investor 2012 auch das vom Wiener Eislaufverein genutzte Areal seiner Businesspartner, um in bester Lage einen multifunktionalen Komplex mit Wohn-, Hotel-, Kongress-, Gastronomie- und Freizeitnutzungen zu entwickeln sowie das gesamte, etwas heruntergekommene Gebiet neu zu gestalten."
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Archiv: Architektur
Stichwörter: Wien, Unesco, Gastronomie, 60er

Bühne

Die Volksbühne zeigt in einer Art Reenactment an seiner Fassade die Ausstellung "Waffenruhe", die 1986 Texte von Einar Schleef und Bilder des Kreuzberger Foto-Werkstatt-Gründers Michael Schmidt in der Berlinischen Galerie verband. In der Berliner Zeitung ist Dirk Pilz äußerst skeptisch: "Das ist die Frage an die jetzige Wiederaufführung der Ausstellung im heute weitaus mehr glanzverliebten Berlin: ob sie Einspruch wider die Wirklichkeitsfassaden zu sein vermag - oder lediglich musealisiert, was einst Kraft hatte, Kunst war."

Weiteres: Rüdiger Schaper annonciert im Tagesspiegel die Inszenierungen, die zum Theatertreffen eingeladen wurden, stört sich allerdings an Entscheidungen pro domo: "Mit dem Nationaltheater Reinickendorf von Vegard Vinge und Ida Müller haben sich die Berliner Festspiele faktisch selbst eingeladen." Und auch der "Faust" ist für ihn "belastet", weil Castorf ihn nicht in der Volksbühne aufführen will. In der Berliner Zeitung jubelt Ulrich Seidler dagegen angesichts dreier Einladungen über den "Berliner Triumph". Gerald Felber nimmt in der FAZ erleichtert zur Kenntnis, dass wenigstens Magdeburg nicht den hundertsten Geburtstag Gottfried von Einems verschläft und seine Büchner-Vertonung "Dantons Tod" auf die Bühne bringt.
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Literatur

Auch Ostdeutsche sind Deutsche und nicht etwa Bürger zweiten Rangs, wehrt sich der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai in der NZZ gegen herablassende Einschätzungen und Distanzierungsrhetoriken, die sich insbesondere nach wenig erfreulichen Wahlergebnissen in den neuen Bundesländern zeigen. Zu tun haben diese "Ressentiments" auch damit, meint er, "dass mit der Wiedervereinigung der Traum vieler westdeutscher Linker zerstört wurde. Den sahen sie, mit Mängeln zwar, aber immerhin in der DDR verwirklicht, einen Traum, den sie nicht leben mussten, aber den sie hier gefahrlos hegen durften. Dass es die Ostdeutschen gewagt hatten, diesen Traum zu zerstören und sich zu befreien, haben ihnen viele Linke verübelt."

Weitere Artikel: In der FR unterhält sich Christian Thomas mit Ina Hartwig über Ingeborg Bachmann, über die Hartwig ein Buch veröffentlicht hat. Beim SWR lässt sich ein Essay von Elfriede Jelinek über Thomas Pynchon nachhören. Für die FAZ hat Kerstin Holm den russischen Schriftsteller Maxim Ossipow in Tarussa besucht, wo der Autor zudem als Arzt tätig ist

Besprochen werden unter anderem Dana Grigorceas Novelle "Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen" (NZZ), Anja Kampmanns Debüt "Wie hoch die Wasser steigen" (NZZ), Petre M. Andreevskis "Quecke" (NZZ), Nell Zinks "Nikotin" (Tagesspiegel), Marie Luise Knotts "Dazwischenzeit. 1930. Wege in der Erschöpfung der Moderne" (SZ) und Ernst Ottwalts wiederveröffentlichter Justizroman "Denn sie wissen was sie tun" (FAZ).
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Film


Leblos geworden? Daniel Day-Lewis in Paul Thomas Andersons Mode-Drama "Der seidene Faden"

Herzlich uneins sind sich die Kritiker, was Daniel Day-Lewis' schauspielerische Leistung in Paul Thomas Andersons Schneider-Liebes-Drama "Der seidene Faden" betrifft, der morgen in den deutschen Kinos anläuft. Dass Schauspiel-Großmeister und Exzentriker Day-Lewis vorab wissen ließ, dass dies sein mutmaßlich letzter Auftritt sein werde, macht die Sache nicht eben einfacher: In der SZ wirft sich David Steinitz dem Schauspieler jedenfalls vorbehaltlos vor die Füße: "Day-Lewis ist einer der radikalsten Method-Acting-Vertreter des modernen Kinos. Er will eine Rolle nicht bloß spielen, er will sie sich einverleiben, in ihr aufgehen, sprich: Er will vergessen, dass er Daniel Day-Lewis ist" - und "Der seidene Faden", von Regisseur und Day-Lewis in einem peniblen Vorab-Prozess minutiös entworfen, sei geradezu "eine Maßanfertigung für den Hauptdarsteller."

Sehr wehmütig wird allerdings Verena Lueken in der FAZ, die den vitalen, kräftigen Day-Lewis aus seinen Paraderollen der frühen Neunziger nicht aus dem Kopf kriegt, wenn sie nun mitansehen muss, wie papieren und leblos Day-Lewis zum letzten Mal die Leinwand bespielt. Schuld ist für sie gerade die von Steinitz gespriesene Methode: Die habe "längst über Daniel Day-Lewis und sein riesiges Talent gesiegt. ... Penibel wirkt Day-Lewis inzwischen, restlos und auch beflissen aufgegangen in der Rolle, die er spielt. Das war schon in 'Gangs of New York' so, wo Bill the Butcher wirkte, als käme er aus dem Schmierentheater. Reynolds Woodcock nun im 'Seidenen Faden' ist diskreter, eleganter. Aber er wirkt wie eine Marionette, in Gang gebracht von der sensiblen, detailvernarrten, minutiösen Technik."

Besprochen werden Tini Tüllmanns Psychothriller "Freddy/Eddy" (taz) und die Serie "Get Shorty" nach dem gleichnamigen Krimi von Elmore Leonard (FAZ).
Archiv: Film