Efeu - Die Kulturrundschau

Größenwahn der Schöpfung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2018. Der Tagesspiegel wirft mit Alexander Paynes neuem Film "Downsizing" einen Blick ins Herz der dystopischen Gegenwart. Die SZ lässt sich von Andrea Breth mit Hilfe von Rihm und Dallapiccola die Liebe im Käfig zeigen. Wenn die Realität surrealer wird als die Imagination, haben Schriftsteller ein Problem, bekennt Salman Rushdie in der NZZ. Die Spex lässt noch einmal die verstorbene Modedesignerin Christa de Carouge zu Wort kommen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2018 finden Sie hier

Design

Zum Tod von Christa de Carouge hat die Spex ein 2014 entstandenes Interview mit der Modedesignerin online gestellt. Unter anderem geht es um ihre Einflüsse, die in der Architektur liegen: Sie schwärmt für "Le Corbusier und seine Philosophie. Er baute nicht einfach nur Häuser, die er irgendwo hinstellte. Er warf Fragen auf: Warum stelle ich es dahin? Was bedeutet das? Welcher Mensch soll hier leben? Das sind die gleichen Fragen, mit denen ich mich heute befasse: Welcher Mensch soll in meinen Kleidungsstücken leben? Wer zieht mich an? Kleider sind Häuser für den Körper. Meine erste Kollektion war ein riesiger Erfolg, die Leute hatten auf so etwas gewartet. Nur schwarz! Ganz elitäre Formen! Architektur am Körper!"
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Film


Liebling, ich habe die Menschheit geschrumpft: Szene aus Alexander Paynes "Downsizing"

Wie bekommen wir die ökologischen Herausforderungen der Zukunft in den Griff? In Alexander Paynes neuem Film "Downsizing" findet sich darauf eine schlagende Antwort: Indem man die Menschen auf Winzgröße verkleinert. Die Satire ist nahezu durchweg gelungen, meint Christiane Peitz im Tagesspiegel, die sich vor allem an "köstlich konkreten Details" erfreut. Schade findet sie, dass es am Ende doch noch einer Heldengeschichte braucht: "Das Leisureland-Kapitel zielt derart gewitzt ins Herz der dystopischen Gegenwart, dass es zusätzlicher Moralisierung und Politisierung gar nicht bedurft hätte."

Weniger begeistert klingt Philipp Schwarz' auf critic.de: Der Film entwickelt "bestenfalls ein vages Potenzial an Bedeutsamkeit", meint er. Immerhin handle es sich aber um "eine offene und dadurch gutartige Langeweile." In der Filmgazette nimmt Drehli Robnik die etwas wurschtige Politik des Films aufs Korn: So lerne Matt Damon als Held, "dass es auch unter den Little People noch Little People gibt und auch im Idyll Leute (meist Asians und Hispanics) in Elend hackeln und hausen. Also wird er Armenarzt. Die Armen verleihen seinem Leben Sinn. Gut, dass es sie gibt." Für die FR hat Daniel Kothenschulte den Regisseur zum Gespräch getroffen. Weiteres zum Film in unserem Resümee zur Berichterstattung vom Filmfestival in Venedig.

Bislang setzte sich Amazon mit kleinen Produktionen und namhaften Regisseuren als Retter des Indie-Films in Szene, doch damit dürfte es jetzt vorbei sein: Reuters meldet exklusiv, dass der Streaminganbieter in der hauseigenen Filmproduktion künftig auf größere Budgets und größere Namen setzen werde.

Besprochen werden François Ozons "Der andere Liebhaber" (Tagesspiegel, mehr im gestrigen Efeu), Mouly Suryas "Marlina - Die Mörderin in vier Akten" (FAZ) und Julian Pöslers "Wir töten Stella" mit Martina Gedeck (Tagesspiegel, Welt).
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Kunst

Besprochen werden eine Berliner Ausstellung des Fotografen Hans Georg Berger mit Fotos aus den iranischen Zentren für Wissenschafts- und Religionsstudien in Qum, Isfahan und Mashhad (Berliner Zeitung), eine Ausstellung des grafischen Werks von Yves Tanguy in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg (FAZ), die Ausstellung "Degas Danse Dessin. Hommage à Degas avec Paul Valéry" im Pariser Musée d'Orsay (FAZ) und eine Ausstellung der Konzeptkünstlerin Sophie Calle im Jagdmuseum von Paris (FAZ).
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Literatur

Für die NZZ hat sich Carmen Eller mit Salman Rushdie zum Gespräch getroffen. "Was wirklich passiert, übersteigt unsere Fantasien davon, was passieren könnte", sagt er über seinen aktuellen Roman "Golden House", den viele als Satire auf Trump gelesen haben. Doch "Schriftsteller haben ein Problem, wenn die Welt so surreal wird. Wie kann man da noch mithalten? Der Roman war mein Versuch, diese Frage zu beantworten. ... Als ich anfing, 'Golden House' zu schreiben, dachte noch niemand an Donald Trump. Was mein Buch zu zeigen versucht, ist dieses gespaltene Land. Trump ist eher die Folge als die Ursache."

Weitere Artikel: Der Guardian meldet, dass die Schriftstellerin Elena Ferrante künftig eine Wochenend-Kolumne für das Blatt schreiben wird. Im Freitext-Blog auf ZeitOnline berichtet die Schriftstellerin Katja Oskamp von den Lebensgeschichten der Marzahner Seniorin Frau Guse, der sie die Füße pedikürt. In der FAZ geht Matthias Egeler den Geschichten hinter den fantastischen Bezeichnungen der isländischen Gebirge und Vulkane auf den Grund.

Besprochen werden unter anderem Thomas Hettches Essayband "Unsere leeren Herzen" (Tagesspiegel), Charles Taylors Studie "Das sprachbegabte Tier. Grundzüge des menschlichen Sprachvermögens" (NZZ), Hannah Arendts bislang unveröffentlichter Essay "Die Freiheit, frei zu sein" (NZZ) und Michael Wildenhains "Das Singen der Sirenen" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne


Szene aus Wolfgang Rihms "Das Gehege". Foto: B. Uhlig

Die passen ja hervorragend zusammen, erkennt SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck, der hin und weg ist von Andrea Breths Brüsseler Inszenierung von Luigi Dallapiccolas "Il prigioniero" und Wolfgang Rihms 56 Jahre älterer Kurzoper "Das Gehege": "Breth erzählt über Rihm und Dallapiccola hinweg das Ende einer in Tod und Irrsinn scheiternden Liebesbeziehung. Der Mann wie die Frau sind Gefangene - in sich selbst, in ihrer Beziehung, in der Welt. Beider Schicksale und Sichtweisen werden getrennt abgehandelt, das des Mannes bei Dallapiccola, das der Frau bei Rihm. Der Bezug zwischen beiden wird nicht so sehr dadurch deutlich, dass jeder einen Kurzauftritt im Stück des Expartners hat, sondern vor allem durch das geniale Bühnenbild. Martin Zehetgruber hat vor eine kahle, graue Betonwand einen Käfig gestellt, der nach und nach zu einer Käfiglandschaft mutiert. Ein Entkommen gibt es in Brüssel weder für die Sänger noch für die Zuschauer." NZZ-Kritiker Michael Stallknecht bleibt dagegen ratlos: mehr als eine "ästhetische Spielerei" erschließt sich ihm nicht.

Weiteres: Im Interview mit dem Standard spricht die Sopranistin Marlis Petersen über Gesang und Psychologie.

Besprochen werden außerdem Hakan Savaş Micans Inszenierung von Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" am Berliner Maxim Gorki Theater (taz), Florentine Kleppers Inszenierung der Mozart-Oper "Don Giovanni" am Stadttheater Klagenfurt (Standard), neue Choreografien beim Salzburger Tanzfestival Performing New Europe (Standard), Mizgin Bilmens Inszenierung von Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" am Konzert Theater Bern (NZZ, nachtkritik) und die Grazer Uraufführung von Nicoleta Esinencus Stück "Rest of Europe" in der Inszenierung von Nina Gühlstorff (nachtkritik).
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Musik

Das neue Album "I Can Feel You Creep Into My Private Life" von Merrill Garbus' Projekt Tune-Yards steht ganz unter den Eindrücken von 2017, schreibt Daniel Gerhardt in der ZeitOnline-Popkolumne zum Wochenende. Als Glanzjahr wird 2017 demnach wohl nicht in die Annalen gehen, denn zu erleben gebe es im Rückblick "eine Enzyklopädie des Entsetzlichen. Es geht um kritische Auseinandersetzungen mit der eigenen Hautfarbe und den eigenen Privilegien, um ihr zwiespältiges Verhältnis zur weißen Aneignung schwarzer Musiktraditionen und die Machtkonstellationen, ohne die es solche Überlegungen gar nicht gäbe. ... Anstrengend ist dieses Album, weil es ganz offen zu seiner Ratlosigkeit und Überforderung steht. Schlau ist es, weil es letztlich erkennt: Keine EDM ist auch keine Lösung." Für die taz hat Stephanie Grimm mit der Künstlerin über ihr Album gesprochen. Hier ein aktuelles Video:



Für die SZ-Reihe über Heimat plaudert Juliane Liebert mit Rammstein-Keyboarder Flake unter anderem über Kindheit und Erwachsenenleben im Prenzlauer Berg. So geht es darum, wie zu Zeiten der DDR Musik über den Radioäther Grenzen überwand: "Wir waren als Ostler bei allem zehn Jahre hinterher, aber in der Musik waren wir auf demselben Stand", wohingegen es zu einem echten Austausch nicht kam: "Wir mussten uns als Band nie an den 'echten' Bands messen. Da es unmöglich war, dass die Stones je nach Ostdeutschland kommen würden, konnte jeder so tun, als sei er die Stones - oder sogar besser. Da hat sich eine eigene Musikwelt gebildet, die völlig bizarr war, weil sie mit der echten Welt nichts zu tun hatte."

Aus dem neuen Tocotronic-Album "Die Unendlichkeit" (mehr dazu bereits hier) zieht Welt-Kritiker Frédéric Schwilden einige Lehren fürs eigene Leben: "Erwachsenwerden ist keine Frage des Alters. Erwachsen sein heißt, an den Frieden, an die Liebe und an den Größenwahn der Schöpfung glauben. "

Weitere Artikel: Lahav Shani wird mit erst 29 Jahren der neue Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra - "eine historische Entscheidung" und "perspektivträchtige Berufung", meint Manuel Brug in der Welt. In der Berliner Zeitung porträtiert Thorsten Keller die Punkband Feine Sahne Fischfilet. Lateinamerikanische Rhythmen sind wieder im Kommen, sagt Felix Zwinzscher in der Welt. Die Orgel der Tonhalle-Zürich findet in der Kathedrale von Koper in Slowenien eine neue Heimat, meldet Johanna Wedl in der NZZ. Die NZZ erinnert in einer Bildstrecke an Janis Joplin, die heute 75 geworden wäre. Felix Lee stellt in der taz die nordkoreanische Frauenpopband Moranbong vor. Einer ihrer Songs heißt "My country is the best" - wir gratulieren zu dieser Erkenntnis.



Besprochen werden die Album-Trilogie "Saturation I-III" der HipHop-Crew Brockhampton (taz), sowie Konzerte von Pussy Riot (NZZ), Depeche Mode (Tagesspiegel) und Zugezogen Maskulin (FR).
Archiv: Musik