Efeu - Die Kulturrundschau

Die blaue Grotte der Gegenwart

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13.01.2018. Die FAZ entdeckt die Romantik der Zukunft in den menschenleeren Landschaften von Serverfarmen. Deutschlandfunk Kultur weiß, warum Instagram Früchte zensiert. Immerhin Stuttgart ist reif für Patrick Angus' nackte Jungs, freut sich die SZ. Die Literarische Welt ärgert sich über den Wald- und Wiesenboom in der Literatur. Begeistert besprechen die Kritiker den Essayfilm "Aus einem Jahr der Nichtereignisse".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2018 finden Sie hier

Architektur

Allein Bitcoin benötigt in einem Jahr mehr Energie als ganz Dänemark, berichtet in der FAZ Niklas Maak und sieht in Serverfarmen aufgrund ihres gigantischen Energieverbrauchs sowohl ökologisch als auch architektonisch eine große Herausforderung. Mit "Citadel" in Nevada oder dem Telekom-Data-Center in Magdeburg enstehen bereits riesige "Festungsarchitekturen", geschützt vor Hackern und der Neugier fremder Staaten: "Gut möglich auch, dass eine neue Generation die menschenleeren künstlichen Landschaften im Inneren der Hallen, zu denen nur wenige Zugang haben, in denen Tausende von Geräten Milliarden von Daten bewahren und die kalt und rätselhaft leuchten, mit dem gleichen Schauder betrachtet, wie die Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts ihre Berghöhen und Nebelmeere sahen: als fremden Teil ihrer Natur, als Orte einer neuen Ästhetik des Erhabenen. Die Serverfarm ist die blaue Grotte der Gegenwart."
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Stichwörter: Serverfarm, Dänemark, Telekom

Kunst

Immerhin die Stuttgarter Kunstwelt scheint nun reif für die Werke des 1992 gestorbenen schwulen amerikanischen Malers Patrick Angus, freut sich in der SZ Catrin Lorch beim Betrachten der großen Retrospektive "Private Show" im Stuttgarter Kunstmuseum. Besonders die während seiner Arbeit im New Yorker Strip-Club Gaiety entstandenen Arbeiten haben es Lorch angetan: "Angus kann einerseits die alles überstrahlende Schönheit junger, athletischer Körper festhalten, spart aber auch Details wie die weißen Tennis-Socken nicht aus, in die das Publikum Dollarnoten stopft. Er macht die emotionalen Widersprüche sichtbar: die fast schüchternen Blicke aus dem Publikum und die auftrumpfenden Posen der nackten Tänzer. Die Machtverhältnisse zwischen armen, aber attraktiven Jungs und erschlafften, haarlosen Alten. Auf derselben Leinwand findet er Raum für das Defilee der Stripper im bunten Scheinwerferlicht am Ende der Show und die verschatteten Ecken, in denen Jungs in kurzen Höschen über bezahlten Sex verhandeln."

Bild: "Grapefruit", 2017, "Virtual Normality", Stephanie Sarley.

Im Deutschlandfunkkultur spricht Gesa Ufer mit Anika Meier und Sabrina Steinek, Kuratorinnen der Leipziger Ausstellung "Virtual Normality", die Instagram-Bilder von Netzkünstlerinnen ausstellt, über Online-Exhibitionismus, Clickbaiting und Zensur - etwa der "Fruitporn"-Bilder von Stephanie Sarley: "Da spielt jemand mit der weiblichen Sexualität (…) Stephanie Sarley hatte ja große Probleme vor zwei Jahren noch mit dem Thema Zensur, da sind oft ihre Sachen runtergenommen oder gelöscht worden. Das hat sich jetzt natürlich verbessert, ich weiß gar nicht, ob das noch so oft passiert, aber vor zwei Jahren war dann der Account oft gesperrt, einmal musste sogar der 'Guardian' so mehr oder weniger einschreiten." Auf Spiegel Online schreibt Angela Gruber über die Ausstellung, Zensur und Darstellungen weiblicher Sexualität.

Weiteres: Das Berliner Kunstgewerbemuseum feiert seine 150jährige Geschichte - ohne sich dieser zu stellen, klagt Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung: "Statt sich so dem Leben, der Geschichte, der Vermittlung von Gestaltungsproblemen zu öffnen, hat man in Berlin eine nur dem Schönen Kleid gewidmete Modegalerie eingerichtet." Für die Weltkunst hat Lisa Zeitz mit der Enkelin des Sammlers Heinrich Kirchhoff gesprochen, dessen Garten zum Treffpunkt für Maler wie Paul Klee, Otto Dix oder Max Beckmann wurde.

Besprochen werden Pappi Corsicatos Filmporträt über Julian Schnabel (Tagesspiegel), Oliver Larics Schau "Panoramafreiheit" im Schinkel Pavillon (taz), die Ausstellung "Licht" mit Werken von Hans Hartungs Gattin Anna-Eva Bergmann im Museum der bildenden Künste, Leipzig (FAZ), und die Ausstellung "Wanderer zwischen den Welten" mit Werken von Hans Thoma im Museum LA8 in Baden-Baden (FAZ).
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Film


Malerisch und pastoral: Impression aus "Aus einem Jahr der Nichtereignisse"

Ein 90 Jahre alter Senior auf einem verfallenden Bauernhof, gedreht auf Super8-Material, dazu viele Katzen und leuchtendes Licht: Ann Carolin Rennigers und René Frölkes dokumentarischer Essayfilm "Aus einem Jahr der Nichtereignisse" verzichtet schon im Titel aufs Spektakel und wirft die Kritiker dennoch richtig um: Dieses Kleinod rücke "das Ephemere ins Zentrum, die Augenblicklichkeit eines Lebens, in dem umliegende Natur, ein bisschen Federvieh und ein Mensch ein Ensemble bilden", schwärmt Dominik Kamalzadeh im Standard und erklärt: "Seine Schönheit verdankt der impressionistische Film der Unordnung, die sich aus diesem chaotischen Zusammenwirken von Mensch und Gegenstand mit der Zeit wie von selbst geformt hat." Presse-Kritiker Patrick Holzapfel sieht in dieesem "wunderschönen" Film den "großen Traum der Kunst, von nichts zu handeln", fast verwirklicht: "Es ist erstaunlich, wie fremdartig und faszinierend diese Welt aus urbaner Perspektive wirkt." Der Film wechselt "von grobkörniger Fastabstraktion zu malerisch-pastoralem Impressionismus", schrieb Lukas Foerster zur Berlinale-Premiere des Films vor etwa einem Jahr im Perlentaucher. Ebenfalls im Perlentaucher schrieb Katrin Doerksen: Der Film "unterliegt lediglich dem Zwang der physischen Umstände. Also in diesem Fall: den Grenzen des Filmmaterials. Nach drei Minuten und zwanzig Sekunden ist eine herkömmliche Super-8-Kassette durchgelaufen."

Außerdem: Deutschlandfunk Kultur wiederholt ein RIAS-Feature von 1991 über die UFA in der Nazizeit. Besprochen werden Jaume Collet-Seras Actionthriller "The Commuter" mit Liam Neeson (Freitag), Pappi Corsicatos Porträtfilm über den Künstler Julian Schnabel (Tagesspiegel, Welt), Ruth Maders "Life Guidance" (Standard) und die neue Amazon-Serie "Philip K. Dicks Electric Dreams" (ZeitOnline, Welt).
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Literatur

In den Buchläden sieht man derzeit ja die Literatur vor lauter Bäumen kaum mehr, ärgert sich Richard Kämmerlings in der Literarischen Welt über den fortgesetzten Trend zur Wald- und Wiesen-Schwärmerei. Selbst seriöse Literaturverlage können sich dem Geschäft nicht mehr entziehen und verdonnern ihre Autoren zu Waldspaziergang und Gartenarbeit. Auch der Philosoph Byung-Chul Han "darf bei diesem großen Thema nicht abseits stehen: Über 'Lob der Erde. Eine Reise in den Garten' (Ullstein) verrät schon der Vorschautext schier Unglaubliches: 'Drei Jahre lang hat er bis zur körperlichen Erschöpfung umgegraben und einen geheimen Garten aufgebaut.' Einen geheimen Garten! Nicht etwa einen öffentlichen Park. Und es kommt sogar noch besser: 'Alle Jahreszeiten hat er durchlebt'. Er kann sogar Wintersemester, inklusive Eisgrillen!"

Elise Graton spricht in der taz mit den Journalisten Carlos Spottorno und Guillermo Abril über deren Recherchen zu ihrem Reportage-Comic "Der Riss", der sich mit dem Schicksal der Flüchtlinge an den Außengrenzen der EU befasst. Mitunter wurde ihnen die Arbeit von den Beamten sehr erschwert: "Manchmal wollte man verhindern, dass wir Zeugen illegaler Vorgehensweisen wurden. " Ihre Recherchen zu einem Comic zu verdichten, dazu inspirierte sie im übrigen Guy Delisles "Pyöngjang": Spottorno "dachte, das ist ein Comic und zugleich die beste Reportage, die ich je über Nordkorea gelesen habe."

Eckart Goebel erinnert in der Literarischen Welt daran, wie Erich Auerbach vor den Nazis nach Istanbul floh und dort seine Abhandlung "Mimesis" über 2500 Jahre Literatur verfasste. Die bedrückende Lebenssituation habe ihn demnach in seinem Tun befeuert: Sie "befreit ihn von kleinlichen Sorgen wie der, auch noch den kleinsten Forschungsbeitrag berücksichtigen zu müssen, sowie davon, angesichts der gewaltigen Masse der Literatur schlicht zu verzagen. Die beschränkenden akademischen Umstände sind segensreich für unbeschränktes Schreiben, und so wird 'Mimesis' zum strahlenden Zeichen intellektueller Freiheit inmitten von Unfreiheit."

Weitere Artikel: Im Logbuch Suhrkamp schreibt Akin E. Sipal über das Einschussloch in der Balkontür seines Großvaters in Istanbul. Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Tania Blixens "Afrika, dunkel lockende Welt". Michael Hillebrecht befasst sich im Dlf-Kultur-Feature mit der afroamerikanischen Gegenwartsliteratur.

Besprochen werden unter anderem Lana Lux' "Kukolka" (taz), Jirô Taniguchis und Natsuo Sekikawas "Tokio Killers" (Tagesspiegel), Mohsin Hamids "Exit West" (Tell), Jonas Grethleins Studie "Die Odyssee. Homer und die Kunst des Erzählens" (Tagesspiegel), Arno Geigers "Unter der Drachenwand" (online nachgereicht von der FAZ), Iori Fujiwaras Krimi "Der Sonnenschirm des Terroristen" (taz), Arno Camenischs "Der letzte Schnee" (NZZ), Bernhard Schlinks "Olga" (SZ) und Yian Lankes "Die vier Bücher" (FAZ).
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Musik

Helmut Mauró läutet in der SZ das Leonard-Bernstein-Jahr ein: Der große Dirigent, Komponist und Pianist wäre im kommenden August 100 Jahre alt geworden. Unter anderem hörte sich der Musikkritiker auch durch die Beethoven-Aufnahmen, die mit den Wiener Philharmonikern entstanden. Aufgenommen wurde etwa die Fünfte mit "all dem krachenden Nachkriegsfuror, mit dem man in Beethoven vor allem das Unberechenbare, Grenzen Sprengende, ja das Monströse suchte. Das klingt trotz der enormen Pegelausschläge keineswegs plump, denn alles, auch die für sich genommen irritierenden Extreme, ist von einer enormen musikalischen Kraft zusammengehalten, die den züchtigen Zeitgeist der Sechzigerjahre hemmungslos überspringt und in nahezu körperlich anmutende Leidenschaft überführt. Bernstein, so schien es jedenfalls auch jenseits der Bühne, kannte zwar viele Arten der Leidenschaft, wollte da aber keine weiteren Differenzierungen vornehmen - sondern immer alle auf einmal haben." Dazu passend: In diesem Video aus den 50ern führt Bernstein durch Beethovens fünfte Sinfonie:



Außerdem: In der taz erklärt Franziska Seyboldt warum uns Musik eine Gänsehaut beschert. Dazu passend hat Jens Uthoff in der taz mit der Musikwissenschaftlerin Susan Rogers darüber gesprochen, welche Prozesse Musik in unserem Gehirn auslöst. In Frieze schreibt Simon Reynolds über 40 Jahre Mute Records. Chloé Lula hat sich für Electronic Beats mit der polnischen Techno- und Noise-Künstlerin Ewa Justka getroffen, die ihre eigenen Instrumente baut. Deutschlandfunk Kultur bringt eine Lange Nacht von Anette Selg über Cole Porter.

Besprochen werden das Klezmerpunk-Album "The Butcher's Share" von Daniel Kahn & The Painted Bird (taz), ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Gustavo Dudamel (Standard), ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Manfred Honeck (Tagesspiegel), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Antonio Pappano (Tagesspiegel), ein Liederabend mit dem Tenor Piotr Beczala (NZZ), das Majorlabel-Debüt der Hamburger Rapperin Haiyti (Tagesspiegel, FR, mehr im gestrigen Efeu), das neue Album von Jarrod Dickenson (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Feine Sahne Fischfilet (ZeitOnline).

Archiv: Musik

Bühne

Bild: Szene aus "Die Krönung der Poppea". Bernd Uhlig.

So "Unerhörtes" hat die Oper selten gehört, schwärmt Wolfgang Herles im Freitag nicht nur über eine brillante Anna Prohaska in Eva-Maria Höckmayers Inszenierung von Claudio Monteverdis Oper "Die Krönung der Poppea" an der Berliner Staatsoper: "diese Oper und diese Produktion sind reine Erleuchtung. Im Sinne von Aufklärung: Eine 350 Jahre alte Satire auf alles, was uns groß, bloß nicht artig erscheinen mag. Erstens also auf die Politik. Zweitens auf die Liebe. Gier, Rache, Mord. Macht und Sex sind in dieser Oper und in dieser kongenialen Inszenierung eins. Staatsoper eben, in jeder Beziehung."

Weiteres: Ein wenig ermattet berichtet Nachtkritiker Claude Bühler von Julia Hölschers Kleist-Inszenierung "Amphitryon" am Theater Basel: Die "Göttersphäre kontrastiert scharf mit Nüchternheit. Es ist ein skelettierter Kleist, der hier zur Aufführung kommt, nicht nur der vielen Striche im Text wegen."  Im Standard spricht Margarete Affenzeller mit dem jungen Theaterregisseur Felix Hafner, der am Landestheater in St. Pölten Joseph Roths "Die Flucht ohne Ende" zur Aufführung bringen wird.

Besprochen werden "Die Wiederentdeckung der Granteloper" des Theaterkollektivs FUX am Berliner HAU (Berliner Zeitung), die deutsche Uraufführung von Kate Tempests Theaterdebüt "Wasted" am Deutschen Theater Göttingen (taz), Jefta von Dinthers vom schwedischen Cullbergballett getanztes Stück "Protagonist" am Berliner Hebbel-Theater (FAZ)

Archiv: Bühne