Efeu - Die Kulturrundschau

Meuterei ist Untergang

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10.01.2018. In der NZZ erklärt Corinna Harfouch das Theater zu einem System der Ausbeutung, von dem selbst Neoliberalisten noch lernen könnten. Ebenda fragt Abraham B. Jehoschua, warum die Literaturkritik eigentlich die Moral als Kategorie aufgegeben hat. Die SZ schüttelt den Kopf über einen Kunstbetrieb, der eine Künstlerin wie Carmen Herrera erst jetzt entdeckt: Sie ist 102 Jahre. FAZ und ZeitOnline bewundern die Sensibilität und surreale Kraft in Makoto Shinkais Animationsfilm "Your Name".

Film


Szene aus "Your Name" (Bild: Universum Films)

Von einer Kostbarkeit des japanischen Animationsfilms berichten Dietmar Dath in der FAZ und Jens Balzer auf ZeitOnline: Makoto Shinkais Fabel "Your Name - Gestern, heute und für immer" ist der bislang erfolgreichste Zeichentrickfilm Japans, lässt sich an den Filmen des Meisters Hayao Miyazaki ohne weiteres messen und ist in Deutschland vor seiner DVD-Veröffentlichung nur zwei Tage im Kino zu sehen. Balzer sieht in der Geschichte nicht nur Anklänge an Miyazaki, sondern auch an Yasujiro Ozu: "Eine unwahrscheinliche Doppel-Hommage an jene gleichermaßen prägenden, aber voneinander doch so entfernt scheinenden Großmeister des japanischen Nachkriegskinos. Und die mythischen, zarten, glitzernden Bilder, Landschaften und Figurenporträts ... steigern noch die Intensität des stetigen Werdens und Wandelns und die surreale Kraft der aufgehobenen Zeit, die zum Schluss wie eine entrückte reine Gegenwart wirkt."

Dath wiederum ist berührt von der ästhetischen Sensibiliät des Films und betrachtet voller Faszination, "wie Kreide auf eine Tafel oder ein Bleistift auf Papier schreibt, wie ein Spiegel beschlägt, wie Schatten unterm Knie beim Gehen das Schienbein verdunkeln, wie Tränen fließen, wie die Sonne untergeht, wie die Zwielichtzeit heraufzieht, die im lokalen Dialekt des Hauptschauplatzes der Handlung 'kataware doki' heißt: Man hat derlei so durchscheinend und doch fest, so dicht und atmend noch nie gesehen; man spürt, wie kalt der Wind nachts ist, man steht selbst mitten auf der zerstörten Straße und glaubt, den in der Katastrophe zerbrochenen Zug anfassen zu können."

Woody Allens
neuer Film "Wonder Wheel" quillt mal wieder über vor Nostalgie, diesmal, was den Budenbetrieb auf Coney Island betrifft. Das zeitigt zwar Bilder "von überreifer Üppigkeit", ist aber als Erzählung nicht zu gebrauchen, meint Elmar Krekeler in der Welt: "Vielleicht hätte man eine Diashow" aus dem Film machen sollen. Allen habe "sich in der Vergangenheit eingerichtet", urteilt Andreas Busche im Tagesspiegel und attestiert dem Regisseur ein ebenso ältliches Frauenbild unter Verweis auf einen kürzlich in der Washington Post erschienen Artikel, der den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit dadurch bestätigt sieht, dass sich in Allens Privatnotizen zahlreiche Entwürfe für Geschichten über Liebesgeschichten zwischen älteren Männern und jungen Frauen finden.

Außerdem: Wolfgang Sréter berichtet im Freitag von den "Days of Cinema" in Ramallah. Carolina Schwarz hat in der taz genug vom Trend zur Mini-Serie.

Besprochen werden die Anthologie-Serie "Philip K. Dick's Electric Dreams", die auf den Kurzgeschichten des berühmten Science-Fiction-Autors beruht (Welt), die Comedy-Serie "The Young Sheldon" (FR) und Yorgos Lanthimos' "The Killing of a Sacred Deer" (Standard).
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Bühne

In einem sehr unverblümten Interview mit der NZZ spricht die Schauspielerin Corinna Harfouch über die Volksbühne, über Frank Castorf und seinen Nachfolger ("Chris Dercon ist das Räucherstäbchen, das die Volksbühne reinigt"). Und sie erklärt das Theater zum "letzten feudalistischen System", womit sie auch die Ausbeutung von Frauen meint, vor allem aber die der Menschen: "Wenn man miteinander ins Boot springt und losfährt, zu arbeiten beginnt, gilt noch immer: Meuterei ist Untergang. Der Kapitän ist nicht absetzbar ... Ich würde sagen: Die Neoliberalisten haben es dem Theater abgeschaut, wie man sich mit seinem ganzen Sein und Körper einer Sache zur Verfügung stellt. Man macht das, weil man die Sehnsucht nach einer Grenzerfahrung hat. Das ist eine ausnutzbare Hingabe. Aber es muss sich etwas ändern: Die Ausbeutung der Leidenschaft am Theater ist enorm!"
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Kunst


Carmen Herrera: Blanco y Verde, 1966-1967. Whitney Museum

Die Düsseldorfer Kunstsammlung zeigt die große Retrospektive zu Carmen Herrera aus dem New Yorker Whtitney Museum, und in der SZ erzählt Michael Kohler noch einmal die Geschichte dieser Künstlerin, die "Pionierin und Veteranin der abstrakten Nachkriegskunst" zugleich ist - mit 102 Jahren: "Carmen Herrera ist nicht die erste Künstlerin, die spät die verdiente Aufmerksamkeit erfährt. Louise Bourgeois und Maria Lassnig hatten die 60 bereits überschritten, als sie zu Weltstars wurden, Agnes Martin wurde als Greisin aus der Versenkung geholt und für die Rumänin Geta Brătescu fing die westliche Karriere erst mit 91 Jahren so richtig an. Und doch sticht die Geschichte Herreras, einer US-Amerikanerin kubanischer Herkunft, heraus: Als sie ihr erstes Bild verkaufte, war sie 89 Jahre alt und malte im Grunde nur noch für sich selbst; vier Jahre später kürte die New York Times sie zum 'heißen neuen Ding' der Malerei. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich mehrere Sammler bereits reichlich mit Herreras missachteten Pionierwerken eingedeckt, und in den großen US-amerikanischen Museen begann die Aufholjagd."

Rebecca Horn, Aus dem Mittelalter entwurzelt, 2017, Privatsammlung, Bonn 2017, Foto: Gunter Lepkowski
Das Lehmbruck Museum in Duisburg widmet Rebecca Horn eine Retrospektive, und im Tagesspiegel muss Christiane Meixner die mittlerweile 73-jährige Künstlerin einfach bewundern, trotz aller Theatralik und effekthaften Überwältigung: "In ihrem Werk manifestieren sich Fülle, Theatralik, Sinnliches, Poesie, Feminismus und Body Art - und ebenso Aspekte, die über das Konkrete hinausweisen. Wer wie Horn eine wilde 'Painting Machine' (1988) konzipiert, der macht sich nicht zuletzt über den Abstrakten Expressionismus lustig. Und über jene Ehrfurcht, die den malenden Berserkern von damals entgegengebracht wird."

Weiteres: Im Standard verteidigt Sebastian Borger dem gerade in der Londoner Tate Modern gezeigten Modigliani gegen seine Verächter. In der NZZ freut sich Marc Neumann, dass die Schweiz künftig mit Ferdinand Hodlers Bild "Femme en Extase" , ein Porträt der Tänzerin Giulia Leonardi von 1911, in Washingtons National Portrait Galllery vertreten sein wird.

Besprochen wird die Ausstellung "Delft Porcelain" über europäische Fayencen im Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig (FAZ).
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Literatur

Der Literaturkritik ist die Moral als Sujet und Kategorie ihres analytischen Instrumentariums abhanden gekommen, bedauert Abraham B. Jehoschua in seiner Dankesrede zum Feltrinelli-Preis, den die NZZ in einer gekürzten Fassung dokumentiert. Der Rückzug aus der Moral sei ein Verlust, meint Jehoschua: Schließlich könne eine Kritik mit moralischem Kompass in erzählerischen Werken "erstaunliche Dinge entdecken. Zum Beispiel, wie ein Schriftsteller durch die Mittel der Rhetorik und die Art, wie er Details organisiert, den Leser dazu bringen kann, sich in moralische Entscheide einzufühlen, die seinen eigenen Wertvorstellungen diametral entgegenstehen, oder eine moralisch fragwürdige Lesart zu tolerieren."

Außerdem: Susanne Lenz schreibt in der FR über die Kinderbuchillustratoren Wolf und Leonard Erlbruch. Die deutschen Taschenbuchausgaben von Georges Simenons Romanen erscheinen künftig bei Hoffmann und Campe, meldet Manuel Müller in der NZZ.

Besprochen werden April Ayers Lawsons "Jungfrau" (NZZ), Jochen Missfeldts "Sturm und Stille" (taz), Lana Lux' Kukolka" (Tagesspiegel), Elnathan Johns Debüt "An einem Dienstag geboren" (FR), Arno Geigers "Unter der Drachenwand" (SZ), Roger Paulins Biografie über August Wilhelm Schlegel (FAZ) sowie Michel Houellebecqs Essay über Schopenhauer und Julia Enckes Essay über Michel Houellebecq (Tagesspiegel).
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Musik

Das Yardbirds-Konzert mit Jimmy Page vom 30. März 1968 umrankt zahlreiche Mythen, erklärt Peter Kemper in der FAZ. Und das nicht nur weil es den Kippmoment zum Heavy Rock markiere, den die Nachfolge-Band Led Zeppelin später zu ihrem Markenkern ausbauen würde, sondern auch, weil es bislang kaum zu hören war. Schlechte Aufnahmen wurden bislang von Page selbst aus dem Verkehr gezogen, der jetzt allerdings eine neu abgemischte Version auf den Markt gebracht hat - und zwar sehr zur Freude Kempers, der hier "ein einzigartiges Rock-Dokument" gesichert sieht. "Vor allem das Spiel von Jimmy Page wird hier in seiner ganzen majestätischen Gewalt hautnah spürbar. Jeder Ton scheint dem Instrument abgerungen, das unter seinen Attacken zu wimmern und zu heulen beginnt und sich in seinen Händen in ein kaum zu zähmendes Untier verwandelt."

Weitere Artikel: Ulrich Amling vom Tagesspiegel ist in einer ersten Bilanz sehr zufrieden mit den Neu-Berliner Dirigenten Robin Ticciati, Vladimir Jurowski und Justin Doyle: "Weil sie neue programmatische Schwerpunkte setzen und eine Strahlkraft mitbringen, die künftig noch mehr Menschen ins Konzert locken könnte." Florian Bissig porträtiert in der NZZ den Jazzgitarristen Julian Lage. In der Welt verabschiedet sich Michael Pilz von der Westberliner Plattenladen-Institition Mr. Dead and Mrs. Free, die am 3. Februar - trotz Vinylhype - ihre Pforten schließt. "Das Zeitgenössische müsste im Vordergrund stehen", fordert die Geigerin Patricia Kopatchinskaja im NZZ-Gespräch über den Klassikbetrieb gegenüber Christian Wildhagen. In der taz empfiehlt Sylvia Prahl die Hiphop-Band Deine Freunde, die mit Raps für die Kinderzimmer groß geworden sind. Für die SZ porträtiert Reinhard J. Brembeck den Dirigenten Sébastien Daucé. Karl Fluch erinnert im Standard an Pete Shelleys 1983 veröffentlichtes Postpunk- und Proto-Dance-Album "XL 1", das Projekten wie LCD Soundsystem den Boden bereitete. Eine Hörprobe:



Besprochen werden ein Essayband aus dem Nachlass von Nikolaus Harnoncourt (NZZ) und das Album "Mali Foli Coura" der panmalischen Band BKO (taz).
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