Efeu - Die Kulturrundschau

Dramatisch gut durchpulst

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02.01.2018. Die Welt rechnet mit Céline ab: Sein ungeniertes Vomlederziehen sei nie modern gewesen, sondern schon immer regressiv. In der FAZ erklärt der Pianist Piotr Anderszewski, dass Mozart nicht nur Musik geschaffen hat, sondern Lebewesen. Die SZ porträtiert die Architektin Christine Nickl-Weller, die keine Kranken-, sondern Gesundheitshäuser bauen möchte. Und Slate.fr isst ein letztes Safran-Risotto mit Goldblatt.

Architektur


Entwurf für das Kinderkrankenhaus Großhadern in München. Bild: Nickl und Partner.

In der SZ porträtierte Gerhard Matzig bereits am Samstag die Münchner Architektin Christine Nickl-Weller, die anstelle von Krankenhäusern lieber Gesundheitshäuser bauen möchte, in denen Menschen nicht um sechs Uhr aus den Schlaf gerissen werden, dafür aber Ruhe und Geborgenheit finden: "1984 wurde im Wissenschaftsmagazin Science eine Studie veröffentlicht, in der zwei Gruppen von Patienten mit gleichen Operationen miteinander verglichen wurden. Die eine Gruppe konnte durch das Zimmerfenster auf einen Park mit Bäumen schauen, die andere Gruppe musste die Betonmauer des Nachbargebäudes in den Blick nehmen. Ergebnis: Patienten, die auf den Park sehen konnten, benötigten deutlich weniger Schmerzmittel, litten seltener an Depressionen und konnten im Schnitt einen Tag früher nach Hause entlassen werden als die Patienten der Betonwand-Gruppe. Besser kann man das Healing-Architecture-Phänomen kaum umschreiben."

Weiteres: SZ-Autor Peter Richter sieht Berlin in einer veritablen Identitätskrise, jetzt, da der Wohnraum so knapp wird wie in München oder Frankfurt. taz-Kritikerin Katharina J. Cichosch besucht die bereits viel gerühmte Ausstellung "Frau Architekt" im Frankfurter Architekturmuseum.
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Literatur

Die geplante Wiederveröffentlichtung von Célines antisemitischen Pamphleten nimmt Tilman Krause in einem online nachgereichten Welt-Artikel zum Anlass, auch literarisch einmal grundsätzlich mit ihm abzurechnen: Kenntlich werde bei der Re-Lektüre ein reichtlich mittelmäßiger Autor. "Célines narrative Strategie des unter Auferbietung auch der gröbsten Kraftausdrücke ungeniert Vomlederziehens erweist sich bei näherem Hinsehen vielleicht als gar nicht so avantgardistisch, wie eine in Bilderstürmerei und anderen Zertrümmerungen schwelgende Moderne es wahrhaben wollte. Sondern als hochgradig regressiv. ... Die Zeiten, da ausgestelltes sprachliches Berserkertum, antibürgerlicher Furor und angeblich authentisches Loslabern eo ipso als von ästhetischem Wert zeugend zu gelten hatten, darf man ja wohl getrost als abgelebt betrachten."

Es mangelt Europa an Heimatgefühl, schreibt Karin Janker in der SZ. Am ehesten finde man es noch bei den Flüchtlingen, die alles hinter sich lassen, um nach Europa zu kommen: "Das Narrativ Heimat bedarf ständiger Fortschreibung. Und zwar nicht nur in der Politik, sondern auch in Büchern, Filmen, Schulen, Zeitungen. Romane wie etwa 'Altes Land' von Dörte Hansen oder 'Der Fuchs' von Nis-Momme Stockmann spüren demselben Gefühl der Entwurzelung nach, auf das die AfD, die FPÖ oder der Front National eine Antwort gefunden zu haben glauben. Sie tun es mit den Möglichkeiten der Literatur, ohne Separatismus, ohne Ressentiments. Die neuen Heimatromane kehren das Prinzip des Bildungsromans um. Heimat ist in ihnen nicht mehr ein Ort, von dem man auszieht, um die Welt zu erkunden. Die Heimat kommt abhanden, ohne dass etwas gewonnen wäre. Die Helden kehren zurück in die Provinz, in der sie eigentlich nichts verloren haben."

Hannah Lühmann rollt in der Welt genervt mit den Augen angesichts dessen, dass in feministischen Kreisen schwarze Listen von Büchern kursieren, die man als Femnistin gar nicht erst anzufassen brauche: "Schierer Unsinn. ... Seit wann besteht Kritik darin, sich vom Kritisierten fernzuhalten? Muss man, um seine Wut über bestimmte kulturelle Gegenstände zum Ausdruck zu bringen, diese nicht kennen? Muss ich nicht, um nachzuweisen, was an einer Erzählweise sexistisch ist, sagen können, was da steht?"

Außerdem: In einem online nachgereichten Artikel aus der Literarischen Welt berichtet Marko Martin von seinem Treffen mit dem Autor und Schoah-Überlebenden Aharon Appelfeld. Denis Scheck fügt Arno Schmidts "Zettels Traum" seinem Welt-Literaturkanon hinzu. Ernst Osterkamp schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Literaturwissenschaftler Gerhard Neumann.

Besprochen werden Rebecca Solnits Essayband "Die Mutter aller Fragen" (ZeitOnline), Maren Wursters Debüt "Das Fell" (Tagesspiegel), Makoto Shinkais und Ranmaru Kotones Manga "your name" (Tagesspiegel), neue Bilderbücher für Kinder (Welt) und der Band "Junge Liebe zwischen Trümmern" mit bislang unbekannten Erzählungen von Hans Fallada (SZ).
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Bühne


Szene aus "Richard III.", Foto: Matthias Horn

Nahe kommt Michael Thalheimer dem Monster nicht in seiner Inszenierung von Shakespeares "Richard III.", meint Joachim Lange im Standard, auch wenn Norman Hacker am Münchner Residenztheater viel Körpereinsatz zeigt: "Hacker läuft zur Mimenhochform auf. Heute käme dieser Richard mithilfe von Gutachtern ins Gefängnis. Doch müsste man nicht eigentlich miterleben, wie er ins Weiße Haus käme? In München implodiert ein Machtmensch in den Wahnsinn, der in der Realität dieser Tage in die Politik explodiert."

Udo Badelt besucht für den Tagesspiegel das teuer, aber seiner Meinung nach spektakulär sanierte Gärtnerplatztheater in München. Und: "Das von Paris inspirierte Stadtbild bekräftigt ein altes Paradox: Gerade bauliche Strenge führt zu grandioser Kulisse für städtisches Leben - ja, sie scheint geradezu dessen Bedingung zu sein. Überall Flaneure, Cafés, charmante Läden."

Besprochen wird die elektronische Kammeroper "Elektra" von Jacob Suske und Ann Cotten am Wiener Schauspielhaus (Nachtkritik).
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Kunst

Im Guardian gibt Jonathan Jones einen Ausblick auf das Kunstjahr 2018 und die spannendsten Ausstellungen. In der New York Times weiß Holland Cotter, welche Künstler man in nächsten Jahr auf dem Radar haben muss: Das Harlem Studio Museum zeigt sie gerade in der Ausstellung "Fictions". Für die FAZ besucht Kerstin Holm die Kunstmuseen der ukrainischen Kulturstadt Lemberg.

Besprochen werden Ausstellungen zu den Fotografen Joel Meyerowitz und Torbjörn Rödland im C/O Berlin (taz) und eine Schau holländischer Meister in der Hermitage Amsterdam (Tagesspiegel).
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Musik

Im Gespräch mit der FAZ schwärmt der Pianist Piotr Anderszewski von Mozart, mit dem er sich gerade ausgiebig befasst. Mozart, so Anderszewski, schafft "mit seiner Musik ein vollständiges Lebewesen, das mindestens so komplex ist, wie wir es sind, weil es eben nicht linear funktioniert. Mozarts Musik ist so assoziativ, so bunt, so eklektisch wie wir. Und wenn jemand das schriftlich festhalten kann, in Form von Noten, ja dann muss doch wirklich alles möglich sein. Das ist ein sehr beruhigender Aspekt, der die Welt etwas gelassener ansehen lässt."

Weitere Artikel: Von den 7,5 Millionen Euro, die der Bund den Berliner Philharmonikern im neuen Jahr zuschießt, bleiben wegen Wegfalls anderer Förderungen netto nur 2,5 Millionen Euro übrig, die überdies für in den vergangenen Jahren Liegengebliebenes aufgebraucht werden, erklärt Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Im ZeitMagazin träumt Mascha Alechina von Pussy Riot.

Besprochen werden das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti (Standard), das neue Album "Oeo" von Alma (Standard), eine von John Nelson dirigierte Aufnahme von Hector Berlioz' Oper "Les Troyens" (FAZ) und eine 108 CDs umfassende Box mit allen Aufnahmen des Chicago Symphony Orchestras unter Georg Solti. "Was hier erklingt, ist schiere Disziplin, bis in die feinsten Äderchen, und doch weder trocken noch statisch, sondern immer dramatisch gut durchpulst", schreibt Helmut Mauró darüber in der SZ.
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Film

Carolin Ströbele resümiert auf ZeitOnline das deutsche Serienjahr 2017, das sich für die Zukunft als echter Game Changer herausstellen könnte: Immer mehr Streamingdienste interessieren sich für die Produktion der Öffentlich-Rechtlichen, es zeichnen sich neue Kooperationen zwischen alten und neuen Playern ab, das Genre hält wieder Einzug und Autoren werden endlich wertgeschätzt: "Das ist tatsächlich die positivste Entwicklung, die aus diesem Serienjahr resultiert: ... Dass Autoren nicht mehr die Namenlosen sind, die gerne als Schuldige angeführt werden, wenn ein Film nicht funktioniert. Die aber im Gegensatz zu Regisseuren und Schauspielern fast nie Lob für ihre Arbeit bekommen."

Außerdem: In der FR empfiehlt Daniel Kothenschulte Jakob Schuhs vom ZDF online gestellten Animationsfilm "Es war einmal... nach Roald Dahl". Besprochen werden die Western-Serie "Godless" (Freitag) und Andrew Huculiaks zwischen Musikvideo und Spielfilm changierendes Video "Violent" (Freitag).
Archiv: Film

Design

Freddy Langer schreibt in der FAZ zum Achtzigsten des Mode- und Porträtfotografen David Bailey, der Vorbild für den Fotografen in Michelangelo Antonionis Film "Blow Up" war: "Bailey ging mit seinen Modellen aus dem Atelier hinaus in die wirkliche Welt, brachte ihnen neue, kecke Posen bei und verzichtete auf die Aura des Entrückten, Überirdischen, welche die Mannequins bis dahin umflorte. Er arbeitete mit frechen Gören wie Jean Shrimpton, Penelope Tree und Twiggy, womit er die Schönheit gewissermaßen demokratisierte. Vor allem eines aber prägte seine Bilder: Während das Team um ihn herum die Modelle in die teuersten Kleider steckte, zog er sie mit den Augen ganz ungeniert wieder aus."

Auf Slate.fr trauert Nicolas de Rabaudy um Italiens größten Gastronomen, den Mailänder 3-Sterne Gualtiero Marchesi, dem wir zwei neue Klassiker verdanken: Die offenen Ravioli und ein Safran-Risotto mit Goldblatt.
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