Efeu - Die Kulturrundschau

Platinum hüllt diese Welten in Samt

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15.12.2017. Die Berliner Zeitung stöbert durch den Nachlass von Gabriel García Márquez und findet eine wunderbare Filmidee. Der Tagesspiegel stellt den chinesischen Künstler Hua Yong vor, der sein Engagment für die Wanderarbeiter gerade mit drohender Haft bezahlt. Sehr kühl reagieren die Theaterkritiker auf Mette Ingvartsens noch kühlere Choreografie "21 pornographies" an der Volksbühne. Tausend trockene Trap-Beats, zu denen Neonazis verdroschen werden, hört Zeit online mit Pharrell Williams.

Musik

Bass erstaunt ist Jens Balzer auf ZeitOnline, dass nun ausgerechnet "Happy"-Musiker Pharrell Williams mit seiner alten Combo N.E.R.D. auf der Zielgeraden dieses Jahrs der afroamerikanischen Musik doch noch einen heftigen politischen Drall mit auf den Weg gibt: "Assembling a riot, no more trail of tears", rappt Williams auf dem neuen Album "No_One Ever Really Dies" und "dazu knallen im Stück 1000 trockene Trap-Beats, während im Video aufgebrachte Demonstranten flüchtende Nazis verprügeln und Südstaatenflaggen verbrennen. Auch gibt es den Präsidenten mit Hakenkreuzarmen zu sehen und ein kurzes Sample der alten kalifornischen Punkrockhelden Dead Kennedys - 'Nazi redneck assholes fuck off!' -, und die fantastische Tänzerin Mette Towley führt mit kurz geschorenen Haaren und in einem roten Camouflagedress eine militante Formationschoreografie vor, ähnlich dem aufsehenerregenden Black-Panther-Gedächtnis-Tanz, den Beyoncé Knowles vor zwei Jahren beim Superbowl inszenierte. Der Kampf geht weiter!"



Außerdem: Diviam Hoffmann spricht in der taz mit Andreas Spechtl über dessen neues Soloalbum "Thinking About Tomorrow, And How To Build It", das seine Eindrücke bei einem Aufenthalt in Teheran verarbeitet. In der Spex plaudert Niklas Fuchs mit Fink. Eleonore Büning berichtet in der neuen musikzeitung von den Musiktagen in Badenweiler. Für den Tagesspiegel hat Stefanie Borowsky eine Veranstaltung zum 70. Geburtstag des DDR-Plattenlabels Amiga besucht. In der neuen musikzeitung schreibt Claus Lochbihler zum 100. Geburtstag von Thelonious Monk.

Besprochen werden das neue Neil-Young-Album "The Visitor" (Standard), ein neues Vinyl-Boxset von Fela Kuti (Pitchfork), ein Jazzkonzert von Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lytton (FR), ein Konzert von Lydia Lunch (Tagesspiegel), neue Veröffentlichungen mit jamaikanischer Dancehall-Musik (taz) sowie Philippe Margotins und Jean-Michel Guesdons Buch über die Songs der Rolling Stones (FAZ).

Außerdem nennt Pitchfork die besten Experimental-Alben des Jahres - wenig überraschend hat das Musikmagazin Arca auf die Spitzenposition gehoben:

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Literatur

Für die Berliner Zeitung stöbert Arno Widmann in Gabriel García Márquez' online veröffentlichtem Teilnachlass und stößt dabei auf Unmengen Briefe, Artikel und Notizen des Nobelpreisträgers, unter anderem auch "aus García Márquez' Tätigkeit an der Filmhochschule von Havanna. Da steht dann 'Filmidee: Ein Film über den perfekten Fußball'. Den hat es nie gegeben. Aber die Idee ist wunderbar. Sie hat diesen Dreh ins Unmögliche, diese augenzwinkernde Himmelstürmerei, für die seine Leser ihn lieben. Man liest sich fest in Artikeln von ihm und wird traurig, denn er ist tot und man wird nichts Neues mehr lesen von ihm. Dann aber macht man sich klar, was für ein Unsinn das ist, denn dieser Nachlass ist voller Texte, die man noch nicht gelesen hat."

Mit seinem im Guardian veröffentlichten Statement, dass Frauen per se die besseren Literatinnen seien und dies auch deshalb, weil es deren männlichen Kollegen nicht gelinge, Frauen zu beschreiben, schüttet der Schriftsteller John Boyne das Kind mit dem Badewasser aus, meint Angela Schader in der NZZ: "Stünde es um die von Männern geschaffenen weiblichen Charaktere tatsächlich so arg, dann hätte ich mit Sicherheit niemals ein Literaturstudium angetreten. ... Ironischerweise gründet Boyne sein Plädoyer nicht zuletzt auf Argumente, die ziemlich nah beim Gärtchen der mit Weiblichkeit und Männlichkeit assoziierten Klischees gewachsen sind."

Außerdem: In einem Facebook-Posting bringt Liao Yiwu seine Sorge über den Gesundheitszustand der von den chinesischen Behörden unter Hausarrest gestellten Künstlerin Liu Xia, Witwe Liu Xiaobaos, zum Ausdruck, meldet der Standard: In einem Gedicht an Herta Müller bittet die Dichterin um Hilfe. Der kamerunische Schriftsteller Patrice Nganang ist in seiner Heimat aus einem Flugzeug heraus verhaftet worden, weil er mit einer vor wenigen Tagen auf Jeune Afrique veröffentlichten Kritik an der Politik in seiner Heimat angeblich den Präsidenten Kameruns beleidigt haben soll, meldet Johannes Dietrich in der FR. Im Logbuch Suhrkamp sprechen Andreas Pflüger und Erik Spiekermann ausführlich über viele Dinge, unter anderem über Typografie. Für Jochen Schmidt "sind Spielplätze utopische Orte", gesteht der Schriftsteller im Freitext-Blog auf ZeitOnline. Peter Handke erhält den Kärntner Landesorden nun doch in Gold statt in Silber, meldet Paul Jandl in der NZZ. Der Freitag übersetzt Rhiannon Lucy Cossletts Kurzgeschichte "Sex für die Katz". Cornelia Geissler gratuliert dem Schriftsteller Giwi Margwelaschwili in der FR zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden die Hermann-Hesse-Ausstellung im Literaturhaus Berlin (FR), Lee Hollis' Punk-Kurzgeschichtenband "Many Injured, More Dead" (taz), Barbara Schiblis "Flechten" (NZZ) und Christiane Florins "Weiberaufstand" (FAZ).
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Bühne


Mette Ingvartsen in 21 pornographies. Foto: Marc Domage

Nein, das war auch nichts, meint Elisabeth Nehring in der nachtkritik über Mette Ingvartsens Choreografien Red Pieces an der Volksbühne. Vor allem der erste Teil, das Solo "21 pornographies" nach dem Marquis de Sade, hat in seiner Distanziertheit die Kritikerin kalt gelassen: "Stets mit klarer Stimme, ohne Emotionalisierung, sachlich, distanziert, aber auch ein bisschen delikat fasst Ingvartsen als Conférencière des Abends de Sades Phantasien zusammen, manövriert sich wie eine Stewardess gestisch durch den Raum, wobei sich verbale und physische Darstellung zunehmend verschränken, etwa wenn es heißt, eine Frau solle 'ihr bestes Stück' zeigen und Ingvartsen kurz die Hose herunterzieht. In diesen Momenten verkörpert die Performerin zugleich Subjekt und Objekt dieses befremdlichen Greisenbegehrens - und hält sich doch das alles durch die diversen Meta-Ebenen der vielfachen Erzählperspektiven - im wahrsten Sinne des Wortes - vom Leib."

"Verstörend ist ihr Stück nicht", bedauert auch Sandra Luzina im Tagesspiegel. In der taz fragt sich Astrid Kaminski: "Ist das De-Sade-Setting das Imperium, das es durch queer-feministische Empowerment-Praktiken zu erobern gilt?"

Als der polnischen Filmregisseur Krzysztof Kieslowski 1988-89 seine Filmreihe über die zehn Gebote drehte, spielte diese noch vor dem Hintergrund eines grauen und gescheiterten Sozialismus. Stephan Kimmig, der die Serie jetzt fürs Wiener Volkstheater aufbereitet, packt das ganz anders an, erfährt man im Standard von Margarete Affenzeller, die vor der Premiere heute abend mit ihm sprach: "Kimmig bezeichnet sein für das Theater aufbereitetes Zehn-Gebote-Projekt als einen 'Gegenentwurf zu den zurechtgezimmerten Identitäten, die man seit ein paar Jahren anscheinend haben soll'. Und er meint damit jenen vom Neoliberalismus zurechtgestutzten Menschen, der heute einfach nur zu funktionieren hat."

Besprochen werden außerdem Christoph Waltz' Inszenierung von Verdis Oper "Falstaff" in Antwerpen (FAZ), Damiano Michielettos Inszenierung der Berlioz-Oper "Damnation de Faust" in Rom (SZ) und "Children of Tomorrow" von Tina Müller und Corinne Maier am Münchner Volkstheater (nachtkritik).
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Kunst

Im Tagesspiegel stellt Christian Schröder den chinesischen der Künstler Hua Yong vor, der sich mit Videodokumentationen für die Wanderarbeiter in China einsetzt (und jetzt vor der Polizei untertauchen musste), deren Behausungen großflächig abgerissen werden: "Staatschef Xi Jinping hatte erst im Oktober beim 19. Parteitag seiner Kommunistischen Partei gefordert, die Funktionäre sollten sich 'zuerst' um die Menschen kümmern. Nun fragt in einem von Huas Videos eine gerade obdachlos gewordene Mutter: 'Zuerst wir?' Neben ihr hocken zwei kleine Kinder. 'Die Regierung hat uns nach draußen in die Kälte gesetzt. Sie denkt zuerst an sich.' Ein Mann, der seine Habseligkeiten auf einen Lastwagen räumt, klagt: 'Sie behandeln uns nicht wie Menschen. Peking ist nicht mehr die Stadt der einfachen Menschen.'" (Mehr dazu in der New York Times.)

Hier diskutiert offenbar ein Beamter mit obdachlos gewordenen Wanderarbeitern:



In der NZZ porträtiert Katrin Schregenberger die mexikanischen Fotografin Flor Garduño, die in der Schweiz mit einem Labor zusammenarbeitet, das Palladium/Platinum-Prints anfertigt. Die Technik erlernte sie Ende der Siebziger von dem Fotografen Alvarez Bravo: "Mit 22 belichtete Garduño das erste Mal mit Platinum beschichtetes Papier unter der Sonne, zum ersten Mal schien das Licht durch ihr eigenes Negativ. Es war der Anfang einer Liebe. 'Platinum-Prints geben dir das Gefühl, dass du eintreten und die fotografierten Körper berühren kannst', sagt sie. Vielleicht ist es das, was das Verfahren für Garduño so unabdingbar macht. Denn ihre Kunst lebt von der Welt der Phantasie, von Mythen, ihre Fotografien - stets in Schwarz-Weiß - gleiten ab ins Surreale. Platinum hüllt diese Welten in Samt. Es verwandelt die Realität in einen Traum."

Besprochen wird außerdem eine Ausstellung zu Ehren des Schriftstellers, Dichters und Zeichners Robert Gernhardt im Frankfurter Caricatura Museum (FAZ, SZ)
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Film

Und schwupps hat die Maus den Fuchs geschluckt: Gestern haben sich die Gerüchte bestätigt, dass der Disney-Konzern mittels eines rund 52 Milliarden Dollar schweren Aktienpakets große Teile des Majors 21st Century Fox erworben hat. Das kommt einem Erdbeben für das Studiosystem gleich, kommentiert der Hollywood Reporter. Die wesentliche Faktenlage: Nach dem Erwerb von Pixar, Marvel und LucasFilm betreibt Disney sein Franchise-Shopping damit munter weiter, entledigt sich eines seiner Konkurrenten und positioniert sich bestens aufgestellt für einen eigenen Streamingdienst, mit dem der Konzern ab 2019 Netflix aufs Korn nehmen will: Über so eine von Kino über Fernsehen bis zu Merchandising breite und attraktive Produktpalette verfügt dann kein anderer Anbieter mehr - wobei Disney mit seinem Blockbuster-Portfolio schon jetzt seit Jahren die vorderen Chartplätze abonniert hat.

Angesichts dieser so erdrückenden wie bedrückenden Marktmacht versucht David Steinitz in der SZ in einer dialektischen Wendung das Positive an diesem Deal zu sehen: Vielleicht ist dies ja jetzt der "Weckruf" für die restlichen großen Studios, "weiterhin relevante Filme zu machen und Filmgeschichte zu schreiben. Sony, Warner, Universal und Paramount machen derzeit nämlich in vielen Fällen nicht mehr, als Disney-Produkte zu kopieren. ... Da Disney die Bereiche FSK0 bis FSK12 abgesteckt hat, mit Filmen und Nebenprodukten, die für die ganze Familie auf der ganzen Welt funktionieren, könnten es die anderen Studios zum Beispiel mal wieder mit weniger Trickfiguren aus dem Computer und echter Erwachsenenunterhaltung probieren." Über die Wundertüte, die Disney von Fox abgreift, schreibt die New York Times.

Von der Gegenwart des Kinos in dessen Vergangenheit: Elvira Notari war die erste italienische Filmemacherin - von 1912 bis 1930 war sie aktiv, überliefert ist jedoch nur ein Rumpf ihres Werks. Diesen zeigt jetzt die von Heide Schlüpmann und Karola Gramann gegründete Frankfurter Kinothek und zwar sehr zur Freude von Daniel Kothenschulte: "Elvira Notaris ist ein hoch musikalisches Kino, das thematisch wie kompositorisch die Nähe zum neapolitanischen Liedgut verrät", schreibt er in der FR. "Wahrheit und Künstlichkeit, Naturalismus und Überhöhung waren keine Gegensätze im frühen Kino, und in Elvira Notaris Werk schien diese kultivierte Unschuld länger als anderswo lebendig." Für den Freitag hat sich Vivien Kristin Buchhorn mit den beiden Kuratorinnen unterhalten: "Das Realistische bei Notari entsteht dadurch, dass sie ihre Filme im proletarischen und subproletarischen Teil von Neapel ansiedelt", erklärt Heide Schlüpmann. "Sie hat auf der einen Seite die Exzessivität von Leidenschaft und Gewalt, auf der anderen wirken die Filme dokumentarisch darin, wie Straßen, Landschaften oder Menschen auf neapolitanischen Festen inszeniert werden. Sie entwickelt quasi einen Realismus vor dem Neorealismus." Weitere Informationen bietet dieser Überblick. Ein Ausschnitt aus Notaris "A Santanotte" steht auf Youtube:



Besprochen werden Claire Denis' "Meine schöne innere Sonne" (FR, Tagesspiegel, im Standard unterhält sich Dominik Kamalzadeh mit der Regisseurin), die zweite Staffel der Netflix-Serie "The Crown" (NZZ), Darren Thorntons "Ein Date für Mad Mary" (Tagesspiegel) und Thomas Riedelsheimer zweiter Dokumentarfilm "Leaning into the Wind" über den Land-Art-Künstler Andy Goldsworth (SZ, Tagesspiegel).
Archiv: Film