Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Leben lang erfolgreich nachgedacht

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12.12.2017. Die SZ lernt im neuen Außenministerium in Den Haag, dass die Holländer weder Pathos noch Abstand mögen. Die FAZ lernt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, Affen zu lieben. Die Welt macht sich keine Sorgen mehr ums Deutsche. Und in der taz gratuliert Stephan Wackwitz dem unverändert coolen Giwi Margwelaschwili zum Neunzigsten.

Architektur


Das neue Außenminiserium in Den Haag, Rijnstraat 8. Foto: Delfino Sisto Legnani und Marco Cappelletti / Office for Metropolitan Architecture (OMA)


Wie im Wunderland fühlt sich SZ-Kritikerin Laura Weißmüller, die das neue Außenministerium in Den Haag besichtigt, eigentlich ein Superministerium, direkt am Hauptbahnhof. "Die Holländer mögen keine Gebäude mit Pathos", lernt sie von der Rotterdamer OMA-Architektin Ellen van Loon, und offenbar auch keine sichtbaren Sicherheitsvorkehrungen und keinen Abstand: "Die Offenheit, die das Gebäude nach außen ausdrückt, wird im Inneren noch sehr viel weitergetrieben. Natürlich gibt es auch hier Sicherheitsschleusen. Doch dahinter erlebt man, wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte. Bevor man das genauer studiert, sollte mal noch einmal daran denken, wo man sich gerade befindet: in einem Ministerium. Einem Ort also, an dem man kilometerlange Korridore mit verschlossenen Bürotüren und unansehnlichen Küchennischen erwartet. Zumindest in Deutschland. Hier ist es anders. An einem gewöhnlichen Donnerstagvormittag fühlt man sich wie in einem menschlichen Bienenstock. Es wird überall gearbeitet, am liebsten mit Kaffeebecher in der Hand und aufgeklapptem Laptop."
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Literatur

In der taz gratuliert Stephan Wackwitz dem verehrungswürdigen  Schriftsteller Giwi Margwelaschwili zum neunzigsten Geburtstag: "Seine sehr dezidierten Urteile über die politischen Verhältnisse Georgiens und über die Zeitgeschichte allgemein sind in einer Weise und einer Plausibilität aus philosophischen Einsichten abgeleitet, wie ich es bis zu meinen Gesprächen mit ihm niemals gehört habe. So zum Beispiel seine Unterscheidung des Kapitalismus als einer ontologischen Sphäre vom Kommunismus/Sozialismus als einer logischen. So etwas äußert er in dem coolen Ton eines Manns, der über gewisse Dinge ein Leben lang erfolgreich nachgedacht hat. Man kann die Schneisen, die er im Plauderton solcherart in die Diskurse der Gegenwart legt, eigentlich nie vergessen und seine Unterscheidungen gehen unbemerkt und wie selbstverständlich in das eigene Denken ein."

Für die Welt unterhält sich Matthias Heine mit dem Linguisten Herbert Genzmer über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der deutschen Sprache. Um deren Fortbestand macht sich Genzmer im übrigen keine Sorgen, auch wenn dies manche Zeitgenossen anders sehen: "Die einen schätzen eben die korrekte deutsche Sprache - was das ist, lasse ich hier mal dahingestellt - und die anderen scheren sich nicht drum oder provozieren bewusst den Übergriff: 'Fack ju Göhte', Orthografieverzerrung. Daraus wird sich meiner Meinung nach eine Synthese bilden - so wie irgendwann einmal die Dialekte in einer Hochsprache zusammengeführt wurden -, die dann weitergehen wird."

Außerdem: Roman Bucheli blättert für die NZZ in Robert Musils Tagebuchnotizen, in denen sich der Schriftsteller auf die Suche nach dem eigenen Stil begibt.

Besprochen werden John Burnsides "Ashland & Vine" (NZZ), Jean Echenoz' "Unsere Frau in Pjöngjang" (Standard), Ángel Santiestebans Erzählband "Wölfe in der Nacht" (taz) sowie Katharine Norburys "Die Fischtreppe" (SZ). Und im Perlentaucher räumt Arno Widmann wieder zahlreiche Bücher vom Nachttisch.
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Kunst


Franz Marc, Liegender Hund im Schnee, 1911, Städel Museum, Frankfurt am Main © Städel Museum

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe macht immer wieder hervorragende Ausstellungen, auch die Schau "Tiere" findet Rose-Maria Gropp in der FAZ phänomenal, denn sie zeigt, dass es für den Menschen kein Leben ohne das Tier gibt. Und schon gar nicht ohne den Affen: In Hamburg lässt sich seinen Spuren durch die Zeitläufte folgen. Im alten Ägypten erscheint der Pavian als göttliche Inkarnation, als Führer ins Totenreich. Schwebend in der Ambivalenz zwischen Unschuld und Triebhaftigkeit, bleibt der Affe stets der andere des Menschen. Bis er im Film 'King Kong' 1933 auf die Spitze des Empire State Building steigt, in sprachloser Liebe zu einer Frau, abgeschossen wird von den Heroen der in der Moderne geforderten Triebunterdrückung. Im Jahr 1800 hatte Alexander von Humboldt zärtlich den 'Singe Cacajao', sein Meerkätzchen, gezeichnet, das er auf der Expedition bei sich hatte und dessen letztlich tödliche Krankheit er nicht heilen konnte."

Besprochen werden eine Ausstellung der jugoslawische Künstlergruppe Exat51 im Haus Lange in Krefeld (FAZ) und die Ausstellung "Personen, Institutionen, Objekte, Sachen" Künstlerduo Korpys/Löffler in der Kunsthalle Tübingen (taz).
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Bühne

Mit Sophie Rois' Abgang von der Volksbühne ist für Christine Wahl im Tagesspiegel endgültig klar, dass Ensemble und Repertoire keine Rolle für die Leitung Chris Dercon und Marietta Piekenbrock spielen.

Besprochen werden Katja Brunners Stück "Den Schlächtern ist kalt oder Ohlalahelvetia" am Schauspielhaus Zürich (die Kaa Linder in der Nachtkritik als "ausufernde, assoziationswütige Gegenwarts-Suada" goutiert, NZZ), Giacomo Puccinis "Madama Butterfly" am Opernhaus Zürich (NZZ), Strauss' "Rosenkavalier" mit Krassimira Stoyanova als Marschallin an der Wiener Staatsoper (Standard), Stephen Karams amerikanischer Bühnen-Hit "The Humans" am Schauspielhaus Bochum (taz) und Anne Teresa de Keersmaekers' Choreografie "Mitten wir im Leben sind" zu Bachs Cellosuiten (taz).
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Stichwörter: Chris Dercon, Sophie Rois

Film

Für Aufsehen sorgte gestern die Meldung, dass Saudi-Arabien nach 35 Jahren Verbot nun wieder Kinos im Land erlauben will. Dahinter steckt allerdings nicht ausschließlich hehre Einsicht, erklärt Dunja Ramadan in der SZ: Unter dem Projekttitel "Vision 2030" will der junge Kronprinz Mohammed bin Salman "den Golfstaat auf eine Zeit nach dem Öl vorbereiten, neue Wirtschaftszweige erschließen, wie Tourismus oder eben Unterhaltung. Die Kinobranche soll zum Wirtschaftswachstum beitragen. ... Unter dem arabischen Hashtag 'Kino in Saudi-Arabien' feiern junge Saudis die Neuigkeit. Ein Mann schreibt: 'Endlich eine Alternative zum Restaurantbesuch.' Andere schlugen Titel für künftige Produktionen vor, etwa 'Ich weiß was du letzten Ramadan gegessen hast' oder 'Fifty days of pray'."

Sanjay Leela Bhansalis
neuer Film "Padmavati" über die Legenden um die Rajputen-Könige gleichen Namens ist in Indien noch gar nicht in die Kinos gekommen, aber schon immensen Anfeindungen ausgesetzt, berichtet Martin Kämpchen in der FAZ: Im Filmtrailer "tanzt Padmavati unverschleiert, was der Organisation Rajput Karni Sena ausreichte, um auf die Barrikaden zu steigen." Der Filmstart wurde nun auf unbestimmte Zeit verschoben - hier der Trailer zum Stein des Anstoßes, der vor allem viel nackte Brust des Hauptdarstellers zeigt:



Besprochen werden die aktualisierte Neuauflage von Lars Henrik Gass' Streitschrift "Film und Kunst nach dem Kino", an die Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche Julian Rosefeldts auch im Kino ausgewertete Film-Installation "Manifesto" anlegt, Rüdiger Suchslands von Arte online gestellter Dokumentarfilm "Hitlers Hollywood" über die Filmproduktion des "Dritten Reiches" (FR), Yesim Ustaoglus "Clair Obscur" (Welt, unsere Kritik hier), Katell Quillévérés "Die Lebenden reparieren" (SZ) und der heute Abend im ZDF gezeigte Dokumentarfilm "Der große Zampano" über den einstigen Medienmogul und Filmrechtehändler Leo Kirch (taz, FR, Tagesspiegel).
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Musik

Auf seinem neuen Album "Thinking About Tomorrow, And How To Build It" verarbeitet Andreas Spechtl seine Erfahrungen und Eindrücke eines Stipendiatenaufenthalts in Teheran, nach denen sich auch SZ-Kritiker Volker Bernhard bei dem in Berlin lebenden Musiker erkundigt. Spechtl berichtet von einer klandestinen Kulturszene in der Metropole: "Durch befreundete Musiker fand er Eingang in eine Szene, die weit davon entfernt ist, Konzerte, Performances und Ausstellungen auf Plakaten bewerben zu können. Ein Hinterhof, zweite Tür links, dritter Stock: So in etwa lesen sich die Anfahrtsbeschreibungen zu privaten Räumen mit einem quasi-öffentlichen Charakter, denn erst hier wird freier Austausch möglich. Diese Raumgefüge jenseits der Unterscheidungen 'privat' und 'öffentlich' sind zersplittert und segmentiert: Geht eine bestimmte Person, darf der Schleier gelüftet werden, geht eine weitere, kommt der Alkohol auf den Tisch." Hier ein Stück aus Spechtls Album:



Weiteres: Ken Münster berichtet im Tagesspiegel vom We Jazz Festival in Helsinki. Thomas Thiel hat für die FAZ eine Frankfurter Tagung über Hiphop besucht, bei der unter anderem die Rapperin Sookee die Vorzüge von Queer Rap pries. In der Zeit porträtiert Stefan Hentz den Oud-Spieler Anouar Brahem. Hier ein aktuelles Video:



Besprochen wird Thurston Moores und Charles Haywards gemeinsames Album "Improvisations" (Pitchfork). Die Kritiker von ZeitOnline küren die besten Alben des Jahres.
Archiv: Musik