Efeu - Die Kulturrundschau

Kniefall vor dem Publikum

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27.11.2017. Mit dem Aufruf der Filmemacher sieht FAZ die Berlinale in einer veritablen Krise. Die FR erklärt, dass die Suche nach einer Kosslick-Nachfolge auch deswegen so schwer ist, weil der Filmbetrieb kein Interesse an Kunstvermittlung hat. Die NZZ stellt Südafrikas Lyriker der Born-Free-Generation vor. Und die taz erkundet die Heavy-Metal-Szene im Libanon.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2017 finden Sie hier

Film

Filmschaffende fordern in einem Positionspapier die Neubesetzung des Berlinale-Chefpostens mit einer "für das Kino brennenden Persönlichkeit" und damit implizit einen Neuanfang nach der Ära Kosslick (mehr dazu hier und hier). So jemanden in den naheliegendsten Betriebs-Bereichen zu finden, dürfte ein Problem werden, merkt dazu Daniel Kothenschulte in der FR an: An cinephilen Vermittlern, Kuratoren und Experten herrsche im Filmbereich schlicht kein Interesse - im Gegensatz etwa zur Bildenden Kunst. "Die Filmkultur leidet unter einem immensen Bedeutungsverlust, und die Branche trägt maßgeblich die Schuld daran. Wer sich mehr für die Finanztöpfe interessiert als dafür, wie anspruchsvolle Filme denn ihr Publikum finden sollen, muss sich nicht wundern, wenn Funktionäre statt Filmliebhaber die Festivals leiten." Auf das geforderte Profil passen dennoch einige, sagt Kothenschulte - nur machen die im Betrieb keine Karriere, sondern leiten auf schlechtbezahlten Posten idealistische kommunale Kinos.

Für FAZ-Kritiker Andreas Kilb manifestiert sich in dem drängenden Aufruf der Filmemacher eine handfeste Krise des Festivals: "Berlin hat Speck angesetzt, während sein Herzstück, der Wettbewerb (...), geschrumpft ist. Ei­ne neue Fes­ti­val­che­fin müss­te das Ge­wicht des Wett­be­werbs stär­ken und das der Sek­tio­nen re­du­zie­ren. Schon des­halb kommt ei­ne Be­set­zung aus der För­der­bran­che, die mit den exis­tie­ren­den Ber­li­na­le-Struk­tu­ren viel­fach ver­ban­delt ist, im Grun­de nicht in Fra­ge. Ein Neu­an­fang be­deu­tet auch, dass Köp­fe aus­ge­tauscht, Kom­pe­ten­zen be­schnit­ten und lang­jäh­ri­ge Seil­schaf­ten ge­kappt wer­den. Da­für braucht man kei­nen Stall­ge­ruch, son­dern Ner­ven­stär­ke und Ge­schmacks­si­cher­heit."

Im Tagesspiegel verabschiedet sich Christiane Peitz vorgezogen von der Berlinale-Ära Kosslick - und bemerkt im Rückblick, dass ja nun beileibe nicht alles schlecht war: "Kosslick hat es verdient, dass er zwei letzte, gute Jahre hinlegen kann. Dass er würdig verabschiedet und nicht zum Opfer seines Erfolgs wird. Dass vor lauter Neustart-Sehnsüchten nicht plötzlich alles passé ist, was die Berlinale ausmacht."

Weiteres: Peter Nau empfiehlt in der taz zwei Filme von Harun Farocki, die das Berliner Kino Arsenal zeigt.

Besprochen werden eine BluRay-Box mit Christoper Lees Dracula-Filmen (SZ), "Battle of the Sexes" mit Emma Stone und Steve Carell (SZ), Fatih Akins "Aus dem Nichts" (FAZ) und neue Bücher über Michael Curtiz' Filmklassiker "Casablanca", der vor 75 Jahren uraugeführt wurde (Standard).
Archiv: Film

Bühne


Stefan Puchers "Wartesaal" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Arno Declair

An den Münchner Kammerspielen hat Stefan Pucher mit dem Stück "Wartesaal" Lion Feuchtwangers Roman "Exil" im gutaussehenden Dreißigerjahre-Look in Szene gesetzt. "Warten ist der Tod, scheint dieser Abend, sehr ratlos, ernst und düster, zu sagen", vermutet Philipp Bovermann in der Nachtkritik. In der SZ bescheidet Christine Dössel allerdings die euphorisierten Theatergänger streng: "Ein wirklich großer Theaterabend ist 'Wartesaal' nicht, nur ein groß angelegter, groß besetzter, großspurig daherkommender." Ähnlich sieht es Bernd Noack in der NZZ: "Ein bisschen wirkt dieser Abend wie ein Kniefall vor dem Publikum. Die ganze übrig gebliebene Garde der Kammerschauspieler marschiert auf, nebst einigen Neuzugängen, die man endlich wieder als großes Ensemble erleben kann: solide Schauspielkunst im ehrwürdigen Haus statt wüster Experimente."

Nach Heike Goetzes Inszenierung von Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" am Theater Neumarkt frohlockt Daniele Muscionico in der NZZ: "Dieser Frisch ist eine Studie über Humor als Fluchtbewegung der herrschenden Klasse aus der Verantwortung als Bürger." In der Nachtkritik erkennt Maximilian Pahl dagegen nur Verlegenheitskomik.

Besprochen werden Sebastian Nüblings Inszenierung von Arthur Millers Drama "Tod eines Handlungsreisenden" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik), das Rio-Reiser-Musical "König von Deutschland" im Potsdamer Hans-Otto-Theater (SZ, Tagesspiegel) und Ewald Pal­mets­ho­fers Haupt­mann-Ad­ap­ti­on "Vor Son­nen­auf­gang" am Theater Basel (bei der FAZ-Kritiker Simon Strauß echten schwe­ren Naturalistenschmerz spürte).
Archiv: Bühne

Literatur

Eine neue, nach der Apartheid geborene Lyriker-Generation, die so genannten "Born Frees", hat in Südafrika das Wort ergriffen, erklärt Indra Wussow in einem sehr instruktiven Überblick in der NZZ. Diese zeichnet sich durch einen stark identitätspolitischen Aspekt aus, erfahren wir: Dazu "gehört die Abgrenzung von dem rassenübergreifenden südafrikanischen Selbstverständnis der Vorgängergeneration. Beeinflusst von der 'Black Lives Matter'-Bewegung in den USA, untersucht die Generation der unter Dreißigjährigen, wie Gewalt gegen den schwarzen Körper Denken und Selbstwahrnehmung beeinflusst. Der eigene Blick auf den Körper steht im Fokus und wird zum Ort des lyrischen Geschehens, an dem Identität und Wandel ablesbar sind."

Weiteres: In der FR schreibt Otto A. Böhmer über Rainer Maria Rilkes Verhältnis zum Tod. Im Bayerischen Rundfunk spricht Stefan Parrisius mit Navid Kermani. Der WDR bringt ein Feature von Annette Brüggemann über das Schreiben von Karl Ove Knausgård. Markus Metz und Georg Seeßlen denken im Literatur-Feature auf Deutschlandfunk Kultur über Jonathan Swift nach.

Besprochen werden Elnathan Johns Debütroman "An einem Dienstag geboren" (Tagesspiegel, NZZ), Simon Strauß' "Sieben Nächte" (Jungle World), Attila Bartis' "Das Ende" (FR), Ameera Patels "Outside the lines" (NZZ), Péter Nádas' "Aufleuchtende Details" (Tagesspiegel), Michael Opitz' Biografie des Dichters Wolfgang Hilbig (FR), Maurizio de Giovannis Krimi "Frost in Neapel" (FR) und Boris Vians "Die Gischt der Tage" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Goethes "Klaggesang. Irisch":

"So singet laut den Pillalu
Zu mancher Träne Sorg' und Noth:
Och orro orro ollalu,
..."
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Archiv: Literatur

Kunst


Adriaen van Ostade: Der Maler in seiner Werkstatt, 1663, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden. Foto © bpk, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Hans-Peter Klut

Sehr aufschlussreich findet die FAZ die Ausstellung "Die Geburt des Kunstmarktes" im Hamburger Bucerius-Forum, die erkundet, wie im Goldenen Zeitalter der Malerei, im 17. Jahrhundert der Niederlande, der Kunstmarkt entstand - mit Serien und Schnellmalerei und Spezialisierung als den typischen Formen der modernen Rationalisierung: "Auch vorher schon gab es Formen des Handels, vor allem im 16. Jahrhundert in Antwerpen. Neu ist aber, so die These, die strategische Ausrichtung auf diesen, die Motive, Formate und Malverfahren ergreift. Neu ist auch der Boom der Malerei, der zu Massenprodukten führte, die leider kaum überliefert sind. Interessanterweise waren es gerade biblische Historienbildchen, die kaum künstlerischen Aspekten folgten, sondern der Freude an Geschichten und Effekten dienten und für unfassbar geringe Summen verhökert wurden."

Besprochen werden die beiden großen Wiener Schauen zu Raffael und Rubens in der Albertina und im Kunsthistorischen Museum (NZZ), die "schöne, aber total überraschungsfreie" Modigliani-Schau in der Londoner Tate (Guardian), die Ausstellung "Dis­pla­ce­ments/En­t­or­tun­gen" mit Ay­se Erk­men und Mo­na Ha­to­um im Mu­se­um der bil­den­den Küns­te in Leip­zig (FAZ), eine Ausstellung zum Informel-Bildhauer Emil Cimiotti im Berliner Georg-Kolbe-Museum (Tagesspiegel) und eine Schau mit Christine de Grancys Fotos von David Bowie beim Besuch der Gungginger Künstler in der Galerie Crone Wien (Standard).
Archiv: Kunst

Musik

Für die taz hat sich Julia Neumann in der Metalszene im Libanon umgesehen und dafür zahlreiche Protagonisten getroffen. Man merkt richtig, wie die Leute dort nach einer langen Phase der Repression angesichts einer zaghaften Liberalisierung aufatmen: "1996 wird Metal im Libanon durch die Regierung verboten. ... 2011 wird Bassem Deaïbess verhaftet. 'Die Polizei hat mich zwei Tage in Gewahrsam genommen, weil ich lange Haare habe und Metallica höre. Sie dachten Nirvana sei ein Musikgenre und haben blöde Fragen gestellt, wie: Was machst du, wenn du eine schwarze Katze siehst? Ein Freund wurde sogar gefragt: Trinkst du Blut und welche Blutgruppe?' Er unterschreibt ein Papier und versichert, dass er kein Satansverehrer ist." Doch "heute schert sich kaum noch jemand um Plakate von Metalbands an Straßenecken oder Werbeeinblendungen für Heavy-Metal-Events im Fernsehen." Hier ein Video von Deaïbess' Band Blaakyum:



Weiteres: Roland Graffe führt im Machtdose-Podcast wieder durch Neuerscheinungen aus der Netzmusik-Szene. Uwe Ebbinghaus befasst sich in der Frankfurter Pop-Anthologie mit "The Greatest" von Cat Power:



Besprochen werden ein Konzert von Depeche Mode (FR) und ein Auftritt von Milky Chance (FR). Und ein ziemlich toller, das Herz erwärmender Musiktipp für diesen kahlen Herbstmorgen: Auf Facebook schwärmt Spiegel-Redakteur Tobias Rapp von Bettye Swans wunderbarem Soulsong "Today I Started Loving You Again":


Archiv: Musik
Stichwörter: Metal, Libanon, Heavy Metal