Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Bo­te, dem die Ho­se brennt

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08.11.2017. In der NZZ bekennt Jonathan Franzen: Donald Trump erzeuge bei ihm nichts als große Leere. Die FAZ besichtigt auf der Architekturbiennale Chicago das Drama der Bodenpreise. Die SZ feiert in Bologna noch einmal die Fotografie der Arbeit. Die taz arbeitete sich beim Berliner Jazzfest freudig durch mehrere Schichten gestapelte Klangflächen. Auf ein sehr geteiltes Echo stößt George Clooney mit seinem Vorstadt-Drama "Suburbicon". ZeitOnline erkundet unsere Komplizenschaft mit Kevin Spacey.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2017 finden Sie hier

Film


George Clooneys "Suburbicon". Foto: Concorde.

Mit "Suburbicon" bedient George Clooney auf Grundlage eines bearbeiteten Drehbuchs der Coen-Brüder aus den 80ern das Genre der Vorstadt-Demaskierung: Das weiße Suburbia der fünfziger Jahre zeigt nach einem Mordfall seinen wahren Rassismus. Das hätte zwar Potenzial zum "bösen Film" gehabt, schreibt dazu Andreas Busche im Tagesspiegel: Doch wie nonchalant Clooney hier das Thema US-Rassismus aufgreift, "ist angesichts der politischen Realität schon fahrlässig ...  Dass Hollywood, und insbesondere selbsterklärte liberale Vertreter der Filmindustrie wie Clooney, Haslov und Damon sich heute noch auf die fünfziger Jahre beziehen müssen, um etwas über die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA zu erzählen, ist eine ziemliche Bankrotterklärung. Als Satire wirkt 'Suburbicon' fast so bieder und harmoniesüchtig wie jener slice of life, dem ihr Film den Spiegel vorhält. Eine einzige Verschwendung von Talent."

Vielleicht ist das Vorstadthöllen-Genre auch einfach mal durch, hält Philipp Bovermann in der SZ fest: "Der Film muss die Scheinwelt, die er entlarven will, erst mühsam selbst konstruieren. Das schlechte Gewissen darüber kommuniziert er im Hintergrund mit. Die strahlend weiße Heimat aus Gardinen und Apfelkuchen ist nicht nur im Kern verrottet, sondern es hat sie vielleicht ebenso wenig gegeben, wie es den in Hollywood dargestellten Wilden Westen je gegeben hat." Dietmar Dath in der FAZ hält den Film indessen für die "bisher schlüssigste Arbeit" seines Regisseurs. In seiner Figurenzeichnung gelinge Clooney nämlich Beachtliches: "Die zen­tra­len Ge­stal­ten der sa­dis­tischen Lach­tra­gö­die wer­den zwar scham­los als ver­korks­te Platz­pa­tro­nen vor­ge­führt, aber ande­rer­seits nicht ein­fach ab­ge­watscht, weil das da­zu notwendi­ge Mo­ment der an­ge­maß­ten mo­ra­li­schen Überlegenheit des Er­zähl­ton­falls fehlt - der Film weiß es nicht bes­ser, er ist wirk­lich nur ein Bo­te, wenn­gleich ei­ner, dem die Ho­se brennt."

Kaum ein Schauspieler der Gegenwart versteht sich so gut darauf, ein Aas zu spielen, wie Kevin Spacey. Mit den sich häufenden Missbrauchsvorwürfen hat dieser Zauber seinen Glanz verloren - wie damit umgehen, fragt sich Gerhard Midding auf ZeitOnline: "Spaceys Ruhm war und ist nicht unverdient. Er lässt sich nicht ausradieren. Seiner Karriere kann nun zwar ein Ende gesetzt werden, aber sie lässt sich nicht rückgängig machen. ... Er war, bei aller Verworfenheit, auch ein Stellvertreter des Publikums; seine Charaktere gaben unseren Fantasien eine Gestalt. Nun müssen wir uns reinwaschen von der Verbindung, die wir mit ihm eingingen. Eine Entzauberung hat stattgefunden, die sich so jäh und rasch vollzogen hat, dass einem schwindelt."

Von den Skandalen rund um Weinstein und Spacey hatte man im übrigen schon deutlich früher wissen können, wenn man denn nur mal die Gossip-Spitzen in satirischen Zeichentrickserien wie "Family Guy", "South Park" und "Simpsons" ernst genommen hätte, meint unterdessen Peter Weißenburger in der taz. Hier zum Beispiel ein Gag aus der Serie "Family Guy" aus dem Jahr 2005 (!):



Besprochen werden die Netflix-Doku "Der Tag, an dem ich El Chapo traf" (taz) und die Serie "Outlander" (FAZ). Außerdem gibt die NZZ Serientipps für den Herbst
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Literatur

Wie schreibt man international bei der Kritik gefeierte Bestseller-Romane? Indem man den Vorhang zuzieht, das Internet abstöpselt und auch nicht auf dem Smartphone nachschaut, welchen Unsinn Donald Trump gerade wieder in die Welt hinausposaunt. Sagt Jonathan Franzen im NZZ-Gespräch mit René Scheu. Für Franzen ist das alles "Lärm" (oder vielleicht auch, sollte er im Gespräch "noise" gesagt haben, Rauschen). "Wenn ich mich an die Arbeit machen will und die letzten idiotischen Worte, die Donald Trump gerade zum Besten gab, in meinem Kopf nachhallen, dann empfinde ich bloß eins: Leere. Das, worüber alle die ganze Zeit sprechen, ist für einen Schriftsteller ipso facto uninteressant. ... Indem ich mich isoliere, bringe ich den Lärm zum Schweigen. Nur durch ein sehr kleines Loch dringt die Welt noch zu mir durch, und wenn ich in diesem Zustand bin, nehmen Kleinigkeiten plötzlich eine eigene Bedeutung an. Ich erinnere mich plötzlich - ach, diese Bemerkung, die ich gestern im Bus hörte, ist interessant."

Dass man keineswegs zum Eremiten mutieren muss, um Großes zuwege zu bringen, hält Adrian Daub ebenfalls in der NZZ in einem Essay über Moderne-Skepsis und Moderne-Euphorie fest. Als literarischen Kronzeugen führt er William Carlos Williams (1883-1963) und dessen Gedicht "A Goodnight" über das Trippeltrappel auf den Straßen an: "Das schöne Bild von huschenden Massen, die uns einschläfern, lässt sich ironisch lesen, als sei in der Metropole ein Einschlafen schlicht nicht möglich. Aber die Zeile erlaubt auch die gegensätzliche Lesart: dass man bei allem Brummen und Lärmen eben doch einschläft. ...Die Moderne ist bei ihm nie rein kritikwürdig. Wie seine knappe, objektfixierte Lyrik desorientiert sie, und man richtet sich trotzdem in ihr ein. Man kann Williams' Beschreibungen von Bus fahrenden Angestellten in Patterson, New Jersey, heute kaum lesen, ohne an nebeneinandersitzende Smartphone-Nutzer zu denken."

Sehr interessiert und ausführlich bespricht Carlos Spoerhase in der FAZ Clayton Childress' kultursoziologische Studie "Under the Cover", das den gesamten Schaffensprozess einer Romanveröffentlichtung begleitet und analysiert: Das Buch lasse "die Fluidität kultureller Artefakte deutlich werden. Die­sen wird näm­lich meist un­ter­stellt, dass sie ge­nau so aus­se­hen müs­sen, wie sie uns vor Au­gen kom­men: Das li­te­ra­ri­sche Werk hät­te gar nicht an­ders sein kön­nen als ge­nau so, wie es uns ent­ge­gen­tritt. Hät­te es aber doch."

Besprochen werden Heinrich Bölls Kriegstagebücher 1943 bis 1945 (FR), Hélène Cixous' "Osnabrück" (FR), Laurie Pennys Essayband "Bitch Doktrin" (Tagesspiegel), Marc-Uwe Klings "QualityLand" (Zeit), die erstmalige Übersetzung ins Deutsche von John Williams' Erstling "Nichts als die Nacht" (NZZ), ein Essayband von Margaret Atwood (SZ) und mit Büchern von Wladislaw Chodassewitsch und Michail Ossorgin Wiederentdeckungen aus der russischen Emigrationsliteratur (NZZ).
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Kunst


Josef Koudelka/ Magnum Photos. Foto/Industria

Von der einst so umfassenden kommunistischen Kultur ist dem roten Bologna noch die Biennale Foto/Industria geblieben, die sich ausschließlich der Fotografie der Arbeit verschrieben hat. Thomas Steinfeld staunt in der SZ, wie viele Menschen sich für diese Relikte interessieren: "Warum schauen sie sich, vermittelt über die Fotografien des Tschechen Josef Koudelka, die Verwüstungen an, die das Graben nach Braunkohle in der Lausitz anrichtete? ... Dass diese Aufnahmen, in ihrer Mehrheit zumindest, nicht nur ästhetisch interessant sind, sondern auch eine Auskunft über den Zustand der Welt enthalten, ist eine Sache. Eine andere ist es, dass sich im Begriff der Arbeit offenbar ein alles andere als erledigtes Problem verbirgt: Unübersehbar ist, dass die physische Arbeit der Vergangenheit angehört, während die zeitgenössische Arbeit keinen Arbeiter mehr kennt. Und offensichtlich ist auch, dass sich das Publikum über diesen Wandel nicht beruhigen kann."

Weiteres: Der Mississippi scheint derzeit hoch im Kurs (siehe gestern) zu stehen, für die Berliner Zeitung folgt Ingeborg Ruthe dem Fotografen Cyrill Lachauer in der Berlinischen Galerie flußssabwärts: "Der Eindruck ist eher derb, herb-melancholisch, trostlos bisweilen. Und die meisten Porträtierten muten an wie Außenseiter." Michael Bartsch berichtet in der taz von einer Diskussion in Dresden um Kunst in der DDR.

Besprochen werden die Manet-Ausstellung im Wuppertaler Heydt-Museum, die den Blick auf weniger bekannte Werke des Impressionisten freigibt (art Magazin), die Retrospektive des Schweizer Malers Ferdinand Hodler im Wiener Leopold Museum (art Magazin), eine Schau antiker Vasen in der Münchner Glyptothek (SZ)
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Design

Der Altersdurchschnitt der Gesellschaft hebt sich zusehends, während sich das Design vor allem aufs junge Publikum stürzt. In der NZZ sehen Oliver Herwig und Antje Stahl daher einige Herausforderungen für die Gestalter nahen - auch, weil sich die ersten popkulturell ausdifferenzierten Generationen dem Rentenalter nähern: "Alt ist nämlich nicht gleich alt. ... Die Designer mussten einsehen, dass die neue, alte Zielgruppe wesentlich heterogener ist als ihre eigene. Die Lebensentwürfe von Rentnern auf Motorrädern lassen sich kaum mit denen von gärtnernden Hippies, die gerne mal einen Joint rauchen, auf einen Nenner bringen."
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Stichwörter: Alter

Musik

"Das Allerbeste" am Job als Musikerin ist es doch, missverstanden zu werden, erklärt die derzeit in den Feuilletons ja wirklich dauerpräsente Musikerin St. Vincent Marcel Anders im kurzen SZ-Gespräch. "Es gibt nichts Schlimmeres als Künstler, die zu kontrollieren versuchen, wie Menschen ihre Kunst interpretieren oder analysieren. Das ist eine Schlacht, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist - und die sich zudem sehr narzisstisch anfühlt."

Sehr dankbar zeigt sich Christian Broecking in seinem Resümee in der taz, dass Richard Williams für seinen letzten Jahrgang als Leiter des Jazzfests Berlin den Schlagzeuger Tyshawn Sorey als Artist in Residence zum Festival gebracht hat: "Linientreue Jazz-Erwartungskontexte bricht Sorey mit Anleihen aus Neuer Musik, World-Folk und Solokompositionen für Perkussion, Bass und Klavier. An die Oberfläche kommen so in mehreren Schichten gestapelte Klangflächen, statt der Klanggebirge des Free Jazz von einst ertönen nun größte Weite und Achtsamkeit. Die Spielhaltung seines Trios hat etwas gewollt Vorläufiges, signalisiert neue musikalische Kompetenz im Übergang."

Weiteres: Vor dem Berliner No!Music Festival hat sich Steffen Kolberg für ein großes Spex-Gespräch mit Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten zusammengesetzt. Im ZeitMagazin spricht Christoph Dallach mit Charlotte Gainsbourg über deren Familiengeschichte. Im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard legt uns Karl Fluch das 1970 erschienene Album "Take it and Smile" des Trios Eve wärmstens ans Herz. Daraus eine schöne Hörprobe:



Besprochen wird zudem ein Auftritt des Tenors Juan Diego Flórez mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Bühne

Der Tagesspiegel meldet, dass die Berliner Schaubühne aus Angst um ihre Mitarbeiter nicht mit ihrem "Richard III." zum Istanbuler Theaterfestival reisen wird. Welt-Kritiker Christian Mayer kommt bei den vielen Revolten, die Milo Rau mit seinem Theater anzuzetteln versucht, nicht mehr mit.

Besprochen werden das Gesamtkunstwerk "Die Reise" des Sirene-Operntheaters mit Jean Barraqués Musique de Scène bei Wien Modern (Standard) und die Uraufführung von Éric Trottiers Choreografie "ZeitGeist" in Mannheims EinTanzHaus (FR).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Richard Iii., Rau, Milo

Architektur


Tianjin Binhai Library. Foto: MVRDV

Ganz schwindlig wird einem bei den Fotostrecke, die Dezeen von einer neuen Bibliothek in Tianjin in China online gestellt hat: Das coole Rotterdamer Architekturbüro MVRDV hat sie in Form eines riesigen Auges entworfen, das natüŕlich nicht der Überwachung, sondern dem Lesen dient.

FAZ-Kritiker Niklas Maak hat auf der Architekturbiennale Chicago einen Film gesehen, den er gern zum Pflichtprogramm für städtische Behörden machen würde: "The Property Drama" des Filmemachers Christopher Roth und des Architekturtheoretikers Arno Brandlhuber: "In diesem Film gibt es eine unglaubliche Zahl. Sie wird vorgetragen von dem inzwischen hochbetagten Hans Jochen Vogel, der 1972, zur Olympiade, Oberbürgermeister von München und später Bürgermeister von Berlin war und auch einmal Kanzlerkandidat der SPD: 'In München', sagt Vogel, sei 'der Bodenpreis von 1950 bis 1972 um 352 Prozent und bis heute um etwa 36000 Prozent gewachsen'. Sechsunddreißigtausend Prozent: Die Zahl allein reicht als Begründung dafür, die Geschichte der Stadt in den vergangenen fünfzig Jahren als 'Property Drama' zu erzählen, als Geschichte eines urbanen und sozialen Niedergangs."
Archiv: Architektur