Efeu - Die Kulturrundschau

Echsenäugige Extremmenschen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.11.2017. Die FR lässt sich von Milo Rau an der Schaubühne den aussichtslosen Zustand der Welt erklären. In der Zeit fürchtet sich auch Daniel Kehlmann vor vormodernen Zeiten. Die FAZ verliebt sich in den frühen Axel Hütte. taz und NZZ staunen, wie gut Bob Dylan und Jesus zusammen klingen. Die taz schaut sich in der japanischen Filmszene um.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2017 finden Sie hier

Kunst

Bild: Axel Hütte, San Miniato, Italien, 1990

In Düsseldorf und Bottrop sind derzeit zwei Ausstellungen mit Fotografien von Axel Hütte zu sehen. In der FAZ kann Georg Imdahl dem in Bottroper Josef Albers Museum ausgestellten, noch ganz auf "Opulenz und Exotismus" verzichtenden Frühwerk des Düsseldorfer Fotografen noch mehr abgewinnen: "Es sind ausgesprochen spröde, alles andere als spektakuläre Sujets wie der Hausflur von nebenan, die motivisch, sollte man denken, wenig hergeben, den jungen Fotografen jedoch auf originelle Ideen bringen. Damals noch ungewöhnlich, fotografiert Hütte die menschenleeren Interieurs nicht nur in Schwarzweiß, sondern auch in Farbe, womit er die Aufnahmen unterschiedlich belebt. Was in Farbe erzählerisch wirkt und Erwartung befördert, stellt sich in Schwarzweiß eher als sachliches Dokument der Erinnerung dar."

Hannover war in der Weimarer Republik auch jenseits von Kurt Schwitters eine "Oase für Utopien der Avantgarde" stellt  Till Briegleb in der SZ bei der Ausstellung "rennovaH" im Sprengelmuseum fest: "Zu Unrecht nie richtig berühmt gewordene Vertreter der Neuen Sachlichkeit in Hannover wie Ernst Thoms, Gerta Overbeck, Erich Wegner oder Grethe Jürgens haben ein breites stilistisches Spektrum entwickelt, um von den schauerlichen Abgründen des Großstadtlebens und der modernen Fremdheit zu erzählen. Und die grünhäutigen und echsenäugigen Extremmenschen von Otto Gleichmann, der zur Hannoverschen Sezession zählte, wirken in ihrer Auseinandersetzung mit dem Leid der Frontgeneration wie eine Mischung aus George Grosz und El Greco." (Bild: August Heitmüller, Dagmar Laaser (Vorstudie) 1923. Sprengel Museum Hannover. Foto: Herling/Gwose.)

Auch wenn NZZ-Kritikerin Marion Löhndorf nicht genau sagen kann, ob Jean-Michel Basquiats Ruhm nicht vor allem mit dem Starkult zu tun hat, der um den mit 27 Jahren an Heroin gestorbenen Künstler betrieben wird, ist sie zufrieden, dass die im Londoner Barbican-Center gezeigte Schau "Boom for Real" genau daran anknüpft - erfährt sie doch Anekdoten wie diese: "Ein andermal aß er mit Mallouk bei einem Luxus-Italiener, als eine Gruppe von Wall-Street-Bankern sich über das Paar lustig machte: 'Wie kannst du dir das leisten hier zu sein? Bist du ein Zuhälter? Ist das deine Hure?' Statt einer Antwort bezahlte Basquiat das Tausend-Dollar-Essen der Banker. Als einer von ihnen sich bei ihm bedanken wollte, drückte er ihm 500 Dollar in die Hand und sagte: 'Sorry, ich hatte das Trinkgeld vergessen.' Filmreif."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung über die Anfänge des Kunstmarkts im Hamburger Bucerius Kunstforum (Tagesspiegel) sowie die Ausstellung "Hinter der Maske" im Potsdamer Museum Barberini (FR)
Archiv: Kunst

Film

Ausnahmsweise sehenswert fand der Experte Matthias Dell auf ZeitOnline den gestrigen "Tatort": Die vom Kino kommende Regisseurin Anna Zohra Berrached habe mit 'Der Fall Holdt' einen Klassiker der Reihe gedreht. Der Film basiert auf dem realen Fall Bögerl erfahren wir: "Elegant ist die Konstruktion dieses Tatort, weil es ihm nicht um eine Lösung des in Wahrheit ungelösten Falles geht. Vielmehr nutzt er gerade die Offenheit der Geschichte, um von Gewalt gegen Frauen zu erzählen und den Umgang damit. ... Nach den kunstfernen Äußerungen von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn (seit wann entscheidet der eigentlich über Filmproduktionen?), man wolle künftig nur noch zwei 'experimentelle' Tatort-Folgen pro Jahr drehen, ist der Witz, dass man 'Der Fall Holdt', den alle mögen werden, da durchaus drunter rechnen könnte." Auch NZZ-Kritikerin Claudia Schwartz ist beeindruckt. Für Deutschlandfunk Kultur hat sich Ute Welty mit der Regisseurin unterhalten.

Beim Internationalen Filmfestival in Tokio konnte sich taz-Kritiker Dennis Vetter bei neuen Arbeiten von Nobuhiko Ōbayashi und Takahisa Zeze davon überzeugen, "wie vielgestaltig das japanische Kino sich in den letzten Jahrzehnten ausgeprägt hat und welch drastische Entwicklungen die dortige Filmindustrie immer wieder durchmacht. Strukturen sind hier seit dem Zusammenbruch des klassischen Studiosystems selten von Dauer. Wer so lange am Ball bleiben will wie die beiden, muss einen ausgesprochen vielfältigen Sinn für das Kinohandwerk entwickeln."

Weiteres: In Polen sorgt die dort von HBO produzierte, von Grenzschützern in Osteuropa handelnde Serie "Wataha" unter rechten Publikationsorganen für Unmut, berichtet Gerhard Gnauck in der Welt. Philipp Stadelmaier stellt in der SZ die App Blackpills vor, die sich auf Mini-Serien für den Smartphone-Handgebrauch spezialisiert hat. Gunda Bartels (Tagesspiegel) und Rainer Gansera (SZ) resümieren das Festival DOK Leipzig, wo letzterem insbesondere Charly Hübners Dokumentarfilm "Wildes Herz" über den Frontmann der Punkband Feine Sahne Fischfilet aufgefallen ist. Besprochen wird der Thriller "Good Time" von den Safdie-Brüdern (Welt, unsere Kritik hier).
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Bühne

Aufgerüttelt erzählt Arno Widmann in der Berliner Zeitung von Milo Raus Performance "General Assembly" an der Berliner Schaubühne, bei der ein Wochenende lang Wissenschaftler und Betroffene, die sonst kein Mitspracherecht haben - etwa Kurden oder Katalanen - über die Notwendigkeit eines Weltparlaments sprachen: "Die Geschwindigkeit, mit der die Vorträge einander ablösten, produzierte Gleichzeitigkeit. Es entstand ein Bild unserer Lage. Ihrer Verzwicktheit, ja der Eindruck ihrer Ausweglosigkeit."

Als "kleine Sensation" wertet Nachtkritiker Sascha Westphal Stefan Ottenis Verknüpfung der Shakespeare-Stücke "Die Fremden/Der Kaufmann von Venedig" am Theater Münster, die mit Motiven der Fremdenfeindlichkeit spielt - auch indem Otteni Statisten im Publikum die in Damaskus geborene Hauptdarstellerin Zainab Alsawah auffordern lässt, Deutsch zu sprechen: "Ein anderer verlässt türenschlagend den Saal. Auch wenn diese Reaktionen klar als Inszenierung zu erkennen sind, bleibt doch ein extremes Unbehagen zurück. Schließlich hat der Vorfall in Köln bewiesen, dass so etwas durchaus in den heiligen Hallen der deutschen Kultur geschehen kann. Außerdem ist es längst nicht sicher, dass nur Statisten Zainab Alsawah beschimpft haben."

Weiteres: Als "gigantisches Verwirrspiel" erlebt Martin Krumbholz in der SZ Hermann Schmidt-Rahmers Ibsen-Inszenierung "Volksverräter!!" im Schauspielhaus Bochum: "Natürlich stellt sich die Aufführung gegen den Kryptofaschismus einer AfD, aber die erwartbare Solidarität mit der erodierten Linken ist nicht so widerspruchsfrei, wie man es - vielleicht - vorzöge." In der Berliner Zeitung gratuliert Ulrich Seidler der Nachtkritik zum zehnten Geburtstag.

Besprochen werden außerdem Christoph Winklers Tanzperformance "Sheroes" im Ballhaus Ost (taz), Lukas Lindners an Gogols "Revisor" angelehntes Stück "Der Schweizer ist der bessere Russe" am Theater Basel (FAZ, nachtkritik), das Stück "Curveball" des Kunstkollektivs "Institut für Widerstand im Postfordismus" im Berliner Theaterdiscounter, Klaus Gehres Inszenierung von Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" (nachtkritik), Carola Lorangs Inszenierung von Stefano Massinis "7 Minuten/Betriebsrat" am Staatstheater Mainz (nachtkritik), Jo Fabians Inszenierung von Anton Tschechows "Onkel Wanja" am Staatstheater Cottbus (nachtkritik).
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Archiv: Bühne

Literatur

Im Zeit-Interview mit Lars Weisbrod spricht Daniel Kehlmann über seinen neuen Roman Tyll, den ursprünglichen Eugenspiegel als Ansammlung von Kack- und Furzwitzen, Parallelen zwischen Trump und Eulenspiegel, Comedy als Waffe und die Angst vor der Gegenwart: "Ich weiß nicht, ob das vormoderne Narrenbild wiederkommt. Aber vormoderne Zustände kommen sicher wieder. Dynastische Familienpolitik zum Beispiel. Den Dreißigjährigen Krieg gab es unter anderem deswegen, weil die Mächtigen nicht einmal die Idee hatten, dass es Politik für den Staat oder für die Bevölkerung geben könnte. Politik machte man für die eigene Familie. Das ist bei Trump offensichtlich, dass er so funktioniert. In der Hinsicht sind seine Politikvorstellungen ganz vormodern."

Für ZeitOnline spaziert Wiebke Porombka mit Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff durch Wien. Wolfgang Hörner doziert im Freitag über Ovids "Ars Amatoria".

Besprochen werden Peter Hamms "Peter Handke und kein Ende" (SZ), eine Netflix-Doku über die Schriftstellerin Joan Didion (taz), Julien Gracqs aus dem Nachlass veröffentlichter Roman "Das Abendreich" (Tagesspiegel) und neue Krimis, darunter Dave Zeltsermans "Small Crimes" (FAZ). Außerdem präsentiert Deutschlandfunk Kultur die Krimibestenliste für November, für die auch unsere Krimi-Kritikerin Thekla Dannenberg in der Jury saß.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gerhard Stadelmaier über Salvador Esprius "Die Stierhaut":

"Der Stier, in der Arena Sepharads,
griff die ausgebreitete Haut an, ..."
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Musik

Eine Jesus-Phase hat ja jeder langfristig Rang und Namen vorweisbare Popstar hinter sich gebracht - so auch Bob Dylan um 1980, als er seine Fans (mal wieder) irritierte, diesmal mit Gospelarrangements, Glaubensbekenntnissen und Live-Predigten. Jetzt ist die Bootleg-Reihe, die das Schaffen Dylans minutiös aufarbeitet und nachverfolgt, mit der Nummer 13 ("Trouble No More") in eben jenen für Fans auch heute noch heiklen Jahren angekommen. Doch die Box gestattet eine Neueinschätzung, sagt Max Dax in der SZ: "Selbst der größte Zweifler kann sich heute davon überzeugen, dass der Sänger damals nicht nur seine schneidende Stimme wiedergefunden hatte, sondern auch die Musik in diesen Jahren elektrisierend, pulsierend, intensiv und berauscht war, auch wenn die Droge der Stunde auf den Namen Jesus hörte." Martin Schäfer pflichtet in der NZZ bei: "Ganz gleich, wie man über jene einst so provozierende Wende denken mag, dokumentiert wird hier, was unter Kennern längst unbestritten ist: dass Dylan bei seinem Rückfall in die Prophetenrolle, deutlich inspiriert von der Gospel-Kultur, so engagiert und berührend sang wie sonst kaum." Für Pitchfork bespricht Sam Sodomsky die Box. Ein kleiner Werbefilm bietet Eindrücke:



Mit einem Nat-King-Cole-Tributalbum meldet sich Gregory Porter zurück: "In den romantisch bis impressionistisch angehauchten Arrangements von Vince Mendoza erhebt sich beim Klassiker 'Nature Boy' Porters Stimme mit gewohnt dunkler Substanz", schreibt dazu Ljubiša Tošić im Standard. "Sie folgt dem Original stilgetreu, was vom Jazzstandpunkt aus als falsche Bescheidenheit ausgelegt werden könnte. ... Er evoziert eine würdevoll tönende Nostalgie, die dem Weihnachtsgeschäft der Firma Blue Note nicht schaden wird." Davon kann man sich zum Beispiel im folgenden Video überzeugen - wir wünschen schon mal: "Frohes Fest!"



Weiteres: Auf einer Pressekonferenz in Tokio hat der sonst für seine Schweigsamkeit in der Öffentlichkeit bekannte Kirill Petrenko tatsächlich ein paar Sätze fallen lassen, die Marco Frei für die NZZ notiert. Uli Krug blickt in der Jungle World zurück auf 40 Jahre "Never Mind the Bollocks" von den Sex Pistols.

Besprochen werden ein Konzert mit Haydn und Schubert des Tonhalle-Orchesters unter Giovanni Antonini in Zürich (NZZ), ein Strauss-Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), ein Lutoslawski- und Schostakowitsch-Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Krzysztof Urbansk mit dem Solocellisten Johannes Moser (Tagesspiegel), ein Konzert des Webern Symphonie Orchesters beim Festival Wien Modern (Standard), ein Konzert von Jamila Woods (taz) und ein Konzert von Tokio Hotel (Welt).
Archiv: Musik