Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Herr im Frack wirft einen Stuhl

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2017. Die FR lobt Claus Räfles Nazi-Drama "Die Unsichtbaren - Wir wollen leben" als Ausnahme der Ausnahmen. Die Welt fragt sich, warum der Literaturbetrieb ein so gestörtes Verhältnis zu Dichtern hat. Die nachtkritik vertieft sich in die Seestadt-Saga, eine Social-Media-Serie des Wiener Schauspielhauses. Zeit online fragt, warum prämierter Jazz zu sperrig fürs Fernsehpublikum sein soll. Die taz bringt ein letztes Interview mit Silvia Bovenschen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2017 finden Sie hier

Literatur

Wenige Wochen vor Silvia Bovenschens Tod hat sich Waltraud Schwab für die taz auf ein letztes Interview mit der Schriftstellerin und Essayistin getroffen. Das Schreiben war der an Multipler Sklerose erkrankten Autorin "wie eine zweite Bühne", erfahren wir dabei. "In den Momenten, in denen ich es intensiv tue, denke ich nicht weiter nach über meinen Zustand. Schreiben ist nicht durchgängig ein Prozess der Heiterkeit und Freude, es ist anstrengend, man flucht, verkrampft sich, aber dann fügt es sich doch wieder. Es ist nicht so, wie vielleicht bei manchen jüngeren Kollegen - man schreibt ein Buch und, hurra, dann kommt es in die Öffentlichkeit. Die mögliche öffentliche Resonanz schreibt bei mir nicht mit. Allerdings - die Autoreneitelkeit versiegt nie ganz."

In der FR würdigt Arno Widmann die Schriftstellerin und fast Furcht einflößende Intellektuelle: "Die im März 1946 in Bayern geborene schöne Frau wuchs in Frankfurt auf und war schon als Schülerin nicht nur beim Studententheater dabei, sondern besuchte auch die Vorlesungen Adornos und das Café Laumer. Hier traf sie sich mit Suhrkamp-Lektoren und -Autoren. Sie studierte Germanistik, Soziologie und Philosophie. Immer ein wenig von oben herab. Denn sie diskutierte von Anfang an mit den klügsten Köpfen der Bundesrepublik, und wenn Herbert Marcuse in die Stadt kam, dann eben auch mit ihm. Sie kannte nicht nur die Bücher, sondern auch die Autoren." Ein weiterer Nachruf von Gunda Bartels (Tagesspiegel).

Heute wird der Büchnerpreis an den Lyriker Jan Wagner verliehen, dem weite Teile des Betriebs diese Auszeichnung allerdings nicht gönnen, weil er ihnen zu harmlos ist. Darin zeigt sich, "wie seltsam verquer das gegenwärtige Verhältnis zur Lyrik ist", meint Sarah Pines in der Literarischen Welt. Dass einer gefällt, mache ihn nicht unbedeutend: "Die Lyrik als ekstatische, alle ansteckende existenzielle Form ist ein Klischee. Was heute als heilig gefeiert wird, war einmal Konfektionsware. Gefällig sein, verwegen sein, Rand sein, Mainstream sein, nein, all das auf einmal sein, hätte Baudelaire gesagt. Auf der einen Seite der falb Gekleidete mit Preisen, auf der anderen die prekäre Missverstandene: Es sind solche Polarisierungen, die die heutige Lyrik in die Rezeptionskrise stürzen." Im Deutschlandfunk Kultur unterhält sich Jörg Magenau mit dem Büchnerpreisträger.

Für die Literarische Welt besucht Richard Kämmerlings John Banville in Dublin. Der irische Schriftsteller gibt dabei auch einen realistischen Einblick in seine Schreibwerkstatt: "Wenn du beginnst, denkst du, dein Werk wird Shakespeare überflügeln. Wenn du mitten drin bist, steckst du bis zur Hüfte im Schlamm, und schließlich steht er dir bis zum Hals. Und wenn es fertig ist, dann ist es nur ein weiteres Mistbuch, das die Welt nicht braucht."

Weiteres: Übersetzer Frank Heibert gibt auf Tell Einblicke in seine Arbeit an George Saunders' Roman "Lincoln in the Bardo", der gerade mit dem Booker-Prize ausgezeichnet wurde. Im literarischen Wochenendessay der FAZ befasst sich der Literaturwissenschaftler Joachim Warmbold mit der Geschichte der Deutschen Sprache in Israel, wo zuletzt wieder höheres Interesse an Deutsch als Fremdsprache zu beobachten ist. Denis Scheck fügt W.G. Sebalds "Austerlitz" seinem Welt-Literaturkanon hinzu. Deutschlandfunk Kultur bringt eine Lange Nacht von Sven Brömsel über den Schriftsteller Hanns Heinz Ewers. Entsteht auf Instagram, dem Onlineportal für unbekümmerten Narzissmus, Mahlzeit-Chroniken und mies gefilterte Selfies, etwa gerade "untergründig eine neue Poesie"? Das fragt sich jedenfalls Andreas Rosenfelder in der Literarischen Welt, nachdem er den Instagram-Account von Lara Konrad durchstöbert und sich mit ihr getroffen hat.

Besprochen werden Graham Swifts "Ein Festtag" (Literarische Welt), eine Neuausgabe von J.G.Ballards "Betoninsel" (Tagesspiegel), Franziska Meiforts Biografie über Ralf Dahrendorf (Literarische Welt), Pascale Kramers "Autopsie des Vaters" (taz), Alain Mabanckous "Die Lichter von Pointe-Noire" (FR), Mirko Bonnés "Lichter als der Tag" (Zeit), ein von August Diehl gelesenes Hörbuch von Jurek Beckers "Jakob der Lügner" (taz) und Ines Geipels "Die Tochter des Diktators" (FAZ).

Musik

Für die taz spricht Jens Uthoff mit Rodrigo González über die Geschichte chilenischer Musik, über die der Ärzte-Musiker den gerade auf DVD veröffentlichten Dokumentarfilm "El Viaje" gedreht hat. Unter anderem geht es dabei auch um die Geschichte des Nueva Cancion und Leute wie den vom Pinochet-Regime ermordeten und verbotenen Sänger Victor Jara. Eine Pionierin war Violeta Parra, die "kam aus der künstlerisch-politisch linken Ecke. Sie hat viele Jahre ihres Lebens damit verbracht, die Identität der chilenischen Musik zu suchen. Sie ist mit Aufnahmegeräten durch kleine Dörfer gefahren. Teilweise hat sie die Texte der Lieder auch schriftlich festgehalten. Sie tat das mit einer gewissen politischen Absicht - denn viele dieser Musiken handeln vom Leiden der Arbeiter und der Armen. Von dem Typen, der sich auf dem Feld totschuftet und am Ende nicht mal ein Dach überm Kopf hat und so." Hier eine Aufnahme von Para:



Nach der großen Aufregung um den 3sat-Dokumentarfilm "Der Preis der Anna-Lena Schnabel", der zeigt, wie die Jazz-Newcomerin Schnabel damit ringt, dass sie mit dem Echo-Jazz ausgezeichnet wird, aber bei der Verleihung kein eigenes Stück spielen soll, weil der übertragende NDR diese als zu sperrig empfindet, hat der Sender auf die Vorwürfe mit einem großen Interview reagiert, das wiederum Ulrich Stock von ZeitOnline für "schäbig" hält, was den Umgang mit der Künstlerin betrifft. Stocks Vorschlag zur Güte: "Der Sender könnte den Film, der ihn kritisiert, an einem Abend um 20.15 Uhr im Dritten Programm ausstrahlen. Anschließend gäbe es um 21 Uhr eine Diskussion mit jemandem vom Echo Jazz, jemandem aus der NDR-Fernsehredaktion und zwei Musikern über die Frage, wie Jazz im Fernsehen präsentiert werden sollte und wie nicht, vielleicht unter Beteiligung des im Saal anwesenden Publikums. Zwischendurch hätte Anna-Lena Schnabel die Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen und mit ihrer Band ein paar eigene Stücke zu spielen."

Weiteres: Christian Broecking wirft in der Berliner Zeitung einen Blick ins Programm des Jazzfests Berlin, das am 31. Oktober beginnt. Im Standard unterhält sich Ljubiša Tošić mit dem Jazzsaxofonisten Clemens Salesny.

Besprochen werden Konzerte von St. Vincent (taz), Heather Nova (FR), Aldous Harding (Tagesspiegel), Gary Numan (Tagesspiegel), der Berliner Philharmoniker unter Ton Koopmann (Tagesspiegel) sowie der Wiener Symphoniker (Standard) und das neue Album von Slime (Standard).

Film



Daniel Kothenschulte staunt in der FR, wie es Claus Räfle mit seinem Film "Die Unsichtbaren - Wir wollen leben" gelingt, die Konventionen des deutschen Nazi-Drama-Films hinter sich zu lassen und für die Geschichten vier in Berlin während des "Dritten Reiches" untergetauchter Juden eine ganz eigene Form zu gewinnen: Dieser dokumentarische Spielfilm "ist die Ausnahme der Ausnahmen. Ein in vielen Lagen verwobener Teppich erzählter Wahrheit. ... Zu Beginn glauben wir die Machart aus dem Fernsehen zu kennen, nach wenigen Minuten stimmt das nicht mehr. In dokumentarischen Porträtaufnahmen erzählen die alten Menschen ihre Geschichten, doch so lebendig sind die Erzählungen, dass wir den Rahmen der Kamera vergessen. Und so ungewöhnlich pointiert, lebensvoll und einfühlsam sind die Spielszenen, die sich an ihnen entzünden. Eigentlich sind es acht Filme, vier Dokumentarfilme und vier Spielfilme, die Jörg Hauschild, einer der besten deutschen Schnittmeister, hier zu einem einzigen verwoben hat."

Weiteres: Lisa Andergassen porträtiert auf ZeitOnline die Filmemacherin Erika Lust, die sich mit ihrer "fairen Pornografie" zwischen Mainstream-Porno und queerfeministischer Subversion positioniert. Besprochen wird die zweite Staffel der Netflix-Erfolgsserie "Stranger Things", die laut den Kritikern das Qualitätsniveau der ersten Staffel problemlos hält (ZeitOnline, Welt).
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Architektur

Sexismus lässt sich in Architekturbüros genauso finden wie in Filmstudios, erklärt Anna Winston bei Dezeen. Die Diskriminierung ist höchsten etwas subtiler: "In a recent Facebook thread relating the Harvey Weinstein, a Seattle-based curator, writer and educator - who studied architecture at Yale - wrote: 'In architecture, art, academia, they are too genteel for anger. Instead we'll get frozen out and gaslit with the implication that the confrontation is evidence of our lack of analysis and intellectualism.'"

Kunst

Susanne Pfeffer wird neue Leiterin des Moderne-Museums in Frankfurt/Main, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen werden die Ausstellung "Glanz und Elend in der Weimarer Republik" in der Frankfurter Schirn (FAZ, FR), die Cezanne-Ausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe (art), die Ausstellung "Hinter der Maske. Künstler in der DDR" im Museum Barberini in Potsdam (Welt) und die Ausstellung "Die Arbeit ist noch nicht zu Ende" im Rahmen der Soho-Biennale in Wien (Presse).

Bühne


"Leonce und Lena" in Basel. Foto: Sandra Then

In Basel hat Thom Luz fürs Schauspielhaus Büchners "Leonce und Lena" inszeniert. Wer hier wer ist und welchen Sinn das Geschehen hat, ist für ihn dabei ohne Bedeutung, meint Claude Bühler in der nachtkritik. Das hat seine Momente, aber eine Haltung zu Büchners Text offenbart die Inszenierung dem Kritiker nicht: "Luz zelebriert den Zweifel an Bedeutung und Orientierung. Ebenso verhält er sich mit dem Zeitpfeil: Rückwärts abgespielt ertönt die Anweisung zu Beginn, die Handys auszuschalten. Darauf fährt der Vorhang herunter, nachdem wir das Bühnenbild hell erleuchtet minutenlang bestaunt haben, um gleich wieder hochzugehen. Ein Herr im Frack wirft einen Stuhl nach der Pianistin, nachdem sie ihm die Show gestohlen hat: Ein metaphorischer Vorgriff auf das spätere Eheleben von Leonce und Lena? Der Herr fordert uns auf, nach Hause zu gehen. Man fange den Spaß nochmals von vorne an. Aber was ist vorne?"

Auch Alfred Schlienger ist in der NZZ eher freundlich als begeistert: "Die schöne Schlussutopie des Stücks stellt Thom Luz, so sehnsüchtig wie ungläubig, ins Zentrum des Abends. So fern und ewig nah wie hier waren diese Wünsche wohl noch selten ... Der Mechanismus der Liebe dieser Königskinder erinnert hier viel eher an die Algorithmen von Parship. Sie scheinen so wenig zu wissen wie zu Beginn, wer sie eigentlich sind."

Derweil experimentiert das Schauspielhaus Wien mit einer Social-Media-Serie, der Seestadt-Saga. Man kann ihr über Facebook folgen oder über die Webseite oder man kann sich sonntags die wöchentliche Videozusammenfassung angucken - es ist jedenfalls "etwas Genuines", schreibt Theresa Luise Gindlstrasser in der nachtkritik. Es geht, wenn wir das richtig verstehen, um Politik, Beziehungen, das Leben und dann verschwindet auch jemand. Der Aufwand ist immens, so Gindlstrasser: "Insgesamt arbeiten etwa 40 Personen am Projekt, wobei elf davon im Writers Room täglich zwischen 10 Uhr und 12 Uhr den jeweils nächsten Tag vorausplanen. Das Back-End der 'Seestadt-Saga' ist im Büro von Schweigen zuhause. Da hängt, von der Decke bis zum Boden, ein detaillierter Zeitplan an der Wand. Wer postet was wann? Wer kann wann was wissen? Fährt zu dieser Uhrzeit überhaupt schon eine U-Bahn?" Und natürlich können die Zuschauer mitmachen.

Weitere Artikel: In der neuen musikzeitung spricht Robert von Bahr, Gründer des Klassiklabels BIS Records, im Interview über die Schwierigkeiten, neue Musik zu veröffentlichten und über das Nicht-Geschäft mit dem Streaming.

Besprochen werden Alexander Riemenschneiders Adaption von Michael Köhlmeiers Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (nachtkritik) und "Figaros Hochzeit" an der Bayerischen Staatsoper (neue musikzeitung, NZZ, die die Oper zusammen mit der "Lustigen Witwe" am Münchner Gärtnerplatz-Theater bespricht).