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Efeu - Die Kulturrundschau

Das leitmotivische offene Rasiermesser

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2017. Die NZZ feiert zwei Opernproduktionen zum Mitdenken: Peter Konwitschnys "Penthesilea" und Stefan Herheims "Wozzeck". Die Zeit geht mit einem Feuerzeug einen Pelz kaufen. Im Blog Das Schema ärgert sich Kurt Scheel über die Lobeshymnen für Berlin Babylon. In der taz erklärt die Cutterin Monika Willi Michael Glawoggers Verhältnis zum Realen. Die Musikkritiker trauern um Fats Domino.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2017 finden Sie hier

Bühne


Szene aus Alban Bergs Wozzeck an der Deutschen Oper am Rhein. Foto: Karl Forster

Wie kann man Zuschauer aus der bloßen Konsumhaltung locken und ihre Anteilnahme wachrufen? Christian Wildhagen hat es jetzt in der Oper gleich zwei mal erlebt: In Peter Konwitschnys Inszenierung von Othmar Schoeks "Penthesilea"  am Theater Bonn und in Stefan Herheims Inszenierung von Bergs "Wozzeck" an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Bei letzterem begleiten die Zuschauer die letzten fünf Minuten des Mörders Wozzeck in einem Exekutionsraum in den USA: "Mit der Einleitung der tödlichen Substanzen beginnt eine 'Todesrevue' (Herheim), worin Wozzeck, mit letzter Hingabe und einzigartig differenziert verkörpert von Bo Skovhus, die Opernhandlung quasi als Rückblende erlebt. Dabei verwandeln sich seine bekannten Bezugsfiguren ... mehr und mehr in innere Dämonen, die ihm das Tatwerkzeug, das leitmotivische offene Rasiermesser aus der ersten Szene, unter immer anderen Vorzeichen förmlich aufnötigen."

Weiteres: In der NZZ stellt Thomas Ribi das Theaterschiff "Herzbaracke" vor. Matthias Dreyer berichtet in der nachtkritik vom Festival "Schultheater der Länder".

Besprochen werden Verdis "La Traviata" in Basel (neue musikzeitung, FAZ), "Offenbachs Erzählungen in Freiburg (neue musikzeitung), Kirill Serebrennikovs unfertig gebliebene Inszenierung von Humperdincks "Hänsel und Gretel" in Stuttgart (nachtkritik) und Ersan Mondtags Inszenierung von Aischylos' "Orestie" am Hamburger Thalia Theater (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Film

Keineswegs einverstanden ist Kurt Scheel, ehemals Herausgeber des Merkur, im Blog Das Schema mit den vielen Lobeshymnen für die deutsche Qualitätsseerie "Babylon Berlin": "Es geht darum, eine deutsche Erfolgsserie zu machen, die genug Klischees, darf's ein bisschen Nazi mehr sein?, zeigt, auf dass man sie gut vermarkten und verkaufen könnte im feindlichen Ausland. Nicht einmal die Continuity haut hin: Der Held trinkt sein Bierglas aus, und dann ist es wieder voll, im selben Dialog; die Russin bricht den versiegelten Waggon auf, und keinen der Bahnarbeiter und Polizisten juckt's. Usw. Dass solch teurer Scheißdreck, in mancher Hinsicht durchaus state of the art, von der deutschen Vorab-Kritik gefeiert und gehätschelt wurde, sollte ihr das Rückgrat brechen, wenn sie eines hätte."


Still aus Michael Glawoggers "Untitled"

Diese Woche kommt "Untitled" ins Kino, Michael Glawoggers postum von Monika Willi fertiggestellter und -montierter Essayfilm über eine Reise ohne Ziel und Vorgabe. Für die taz hat sich Dennis Vetter mit der Cutterin über ihr Arbeit am Material unterhalten. Unter anderem geht es um den Aspekt des Träumerischen, der den Film auszeichnet, und quer zu stehen scheint zu der Beobachtung des Realen, die darin vonstatten geht: "Das Reale, das ist natürlich schwierig für jemanden, der mit Glawogger gearbeitet hat. Michaels Ansinnen war ja nie zu behaupten: 'Das ist die Wirklichkeit.' Die Intention war eher, Lebensmomente einzufangen, in all ihrer Normalität, vielleicht auch in ihrer Banalität. Das Empfinden dafür und das, was es mit einem tut, haben letztendlich immer mehr mit einem selbst zu tun, mit der eigenen Lebenserfahrung, mit der eigenen Filmerfahrung, mit der Art und Weise, wie man sich mit der Welt, dem Leben, den Menschen, der Kunst auseinandersetzt." Bei der Berlinale hat der Film unseren Kritiker Thomas Groh sehr begeistert.

War es das mit Qualitätsfernsehen? In der Welt streicht Iris Alanyali jedenfalls die Segel angesichts der schieren Masse neuer Serien, die im Oktober und November traditionell an den Start gehen: Längst müssen all die Sendeplätze und Streamingportale so verzweifelt gefüllt werden, dass in diesem Jahr sogar ein Remake des eingemotteten "Denver Clans" ins Rennen geschickt wird - was Alanyali neben vielen anderen Remakes, Nostalgie-Serien und Spin-Offs als Symptom einer zunehmenden Ideenlosigkeit wertet: "Das viel beschworene goldene Zeitalter des Fernsehens macht eine Pause. Fernsehen ist wieder das, was es mal war: unterhaltsame Feierabendbeschäftigung. ... Angesichts der Quantität wird die Suche nach Qualität allerdings auch immer schwieriger."

Weiteres: Stefan Scholl (FR) und Friedrich Schmidt (FAZ) fassen nochmals den Verlauf der teils militanten Auseinandersetzungen in Russland um Alexej Utschitels Historienfilm "Mathilde" zusammen, in dem es um eine Affäre von Nikolai Romanow geht und der heute doch noch in die russischen Kinos kommt. Der dritte Teil des deutschen Pennäler-Franchise "Fack ju Göhte" feiere "die Rebellion der Arschlochklasse, wo in echt kaum ein Abiturient irgendwelche Grundfesten der Gesellschaft erschüttern will", schreibt Katrin Doerksen im Freitag (weitere Besprechungen in SZ und Tagesspiegel). In der "10 nach 8"-Kolumne auf ZeitOnline befasst sich Genderforscherin Anja Kümmel mit der Geschichte weiblich konnotierter Cyborgs im Film. Die Filmemacherin Alice Agneskirchner schreibt im Tagesspiegel über Jagd in Deutschland, worüber sie mit "Wem gehört die Natur?" auch einen Dokumentarfilm gedreht hat. Philipp Stadelmaier berichtet in der SZ von der Hommage der Viennale an ihren im August überraschend verstorbenen Leiter Hans Hurch.

Besprochen werden das Biopic "Django" über Django Reinhardt (NZZ, unsere Kritik hier), Aisling Walshs "Maudie" mit Sally Hawkins und Ethan Hawke (taz) und Francis Lees "God's Own Country" (taz), Außerdem berichtet der Standard fleißig weiter von der Viennale: Besprochen werden Claire Denis' "Un beau soleil intérieur" mit Juliette Binoche, Léonor Serrailles' "Jeune Femme", das Spielfilmdebüt "3/4" des bulgarischen Dokzumentarfilmers Ilian Metev, Lisa Truttmanns Essayfilm "Tarpaulins" über den Kampf in Los Angeles gegen die Termiten und Chico Pereiras "Donkeyote" über einen Bauer und seinen Esel in Andalusien.
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Design

Zahlreiche namhafte Modeunternehmen wechseln von Echt- auf Kunstpelz - wobei sich auch in Kunstpelz oft Ansätze von Echtpelz finden lassen, berichtet Nikolas Feireiss im ZeitMagazin unter Berufung auf Recherchen der Stiftung Warentest. Wie da nun auf Nummer Sicher gehen? Drei Möglichkeiten gebe es - man müsse nur ein Feuerzeug mit ins Modegeschäft nehmen. "Pusten: Echtes Fell bewegt sich schon bei der leichtesten Brise, Kunstfell ist steifer. Anzünden: Echtes Fell zerfällt und riecht nach verbranntem Haar, Kunstpelz schmilzt zu Klümpchen und riecht nach Plastik. Gegen den Strich kämmen: Wer ein Fell gegen den Strich bürstet, sieht Leder, bei Kunstfell kommt Gewebe zum Vorschein."
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Stichwörter: Pelz, Mode

Literatur

Daniela Strigl ärgert sich auf ZeitOnline sehr darüber, dass der Kritiker Dirk Schümer in der letzten Ausgabe von Denis Schecks Fernseh-Literatursendung "Lesenswert" Nobelpreisträger wie Elfriede Jelinek und Günter Grass als Idioten bezeichnet hat, der Moderator dazu keinerlei Widerwort gab und sich angesichts dessen noch nicht einmal ein Lüftchen in der Öffentlichkeit geregt hat. Strigl vermutet ein "uneingestandenes Bedürfnis, das trockene, medienwirkungsästhetisch längst in Verruf geratene Geschäft der Kritik durch Anbiederung an die niedrigsten Instinkte des Publikums saftig zu machen. Rettung durch Selbstverleugnung. ... Endlich einmal aus dem Bauch heraus. Frisch von der Leber. Die Sau rauslassen."

Ratlos reagiert Eugen Gomringer im Deutschlandfunk Kultur auf die Versuche einiger Studierender der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, sein Gedicht "Avenidas" wegen angeblichem Sexismus von der Fassade des Schulgebäudes entfernen zu lassen: "Mir kommt das vor wie der Vorgang einer Säuberung. Da wird etwas weggesäubert durch eine andere Ideologie, die das verdrängen soll."

Weiteres: Literaturkritikerin Susanne Mayer schreibt im ZeitMagazin gegen das Gerücht an, sie sei in Rente gegangen. Mit seinem neuen Roman "München" über das Münchner Abkommen von 1938 stellt Robert Harris Neville Chamberlain in ein positiveres Licht als die gängige Geschichtsschreibung, erklärt Gina Thomas in der FAZ. In der Zeit bemerkt Ursula März einen Boom an Dorfromanen, wo sich Fortschrittsverluste besonders gut festmachen ließen: "Was es im Dorf nicht mehr gibt, ist - von der selbst gemachten Marmelade bis zur Gottesgläubigkeit - endgültig hinüber."

Besprochen werden Marie NDiayes "Die Chefin" (online nachgereicht von der Zeit), Charles Lewinskys Krimi "Der Wille des Volkes" (NZZ), Uwe Timms "Ikarien" (FR), neue Bücher über Joseph Beuys und Max Frisch (Tagesspiegel), Jean Echenoz' "Unsere Frau in Pjöngjang" (SZ) und der Abscblussband aus J.J. Voskuils Romanzyklus "Das Büro" (FAZ).
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Kunst

Besprochen werden das "Studio Aleppo" des syrischen Fotograf Issa Touma, der Porträts von alten und neuen Europäern ausstellt (Welt), eine Retrospektive der indischen Künstlerin Nalini Malani im Centre Pompidou (art), eine Retrospektive des Fotografen Balthasar Burkhard im Essener Museum Folkwang ­(art), die Max-Beckmann-Ausstellung in der Kunsthalle Bremen (Zeit), die Reklame-Ausstellung "Pubblicità! La nascita della communicazione moderna, 1890 - 1957" in der Fondazione Magnani Rocca in Mamiano di Traversetolo (SZ) und Bücher: Juliacks' "Architecture Of An Atom" (art) sowie eine vom Fotohistoriker Manfred Heiting publizierte Reihe mit Fotoklassikern der Moderne versammelt (Standard).
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Musik

Fats Domino ist gestorben. In der SZ blickt Jens-Christian Rabe zurück auf das weitgehend skandalfreie Leben des Rock'n'Roll-Pioniers. Gregor Dotzauer würdigt den Verstorbenen als das "schwarze Urgestein einer Musik", die "bei ihm besonders saftig klang. Mit hämmernden Triolen, die zu seinem Markenzeichen wurden, bezeugte er die Vitalität eines Stils, der schnell die schwarze Unterschicht verließ und die weiße Mittelschicht eroberte. Aus Rhythm'n'Blues wurde Rock'n'Roll." Im Grunde genommen war er viel zu freundlich für seine Musik, hält Karl Fluch im Standard fest: "Dominos Wesen passte nicht zu seiner wild stampfenden und in die Glieder fahrenden Musik. Dominos Karriere begleiteten keine Skandale, keine Tragödien oder Dramen. Er war höflich und schüchtern, er wollte seine Ruhe." Einen späten Auftritt hatte er übrigens in der Serie "Treme", die von den Auswirkungen des Sturms "Katrina" auf Dominos Heimatstadt New Orleans handelt:



Besprochen werden Robert Plants neues Album "Carry Fire" (Standard), ein Mahler-Konzert des Orchesters der Deutschen Oper unter Donald Runnicle (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Helene Fischer (NZZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Domino, Fats, New Orleans