Efeu - Die Kulturrundschau

Immer noch gefährlich hell

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.10.2017. Die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung über Denis Villeneuves "Blade Runner 2019". Der Guardian feiert mit Dali und Duchamp die beiden großen Versauten der Kunstgeschichte. Die SZ lässt sich an den Münchner Kammerspielen von Eugène Labiche das Hirn durchfegen. Der Welt gefällt der neue Nachhall in der umgebauten Staatsoper. Aber wo ist Richard Paulicks egalitäre Idee geblieben?, fragt die Berliner Zeitung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2017 finden Sie hier

Film


Ryan Gosling in Denis Villeneuves "Blade Runner 2049"

Die Achtziger werden weiterhin fürs Kino aus den Archiven geholt, aufgewärmt oder gleich verwurstet. Dass das auch mal glücken kann, zeigt sich an den geradezu schwärmerischen Kritiken, die Denis Villeneuve für dessen "Blade Runner 2049", mit dem der frankokanadische Regisseur Ridley Scotts Kult-Science-Fiction-Film fortsetzt, zu Füßen gelegt werden. Tobias Kniebe feiert den Film in den SZ eindringlich als "dystopisches Breitwandgemälde". Andreas Busche rechnet es dem Filmemacher im Tagesspiegel hoch an, "nicht in die Nostalgiefalle eines solchen mit uneinlösbaren Erwartungen aufgeladenen Projekts" getappt zu sein. Er beweise vielmehr "einen ausgezeichneten Sinn für das world building, wobei ihm Scotts polyglotter Moloch Los Angeles als Ausgangspunkt für eine Reihe aufregender Setpieces dient."

Einen "kontemplativen Blockbuster" sah Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek und findet es fast schade, dass man - anders als im russischen Kunstkino, an dem sich Villeneuve ästhetisch offenbar orientiert - im US-Kommerzkino dann doch nicht nur zeigen, sondern auch "plotten" muss: "Der Schwachpunkt eines sonst atemberaubenden Kinoerlebnisses." Vom visuellen Genuss berichtet auch Tim Caspar Boehme in der taz: Villeneuve verstehe "die Vorlage buchstäblich als Aufforderung, zu malen, wählt grandiose monochrome Flächen." Lediglich Dominik Kamalzadeh vom Standard sah sich etwas zu früh an den Bildern satt: Der Film bleibe "selbst ein wenig ein Replikant, der nach seiner Seele sucht." Außerdem hat er sich mit dem Regisseur unterhalten.

Der Verleih lanciert den Film im übrigen auch mit drei Kurzfilmen, die Episoden aus der Zeit zwischen "Blade Runner" und "Blade Runner 2049" erzählen. Hier der erste, dort der zweite und hier schließlich der dritte Film, letzterer ein japanischer Animations-Kurzfilm, der die Geschichte erzählt, wie dieser Welt sämtliche elektronische Datenbestände flöten gegangen sind.

Weiteres: Tobias Sedlmaier sah beim Filmfest Zürich die Essayfilme "Die Dritte Option" (von Thomas Fürhapter) über pränatale Diagnostik und "Die Gentrifizierung bin ich: Beichte eines Finsterlings" (von Thomas Haemmerli), der "sich polemisch über Raumkonzepte, Modernisierungsgegner, die Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz und vor allem über sich selbst lustig" mache. Außerdem hat In Zürich Glenn Close über Frauenpower gesprochen, berichtet Urs Bühler in der NZZ. Anke Leweke berichtet im Standard vom Filmfestival San Sebastián.

Kunst

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Salvador Dali: Die ersten Tage des Frühlings, 1929. Bild: Salvador Dalí/Fundació Gala-Salvador Dalí, DACS

Salvador Dali
tönte unablässig, dass er ein Genie sei, Marcel Duchamp war es tatsächlich, stellt Jonathan Jones im Guardian klar. Doch die beiden waren Freunde und die gemeinsame Ausstellung in der Royal Academy in London ergibt durchaus Sinn: "Dalis Lebensaufgabe war es, der Lust zu frönen. Frauen und Männer masturbieren ausgiebig in seinem Werk, besonders eindrücklich in seinem Bild 'Die ersten tage des Frühlings' von 1929, in dem ein graugesichtiger Mann auf der Brust einer Frau kollabiert. Auf den ersten Blick scheint es seltsam, Dalis pornografische Zeichnungen neben einige von Duchamps gefeiertsten Readymades zu stellen, doch zu ihnen gehört auch 'Prière de toucher', ein mit einer Silikonbrust verziertes Buch. Beide Künstler waren mit Hingabe versaut, und das macht die Ausstellung zu so einer großen Freude."

Weiteres: Patrick Bahners berichtet in der FAZ von Restaurierungsarbeiten der Alten Pinakothek in München. Anne-Sophie Schmidt porträtiert im Tagesspiegel die amerikanische Künstlerin A.L. Steiner, die gerade mit einem Stipendium in Berlin zu Gast ist.

Besprochen werden die Schau "Black Matters" mit Arbeiten schwarzer Künstler in der Galerie Thumm in Berlin (Tagesspiegel) und eine Retrospektive des Universalkünstlers Gerhard Rühm im Kunstforum Wien (Presse.

Literatur

Völlig umgehauen ist Ambros Waibel in der taz von Sven Heucherts Kriminalroman-Debüt "Dunkels Gesetz", dessen Autor er daraufhin gleich in Siegeburg besuchen musste. Heuchert ist "der erste Debütant seit Menschengedenken im offiziellen deutschen Literaturbetrieb, der kein Abitur hat; der 40 Jahre alt ist; der Vollzeit als Hörgeräteakustikermeister arbeitet", schwärmt Waibel, der für die Bodenständigen im Literaturbetrieb bekanntlich ein großes Herz hat.

Weiteres: Paul Jandl porträtiert in der NZZ die Autorin Sasha Marianna Salzmann, die mit ihrem Debüt "Außer sich" gerade ein fulminanter Durchbruch im Literaturbetrieb geglückt ist. In der NZZ spricht Angela Schader mit Ottessa Moshfegh über deren Storys und Romane. Für die NZZ liest Manuela Kalbermatten Kinderbücher über das Wasser und das Meer. Cornelia Geissler gratuliert Helga Schütz in der FR zum 80. Geburtstag. Bei Deutschlandfunk Kultur kann man Thomas Melles Hörspiel "Bilder von uns" anhören. Und der Freitag bringt zwei Kürzestgeschichten von Lydia Davis.

Besprochen werden Dan Browns "Origin" (SZ, Welt, FAZ), Gerhard Falkners "Romeo oder Julia" (NZZ), Michael Rutschkys "In die neue Zeit. Aufzeichnungen 1988-1992" (ZeitOnline), Ulli Lusts Comic "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein" (Tagesspiegel) und Marie Luise Knotts "Dazwischenzeiten" (FAZ).
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Bühne


Eugène Labiche an den Münchner Kammerspielen. Foto: Julian Baumann.

Christine Dössel berichtet vom Saisonstart an den Münchner Kammerspielen, der sie alles in allem nicht vom Hocker gerissen hat. Nur Eugène Labiches maliziöse Gesellschaftssatire "Trüffel, Trüffel, Trüffel"  hat sie wirklich "beeindrückt": "Labiche an den Kammerspielen, das hätte man nicht erwartet. So turbowitzig, dabei streng formalistisch, wie Felix Rothenhäusler das alte Lustspiel in 60 Minuten abschnurren lässt, ist es auch mehr ein Gehirnfeger. Eine kesse Radikalpetitesse." In der taz feiert Annette Walter dagegen David Martons Bühnenversion von Jack Kerouacs Roman "On the Road", die ebenfalls an den Kammerspielen gezeigt wurde.

Weiteres: Im Standard-Interview mit Daniel Ender spricht die Operregisseurin Karoline Gruber über ihre Arbeit: "Oper braucht Sinnlichkeit, Bilderwelten, und sie braucht eine eigene Langsamkeit." Nach Chris Dercons erster Volksbühnenpremiere, der von syrischen Schauspielschülerinnen geprobten "Iphigenie", zeigt sich Simon Strauss in der FAZ wohlwollend angesichts des "quirligen Innenlebens" junger Frauen, in der Welt winkt Tilman Krause ab: "Hanni und Nanni aus Aleppo."

Besprochen werden Roger Vontobels "Woyzeck" im Schauspiel Frankfurt (der Judith von Sternburg in der FR vor allem durch die markante Jana Schulz beeindruckt), Laura Naumanns "Das hässliche Universum" im Schauspiel Frankfurt (FR).

Architektur

Der Umbau der Staatsoper bleibt für Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung einer der größten und teuersten Skandale der deutschen Architekturgeschichte. Den Berliner Opernfreunden sei dank. Aller großartigen Handwerksleistung zum Trotz moniert Bernau allerdings, dass Richard Paulicks Saal von 1955 noch nie "so rokokig" aussah: "Die Raumerhöhung hat aus dem an der Theaterreform um 1910 orientierten, engen Saal ein geradezu italienisch steiles Auditorium gemacht. Um den Übergang zum Bühnenportal angemessen zu fassen, erhielten die seitlichen Pfeilerdekorationen neue, nunmehr zweifach gestufte Sockel. Bisher waren Parkett, Ränge und Bühne durch diese Pfeiler zusammen ästhetisch gefasst, sprechender Ausdruck der egalitären Staatsidee der jungen DDR. Nun sind diese Pfeiler eindeutig Teil der Rangarchitektur, und das Parkett ist wieder wie in wirklich alten Opernhäusern der Raum da unten."
Stichwörter: Staatsoper Berlin

Musik

Architektonisch gibt es an der wiedereröffneten Berliner Staatsoper für Welt-Kritiker Manuel Brug zwar einiges zu mäkeln, doch dafür habe sich die Akustik zwar nicht für die Schauspieler, wohl aber für die Musik verbessert: "Im Parkett achte Reihe Mitte (...) klingt es wie zuvor direkt, aber befreiter. Die Instrumentengruppen mischen sich harmonischer, auch mit den Klängen von den Bühne. Es ist nicht mehr so dumpf wie einst, aber immer noch gefährlich hell. Im zweiten Rang, zweite Reihe halbseitig klingt es noch schöner, satter, gerundeter; das war früher auch schon so. ... Der Nachhall ist besser geworden." Bei Arte ist eine Videoaufnahme des Eröffnungskonzerts "demnächst verfügbar".

Max Nyffeler würdigt in der NZZ den verstorbenen Komponisten Klaus Huber: Dessen "Kritik am Zustand der Welt" bestand aus "einem radikalen, von humanistischem Pathos getriebenen Antikapitalismus. ... Komponieren als persönliches Bekenntnis, als Einspruch des Subjekts gegen die Welt: Der klassische Konflikt des bürgerlichen Künstlers artikulierte sich in Hubers Werk in einer strikt gegenwartsbezogenen, existenziell erlebten Weise." Weitere Nachrufe schreiben Wolfgang Schreiber (SZ) und Gerhard R. Koch (FAZ).

Auf ZeitOnline rechnet Daniel Gerhardt mit dem deutschen Befindlichkeits-Pop der Gegenwart ab, dessen anästhesierende Wattierung gut zur Politik von Angela Merkel passe. Bei Sängern wie Mark Forster, Tim Bendzko und Andreas Bourani sei "Deutschland ist das Wasserglas, in dem diese Schlaftabletten sich selbst und jedes Potenzial zur Unruhestiftung auflösen. Ihr Erfolg beruht darauf, immer da zu sein, aber nie im Weg zu stehen." Damit müsse angesichts der Wahlerfolge von Neo-Nationalisten Schluss sein, fordert Gerhardt weiter: "Der Mainstream der deutschen Popmusik feiert ein Land, das es gar nicht mehr gibt. ... Wer auf 'weiter so' und 'wird schon' beharrt, muss sich vorwerfen lassen, regressiven und weltabgewandten Stimmungsmachern in die Karten zu spielen. Wer vor klaren Positionen zurückschreckt, weil sich unschöne Gräben im eigenen Fanlager auftun könnten, nimmt durch sein Schweigen die fortschreitende Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas in Kauf."

Weiteres: Kamasi Washington, der gerade eine fantastische neue EP veröffentlicht hat (hier eine enthusiastische Besprechung), spricht auf Pitchfork über die Platten, die ihn am meisten beeinflusst haben. Zum Tod von Tom Petty schreiben Jan Paersch (taz), Stefan Hentz (NZZ), Jakob Biazza (SZ), Michael Pilz (Welt), Stefan Michalzik (FR). Nadine Lange (Tagesspiegel), Frank Junghänel (Berliner Zeitung), Florian Werner (ZeitOnline) und Edo Reents (FAZ).

Besprochen werden ein DAF-Konzert (taz, die Spex hat dazu eine Bilderstrecke), die David-Bowie-Box "A New Career in a New Town" (Standard), das neue Album von Romano (Freitag), ein Dokumentarfilm über Krautrock-Produzent Conny Plank (Tagesspiegel), ein Auftritt von Billy Corgan (taz), ein Hindemith- und Brahms-Konzert der Berliner Philharmoniker unter Daniele Gatti (Tagesspiegel) und der Abschluss des Frankfurter Musikfests (FR).

Das Logbuch Suhrkamp bringt eine neue Folge von Thomas Meineckes Youtubereihe "Clip//Schule ohne Worte":