Efeu - Die Kulturrundschau

Voller grüner Törtchen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2017. Warum opfert ausgerechnet eine Kunsthochschule willfährig die Freiheit der Kunst, fragt sich die Berliner Zeitung angesichts der Gomringer-Debatte. Die FAZ lässt sich in Venedig von Guillermo del Toros Arthouse-Horror "The Shape of Water" unter Wechselstrom setzen. Der Guardian feiert die Brillenschlange. Und Boris Groys erklärt im Interview mit Art den russischen Kosmismus.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2017 finden Sie hier

Kunst


Anton Vidokle, Filmstill aus Immortality and Resurrection for All, 2017 | Courtesy the artist

Heute eröffnet im Haus der Kulturen der Welt in Berlin die Ausstellung "Art Without Death: Russischer Kosmismus". Arbeiten der Russischen Avantgarde aus den 20er und 30er Jahren stehen dabei neben zeitgenössischen Kunstwerken, die die Konzepte des Kosmismus reflektieren. Kurator Boris Groys erklärt in einem langen Gespräch mit dem Art Magazin, was der Kosmismus war und was es mit der Kunst ohne Tod auf sich hat: "Sie ist ein Produkt der technologischen Entwicklung. Aber nicht im Sinne eines Fortschritts, der alle vorherigen Stadien zerstört und abschafft, die überwunden werden, sondern nach musealem Vorbild im Sinne einer Entwicklung, die im Gegenteil alle Stadien mit aufhebt, die sie durchschreitet. In einem Supermarkt werden alle Waren ausgetauscht, während im Museum das, was neu dazu kommt, gemeinsam mit den Kunstwerken aus der Vergangenheit aufbewahrt wird. Unser Leben sieht wie ein Konsumreich aus, in dem wir nicht nur konsumieren, sondern auch konsumiert werden. Die Menschheit selbst ist ein Laden, von dem das Schicksal bedient wird. Und was die Kosmisten wollten, war, die Menschheit und die Welt in so etwas wie ein Museum und museale Objekte zu verwandeln."

In der taz feiert Ingo Arend die Installation Cin des türkischen Künstlers Cevdet Erek auf der Biennale von Venedig als "Musterbeispiel des subtil Politischen. Es gibt hier nicht das geringste Anzeichen irgendeiner Botschaft. In Ereks Werk spricht allein die Form: Besser als hundert Amnesty-Plakate findet er damit ein eindrückliches Bild für den unheimlichen Zwischenzustand, in dem sich die Türkei derzeit befindet."
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Literatur

An der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Hellersdorf prangt ein 7-zeiliges Gedicht von Eugen Gomringer, das - auf Spanisch - mit den Wörtern Frauen, Blumen, Straßen und Bewunderer spielt. Sexistisch, finden die Studenten und fordern seine Entfernung. Die Hochschulleitung hat inzwischen nachgegeben und eine Neugestaltung der Fassade angekündigt. In der Welt fasst sich Nora Gomringer, Tochter von Eugen, an den Kopf und erklärt den Studenten, wie man ein Gedicht liest. In der Berliner Zeitung ist Harry Nutt fassungslos über das Verhalten von Studenten und Hochschulleitung: "Die Studenten dürfen den Erfolg der Kampagne ihrer nicht nachlassenden Beharrlichkeit zuschreiben, in der sie ihre Sicht der Dinge ohne Rücksicht auf mögliche künstlerische Mehrdeutigkeit durchgesetzt haben. Die Entscheidung des Akademischen Senats, den Zielen der Studenten zu entsprechen, zeugt hingegen von einer erschütternden Willfährigkeit, die Freiheit der Kunst einem fragwürdigen Schulfrieden zu opfern."

Weiteres: Für den Freitag hat Anna Polze eine Lesung der Schriftstellerin Chris Kraus besucht. Paula Fürstenberg berichtet im Freitext-Blog auf ZeitOnline von ihren Ausflügen aufs Land. Ulrike Nimz von der SZ hat sich unterdessen in Mecklenburg das Sommerdomizil von Christa Wolf angesehen.

Besprochen werden Simon Werles Neuübersetzung von Charles Baudelaires "Blumen des Bösen" (FR, Zeit), Ulla Hahns "Wir werden erwartet" (FR), Michail Schischkins "Die Eroberung von Ismail" (NZZ) und Édouard Louis' "Im Herzen der Gewalt" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film


Szene aus Guillermo del Toros "The Shape of Water"

In Venedig hatte Guillermo del Toros neuer Arthouse-Horror "The Shape of Water" Premiere. FAZ-Kritiker Dietmar Dath ist begeistert, der Film schäume über vor bezaubernden Momenten: "die Frau, die schwebend unter Wasser schläft, der regennasse Bösewicht, der sich vor Wut zwei Finger abreißt, der Kühlschrank voller grüner Törtchen. Der Wechselstrom aber, der bei diesem Regisseur seit je zwischen dem Gruselschock und dem Märchenwunder fließt, ist diesmal stärker als je zuvor".

Susanne Ostwald von der NZZ hat Ai Weiweis Dokumentarfilm "Human Flow" gesehen, der sich mit "Bildern von ungeheurer Wucht" mit den internationalen Flüchtlingsbewegungen befasst. Tim Caspar Boehme von der taz hat sich unterdessen neue Filme von William Friedkin und Paul Schrader angesehen. Christiane Peitz hat sich für den Tagesspiegel in Venedig eine Virtual-Reality-Montur übergestreift.

Nach 27 Jahren an der Spitze der Ufa wechselt Wolf Bauer heute aus der Geschäftsführung wieder in die Position eines freien Produzenten. Die FAZ stellt ihm aus diesem Anlass ihre Medienseite für ein abschließendes Rückschau-Gespräch auf die eigenen, natürlich zahlreichen Leistungen zur Verfügung. Unter anderem geht es auch um Fragen der Filmförderung. Ihm schwebt offenbar so etwas wie ein Direktzugriff auf die öffentlichen Mittel für sein Unternehmen vor - die Kunst möge unterdessen anderweitig sehen, wo sie bleibt: "Es gibt steuerpolitische Anreize für große Produktionen in England, Frankreich, Skandinavien, sogar in Tschechien, alle wichtigen Produktionsmärkte haben diese Modelle. In der Politik bei uns herrscht aber immer noch die Haltung vor, die Mäzenatentum für künstlerisches Schaffen im Sinn hat. Das halte ich für verfehlt. ... Die beste Variante wäre eine automatische Zuschussförderung wie beim DFFF, dem Deutschen Fonds für Kinofilmförderung."

Was hat Dich bloß so ruiniert, fragen die Filmkritiker den einstigen Schauspiel-Großmeister Robert de Niro, der aktuell mit "The Comedian" (unsere Kritik) mal wieder in einem mittelmäßigen Film Mittelmäßiges zum "Besten" gibt. De Niro spiele nur noch "Pseudo-Kakerlaken", beklagt sich etwa Tobias Kniebe in der SZ. Auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte kann "nicht behaupten", vor Lachen gestorben zu sein.

Weiteres: Claudia Schwartz spricht in der NZZ mit der Filmwissenschaftlerin Kerstin Stutterheim, die über "Game of Thrones" forscht. Kerstin Decker (Tagesspiegel) und Ralf Schenk (Berliner Zeitung) schreiben zum Tod des Regisseurs Egon Günther.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "David Lynch - The Art Life" (FR, FAZ), Jakob Preuss' Dokumentarfilm "Als Paul über das Meer kam" über einen Kameruner auf der Flucht (Tagesspiegel), Alain Gsponers Verfilmung von Ödön von Horvaths Roman "Jugend ohne Gott" (Welt), Soleen Yusefs "Haus ohne Dach" (Tagesspiegel), die Verfilmung von Sven Regeners Roman "Magical Mystery" mit Charly Hübner in dre Hauptrolle (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Jacques Doillons Biopic über Auguste Rodin (Tagesspiegel) und die Arte-Serie "Helden am Herd" (FR),

Außerdem: Die FAZ hat ihre Shortlist für den Michael-Althen-Preis für Kritik bekannt gegeben.
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Bühne

In der Berliner Zeitung resümiert Dirk Pilz die Theaterdebatten um Volksbühne und BE und gibt dabei sowohl den Kritikern recht als auch denen, die jetzt neues probieren wollen: "Patentrezepte gibt es nicht." Bernd Noack blickt in der NZZ enttäuscht zurück auf die Theaterproduktionen bei den Salzburger Festspielen.

Besprochen wird Willi Dorners Choreografie "Homo ad Quadratum" beim "Summer of Movement" im Wiener Museumsquartier (Standard).
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Design


Strelnikov's Glasses and Other Stories - eine Ausstellung über Brillen im Film

Brillenschlangen - so gemeine Vokabeln benutzte man früher für Menschen, die Brillen tragen mussten. Wollte man im Film Cary Grant lächerlich machen oder Bette Davis hässlich, setzte man ihnen eine Brille auf. Eine Ausstellung in Manchester, ausgerichtet von der Society of Spectacles, beschäftigt sich mit der Geschichte der Brille im Film, freut sich Helen Pidd im Guardian. "Susan Platt, who curated the exhibition, has contributed her own piece, called 'Never Make Passes?' ... she transforms herself into the most famous glasses-wearing female characters in cinema over the past 75 years. The artist pays homage to Miranda Priestly, the fashion magazine editor in The Devil Wears Prada, as well as Marilyn Monroe in 'How to Marry a Millionaire' - a watershed moment for specs on screen, Platt believes. 'It was Marilyn Monroe who first sexualised glasses, because she gets the man without taking her glasses off.'"
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Stichwörter: Fashion

Musik

Elias Kreumair porträtiert in der taz die Musikerin Valerie Trebeljahr und ihr Projekt Lali Puna. Hanspeter Künzler schreibt in der NZZ über John Cale.

Besprochen werden das neue Album von The War On Drugs (Standard), Keshas "Rainbow" (taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Daughter, dessentwegen ZeitOnline-Kritiker Jens Balzer "sogleich jemanden küssen möchte, gleich welchen Geschlechts und warum".

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