Efeu - Die Kulturrundschau

David Lynch kann sehr schön nachdenken

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.08.2017. Die NZZ bestaunt in einer Ausstellung das politische Video der achtziger Jahre. Die SZ bewundert "entartete Kunst" in Ägypten. Die Filmkritiker freuen sich an einem Feuerwerk der absurden Kleinigkeiten beim Filmfestival von Venedig. Wolf Biermann erklärt in der Zeit allen "selbstbesoffenen Welterrettern", wie man mit dem besten Willen in einer Diktatur landet.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2017 finden Sie hier

Kunst



Im Sommer 1980 sollte in Zürich das Autonome Jugendzentrum (AJZ) geschlossen werden. So begannen in der Schweiz die größten Jugendunruhen, die das Land je gesehen hatte. Eine Waffe im Kampf gegen das Establishment war das Video, wie man jetzt in einer Ausstellung im Landesmuseum Zürich sehen kann, erzählt in der NZZ Katrin Schregenberger: "Die Produzenten: Das war die Genossenschaft Videoladen Zürich. Das waren Leute wie Heinz Nigg. Heute gilt Nigg als 'der Archivar der Jugendbewegung'. Über 100 Filme hat er zum Thema gesammelt und ein Archiv dazu aufgebaut. Eine Auswahl dieser Filme ist nun im Landesmuseum zu sehen. Es sei 'die erste Ausstellung, welche die Videobewegung in Zürich in transnationalem Zusammenhang' zeige, sagt Nigg. Um uns herum flirren im Landesmuseum Bildschirme alter Fernseher, aufgetürmt, davor Sofas - natürlich mit Samtbezug, wir sollen uns schliesslich auf eine Zeitreise in die Siebziger bewegen." (Hier eine Auswahl der Videos)

Ramsès Younane, Untitled, 1939, Courtesy H. E. Sh. Hassan M. A. Al Thani collection, Doha
1938, gerade als Europa im Faschismus versank, rief die Kairoer Surrealisten-Gruppe "Art et Liberté" in einem Manifest "Es lebe die entartete Kunst!", lernt Sonja Zekri (SZ) in einer Ausstellung im K20 in Düsseldorf. "Es war eine Gruppe aus Malern, Dichtern und Fotografen, Feministinnen und Anarchisten, Ägyptern und Nichtägyptern, Muslimen, Christen und Juden, kurz, es war eine Mischung so unterschiedlicher Abstammungen, Konfessionen und politischer Strömungen, dass sie nach den heutigen Maßstäben des Landes geradezu fantastisch klingt. ... Ägypten war kein freies Land, sondern eine Art britisches Protektorat, es fieberte - begleitet von einer eifrigen nationalistischen Kunstproduktion - der Selbstbestimmung entgegen, war aber aller kolonialen Knechtschaft zum Trotz, man muss es leider sagen, kulturell so kosmopolitisch und säkular wie seither wohl nie wieder."

Christiane Meixner besucht für den Tagesspiegel den Bildhauer Bernar Venet an der Côte d'Azur. In der NZZ stellt Jürg Zbinden die Nachwuchsfotografen Rico Scagliola und Michael Meier vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Verbotenes Porzellan. Exklusiv für den Kaiser" im Museum Prinsenhof in Delft (Tagesspiegel) und eine Ausstellung des Comic-Künstlers Raymond Pettibon im Bonnefantenmuseum in Maastricht (NZZ).
Archiv: Kunst

Film


Szene aus Alexander Paynes "Downsizing"

Die Filmfestspiele von Venedig sind eröffnet. Zum Auftakt wird Matt Damon erstmal auf handliche Größe eingedampft. Aber nicht etwa von erbosten Kritikern, sondern von Regisseur Alexander Payne, dessen "Downsizing" den alten Hollywood-Gag eines außer Kontrolle geratenen Größenverhältnisses für das Jahr 2017 renoviert. Der Film ist "zu zwei Dritteln komisch und genial" und nicht zuletzt "ein Feuerwerk der absurden Kleinigkeiten", lobt Susan Vahabzadeh in der SZ. Eine ernste Seite hat er auch, hält Dietmar Dath in der FAZ fest: Die "Wechsel zwischen verschiedenen Wahrnehmungstemperaturen, etwa Pathos einerseits und Komik andererseits, Sprünge vom Sozialrealismus ins Wunderbare, sind das Riskanteste und in der weit überwiegenden Mehrheit solcher Spielzüge obendrein Gelungenste an 'Downsizing'." Beatrice Behn von kino-zeit.de findet den Film ganz nett, stört sich aber an dem "üblichen weißen, männlichen (heterosexuellen) Blick."

Außerdem: Tim Caspar Boehme von der taz findet den Eröffnungsfilm "alles in allem in Ordnung", sieht sich dann aber doch lieber im Virtual-Reality-Angebot des Festival um. Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz von den Sorgen des Festivalleiters Alberto Barbera, der zwar auch in diesem Jahr wieder Unmengen von Stars an den Lido gelockt hat, jedoch fürchtet, dass das zunehmend riskantere Filmgeschäft, bei dem immer wieder Investoren ihre Schäfchen im Trockenen sehen wollen, der Filmfestivalkultur schaden könnte: "Weil die erste Begegnung eines Films mit dem Publikum entscheidend sein kann für den Kassenerfolg, droht der Uraufführungs-Segen zum Fluch zu werden. Weltpremieren sind unberechenbar, die Dynamik von Festivalhypes kann keiner prognostizieren. Folglich stellt der tolle Moment des allerersten Blicks auf ein Werk für die Finanziers ein kapitales Risiko dar."


Szene aus der Doku "David Lynch: The Art Life"

Zurück ins hiesige Filmgeschehen: Im Dokumentarfilm "David Lynch: The Art Life", der diese Woche in den Kinos startet, geht es ausnahmsweise mal nicht um die Filme des Regisseurs, sondern um dessen von der Öffentlichkeit weit weniger beachtetes Schaffen im Bereich der Bildenden Kunst - dabei war Lynch schon vor seinen ersten Filmen Maler und hat diese Tätigkeit auch stets weiterverfolgt. Taz-Kritiker Stefan Grissemann "sieht dem Mann gerne dabei zu, wie er im kreativen Chaos seines weitläufigen Studios geduldig an abgründigen Bildschöpfungen werkt. ... Lynchs Kunst ist figurativ, aber im Bacon'schen Sinne auch entrückt: In den verkratzten, schuppigen Texturen erkennt man abgetrennte Gliedmaßen, entstellte Körper, rätselhafte Situationen zwischen Groteske und Fiebertraum." Auch Anna Fastabend von der SZ genießt die meditative Ruhe des Films: "David Lynch kann sehr schön nachdenken. ... Wenn er reptilienhaft auf eines seiner Kunstwerke stiert, ist er sein eigenes Monument. Nur sein Daumen streicht beständig über die Fingerkuppen, wahrscheinlich um die Einfälle auf Trab zu halten."
 
Weitere Artikel: Toby Ashraf (taz) und Michael Kienzl (Perlentaucher) legen den Berlinern die Tsai-Ming-Liang-Retrospektive im Kino Arsenal ans Herz. Für ZeitOnline plaudert Anke Sterneborg mit Schauspieler Charly Hübner, dem die Kritiker seiner neuen (heute auch in der Welt besprochenen) Komödie "Magical Mystery" zu Füßen liegen.

Besprochen werden Alain Gsponers Verfilmung von Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott" (NZZ, Standard), Sebastián Lelios "Una Mujer Fantástica" (NZZ), Jacques Doillons Biopic über Auguste Rodin (Welt, SZ), Juan Carlos Medinas Horrorfilm "The Limehouse Golem" (taz), Patrick Hughes' Actionfilm "Killer's Bodyguard" (taz) und eine Ausstellung über die Videobewegung der 70er und 80er Jahre im Nationalmuseum Zürich (NZZ).
Archiv: Film

Literatur

Im Interview mit der Zeit erklärt Wolf Biermann den "selbstbesoffenen Welterrettern", die für die Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg verantwortlich waren, warum diese Art von Protest reaktionär ist und am Ende selbst die radikalsten Demonstranten spaltet: "Natürlich, von heute aus gesehen könnte ich lamentieren: Wie schön war es in der Diktatur, da wusste man, wer Feind ist und wer Freund. Aber das sind nur Sprüche. Wenn du in der Diktatur lebst, ist es überhaupt nicht einfach, es kommt zu zermürbenden Rivalitäten zwischen denen, die gegen die Diktatur kämpfen. Sie schließen einander aus der Menschheit aus, weil sie verschiedener Meinung sind. Es gibt ein Gezerre darüber, wer oppositioneller ist als der andere."

Weiteres: Die SZ bringt einen Auszug aus dem Katalog zur für den September vom Literaturarchiv in Marbach angekündigten Ausstellung "Die Familie - ein Archiv", in dem der Übersetzer Ulrich Enzensberger über Familienfotos meditiert. Der isländische Literaturmarkt musste in jüngster Zeit erhebliche Umsatzeinbüßen hinnehmen, berichtet Aldo Keel in der NZZ. Lyriker Nico Bleutge schreibt in der SZ-Reihe über Transiträume und Haltestellen über eine Reederei am Rhein.

Besprochen werden Ottessa Moshfeghs "Eileen" (FR), Theresia Enzensbergers "Blaupause" (taz), Michael Köhlmeiers Novelle "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" (Tagesspiegel), Richard Fords Memoir "Zwischen ihnen" (ZeitOnline), Miljenko Jergovićs "Buick Rivera" (SZ), Ines Geipels "Tochter des Diktators" (Berliner Zeitung), Frank Witzels "Direkt danach und kurz davor" (FAZ), Comicausstellungen in Frankfurt und Bonn (Tagesspiegel) und Karl Bruckmaiers Hörspielbearbeitung von Elfriede Jelineks "Am Königsweg", das man beim BR runterladen kann (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

Besprochen werden eine konzertante Fassung von Gaetano Donizettis Oper "Lucrezia Borgia" bei den Salzburger Festspielen (Standard) und Carl Ditters von Dittersdorfs Oper "Lustige Weiber von Windsor" auf Schloss Britz (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Musik

Hip-Hop überholt Rockmusik als populärste Musikform, besagen neueste Messungen - zumindest, wenn man Streaming miteinbezieht, denn im Albenverkauf ist die Rockmusik immer noch Nummer Eins. Für Lars Weisbrod von ZeitOnline eine willkommene Neuigkeit: Denn erstens sei eh nicht mehr recht von Belang, was weiße Männer über den Zustand der Welt so denken. Und zweitens kriege Rockmusik die Welt im Internet-Zeitalter auch einfach nicht mehr zu fassen: "Die Struktur, die sich Hip-Hop geschaffen hat, um den Marginalisierten eine Stimme zu geben, ist die Struktur unserer Zeit." (Es ist schon interessant, dass weiße Künstler immer häufiger aufgefordert werden, das Maul zu halten, während weiße Kritiker immer weiter plappern.)

Weiteres: Jens-Christian Rabe schreibt in der SZ über die neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse über Pop-Harmonien. Für The Quietus spricht Mark Andrews mit den Gruftrocken von Sisters of Mercy über deren Karrierenverlauf.

Besprochen werden das Konzert des Orchestre de l'Opéra national de Paris unter Philippe Jordan beim Lucerne Fesival (NZZ) und das neue Album von The War on Drugs (SZ).
Archiv: Musik