Efeu - Die Kulturrundschau

Im Blinddarm der Greise

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26.08.2017. Die Welt hört bei der Documenta mit Entsetzen, wie Franco Berardi den Holocaust bagatellisiert und kaum jemand widerspricht. Kunst ist nicht Waffe der Ideologien, erinnert die Berliner Zeitung. Die NZZ beobachtet besorgt, was Terroristen von der Literatur der Moderne gelernt haben. Die taz wagt einen Blick auf die kommende Theatersaison. Der Freitag hofft, dass der wiedereröffnete Golden Pudel Club nicht zur Kampftrinkerbude wird. Die FAZ schaut sich russische Land Art an. Und die Kritiker stürzen sich auf den dritten Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga.

Kunst

Für die Welt hat Felix Stephan die Veranstaltung "Shame on us" besucht, auf der sich Franco Berardi, italienischer Philosoph und Urheber des Textes zur abgesagten Documenta-Performance "Auschwitz on the Beach", (unser Resümee) äußerte. Die kruden Thesen zum "Zeitalter der Finanzdiktatur" und zum globalen Faschismus, für den das Dritte Reich "lediglich ein Experiment" gewesen sei und der Lösungsvorschlag einer "Politik der Psychotherapie und Schönheit" wäre dem Kritiker keine Erwähnung wert gewesen, wenn mehr als "anderthalb" Personen der rund 150 Teilnehmer Berardi widersprochen hätten, der die "Grenze zur Volksverhetzung" erreicht habe: "Die Deutschen, das ist die Nachricht, die von dieser Documenta-Crowd ausgeht, sollten endlich aufhören, immer nur auf Auschwitz zu starren, weil das den Blick auf das Leid verstellt, das sie umgibt. Dass aus der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte eine kollektive Katharsis erwachsen könnte, dass sie gerade den Blick schärfen könnte für totalitäre Tendenzen, dass es eine moralische Übung ist, Auschwitz immer wieder aufs Neue zu begreifen, kommt in diesem evangelikalen Gospel nicht vor. Eines der rhetorischen Grundelemente dieses Genres ist, dass man sich selbst nicht mehr verbessern muss, weil man ohnehin schon zu den Guten und Rechtschaffenen gehört. Man steht vor diesem intellektuellen Desaster und fragt: Was ist hier eigentlich kollidiert?"

Für FAZ-Kritiker Kolja Reichert ist die Documenta zwar längst zum "Auffangbecken für ersatzpolitische Agitationen" geworden, aber: "Den Strick des Antisemitismus kann man ihr nicht drehen. Das wirkliche Ärgernis ist die Unbekümmertheit, mit der sie Kunst mit Politik legitimiert und Politik mit Kunst. Wie sie dabei beide unerfüllt lässt. Und sich am Ende nicht einmal zuständig fühlt." Im art-magazin hat Sandra Danicke einen "verbohrten" Berardi, aber immerhin ein "gespaltenes" Publikum erlebt.

"Lukullische Bildpracht" gab es nie bei der Documenta, winkt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung ab, aber keine Documenta ist bisher - mit einem Budget von 34 Millionen - mit so einem Weltverbesserungs-Anspruch aufgetreten: "Nur: Das System Kunst existiert eben nicht als Weltverbesserungs-Armee, als schnelle Eingreif-Truppe. Und vom Kapital ist der Kunstbetrieb schon gar nicht zu trennen. So schwebt ein gewisses Unwohlsein im Kasseler Raum. So eine Art von Verstörung selbst bei jenen, die nicht der kategorischen Meinung sind, dass man diese Weltausstellung heutzutage nicht mehr brauche. Das stimmt auch nicht. Aber Kunst ist nicht Waffe der Ideologien. Das ging schon im Sozialismus gründlich schief und verendete im Dogma. Kunst zeigt auf, berührt, macht wohl klüger, sensibilisiert."

Bild: Köpfe historischer Schaufensterfiguren, Sammlung Wolfgang Knapp, Mannheim

Klug und aktuell finden die Kritiker die Ausstellung "Das Gesicht" im Dresdener Hygienemuseum, die die Bedeutung des Gesichts in unserer Kultur und die Möglichkeiten der Lesbarkeit hinterfragt. Fasziniert betrachtet FAZ-Kritiker Jürgen Müller etwa Robert Longos großformatige Fotoarbeit einer mit einem Niqab verschleierten Frau aus dem Jahr 2010: "Sie zeigt deren dunkle Augen als Mysterium, als geradezu hypnotischen Blick. Man wird angeschaut, ohne selbst in ein Gesicht zu blicken. Doch dann gemahnt der Sehschlitz in seiner Mandelform selbst an ein Auge. Trotz der Verschleierung kennzeichnet der Blick ein Subjekt."

Und in der SZ stellt Bernd Graff fest: "Überall tauchen diese nicht mehr angeschauten Gesichter in unserem Leben auf: Neben den realen Gesichtern anonymer Zeitgenossen sind es medial vermittelte Nachrichtengesichter, Werbegesichter, TV-Gesichter, Digital- und Robotergesichter. Ein perfektes künstliches Gesicht, das die Künstlerin Kate Cooper aus einem Digitalbausatz komponiert hat, ziert denn auch das Ausstellungsplakat. All diese Gesichter wollen anscheinend zu uns sprechen, aber wir schauen sie nicht mehr an. Damit entziehen wir uns dem Wechselspiel der Blicke, das konstitutiv ist für einen wesentlichen Teil der menschlichen Kommunikation."

Bild: Mo Yi, Rot, 1985, Farbabzug (2017), 81,1 x 58,1 cm

Die Berliner Ausstellung "Arbeiten in Geschichte. Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution" ist die erste dieser Art, die sich hierzulande mit diesem traumatischen Kapitel der Geschichte auseinandersetzt, lobt Bernhard Schulz im Tagesspiegel: "Nur wenige, dafür immer und immer wieder reproduzierte Bilder der Kulturrevolution drangen in die Welt hinaus. Tatsächlich aber ließen die Machthaber überall Kameras laufen und Fotoapparate klicken. Sorgfältig wurden die entstandenen Bilder retuschiert, beschnitten, neu zusammengesetzt, gar mit gemalten Hintergründen versehen."

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Musik

Frank Spilker von Die Sterne erstattet im Freitag Bericht von der Wiedereröffnung der Hamburger Indie- und Elektronik-Kascheme Golden Pudel Club, die vor anderthalb Jahren abgebrannt ist. Ein Hauch von Melancholie lässt sich in Spilkers Bericht nicht übersehen. "Gegen Ende lande ich noch im Blinddarm der Greise, wie Jakobus Durstewitz, Allroundmusiker und Maler, den toten Winkel hinter der Eingangstür nennt. Rocko Schamoni lehnt an der Wand ... In dem Blinddarm der Greise stehen auch die Typen, die in dem Glauben leben, zur Kulturelite zu gehören, obwohl sie neben dem Abgreifen von Kultursubventionen eigentlich nichts Erwähnenswertes produzieren oder sowieso nur Dienstleister sind. Die muss man wohl ebenso in Kauf nehmen wie den flaschenschmeißenden Jüngling, dem die Hormone überkochen. Nur darf man sie auf keinen Fall an die Macht kommen lassen, sonst droht dem Pudel das gleiche Schicksal wie dem Westwerk, in dem sich die frühverrenteten Künstler der Stadt eingenistet haben, oder eine weitere Kampftrinkerbude, von denen es auf St. Pauli schon so viele gibt."

Für The Quietus spricht Mat Colegate mit dem Experimetal-Elektro-Künstler Daniel Lopatin über dessen - unter seinem Projekt Oneohtrix Point Never veröffentlichten - Soundtrack zum Gangsterfilm "Good Time" mit Robert Pattinson. Für ein Stück konnte er Iggy Pop als Stimme gewinnen. Eine abenteuerliche Session, wie wir erfahren: "Iggy war so etwas wie die Stimme Gottes im Studio. Wir waren über eine ISDN-Leitung verbunden. Er saß in Miami, wir in New York. Wir starrten also buchstäblich auf die Uhr bis wir plötzlich ein 'Hey, wer ist da?' hörten. Er klang wie ein zorniger alter Mann mit einer Schrotflinte auf der Veranda, der herauskriegen will, wer sich da auf seinem Rasen rumtreibt. Er kam mit einer ganzen Reihe von Ideen an und verstand den Film auf einer tiefen Ebene. Wir hatten eine tolle Session." Das hören wir uns gerne an:



Weiteres: FAZ-Kritiker Jan Brachmann genießt es, beim Festival "Raritäten der Klaviermusik" in Husum Entdeckungen machen zu können - so etwa Viktor Kossenkos zweite Klaviersonate cis-Moll op. 14 von 1924 oder Alexej Stantschinskis Sonate es-Moll von 1906. Julian Weber berichtet in der taz vom zweiten Abend bei der Pop-Kultur Berlin. Rüdiger Schaper hat für den Tagesspiegel das Kammermusik-Festival Molyvos auf Lesbos besucht. Ueli Bernays resümiert in der NZZ das Zürich Openair. Zum 100. Geburtstag von John Lee Hooker wiederholt Deutschlandfunk Kultur ein RIAS-Feature von 1982 über den Bluesmusiker.

Besprochen werden das neue Album "A Deeper Understanding" von The War on Drugs (Pitchfork), die Wiederveröffentlichung von D'Angelos "Brown Sugar" (Pitchfork), Konzerte des Mahler Chamber Orchestras und der Filarmonica della Scalas beim Lucerne Festival (NZZ), der Auftakt der Haydn-Festspiele in Wien (Standard), neue Singer-Songrwriter-Alben von Pieta Brown, Fionn Regan und Bedouine (FR), das Konzert des I, Culture Orchestras beim Berliner Festival Young Euro Classic (Tagesspiegel), der Auftritt von Michael Wollny & Friends beim Rheingau Festival (FR) und das Album "oltreLuna" der italienischen Prog-Band Progenie Terrestre, das Dietmar Dath als SF-, Krach- und Metal-Spezi von der FAZ in einen berauschten Assoziationssturm stürzen lässt. Wir stürzen mit:

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Bühne

taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller wagt einen Blick auf die kommende Theatersaison: Mit Werken von Wolfgang Herrndorf, Heinz Strunk oder Didier Eribon auf den deutschsprachigen Bühnen ist der Untergang des Ensembletheaters nicht zu befürchten, meint sie und: "Auch das Berliner Ensemble hat einen neuen Intendanten, Oliver Reese, und der hat an Schauspielern und Regisseuren viele große Namen an sein Haus gebunden. Michael Thalheimer wird exclusiv in Berlin arbeiten, Frank Castorf inszeniert dort 'Les Misérables', und Reese selbst eine Uraufführung 'Panikherz' nach Benjamin von Stuckrad-Barre. Das Berliner Ensemble wird zu einem echten Herausforderer für die Volksbühne werden."

Besprochen wird das Stück "The Last King of Kakfontein" des südafrikanischen Künstlers Boyzie Cekwana beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ).
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Archiv: Bühne

Film

Nach dem Ende der siebten Staffel von "Game of Thrones" ist sich FAZ-Kritiker Ulf von Rauchhaupt sicher: Diese Fantasyserie ist in Wahrheit eine Parabel auf den Klimawandel - "bis haarscharf an die Grenze des Moralisierens heran."

Für die FAZ spricht Maria Wiesner mit dem Kostümdesigner Michael O'Connor über dessen Arbeit an dem Historiendrama "Tulpenfieber" mit Christoph Waltz.

Besprochen werden Lukas Valenta Rinners Nudistenfilm "Die Liebhaberin" (Standard), Marco Bellocchios "Träum was Schönes" (Freitag) und Joel Hopkins' "Hampstead Park - Aussicht auf Liebe" (FR).
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Literatur

Mit etwas Verspätung erscheint heute mit "Die Geschichte der getrennten Wege" der dritte Teil der Übersetzung von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga. Die Lebensgeschichte zweier Freundinnen kommt damit in den linksbewegten 70ern an, als "das Protestfieber alle Schichten erfasste", wie Franz Haas in der NZZ das Setting des Romans umschreibt. Bei der Saga handelt es sich um "ein Jahrhundertwerk", hält Andreas Fanizadeh in der taz fest. Der dritte Band entfalte "über ein weit verzweigtes und psychologisch fein ausgestaltetes Personentableau ein bezeichnendes Panorama der 1970er-Jahre in Italien. Nicht ohne eine Brise Bitterkeit resümiert die Romanautorin die frühen Erwachsenenjahre ihrer Frauenfiguren, deren Emanzipation nach 1968 auf halbem Wege stecken bleibt." Niklas Bender von der FAZ ist unterdessen, trotz eingestandenem "Lesevergnügen",  nicht vollauf überzeugt: Geschichte gerinne hier "zum Dekor. Zudem neigt Ferrante zur Übertreibung." Ferrantes Projekt, der dominanten männlichen Perspektive auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine weibliche entgegenzustellen, sei selbst wiederum "Spartenkunst, diesmal weibliche. ... Für Literatur, die per definitionem einen Universalitätsanspruch hat, ist das ein Problem." Ob er das bei Büchern von Männern ähnlich penibel unterstreicht, bleibt die Frage.

Für die Seite Drei der SZ hat sich Johanna Adorján mit Schriftsteller Thomas Melle getroffen, um ein Jahr nach Veröffentlichung Rückschau zu halten auf dessen semi-dokumentarischen, autobiografischen Roman "Die Welt im Rücken", in dem der Autor über seine bipolare Störung schrieb und damit sein bislang erfolgreichstes Werk vorgelegte. Werk wie Erfolg haben ihm gut getan, erfahren wir: "'Was mir passiert ist, ist mir jetzt auf jeden Fall ferner als noch zur Zeit der Buchveröffentlichung, es bedrängt mich nicht mehr so, ich kann die Intensität dieser Erfahrung nicht mehr in mir abrufen. Die ist jetzt weg. Die ist jetzt ein Buch.'"

Heutige Terroristen suchen die Unsichtbarkeit in der Masse - und greifen damit einen Aspekt urbanen Lebens auf, auf den auch die Literatur der Moderne, etwa Baudelaire und Poe, immer wieder zu sprechen kam, erklärt Roman Bucheli in der NZZ: "Mochte einmal auch ein Zauber dem Gedanken an irgendeine Form des Inkognitos innegewohnt haben: Die jüngsten Ereignisse und ähnliche, die ihnen vorausgingen, haben ihn gründlich zerstört. So gehört es mittlerweile zu den gespenstisch wiederkehrenden Beobachtungen, dass Attentäter völlig unbemerkt und gänzlich angepasst in ihrem Umfeld leben. ... Das Inkognito dieser Unsichtbarkeit gab ihnen ein neues, vielleicht gar ein berauschendes Machtgefühl. Mitten unter den Menschen waren sie zugleich vollkommen im Verborgenen. Sie verschwanden, indem sie blieben, wo sie immer schon gewesen waren, und indem sie taten, was sie immer schon getan hatten." Dazu passend: Reinhart Wustlich von der FR liest in Romanen von Tahar Ben Jelloun, Mahi Binebine und Mathias Énard die Vorgeschichte des Anschlags von Barcelona.

Weiteres: Catrin Lorch freut sich in der SZ über die Wiederentdeckung der Bilderbuch-Illustrationen von Tom Seidmann-Freud, der Nichte Sigmund Freuds. Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang erinnert sich in der Literarischen Welt an ihre Lindgren-Lektüre im Korea der frühen 80er und welche Kindheitserinnerungen sie damit verbindet. Eckart Goebel fragt sich in der Literarischen Welt, warum Goethe seinen - zu Lebzeiten als Schneider sehr populären - Großvater Friedrich Georg Göthe in seinem Werk weitgehend ignoriert. In der SZ spürt Tobias Kniebe der Erfolgsgeschichte des Begriffs "Narrativ" nach. Andreas Hergeth schreibt in der taz zum Tod der Schriftstellerin Waldtraut Lewin. Die FAZ druckt vier Passagen aus Rétif de la Bretonnes im 18. Jahrhundert verfasstem "Monsieur Nicolas", das im September in einer Neuübersetzung erscheint.

Besprochen werden Reinhard Kleists Comicbiografie über Nick Cave (taz), Sonja Heiss' "Rimini" (taz), Virginie Despentes' "Das Leben des Vernon Subutex" (Welt), Charles Berthouzoz' Lyrikband ""Der raue Tod" (NZZ), Ismail Kadares "Die Verbannte" (SZ), Zadie Smiths "Swing Time" (Zeit), Leila Slimanis "Dann schlaf auch Du" (Welt), Tsutomu Niheis SF-Manga "Knights of Sidonia" (Tagesspiegel), John Boynes "Der Junge auf dem Berg" (FR), Tilman Jens' Biografie über Stephen Bannon (taz), Anthony Doerrs Erzählband "Die Tiefe" (Tagesspiegel) und Michel Houellebecqs Essayband über Schopenhauer (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Bild: nikola-lenivets.ru

In der FAZ staunt Kerstin Holm über den Land-Art-Park, den der Künstler Nikolai Polisski in der russischen Provinz Nikola Leniwez mit verschiedenen Architekten gestaltet hat und mit dem er durch die Verwendung von natürlichen Stoffen wie Holz und Reisig die "Armutskultur fantasievoll wiederbelebt": "In diesem Jahr stand das Sommerfestival 'Archstojanie', bei dem neue Arbeiten eingeweiht werden, unter dem zu den schwierigen Zeiten passenden Motto 'Wie soll man leben?'. Das Petersburger Architekturbüro 'Chwoja' errichtete auf einer Plattform im Teich ein quadratisches, fensterloses 'Haus mit Lüster', der, in einem Glaskasten auf dem Dach angebracht, der Außenwelt Licht spendet, während das Wohnrefugium dunkel bleibt. Die Künstlerin Viktoria Tschupachina schuf aus Zweigen, Heu und Wolle eine kugelgestaltige 'Hundehütte' für einen oder zwei Zufluchtsuchende."
Archiv: Architektur