Efeu - Die Kulturrundschau

Russische Realität. Punkt.

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23.08.2017. Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow wurde in Moskau verhaftet. Die Feuilletons fragen: Warum genau? Das art-magazin untersucht, wie Erdogan mit pathetischen Propaganda-Plakaten die türkische Erinnerung an den Putschversuch manipuliert. Die FAZ liest bei Christian Welzbacher nach, woher die Angst vor Moscheen kommt. Die Kritiker loben Valeska Grisebachs "Western" als schönsten deutschen Film seit langem. Und die NZZ fragt nach einem Besuch in der Londoner Tate: Was ist eigentlich schwule Kunst?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2017 finden Sie hier

Kunst

Bild: 15temmuzetkinlikleri.com / T.C. Cumhurbaskanligi

Das art-magazin hat sich mit dem Bildwissenschaftler Peter Krieger die großformatigen Plakate genauer angeschaut, die in vielen Städten der Türkei hingen, um an die Niederschlagung des Putsches von 2016 zu erinnern. Durch  die "Mischung aus monumentaler sowjetischer Propaganda-Malerei und Computerspiel-Ästhetik" soll sich eine bestimmte "Heldennarration" der Nacht ins "kollektive Gedächtnis" einbrennen, so Krieger. "Zwölf unterschiedliche Motive hängen in den türkischen Städten - angelehnt sind sie an Bilder, die vor einem Jahr pausenlos über die Fernsehbildschirme flimmerten. Jedes der Plakate verdichtet Einzelmomente an verschiedenen Schauplätzen zu einer dramatischen Szene. Die Verlierer sind immer die gleichen: weinende, verzweifelnde, sich ergebende Soldaten - Putschisten im Moment der Niederlage. Es ist ein Katalog pathetischer Gesten, über jeder leuchtet ein weißer Schriftzug: 'Heldenepos 15. Juli'. Anstelle einer Künstlersignatur prangt am unteren linken Rand das Siegel des Türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdogan. Der Auftrag für die Plakate kam offenbar von ganz oben."

Im Monopol-Interview mit Helena Davenport spricht die Istanbuler Galeristin Jade Yesim Turanli über Veränderungen in der türkischen Kunstszene nach dem Putschversuch: "Ich denke, wir sehen den Effekt nicht direkt. Aber langfristig führen die Geschehen zu Selbstzensur und zu einer veränderten Stimmung während der Ausstellungen. Auch dazu, dass man Ausstellungen möglichweise austauscht."

Bild: Installationsansicht: How To Live Together, Kunsthalle Wien 2017, Stephan Wyckoff

Als intimes "Kammerspiel" lobt SZ-Kritikerin Catrin Lorch die Wiener Ausstellung "How to live together", die sich dem Zusammenleben in der modernen Gesellschaft widmet und zugleich Medienbilder und politische Floskeln hinterfragt. Fasziniert betrachtet sie etwa Paul Grahams Serie von britischen Arbeits- und Sozialämtern in den Achtzigern oder Herlinde Koelbls Fotografien aus provisorischen Flüchtlingsunterkünften: "Die staatliche Fürsorge konzentriert sich offensichtlich darauf, dem anderen einen Rahmen vorzugeben, sei er aus fest gefügten Abläufen oder aus Beton. Die Ausstellung spürt nicht nur dem nach, was Einsatzpläne, Machbarkeitsstudien anrichten, sondern auch der dahinter lauernden Angst: Das Video 'Rhode Island Red' von Yvonne Rainer etwa, die 1968 einen Stall voller Hühner filmte, Hunderte, dicht gedrängt, eine kopflose, unübersichtliche Menge von Körpern, von unzügelbarer Kraft, die nur von den Mauern zusammengehalten scheint."

In der NZZ weiß Marion Löhndorf nach einem Besuch in der Londoner Ausstellung "Queer British Art", die von 1861, als die Todesstrafe für Sodomie abgeschafft wurde, bis ins Jahr 1967, als Homosexualität für über 21-Jährige in England entkriminalisiert wurde, auch nach Lektüre der englischsprachigen Kritiken nicht recht, was "schwule Kunst" eigentlich sein soll: "Der diskursive Charakter der Ausstellung spiegelt sich in der Kritik daran. Der Kritiker des Daily Telegraph fand sie schlicht überflüssig: Die Tate stelle sowieso pausenlos homosexuelle Künstler aus, die aber ihre Sexualität nicht in den Vordergrund stellten. Die Daily Mail bemängelte, es sei unklar, ob 'gay art' über die Motive, die Geschichten oder die Künstler zu definieren sei. Und der Evening Standard hielt zu Recht fest, dass sich die Schau nicht zwischen erzählerischem und ästhetischem Anspruch entscheiden könne: Dem Guardian gefiel ebendies ganz besonders." Bild: Gluck (Hannah Gluckstein) Self-Portrait 1942 Collection & National Portrait Gallery, London.

Weiteres: Für die Welt hat Hans-Joachim Müller im Berner Museum zugeschaut, wie der Gurlitt-Nachlass restauriert wird. Auch wenn die zweihundert Arbeiten keine Sensation sind, beginnt dank der damit verbundenen Provenienzforschung auch in der Schweiz ein "neues Kapitel Museumsgeschichte", meint er.

Bühne

Gestern ist in Moskau der regimekritische russische Regisseur Kirill Serebrennikow festgenommen worden, die Staatsmacht hatte ihn schon lange im Visier (unsere Resümees), jetzt wirft sie ihm Veruntreuung von Fördergeldern vor: Die Inszenierung "Ein Mittsommernachtstraum" habe es gar nicht gegeben, behaupteten russische Behörden. In der Berliner Zeitung meint Dirk Pilz: "Das Theater hat ihnen Rezensionen und Werbeplakate gezeigt, zudem sich von Zuschauern bezeugen lassen, dass sie höchstpersönlich in der wirklich stattgefunden habenden Inszenierung waren - alles vergebens. Was die Behörden nicht wahrhaben wollen, gibt es nicht. Russische Realität. Punkt."

In der taz vermutet Klaus-Helge Donath: "Sollte es ein kulturferner Kulturminister sein, der sich an dem Schwulen rächen will? Angeblich sei es Kulturminister Medinski gewesen, der im Juli Serebrennikows Ballett über den russischen Startänzer 'Nurejew' aus dem Programm des Bolschoi-Theaters streichen ließ. Nurejew war ein bekennender Schwuler. Auch die orthodoxe Kirche könnte ein Machtwort gesprochen haben. Trotz Gleichschritts ist es unübersichtlich geworden in Russland." In der FR glaubt Stefan Scholl den Behörden kein Wort. In der SZ porträtiert Sonja Zekri den Regisseur: "Serebrennikow, geboren 1969 in Rostow am Don, ist studierter Physiker, er kennt sich aus mit Druck, Masse, Hebel."

Ein bisschen "Altherrenhumor" zum Trotz nimmt Claudia Steinfeld in der Zeit doch einige Erkenntnisse aus Michael Moores Broadway-Performance "The Terms of My Surrender" mit nach Hause: "Zu seinem Ernüchterungsprogramm gehört die schmerzliche Einsicht, dass es zu keiner Amtsenthebung kommen wird. Vor drei Monaten haben wir uns an der Hoffnung auf Comeys Nachforschungen besoffen, dann haben wir uns an den Russen betrunken, danach an Charlottesville, sagt er. Jetzt, da Moores Publikum am Boden liegt, stellt er seine Ansprüche: die Abgeordneten anrufen - und zwar jeden Tag."

Besprochen wird die von Christophe Rousset dirigierte Ballet-Oper "Pygmalion" von Jean-Philippe Rameau bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: Musikalisch brillant, aber die Ballett-Inszenierung von Choreografin Nathalie van Parys versandet für SZ-Kritikerin Kristina Maidt-Zinke in müdem "Disco-Tanz".

Musik

Heute beginnt in Berlin das staatlich finanzierte PopKultur-Festival, dessen Eröffnung allerdings von einem Boykottaufruf der antisemitischen BDS-Kampagne überschattet wird: Weil die israelische Regierung der Künstlerin Riff Cohen einen Reisezuschuss von 500 Euro gewährt hat, nahmen einige Künstler ihre Teilnahme zurück. In den Feuilletons hat man für solche Aufstachelungen und Instrumentalisierungen einmütig kein Verständnis. "Es gibt kein anderes deutsches Festival, dessen Programm so divers und ausgewogen gestaltet ist", lobt Diviam Hoffmann in der taz die Veranstaltung. Harry Nutt seufzt in der Berliner Zeitung angesichts der BDS-Umtriebe: "Das große Band-Aid-Banner, unter dem Bob Geldorf und Co. einst ohne jede Angst vor Pathos die Künstler der Welt für eine gute Sache versammelten, ist kulturkämpferischen Fähnchen gewichen. 'We are the world' erklingt hier nicht mehr. ... Ist das noch Pop?"

Weiteres: Anlässlich der Berliner PopKultur porträtiert Nana Heymann den Köpenicker Rapper Romano. Ljubisa Tosic spricht im Standard mit Intendant Walter Reicher über dessen Pläne für die Haydn-Festspiele. Ueli Bernays stellt in der NZZ das Pop-Duo True vor. In der FAZ unterhält sich Josef Oehrlein mit dem Dirigenten Daniele Gatti über dessen Projekt "Side By Side", bei dem er Nachwuchs-Dirigenten Hilfestellung leistet. Andreas Hartmann besucht für den Tagesspiegel den Berliner Plattenhändler Jeff Özdemir. Max Nyfeller resümiert in der FAZ das Davos Festival. Pitchfork kürt außerdem die 200 besten Alben der 60er Jahre. Die Spitzenpositionen sind weitgehend überraschungsfrei:



Besprochen werden Konzerte beim Lucerne Festival (NZZ), ein Konzert von Kristjan Järvi (FR),  ein Boris-Vian-Abend des Ensembles Aimée Rose (FR), das Konzert des Bundesjugendorchesters beim Young Euro Classic (Tagesspiegel) und der Dokumentarfilm "It was fifty years ago today" über "Sgt. Pepper's" von den Beatles (taz).
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Literatur

Dietmar Dath (FAZ) und Alexander Menden (SZ) schreiben zum Tod des SF-Autors Brian Aldiss. "In den schönsten Texten, die Aldiss geschrieben hat, ist das schwer durchschaubare Erwartungsbündel 'Zukunft' Platzhalter für die Trauer über all die vorstellbaren und nur selten verwirklichten Schätze an Schönheit, Erkenntnis, Freiheit und Wahrheit, die sich kaum je treffen werden, wo Menschen tatsächlich leben müssen, in der Gegenwart", schreibt Dath.

Im Welt-Gespräch mit Marc Reichwein erklärt die Biografin Barbara Stolberg-Rillinger, was die Phänomene Lady Di und Maria Theresia eint und warum Klatsch historiografisch wichtig ist: "Mittlerweile sind aber Geschlechterrollen, Sexualität, Emotionen und so weiter als Gegenstände der Geschichtsschreibung fest etabliert. Es steht außer Frage, dass all das historischem Wandel unterliegt und daher auch historisch zu erforschen ist."

Weiteres: In der FAZ gewährt Jürg Altwegg einen profunden Einblick in die Schweizer Verlagslandschaft, die nach dem Tod von Egon Ammann und dem Verkauf der Simenon-Rechte einigen Verwerfungen ausgesetzt war (wie wir leider viel zu spät entdeckt haben). Die NZZ bringt eine Erzählung von Carmine Abate, der sich darin an seine Kindheit in Kalabrien erinnert.

Besprochen werden Victor Klemperers "Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen - Ein Leben in Briefen" (NZZ), Ralf Königs Comic "Herbst in der Hose" (Jungle World), Thomas Lehrs "Schlafende Sonne" (SZ) und Tore Renbergs "Wir sehen uns morgen" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.

Film

Ein paar deutsche Männer auf Montage in Bulgarien, Begegnungen mit den Einheimischen, dem Land, der Landschaft - die Zutaten zu Valeska Grisebachs mit Laiendarstellern realisiertem Film "Western" sind einfach, aber das Ergebnis umso überzeugender, findet Bert Rebhandl in der FAZ. Die Männer "spielen im Wesentlichen sich selbst, in einer körperlichen Präsenz, die all das in sich verschließt, was für das Begreifen einen gewissen Sinn verlangt, einen siebten Sinn, wenn man so will, wie er der siebten Kunst entspricht." Der Film biete "eine zwei Stunden lange Erfahrung über die Weisen, wie man sich der Welt öffnen kann, wenn man eigentlich viele Gründe hätte, mit ihr schon abgeschlossen zu haben. 'Western' ist einer der besten - und schönsten - deutschen Filme seit langer Zeit, weil er sich an den Grenzen von Europa für die ganze Welt öffnet." Im Tagesspiegel porträtiert Christiane Peitz die Regisseurin. Für die Spex bespricht Esther Buss den Film.

Weiteres: Christian Schröder (Tagesspiegel), Daniel Kothenschulte (FR) und Tilman Krause (Welt) schreiben zum Tod von Margot Hielscher, der "letzten Ufa-Diva". Wir erinnern uns:



Und in der SZ erinnert Willi Winkler an den vor 50 Jahren uraufgeführten Klassiker "Bonnie und Clyde", mit dem das Kino der Gewalt beträchtlich an Fahrt aufnahm:



Besprochen werden "Atomic Blonde" mit Charlize Theron (Standard, ZeitOnline), die Netflix-Serie "Ozark" (NZZ) und Lucas Belvaux' "Das ist unser Land" (SZ).

Architektur

FAZ-Kritiker Matthias Alexander erfährt in Christian Welzbachers Essay "Europas Moscheen", dass gesellschaftliche Ängste vor Moscheebauten auch in der Historie begründet sind. Wurden Ende des 18. Jahrhunderts Ornamente der orientalischen Moschee-Architektur in Westeuropa noch in Gartenpavillons oder Tabakfabriken aufgegriffen, orientierten sich spätere Moscheen hierzulande bald an dem vereinfachten Formenvokabular - mit "fatalen Folgen", erfährt Alexander: "Weil ihre Gebetshäuser exotisch wirkten, verfestigte sich die Selbstwahrnehmung vieler europäischer Muslime als Fremde. Und von den Mehrheitsgesellschaften wurde die exotische Architektur nun als Teil einer Abgrenzungsstrategie der Neuankömmlinge wahrgenommen. Das gilt umso stärker, seit die Anhänger des Islams nicht mehr eine winzige Minderheit sind, sondern in größeren Gruppen auftreten. Moscheen erscheinen nun als bedrohliche Eroberungsarchitektur einer fremden Kultur, die ostentativ Bezug auf die weit entfernte Herkunftsregion nimmt." (Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau)
Stichwörter: Moscheen

Design

Für die taz hat sich Nora Voit den Studiengang Modemarketing, den man in Berlin studieren kann, genauer angesehen.
Stichwörter: Mode