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Efeu - Die Kulturrundschau

Im Tal wollte ich zu den Pflanzen gehören

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19.08.2017. Die Welt ruft nach einem Besuch in der Bremer Kunsthalle in Richtung Berlin: So geht man mit Kolonialgeschichte um! Mit Colson Whitehead schaut sie hinter die Klischees in der Geschichte der amerikanischen Sklaverei. Einen kleinen Skandal gab's bei den Salzburger Festspielen schließlich doch noch: Athina Rachel Tsangaris "Lulu" wurde ausgebuht, die Kritiker wissen warum. In der SZ erklärt Virginie Despentes, warum sie nicht Frankreichs neuer Balzac sein will. Die NZZ entdeckt Mailand als Hotspot elektronisch-experimenteller Musik und fragt: Was ist aus den Pionieren der Neuen Deutschen Welle geworden? Und die taz lernt, wie man illegale Partys im Iran organisiert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2017 finden Sie hier

Kunst


Bild: Max Pechstein, Begegnung, 1918. Lithographie, 49,5 x 40,7 cm, Kunsthalle Bremen - Der Kunstverein in Bremen, Kupferstichkabinett, 2017 Pechstein Hamburg / Tökendorf

Nehmt euch ein Beispiel an der Kunsthalle Bremen, ruft Swantje Karich in der Welt in Richtung Berlin nach einem Besuch in der Ausstellung "Der blinde Fleck", die sich der Kolonialgeschichte des Museums stellt. Die 1823 von Bremer Kaufleuten gegründete Kunsthalle ist aus dem Reichtum durch den Kolonialismus hervorgegangen, informiert die Kritikerin, die hier etwa Emil Noldes Südsee-Bilder betrachtet: "Auf malerisch höchst qualitätvollen Blättern entstehen Porträts von Menschen, die nicht freiwillig Modell saßen, in deren Blicken Feinheiten verraten, wie brutal diese Aneignung geschah, wie sehr das Fremde hier konstruiert wird. Jahrzehntelang wollte in Europa niemand diese Details erkennen. Das Spiel wiederholt sich bei Georg Kolbe und Fritz Behn, sie pressen das Fremde in Schablonen, Herbert Kubica und seine 'Hockende Negerin' wurden erst 1948 mit den Mitteln der Hansestadt für das Museum erworben."

Anlässlich der im Bonner Frauenmuseum gezeigten Ausstellung "Paare in der Kunst" und der im Louisiana Museum of Modern Art gezeigten Marina Abramović Schau "The Cleaner" versucht taz-Kritikerin Johanna Schmeller den Mythos der Künstlerliebe zu ergründen. Zum einen werde aus individuellem Gefühl "kollektives Gut, aus Auseinandersetzung Kunstgeschichte. Zum anderen finden Kreative eine eigene Sprache, die den Betrachter zwar nicht einbezieht, ihn dafür aber ordentlich mitnimmt. Das Produkt eines künstlerischen Dialogs hat einen Adressaten - nicht den Museumsbesucher, nicht den Leser oder Hörer, sondern den Counterpart. Aus einer allgemein vertrauten Empfindung konstruieren Künstlerpaare eine eigene, öffentlich gelebte Intimität. Zuschauen ist erlaubt, mitmachen unmöglich. Die Realität wird nicht mehr durch die Weltsicht eines einzelnen Künstlers gefiltert, sondern durch zwei Visionen derselben Emotion."

Besprochen wird die Ausstellung "Welt kompakt" im Wiener Museumsquartier, die sich mit Fragen der Demokratie unter neuen medialen Voraussetzungen auseinandersetzt (Standard) und die Ausstellung "Pool" im Sommerbad Humboldthain (SZ).

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Literatur

Die SZ dokumentiert Herta Müllers Eröffnungsrede zur Ruhrtriennale, in dem die Literaturnobelpreisträgerin über ihre Erfahrungen in der rumänischen Diktatur spricht. Bei ihrer Arbeit in einer Maschinenfabrik sollte sie als Spitzelin für den Geheimdienst angeworben werden. Da sie sich weigerte, wurde sie Repressalien ausgesetzt. "Die Lüge war in der Fabrik als Wahrheit installiert. Ich war eine erfundene Person, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Gehörte ich mir noch? Im Tal wollte ich zu den Pflanzen gehören. Jetzt musste ich etwas tun, damit ich wieder zu mir gehöre. Und ich klammerte mich an meine Wahrnehmung. Um sicher zu sein, dass ich wenigstens die noch habe, musste ich sie aufschreiben."

Großes Aufsehen erregt die französische Autorin und Filmemacherin Virginie Despentes derzeit in Frankreich mit einer Roman-Trilogie, die die französische Gesellschaft aufs Korn nimmt. Deren erster Teil "Das Leben des Vernon Subutex" ist gerade auch auf Deutsch erschienen. Bei den französischen Balzac-Vergleichen winkt Despentes ab, erklärt Alex Rühle in seinem SZ-Porträt: "Despentes lässt all solche olympischen Vergleiche mit ironischer Skepsis an sich abgleiten. ... Erst werde man als pornografische Krawallfeministin abgestempelt, jetzt als Frankreichs Krisenorakel gehandelt." Außerdem bespricht der Tagesspiegel das Buch.

Für die Literarischen Welt spricht Wieland Freund mit Colson Whitehead, der sich in seinem neuen Roman "Underground Railroad" mit der Geschichte der amerikanischen Sklaverei befasst. Wichtig war ihm dabei die Überwindung klischierter Vorstellungen: "Diese Menschen sind beschädigt und traumatisiert und werden ihre Zeit nicht damit verbringen, sich unablässig gegenseitig zu helfen. Aus der Popkultur kennen wir diesen einen Onkel Tom, der die anderen Sklaven denunziert, während die übrigen treu zueinanderstehen. In meinen Augen verhalten sich Menschen in einer solchen Lage nicht so. ... Jeder wird von diesem System versklavt, ob es nun der Sklavenjäger, der Schmied oder der Typ von der Zeitung ist, der die Fahndungsaufrufe druckt. Jeder wird von der Bosheit der Sklaverei deformiert."

Keshava Guha bietet in der Literarischen Welt einen Überblick über indische Literatur jenseits von Arundhati Roy, deren aktuelles literarisches Comeback die Kritik begeistert. Man erfährt nicht nur, dass Knausgard'sche Autofiktion in der indischen Literatur etwas sehr neues ist, sondern auch dies: Iindische Literatur solle man "nicht als Nationalliteratur verstehen, sondern als Ballung von ganz unterschiedlichen regionalen Literaturen. ...  Zwischen den indischen Sprachen wird kaum hin und her übersetzt - die meisten Bücher werden zunächst ins Englische übertragen, allerdings oft von Übersetzern, die keine Muttersprachler oder besonderen Kenner des Englischen sind." Die Folge: "Regionalliteratur, die immerhin die interessantesten Ansätze und Formen der indischen Gegenwartsliteratur zeigt, bleibt also außerhalb Indiens so gut wie unbekannt."

Weiteres: Für die Literarische Welt besucht Marc Reichwein den italienischen Verlag Edizioni e/o, der mit Elena Ferrantes Neapel-Saga einen weltweiten Erfolg erzielt hat. Tilman Krause wirft in der Literarischen Welt einen Blick darauf, wie Autoren mit ihren gesellschaftlichen Stigmata umgehen - als Beispiele dienen ihm Daniel Schreiber, Oskar Roehler und Ijoma Mangold

Besprochen werden Uwe Tellkamps "Die Carus-Sachen" (Welt), Samuel Selvons "Die Taugenichtse" (NZZ), Ijoma Mangolds "Das deutsche Krokodil - Meine Geschichte" (taz), der Debütroman "Rimini" der Filmemacherin Sonja Heiss (Tagesspiegel), Édouard Louis' "Im Herzen der Gewalt" (taz), Richard Fords "Zwischen ihnen" (SZ) und Matthias Zschokkes "Ein Sommer mit Proust" (NZZ).
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Bühne

Bild: Szene aus "Lulu". Athina Rachel Tsangari. Salzburger Festspiele. Monika Rittershaus

So einig wie das Publikum der Salzburger Festspiele, welches das Theaterdebüt der griechischen Filmregisseurin und Videokünstlerin Athina Rachel Tsangari mit Buhrufen quittierte, sind sich die Kritiker nicht. Zwar findet auch Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum die Idee, die "Lulu" von drei Akteurinnen spielen zu lassen, ungenutzt: "Die drei Lulus haben immer dasselbe an, und sie wechseln ihre Haartracht von Blondmähne auf dunklen Pagenschnitt. Stereotype, Klischees oder, wenn man es positiv sehen will: Archetypen. Warum eigentlich nur ein Klischee, ein Archetyp, wenn man schon drei Darstellerinnen einsetzt? Mag sein, dass der Publikumsgrimm sich deshalb so aufgestaut hat, weil die Regisseurin auch beharrlich Interpretation im Sinn präziser Geschlechter-Festschreibung verweigert. Mit Täter- und Opferrollen hält es Athina Rachel Tsangari nicht so genau, da bleibt viel offen. Feministinnen werden in dieser Aufführung schwerlich ausreichend Argumente sammeln können."

NZZ-Kritiker Bernd Noack hat allenfalls eine "harmlos dekorative Monstershow" gesehen: "Vom Wesen her unterscheiden sich die drei Lulus so wenig wie Tick, Trick und Track, auch wenn die Regisseurin es lieber hätte, man würde in diesem verkomplizierten Zusammenhang zum gedanklichen Dreisprung ansetzen und an Platon (Seele, Denken, Wille), Freud, den dreiköpfigen Cerberus oder Epikurs Trilemma denken. So hintergründig scheint ihre Theorie über die Lust an Besitz, Verzehr und Verlust, doch in der Aufführung ist davon nicht viel zu entdecken."

In der SZ erlebt Egbert Tholl immerhin einige reizvolle Momente: "Tsangari sucht die Komödie in der Tragödie, und in der Menschwerdung ihrer Lulus gelingt ihr das fabelhaft. Die drei sprechen zunächst als ein helltönender Chor entindividualisierter Weiblichkeit, erinnernd an Inszenierungen von Susanne Kennedy. Sie bilden eine aufgeweckte Trias, die in ihrer eigenen Aura lebt und für die Männer auch dadurch nicht zu fassen ist. Dem Maler, der sich ein Bild will machen, treten sie einmal in fraugroßen Ballons gegenüber, aus denen sie nur Schigolch, der vermeintliche Vater, holen kann."

Und im Standard entdeckt Margarete Affenzeller ein "schönes Bewegungsvokabular von erotischer Sachlichkeit", findet die Inszenierung aber insgesamt zu abstrakt: "Das Spiel bleibt auf Distanz, in der Mechanik der Männerwechsel weicht jedes Handlungsmotiv dem Automatismus. Die (Selbst-) Vernichtung zieht rätselhaft und unbeirrbar ihre Spur. Letztlich wirkt auch das Ballonarrangement beliebig."

Bild: Michael Clark Company: "to a simple, rock 'n' roll". Anja Beutler.

Ganz hypnotisiert kehrt Wiebke Hüster in der FAZ von Michael Clarks Tanz-Trilogie "to a simple, rock 'n' roll…song" beim Berliner Tanz im August zurück: "Anders als bei seinen Vorgängern sind seine Bühnenwesen nicht nur denkende, fühlende, rebellierende und randalierende, schnellere und sensiblere als bis dahin, sondern auch sexuelle Wesen, begehrende, Lust weckende, provozierende. Du möchtest mich bewundern, schienen romantische Tänzer zu sagen, Clarks Tänzer sagen auch mal: Du möchtest mich anfassen, nehmen, besitzen."

Besprochen werden Otto Brusattis Inszenierung von Friederike Mayröckers poetischer Komposition "Oper!" beim Kultursommer Semmering (Nachtkritik) und der Theaterfilm "Das Fräulein" beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ) und Radhouane El Meddebs Tanzstück "Face à la mer, pour que les larmes deviennent des éclats de rire" und Wen Huis "Red" beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ).
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Archiv: Bühne

Musik

Im taz-Gespräch mit Thomas Winkler erklärt der iranische Elektromusiker Siamak Amdi, wie man im Iran illegale Partys organisiert - und dass das Land diesbezüglich immer liberaler wird: "Die Prinzipien sind zwar noch dieselben: Frauen müssen einen Schleier tragen, Alkohol ist verboten, Frauen und Männer dürfen nicht zusammen auf eine Tanzfläche. Aber alle diese Vorschriften gelten heutzutage eigentlich nur noch auf dem Papier. Die Leute halten sich einfach nicht mehr an die Gesetze, und die Polizei kommt mit den Kontrollen nicht hinterher. ... Der Iran ist zwar ein religiöses Land, aber die Kultur war schon immer lockerer. Der Iraner ist eigentlich kein Fundamentalist. Selbst die Traditionalisten rauchen gern ihr Opium."

Mailand
ist ein Hotspot der elektronisch-experimentellen Musik geworden, berichtet Olaf Karnik in der NZZ. Mit vielen Labels und Veranstaltungsorten kümmert man sich dort auch um die Aufarbeitung des musikalischen Erbes, wie etwa das Mailänder Label Die Schachtel, das sich der Pflege "vergessener elektronischer und experimenteller Musik aus dem Italien der 1960er und 1970er Jahre widmet. Auf diese Weise hat sich der Avantgardekanon des 20. Jahrhunderts sukzessive verändert."

Marco Frei würdigt in der NZZ das Palazzetto Bru Zane für deren Verdienste um die Bewahrung und Aufarbeitung der Geschichte der französischen Musik: "Jede Ausgrabung hat sich bisher gelohnt, weil stets mindestens eine unerwartete Nuance, manchmal gar ein unbekannter Seitenweg der Musikgeschichte dabei ans Licht gekommen ist."

Die Pioniere der ursprünglichen Neuen Deutschen Welle sind auch heute noch oder wieder rege tätig und feuilletonistisch längst satisfaktionsfähig geworden, fällt Klaus Walter in der NZZ auf. "Gemeinsam ist diesen heute Sechzigjährigen die Prägung durch Do-it-yourself - und durch Punk: In Konfrontation mit einer stets komplizierter werdenden Realität hat sich Punk in der ästhetischen, im besten Fall auch politischen Praxis offenbar bewährt." Dazu passend spricht Arne Löffel im FR-Interview mit den Musikern von DAF über deren legendär unharmonische Bandgeschichte.

Weiteres: Stephanie Grimm porträtiert in der taz die chinesische, in Berlin lebende Noise-Künstlerin Pan Daijing. Markus Schneider berichtet in der Berliner Zeitung vom Auftakt des Berlin Atonal Festivals. Felix Michel gratuliert dem Komponisten Max E. Keller in der NZZ zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden das Konzeptalbum "Metanoia" der Pianistin Beatrice Berrut (NZZ), das neue Album von Queens of the Stone Age (Standard), der gemeinsame Auftritt von Daniel Barenboim und Martha Argerich beim Lucerne Festival (NZZ), ein Konzert von Daniel Lanois (Standard), eine von Philippe Jordan dirigierte Aufnahme der neun Beethoven-Sinfonien (NZZ), der Abschlussabend des Frequency-Festivals in St. Pölten mit Wanda und Wiz Khalifa (Standard) und das neue Album "Painted Ruins" von Grizzly Bear (SZ).
Archiv: Musik

Film

An diesem Wochenende entdeckt das Filmkollektiv Frankfurt die sinnlich-heißblütigen Filme des als "Russ Meyer Argentiniens" gefeierten Regisseurs Armando samt dessen Muse, steter Hauptdarstellerin und Lebenspartnerin Isabel Sarli (die Victoria Eglau im Deutschlandfunk Kultur porträtiert) mit einer aufwändig kuratierten Werkschau wieder. Matthias Dell hat sich für den Freitag mit einem der Veranstalter, Gary Vanisian, über das Projekt unterhalten. Dabei erfährt man unter anderem auch, mit welchem Aufwand eine solche Reihe verbunden ist: Angefragt hatte man zunächst beim "argentinischen Pendant zum Bundesarchiv, das INCAA, das Instituto Nacional Cine y Artes Audiovisuales. Ich hatte vermutet, die könnten wie das Bundesarchiv sein. Ich bin da aber auf Maria Nuñez gestoßen, die herzlich, aufgeschlossen und begeistert davon war, dass sich jemand in Übersee für Bó interessiert. Das INCAA hat knapp ein Dutzend Filme von ihm, sechs davon waren in projizierbarem Zustand. ... Das INCAA hat dann das Außenministerium eingeschaltet, das kurzfristig den Transport übernommen hat. In der Filmoteca de Catalunya in Barcelona haben wir dann überdies noch eine Unikatskopie von 'Fiebre' gefunden." Wer nicht in Frankfurt weilt, nimmt mit Youtube vorlieb:



Weiteres: Das Fernsehen wandelt sich endgültig zum Bezahlmedium, fürchtet Daland Segler in der FR. Alexandra Seitz schreibt bei epd-Film anlässlich der Wiederaufführung zweier Klassiker von King Hu über die Geschichte des Wuxia-Films aus Hongkong. Besprochen wird Cédric Klapischs "Der Wein und der Wind" (Freitag).
Archiv: Film

Architektur

Ungeahnte Entdeckungen in der DDR-Architekturgeschichte macht FAZ-Kritiker Arnold Bartetzky bei einem Besuch im Stadtgeschichtlichen Museum in Leipzig, wo derzeit die Ausstellung "Plan! Leipzig, Architektur und Städtebau 1945-1976" gezeigt wird. Es wurde "entgegen dem Klischee von der zerstörungswütigen Baupolitik der DDR, eine ganze Reihe von Großbauten verschiedener Epochen nach schweren Zerstörungen in historischen Formen wiederaufgebaut. (…) Selbst der Wiederaufbau von Kirchen war nicht tabu, wie das Beispiel der nach hartnäckigem Drängen der Gemeinde rekonstruierten historistischen Reformierten Kirche zeigt."
Archiv: Architektur