Efeu - Die Kulturrundschau

In Datenform am Rand des Möglichen

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21.06.2014. Die NZZ hat herausgefunden: Erst indem sie Gott abschaffen, können Autoren ihn zum Komplizen machen. In der Welt porträtiert Wolf Lepenies den kamerunischen Filmregisseur Jean-Pierre Bekolo. Diedrich Diederichsen erklärt in der SZ, warum er David Bowie lieber im TV hat. Also bringen wir ihn. FAZ und Kunsthalle Düsseldorf befassen sich mit den ästhetischen Folgen der digitalen Revolution. Und ist Dylan der Shakespeare Deterings?

Literatur

Gott als Erzähler hat in der Literatur ausgedient, notiert Roman Bucheli in einem schönen Essay in der NZZ -Beilage Literatur und Kunst . Dabei ist er als Miterzähler ein Kind der Aufklärung : "Die Dichter und Maler waren nicht mehr länger das Werkzeug Gottes oder dessen verlängerte Hand, dafür machten sie ihn, von dem sie sich doch gerade erst emanzipiert hatten, zu ihrem Komplizen . Denn in dem kreativen Apparat des zu sich selbst und zur selbstgenügsamen Kunst befreiten Individuums war eine vakante Stelle zu besetzen. Es ergab sich, etwas salopp formuliert, die Frage: Wie kommt in den Kopf und in die Vorstellungswelt des Subjekts, was als Kunst wieder herauskommt?"

Weitere Artikel: Im Aufmacher der Literarischen Welt feiert Richard Kämmerlings den neuen Roman von Marlene Streeruwitz , der mit dem Literaturbetrieb abrechnet und sich "eine Nachkommenschaft erdichtet, die mit dem unkorrumpierten Blick einer neuen Generation das Alte gar nicht mehr bekämpfen muss, weil sie es längst fallen sieht". Andreas Fanizadeh reist für die taz nach Finnland, um dort die finnischen Schriftsteller Ulla - Lena Lundberg und Kjell Westö zu besuchen. Lothar Quinkenstein ( Tagesspiegel ) berichtet über die von der Schriftstellerin Esther Kinsky in Berlin organisierten Veranstaltungen zur polnischen Literatur. Katharina Teutsch ( taz ) hat eine Tagung über Arno Schmidts Gegenkanon zur Literatur aus dem 18. Jahrhundert besucht. Der Tagesspiegel dokumentiert die Laudatio des Comiczeichners Flix auf den gerade beim Comic-Salon in Erlangen ( hier Oliver Ristaus Bericht) mit dem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichneten Comicautor Ralf König . In der SZ gratuliert Lothar Müller dem Dichter Wulf Kirsten zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Peter Sloterdijks neues Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" ( Berliner Zeitung , taz ), Szczepan Twardochs "Morphin" ( SZ ), Amin Maaloufs Roman "Die Verunsicherten" ( FR ) und Nicholas Evans "Wenn Sprachen sterben" ( FAZ ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Jan Wagner Wulf Kirstens Gedicht "Selbst" vor:

"die gartenmauer hangunter in die knie gesunken,
die klaffenden bruchsteinfugen holunderbesetzt,
am zaun wucherte wilder hopfen voller glocken ..."
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Film

In der Welt porträtiert Wolf Lepenies den kamerunischen Filmregisseur Jean-Pierre Bekolo , der in "Cinéma & Action en Afrique" die Situation des afrikanischen Kinos beschreibt, das über Nollywoodsoaps nicht hinauskommt: "Es sind Filme, schreibt Bekolo, in denen die Afrikaner sich so darstellen, wie sie sich gerne sehen möchten - Dokumente einer massenhaften Selbst- und Wirklichkeitsverleugnung . Keinen einzigen dieser Filme, so Bekolo weiter, wird man im Gedächtnis behalten. Damit verpasst der afrikanische Film die Chance, die Afrikaner endlich mit der Realität zu konfrontieren."

Hier Bekolos Film "Le Complot d"Aristote" bei Youtube und hier ein Ausschnitt aus Bekolos Rede zur Zukunft des afrikanischen Kinos in Dallas 2012:



In der Berliner Zeitung gratuliert Jan Brachmann dem Dokumentarfilmemacher Volker Koepp zum 70. Geburtstag. In der Welt gratuliert Hanns-Georg Rodek dem Filmemacher Helmut Dietl zum Siebzigsten.

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Musik

Alle sind begeistert von der großen David - Bowie - Ausstellung in Berlin. Außer Diedrich Diederichsen, der in der SZ starke Vorbehalte gegenüber der hier geleisteten "unkritischen, faktenverliebten Kritik- und Interpretationsverweigerung" äußert: "Es ist eine Show geworden, die zeigt, was passiert, wenn man sich auf die Forderungen jener Trottel einlässt, die immer aus dem Charakter eines Gegenstandes auf den Stil seiner Bearbeitung in Ausstellungen oder wissenschaftlichen Werken schließen ... Ich würde aber lieber den TV-Auftritt zu "Starman" in "Top Of The Pops", (...) SEHEN. Also: auf einem Fernsehschirm sehen. Und nicht als vielfach gespiegelte, mit anderen Versatzstücken versetzte Installation erleben ( Fuck Erleben !)" Wir liefern zumindest via Youtube nach:



Die FAZ bringt einen ausführlichen Essay von Heinrich Detering über Bob Dylans andauernde Auseinandersetzung mit William Shakespeare . Ausgerechnet im Fall des "Tempest" benannten letzten Albums musste er dafür tief in den verborgenen Bedeutungen der Texte schürfen, dort entdeckt er "jene doppelte Perspektive , die für die späten Dylan-Songs so charakteristisch ist: eine präzise historische Datierung, die wiederaufgehoben wird in einer Entzeitlichung , in mythischen Mustern".

Weitere Artikel: Frank Spilker berichtet in der taz von der Goethe-Institut-Tour durch China mit seiner Band Die Sterne . Michael Pilz schreibt in der Welt zum Siebzigsten von Ray Davis . Nachrufe auf den Songwriter Gerry Goffin gibts in der Berliner Zeitung und der FAZ .

Besprochen werden eine große CD-Box mit allen Opernaufnahmen von Luciano Pavarotti ( SZ ), das Album "What is this Heart?" von Tom Krell ( ZeitOnline ), dem auch Pitchfork gerade ein ausführliches Feature gewidmet hat, und Lana Del Reys neues Album "Ultraviolence" ( Welt ).
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Archiv: Musik

Bühne

Lucas Wiegelmann bittet für die Welt den Operntenor Vittorio Grigòlo zu Tisch: "18.30 - eigentlich noch keine Essenszeit für Vittorio Grigòlo. In Rom, wo er aufgewachsen ist, haben die meisten Pizzerien um die Zeit noch gar nicht geöffnet. Also fischt Grigòlo nur eine Laugenbrezel aus der Kühlvitrine, nach einigem Zögern auch noch ein hartgekochtes Ei. Beim Zahlen zwinkert er der jungen Kassiererin zu. Der süße Duft seines Eau de Toilette umgibt ihn wie eine unausgesprochene Verheißung . Vittorio Grigòlo, 37 Jahre alt, gehört zu den begehrtesten Operntenören der Welt. Weil er aus Italien kommt, gilt er als neuer Pavarotti. Weil er so schön ist, gilt er als neuer Rolando Villazón."

Und hier dann gleich ein flüchtiges Tränchen:



Besprochen werden Joël Pommerats bei der Theaterbiennale "Neue Stücke aus Europa" am Staatstheater Wiesbaden aufgeführtes Stück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" ( FR ), Isabella Rossellinis Hamburger "Green Porno"-Abend über die Wunderwelt der Sexualität von Tieren ( FAZ ), Otto Schenks etwas altbackene Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Das schlaue Füchslein" an der Wiener Staatsoper ( FAZ ), Philipp Löhles neues, im Bionade-Biermeier situiertes Stück "Wir sind keine Barbaren" in Mannheim ( FAZ ) und Alain Platels im Frankfurter Mousonturm aufgeführtes Tanztheaterstück "tauberbach" ( FR ).
Archiv: Bühne

Kunst



Swantje Karich bespricht für die FAZ die Ausstellung "Smart New World" der Kunsthalle Düsseldorf , die als "Bestandsaufnahme zu den ästhetischen Folgen der digitalen Revolution " konzipiert ist, aber darüber hinaus auch eine Ehrdarbietung an die zeitgenössische Kunst darstellt. Und die Kritikerin findet schlussendlich auch einigen Trost in den Arbeiten: "Die Ausstellung (...) liefert keine neuen Informationen. Aber eben darin liegt die Befreiung der Sinne und des Sinnes , die sie ermöglicht: Information ist eben doch nicht alles - es kommt darauf an, was man über das hinaus erkennen und denken kann, was sich schon in Datenform am Rand des Möglichen abgelagert hat. Informationen, das sind bloß die Samenkapseln, aus denen das Neue herauswächst, wenn es sich traut." ( Bild: Tabor Robak, Filmstill aus 20XX, Courtesy Team Gallery, New York )

Außerdem: Gesine Borcherdt berichtet in der Welt von der Art Basel .

Besprochen werden die Ausstellung "Mission: Postmodern. Heinrich Klotz und die Wunderkammer DAM" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ( NZZ ), die Sigmar-Polke -Retrospektive im Moma ( NZZ ) , d ie große Ausstellung über Karl den Großen in Aachen ( Tagesspiegel , SZ ), die Ausstellung "1514" über den Vertrag von Tübingen in der Kunsthalle Tübingen ( FR ) und die Foto-Ausstellung "Fenster als Element und Metapher" in den Opelvillen Rüsselsheim ( FR ).
Archiv: Kunst