Prähistorie und Nationalsozialismus

Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945
Cover: Prähistorie und Nationalsozialismus
Synchron Wissenschaftsverlag, Heidelberg 2002
ISBN 9783935025089
Gebunden, 674 Seiten, 64,80 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Achim Leube in Zusammenarbeit mit Morten Hegewisch. Mit 108 zum Teil farbigen Abbildungen. Die Ur- und Frühgeschichte als wissenschaftliche Disziplin widmete sich in der NS-Zeit zu einem erheblichen Teil der Erforschung einer vermeintlich germanischen Frühzeit, der Leitvorstellungen wie Gefolgschaftswesen, Führer- und Kriegertum, letztlich die gesamten Tugendideale der SS zugeschrieben wurden. Die Frage nach der Bedeutung der Prähistorie für die nationalsozialistische Ideologie und ihrer Funktionalisierung durch das NS-Regime wurde jedoch in den Nachkriegsjahren erfolgreich verdrängt und auch in der Folgezeit nie umfassend thematisiert. Erst im Zuge der deutschen Vereinigung und der damit einhergehenden Öffnung zahlreicher bis dahin unzugänglicher Archive stellte sich die europäische Prähistorie zunehmend dieser fachgeschichtlichen Herausforderung. Einen Meilenstein in dieser Entwicklung markierte eine internationale Tagung, die auf Initiative von Achim Leube im November 1998 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand. Die dort gehaltenen Vorträge bilden die Grundlage des vorliegenden Bandes, in dem nicht nur Vertreter der deutschen Frühgeschichtsforschung, sondern auch Prähistoriker aus Frankreich, Norwegen, Schweden, Österreich, Russland, Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik zu Wort kommen. Er fügt der Aufarbeitung der Wissenschafts- und Ideologiegeschichte der NS-Zeit ein wesentliches Kapitel hinzu und dokumentiert zugleich einen exemplarischen Prozess fachgeschichtlicher Selbstreflexion.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.09.2002

Der Band ist die schriftliche Version einer Tagung von deutschen und osteuropäischen Fachleuten an der Humboldt-Universität. Illustriert wird, in welchem Ausmaß die nationalsozialistische Ideologie die Vorgeschichte zu instrumentalisieren versuchten - und auch der Umfang, in dem sich die Wissenschaftler in weit gehendem nationalistischem Einverständnis dafür benutzen ließen. Die Wissenschaftler aus Osteuropa berichten von erstaunlichen Beutezügen der Nazis: Neben dem "Kunstraub" hat auch "Kulturraub" in großem Maßstab stattgefunden. So wurden wissenschaftliche Schriften ebenso wie mindestens 550.000 Objekte aus Museumsbeständen nach Deutschland verbracht. Besonders kurios: 20.000 bemalte Ostereier wurden gestohlen und in Deutschland mit Hakenkreuzen verziert, um die Kontinuität "germanischer" Symbole zu belegen. Der Rezensent Matthias Hennies konstatiert die deutliche Zurückhaltung des Herausgebers Achim Leube in der Verurteilung der damaligen Fachkollegen - dass sie mehr oder weniger bereitwillig mitwirkten an der "propagandistischen Rechtfertigung" der Nazi-Ideologie, will allerdings niemand bestreiten.
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