Peter Gülke

'... immer das Ganze vor Augen'

Studien zu Beethoven
J. B. Metzler Verlag, Kassel 2000
ISBN 9783476017963
Gebunden, 282 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Gemeinschaftsausgabe mit dem Bärenreiter-Verlag. Immer habe er 'das Ganze vor Augen', schrieb Beethoven im Frühjahr 1814 an Georg Friedrich Treitschke, den Mitarbeiter an der dritten Fassung des "Fidelio". Er bezog sich dabei auf seine Instrumentalmusik und meinte vor allem das Ganze eines Satzes oder Werkes. Er hätte auch das Ganze eines Opus meinen können, das Ganze seiner Lebensumstände, seiner Zeit, d.h. des ästhetischen, philosophischen, gesellschaftspolitischen Umfeldes seiner Musik. In den hiermit verbundenen, meist bewusst angemeldeten Ansprüchen übertrifft Beethoven alle seine Vorgänger. Die Vielfalt und Dimensionen dieser Ansprüche in möglichst vielen Schichten der Musik, anhand verschiedenster Gattungen zu zeigen, ist das Anliegen der hier versammelten Arbeiten Peter Gülkes.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2001

Gustav Falke kann sich für dieses Buch nicht wirklich erwärmen, was auch daran liegt, dass er die zum Teil bereits vor dreißig Jahren verfassten Texte mittlerweile für überholt hält. Falke erinnert dabei an die zwischenzeitlich erschienenen Beiträge von Adorno und Dahlhaus, die das Beethoven-Bild seitdem stark verändert hätten. Gülke jedoch hält nach der Diagnose der Rezensenten am "kritischen Marxismus" fest, was Falke angesichts der historischen Entwicklung etwas "schal" erscheint. Er mag sich auch nicht mit Gülkes Klassifizierungen anfreunden, der Abgrenzung zu Mozart und Haydn sowie den Romantikern, denn nach Falkes Ansicht könne man die von Gülke erwähnte "desintegrative Wirkung der Emanzipation von Subjektivität" nicht nur bei Beethoven erkennen, sondern überall in der Musikgeschichte, ganz besonders jedoch bei Haydn. Davon abgesehen weist Falke auf einige Nachlässigkeiten des Lektorats hin, etwa was Tippfehler, Satzbau und Belege betrifft.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.05.2001

Frank Hilberg bespricht in einer Sammelrezension drei "Forschungsreisen durch das Oeuvre des Wiener Dreiklangs": Mozart, Beethoven und Joseph Haydn. Gemeinsam ist den Bänden, wie er dem Leser mitteilt, dass sie keine Biografien sind, sondern sich vor allem mit dem Schaffensprozess der Komponisten befassen.
1.) Ludwig Finscher: "Joseph Haydn und seine Zeit" (Laaber Verlag)
Nach Ansicht des Rezensenten handelt es sich bei dem Autor um einen der besten Kenner der Musikgeschichte überhaupt, weshalb er offensichtlich keine dezidierte Auflistung der Stärken und möglichen Schwächen des Buchs für zwingend hält. Deutlich wird jedoch, dass Hilberg das Buch mit großer Begeisterung und auch großem Gewinn gelesen hat, besonders weil die Bedeutung des (auch räumlichen) Außenseitertums für die Entwicklung der einzigartigen Tonsprache Haydns hier klar aufgezeigt werde. Haydn selbst hat dies durchaus erkannt und in Worte gefasst, und so kann das von Hilberg erwähnte Zitat des Komponisten auch in knapper Form verdeutlichen, um was es Finscher hier geht: 'ich war von der Welt abgesondert, Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so musste ich original werden'. Darüber hinaus hat Finscher, wie der Rezensent feststellt, aufgezeigt, wie Haydn durch die Möglichkeiten am Hof des Fürsten Esterhazy mit musikalischen Formen und Typen experimentieren konnte und dadurch nach und nach zu "mustergültigen" Formulierungen - besonders was die Gattung Streichquartett und Klaviertrio betrifft - kommen konnte.
2.) Peter Gülke: "...immer das Ganze vor Augen" (Bärenreiter/Metzler)
Bei diesem Beethoven-Buch geht es nach Hilberg vor allem um das "Ringen um ein spezifisches Verhältnis von Werkgruppe zum Einzelstück" und das Prinzip der 'entwickelnden Variation' bzw. die motivisch-thematische Arbeit Beethovens. Hilberg findet es durchaus faszinierend, wie der Autor dabei aus "Einzeluntersuchungen ein atemberaubendes Ideengebäude" errichtet. Dem Rezensenten sind dabei durchaus (wenn auch mit Einschränkungen) Parallelen zwischen Beethovens Kompositionsweise und der Ästhetik Hegels aufgefallen, und meint sogar, dass Gülke "die Werke Beethovens als ausgeführte Kapitel der Hegelschen Ästhetik" liest.
3.) Peter Gülke: "Triumph der neuen Tonkunst" (Bärenreiter/Metzler)
Nach Hilberg geht Gülke hier der Frage nach, ob die Musik wirklich so spontan und gleichzeitig perfekt aus Mozarts Geist geflossen ist, wie das so oft behauptet wird. Gülke jedoch, so der Rezensent, "entwirft ein anderes Bild" und zeigt Mozart als durchaus kalkulierenden Strategen, auch wenn er bestimmte "konventionelle Details" wie Begleitfiguren ohne Mühe zu Papier bringen konnte. Gülke hat sich hier, wie der Leser erfährt, vor allem mit Gemeinsamkeiten dreier später Sinfonien befasst und dabei auch motivische Ähnlichkeiten herausgearbeitet, die als "Netzwerk das gesamte Spätwerk Mozart miteinander" verknüpfen.
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