Monte Verita

Landschaft, Kunst, Geschichte
Huber Verlag, Frauenfeld 2000
ISBN 9783719312305
Broschiert, 164 Seiten, 11,15 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Hans-Caspar Bodmer, Ottmar Holdenrieder und Klaus Seeland. Mit zahlreichen Abbildungen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.12.2000

Der Monte Verità in der Nähe von Ascona war Anziehungspunkt für die intellektuelle Bohème Anfang dieses Jahrhunderts - ein breites Spektrum an Weltverbesserern stritt und tummelte sich im Natursanatorium. Urs Hafner stellt zwei Bücher vor, die aus Anlass des hundertjährigen Geburtstages dieses Ortes erschienen sind: eines stammt noch aus der damaligen Zeit, ist sozusagen aus einer von innen gewonnenen Sicht entstanden; der andere Band enthält Diskussionsbeiträge, die anlässlich einer Tagung zum Jubiläum vorgetragen wurden.
1) Robert Landmann: "Ascona - Monte Verità"
Der Autor, der eigentlich Werner Ackermann hieß, war nach Hafner nicht nur Teilnehmer, sondern für kurze Zeit sogar Mitbesitzer am Monte Verità. Sein bereits 1930 erschienener (und nun wiederaufgelegter) Rückblick auf den Betrieb der 20er Jahre am "Schicksals"-Berg, wie der Autor ihn nennt, sei amüsant zu lesen, meint Hafner, und gebe Aufschluss über die untereinander in viele Fraktionen zerfallende Szene der sogenannten Lebensreformer, die in luftiger Höhe dem Antialkoholismnus, der Rohkost und der Reformkleidung frönten und sich über Emanzipation der Frauen und der Arbeiter die Köpfe heiß redeten. Denn anders als bei den esoterischen Sinnsuchern heute, fasst Hafner seine Leseerfahrungen zusammen, ging man damals von einer Veränderbarkeit der Gesellschaft aus. Landmanns Bericht fehle zwar die nötige "analytische Distanz", welches aber durch die Anschaulichkeit der Schilderungen wett gemacht werde: "Kabale und Liebe" am Schicksals-Berg, den zahlreiche Prominente von Carl Gustav Jung bis Max Weber hoffnungsfroh aufgesucht haben.
2) Bodemer/Holdenrieder/Seemann (Hrsg.): "Monte Verità. Landschaft, Kunst, Geschichte".
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb es still am Monte Verità, berichtet Hafner aus dem Jubiläumsband, mit einer bemerkenswerten Ausnahme: 1978 kam es im Umfeld einer Ausstellung zu einem spontanen Fest und Happening, das über drei Tage ging. Ein Stück gelebter Hippiekultur, das die anarchisch-politische Tradition des Ortes widerbelebte. Um die politische Vergangenheit, aber auch um Architektur oder Tourismus ging es bei dem Symposium anlässlich des Hundertsten vom Monte Verità, von dessen Vorträgen Hafner den von Bernd Wedemeyer über "Körper" am bemerkenswertesten fand. Nach Hafner provozierte Wedemeyer mit der These, ausgerechnet die heute als eher rückständig geltenden Lebensreformer hätten ein Körperkonzept entwickelt und populär gemacht, das der Modernisierung der Gesellschaft zuträglich war. Es gab lauten Protest, berichtet Hafner, für ihn ein Beweis, dass die Suche nach dem "guten Kern" einer mitunter ideologisch angefaulten Sache unvermindert anhält. Der Berg ruft weiter.
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