Michail Gerschenson, Wjatscheslaw Iwanowitsch Iwanow

Briefwechsel zwischen zwei Zimmerwinkeln

Cover: Briefwechsel zwischen zwei Zimmerwinkeln
Pforte Verlag, Dornach 2008
ISBN 9783856362140
Gebunden, 132 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Nikolai von Bubnoff. Herausgegeben von Fritz Mierau. "Nein, lieber W. I., ich zweifelte nicht an der persönlichen Unsterblichkeit und fasse, gleich Ihnen, die Persönlichkeit als das Behältnis echter Realität auf. Aber über diese Dinge sollte man, so scheint mir, weder sprechen noch nachdenken. Unser gegenseitiges Verhältnis, teurer Freund, ist nicht nur dem Zimmer, sondern auch dem Geiste nach diagonal."
Zwei russische Intellektuelle, der Dichter Wjatscheslaw Iwanow und der Historiker Michail Gerschenson, ein Christ und ein Jude, philosophische Geister beide, finden sich im Moskau des Sommers 1920 einquartiert in ein gemeinsames Zimmer, in einem Erholungsheim des Volkskommissariats für Bildungswesen. Nach den weitgespannten Hoffnungen, die sie mit der Revolution verknüpft hatten, bezogen die beiden Fünfzigjährigen ihre Zimmerwinkel - erschöpft, kaum enttäuscht, aber nachdrücklich auf sich selbst zurückverwiesen. Nirgends sonst ist die geistige Lage der Welt nach dem Umbruch in Russland mit so universellem Blick betrachtet worden. Die kulturellen, philosophischen, religiösen und weltanschaulichen Fragen, welche die beiden Zimmergenossen erörtern, sind derart grundlegend, dass sie auch heute nichts von ihrer brennenden Aktualität eingebüßt haben.
Die Übersetzung, erstmals von Martin Buber 1927 in seiner Zeitschrift "Die Kreatur" gedruckt, stammt von Nikolai von Bubnoff und wurde in der vorliegenden Fassung von Iwanow redigiert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2008

Höchst angeregt verfolgt Felix Philipp Ingold den Briefwechsel, der sich 1920 zwischen Wjatscheslaw Iwanow und Michail Gerschenson entspannte, die zu der Zeit ein Zimmer in der Moskauer "Heilanstalt für Wissenschafts- und Literaturarbeiter" teilten. Darin diskutieren der Dichter und Philologe Iwanow und der Historiker Gerschenson vor dem Hintergrund der krisenhaften postrevolutionären Gegenwart im wahrsten Sinne des Wortes über "Gott und die Welt", teilt der Rezensent gefesselt mit, der auch darüber informiert, dass der Band schon bald nach seinem Erscheinen 1921 zum "Inbegriff russischen Denkens" avancierte. Gegensätzlicher konnten die Positionen der befreundeten Intellektuellen nicht sein, stellt Ingold fest: während Iwanow für eine Rückbesinnung auf eine "künstlerische und religiöse Kultur" plädierte - die er sich erstaunlicherweise innerhalb der "proletarischen Sowjetkultur" vorstellen konnte, wie der Rezensent konstatiert - machte sich Gerschenson für eine Abkehr vom "alten Wahren" stark. Gerade bei ihm meint Ingold dann auch so manches Argument zu finden, das die aktuellen Debatten in der Humanwissenschaft über "Realität und Präsenz" befruchten könnte.