Michael Roes

Herida Duro

Roman
Cover: Herida Duro
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2019
ISBN 9783895611780
Gebunden, 584 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Herida Duro ist das einzige Kind von Zef Duro. Weil ein männlicher Erbe fehlt, wird sie Marijan gerufen und wächst in Männerkleidung wie ein Junge auf. Doch unter den Männern bleibt sie Beobachterin. Die Umbrüche im 20. Jahrhundert verändern das Leben in Albanien. Vom ländlichen Lazarú, wo die Partisanen kämpfen, führt Heridas Weg in die Hauptstadt Tirana, dort muss sie mit ihrem Freund Gjon harte Arbeit verrichten. Während Gjon ein Flüchtlingsschiff besteigt, um Elend und Zensur zu entgehen, macht Herida Karriere im neugegründeten 'Kinostudio', der nationalen albanischen Filmproduktion, die ganz im Dienst des Machthabers Enver Hoxha steht. Ihr eigenes Werk kann sie frei erst in Italien verwirklichen, wohin sie ins Exil geht. In Rom freundet sie sich mit dem umstrittenen Regisseur Paolo Piermonte an und findet dort auch den provozierenden Stoff für ihren ersten unabhängigen Film.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 25.04.2019

Rezensent Dirk Fuhrig hält Michael Roes für einen der "sprachmächtigsten" Autoren der Gegenwart. Roes' Texte, in denen er Machtstrukturen, Geschlechterverhältnisse und Stammestraditionen verschiedener Kulturen erforscht und beschreibt, sind massiv, rau und ursprünglich, und verlangen dem Leser einiges ab, erklärt er. Auch für "Herida Duro" benötige man ein ungewohntes Maß an Geduld und Spürsinn, um die verschiedenen Erzählstränge und Biografien entwirren und zusammenfügen muss, warnt er, doch es lohne sich. Der erste dieser Erzählstränge beschäftigt sich mit Herida, die als Mädchen geboren wird, aber auf Grundlage eines alten Gesetztes als Junge aufwächst, da die Familie ansonsten auf einen männlichen Stammeshalter verzichten müsste. Auf der zweiten Handlungsebene wird das Leben albanischer Männer im Mittelalter beschrieben, lesen wir. Die kombinatorische Arbeit, die der Rezensent leisten musste, um diese archaischen Welten miteinander zu verbinden, hat sich für ihn voll ausbezahlt: Wer sich darauf einlässt, dem wird ein "barockes Textgemälde" offenbart über Geschlechterrollen, Identitätssuche und über die Absolutheit der Kunst, lobt er.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.04.2019

Rezensentin Silke Horstkotte lässt sich von Michael Roes in die Welt der albanischen Schwurjungfrauen entführen. Wie genau Roes sich auskennt mit den "Virgjineshe", von denen er eine zur Heldin seines Entwicklungsromans macht, erstaunt die Rezensentin ebenso wie der Umstand, dass die angerissene Genderthematik im Buch zwar nur im Hintergrund mit wirkt, aber dennoch etablierte Erzählmuster ins Wanken bringt. Formale Brüche und Montagen im Text spiegeln laut Rezensentin die existenzielle Fremdheit der im italienischen Exil lebenden Romanfigur. Glaubwürdig wird der Text für sie nicht zuletzt durch die sorgfältigen Recherchen des Autors, der laut Horstkotte sowohl über die Sozialstruktur albanischer Dörfer in den 40ern als auch über den Terror Enver Hodschas genau und detailreich zu schreiben weiß.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.02.2019

Ganz klar: "ein Schinken" ist der Roman "Herida Duro" von Michael Roes, stellt Judith Sternburg fest und umreißt das Spektrum wie folgt: da ist die Titelheldin, geboren in einem albanischen Bergdorf und, einer alten Tradition folgend, als Junge aufgezogen, die in Zeiten des aufkommenden Kommunismus nach Tirana geht, dort zunächst im Schlachthaus arbeitet, bevor sie in die dortige (mit authentischen Personen gespickte) Filmszene gerät und schließlich als Filmemacherin nach Italien eingeladen wird - und dann ist da noch die zweite Zeitebene, Jahrtausende früher, in der ein Mädchen von zwei Jungen verschleppt und in deren Stamm aufgenommen wird. Durch diese Mehrschichtigkeit ergeben sich überraschende Parallelen und Einsichten, wie wenig sich über die lange Zeit verändert hat und wie dann doch Veränderungen eintreten, staunt die Rezensentin. Das ganze ist virtuos, episch, mitreißend und, ja, weitschweifig erzählt, meint von Sternburg, "allerdings nicht weitschweifiger als das Leben".