Marie N'Diaye

Drei starke Frauen

Roman
Cover: Drei starke Frauen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421659
Gebunden, 300 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Die vierzigjährige Norah gibt dem Drängen ihres Vaters nach und besucht ihn in Dakar: Die Juristin soll ihren Bruder aus dem Gefängnis holen. Das schwierige Treffen mit dem Vater führt die Frau an den Rand des Wahnsinns. Fanta hat im Unterschied zu Norah Dakar verlassen, um ihrem Ehemann Rudy in die französische Provinz zu folgen. Sie gibt sich dort vor Langeweile auf, so meint Rudy, durch dessen Perspektive wir von Fanta erfahren, doch ihm entgeht Entscheidendes. Von Afrika aus betrachtet erscheint ihre Existenz geradezu luxuriös und begehrenswert, weshalb Khady, die junge Afrikanerin, illegal nach Frankreich einzuwandern sich bemüht, doch sie endet, tot, an Grenzen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.07.2010

Rezensent Rene Hamann lässt keinen Zweifel gelten: Diesen Roman von Marie N'Diaye, meint er, muss man gelesen haben. Denn es sei feministisch, hoch politisch, ausgesprochen deprimierend und wichtig. Außerdem kann N'Diaye allem Anschein nach auch schreiben. Hamann stellt klar, dass die drei titelgebenden Frauen alles andere als stark sind, im Zentrum der Geschichten stehen oft sogar Männer und zwar von der gefühllosen, gewalttätige Sorte: Der herrische Vater hat seine Frau und Töchter verlassen und nur seinen Sohn mitgenommen, der Bruder tötet eine Frau, ein Sohn verstrickt sich in einen "Exzesse aus Scheitern, Flucht und Selbstverleugnung". Was Hamann hier dargestellt sieht, ist die Familie als "Hort der Gewalt", als Ausgangspunkt tödlicher Tragödien. Dabei attestiert Hamann N'Diaye großes erzählerisches Geschick: eine detailversessene Sprache, psychologische Dichte und fast perfekte Konstruktionen. Allerdings stören ihn die hin und wieder eingestreuten magischen Effekte und eine gewissen Überambitioniertheit, auch wenn diese ihn nicht von seinem kategorischen Diktum abbringen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.07.2010

Dem Rezensenten Georg Renöckl gefallen die drei lose miteinander verwobenen Geschichte von Marie N'Diaye. Zum ersten Mal hat die aus dem Sengal stammenden französische Autorin ein "beklemmend schönes" Buch in Afrika angesiedelt und zeichnet dabei trotz "weniger Hoffnungs-Irrlichter" ein abgründiges Bild des Kontinents. Besonders beeindruckt den Rezensenten, wie N'Diaye in ihren Geschichten magische und realistische Elemente verbindet, so dass beim Leser eine latente, aber nachhaltige Verunsicherung auftritt. Das Unerklärliche, Unheimliche setzt die Autorin in "subtiler Dosierung" sein. Obwohl ihre Vorbilder offensichtlich sind - Renöckl verweist auf griechische Tragödien ebenso wie auf Kafka - zeigt Marie N'Diaye seiner Meinung nach mit diesem Erzählband einmal mehr, dass sie zu "ihrem eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden hat".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2010

Als eine der führenden Autorinnen der französischen Gegenwartsliteratur ist die aus Protest gegen die Politik Nicholas Sarkozys inzwischen in Berlin lebende Marie N'Diaye inzwischen anerkannt. Auch ihr neuestes Buch wird wieder hymnisch gelobt. Leider nicht ganz zu recht, wie die Rezensentin Felicitas von Lovenberg mit leisem Bedauern feststellen muss. Gewiss sei N'Diaye in ihrem hypotaktischen Stil eine Virtuosin. Gewiss seien die Frauen- wie Männerfiguren, die sie in den drei hier zum Buch zusammengestellten, nur "subtil" miteinander verbundenen Erzählungen vorstellt, interessant. Näher geschildert wird vor allem Norah, die Heldin der ersten Geschichte, die aus dem Exil in Europa nach Afrika zurückkehrt, um ihren dort verbliebenen Bruder aus einer schwierigen Lage zu befreien. Konfrontiert wird sie dabei mit ihrem indolenten Vater, einer für die Rezensentin schwer erträglichen Figur. Und darin liegt auch ihr Hauptvorwurf: sowohl die schwächlich-aggressiven Männer-, als auch die ihr Schicksal mit "stoischer Würde" ertragenden Frauenfiguren sind für sie auf Dauer eine wirkliche "Zumutung". Es kommt hinzu, dass die gesuchten Effekte von Märchenanklang und "Magischem Realismus" die Rezensentin recht schnell auch "ermüden".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.06.2010

Gleich drei mitreißende Geschichten hat Rezensentin Ina Hartwig in Marie N'Diayes neuem "brillantem" Roman gelesen. Mit viel psychoanalytischem Einfühlungsvermögen und atmosphärisch dichten Beschreibungen schildere die Autorin die Schicksale ihrer Protagonisten: da gibt es Rudy Descas, der vom Lehrer in Dakar zum Küchenangestellten in der französischen Provinz absteigt und sein ganzes psychisches Drama an seiner Frau Fanta auslässt - die wiederum alles lethargisch erträgt, schließlich aber doch ihr Lächeln zurückgewinnt. Oder Nora, die Pariser Anwältin, die von ihrem Vater nach Dakar gerufen wird, um den Stiefbruder aus dem Gefängnis zu holen. Und nicht zuletzt Khady Demba, auf der untersten Stufe der sozialen Leiter: verstoßen, betrogen, beraubt und zur Prostitution gezwungen, steht sie für ein tragisches, gewalttätiges Afrika. Eine faszinierende Engführung von Analyse und Gefühl sei N'Diaye gelungen, mit ihrer "kristallinen Sprache" lasse sie das aufwühlende Innenleben nicht nur sichtbar, sondern in seiner Intensität auch nachfühlbar werden. Damit sei N'Diaye eine der interessantesten und innovatisten literarischen Stimmen der Gegenwart, freut sich die begeisterte Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.06.2010

Ein so makelloses und stilsicheres Buch habe sie schon lange nicht gelesen, schreibt Iris Radisch. Es sei der erste Roman von Marie N'Diaye, der in Afrika spiele, in dem sie also mit Senegal das Land ihres Vaters literarisch betrete. Das Buch besteht den Informationen der Kritikerin zufolge aus drei eigenständigen Geschichten, die alle vom Exil, von Verrat und Gewalt erzählen. Die aus Sicht der Kritikerin härteste sei die Tragödie einer afrikanischen Frau, die auf der Flucht vor der Familie ihres Mannes ums Leben kommt. Eine Geschichte, "düster und zum Gotterbarmen", aber mit einer unverstellten melodischen Stimme erzählt, für deren Schönheit es für die Kritikerin in der hiesigen Gegenwartsliteratur kein Äquivalent gibt. Eine andere Geschichte handelt, so Radisch, von einer französischen Juristin, die in Afrika den Vater findet, der sie früh verließ: eine Mischung aus Monster und Schamane. Eine dritte Geschichte erzählt von einem Mann, der für seine afrikanische Frau von Frankreich nach Afrika geht. Für Iris Radisch drei "magische Mordgeschichten, die ins Herz der Gegenwart treffen". Auch die Übersetzung wird als makellos gelobt.