Lou Andreas-Salome, Anna Freud

'...als käm ich heim zu Vater und Schwester'

Lou Andreas-Salome - Anna Freud. Briefwechsel 1919 - 1937. 2 Bände
Cover: '...als käm ich heim zu Vater und Schwester'
Wallstein Verlag, Göttingen 2001
ISBN 9783892442134
Gebunden, 907 Seiten, 65,45 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Daria A. Rothe und Inge Weber. Mit ca. 30 Abbildungen. Der umfangreiche Briefwechsel zwischen Lou Andreas-Salome und Anna Freud dokumentiert eine außergewöhnliche Freundschaft. Die Psychoanalyse und Sigmund Freud, das Wichtigste in beider Leben, ist darin von zentraler Bedeutung. Die Briefe bilden zusammen mit der Korrespondenz zwischen Freud und den beiden Frauen ein Dreieck, das einmalig in der Geschichte der Psychoanalyse ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.08.2002

Der Kraftakt, der hinter dieser 900 Seiten starken Edition des Briefwechsels zwischen Lou Andreas-Salome und Anna Freud steht, ringt Ludger Lütkehaus durchaus Respekt ab. Er lobt den "riesigen Fleiß" der Herausgeberinnen, die die Korrespondenz komplett und ungekürzt veröffentlicht haben. Der Leser erhalte unter anderem Einblick in die unorthodoxen Behandlungstechniken im Hause Freuds, die Kämpfe um die Psychoanalyse in den zwanziger und dreißiger Jahren und natürlich die Entwicklung der Briefpartnerinnen und ihrer Beziehung zueinander. So "verdienstvoll" die Vollständigkeit auch sei, an einigen Stellen hätte sich der Rezensent aber doch Mut zur Lücke gewünscht: "Über beträchtliche Strecken korrespondiert dem Kaffeeklatsch über Nora der Strickwarenexzess. Fast beginnt man sich wieder nach Lieschen Nietzsches zupackender Arbeit am Text zu sehnen."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.04.2002

Michael Rutschky hatte die Ehre, während seines Studiums das Londoner Institut "The Hampstead Child Therapy Course and Clinic" zu besuchen, wo er auch Anna Freud begegnete und sie bei der Arbeit beobachten durfte. Die alten englischen Damen - Anna Freud und ihre Partnerin Dorothy Burlingham - haben jedenfalls großen Eindruck bei ihm hinterlassen, ein "Frauensoziotop", schreibt Rutschky, das in den 20er und 30er Jahren die Situation nutzte, sich einen eigenen "Beruf zu erfinden". Anna Freuds Briefpartnerin Lou Andreas-Salomé hingegen hätte er immer für eine Art Groupie der frühen Analytikerszene angesehen, gesteht Rutschky. Seit er den vorliegenden Briefwechsel zwischen den beiden Frauen gelesen hat, hat er seine Meinung revidiert. Zwar sei Andreas-Salomé immer noch etwas Schwärmerisches und Gefühliges zu eigen, schreibt er, was ihre Literatur für ihn ungenießbar mache, aber im freundschaftlichen Umgang der beiden Frauen (Salomé war im selben Jahr geboren worden wie Anna Freuds Vater Sigmund) komme echte Wärme, Anteilnahme und Unterstützung bei Freuds beruflichen Entscheidungen zum Ausdruck. Der Briefaustausch hat etwas reizend "Mädchenhaftes", schreibt Rutschky, weil mit der gleichen Selbstverständlichkeit über Tagträume philosophiert wie über Strick- und Häkelanleitungen diskutiert werde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2002

Den achtzehn Jahre währenden Briefwechsel zwischen Sigmund Freuds jüngster Tochter Anna und seiner Göttinger Lieblingsschülerin Lou Andreas-Salome hatte Freud selbst eingefädelt, denn er versprach sich von der Korrespondenz zwischen der 24-jährigen Anna und der 60-jährigen "Frau Lou" einen "fördernden Einfluss", einen weiblichen Gegenpol zur eigenen Familie und mehr Kontrolle über die Lieblingstochter, meint Ingeborg Harms. In dem über achtzehn Jahre währenden Briefwechsel zwischen den beiden Frauen hat Rezensentin Ingeborg Harms eine "dichte Textur des Unausgesprochenen und Angedeuteten" vieler Tabus erkannt. "Aufregend" und "kurzweilig" seien die Zeilen sowieso, findet Harms, denn die Ausdrucksweise sei plastisch, geschmeidig und unprätenziös, darüber hinaus seien sie Dokumente der Zeitgeschichte, denn intensiv hatten sich darin die Frauen über Politik, Kultur und Philosophie, über den Großmeister Freud und dessen Krebserkrankung ausgetauscht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.01.2002

Sorgfalt und Leserfreundlichkeit bescheinigt Sabine Richebächer den beiden Herausgeberinnen dieser zweibändigen Ausgabe von sage und schreibe 419 Briefen ("die erste Publikation eines vollständigen Briefwechsels von Anna Freud überhaupt"). Den "oft sehr persönlichen Charakter" der Briefe erwähnt die Rezensentin ohne Vorwurf. Im Gegenteil, noch in den vielen "beiläufigen privaten Plaudereien" sieht sie die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Anna Freud und Lou Salome dokumentiert. Aus den Briefen mit ihren vielfältigen Themen (Familienangelegenheiten, Klatsch, die Psychoanalyse) spricht ihr "eine erfrischend andere Anna ... als die brave, angepasste, altruistische".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Hannelore Schlaffer zeigt sich enttäuscht vom Briefwechsel der "zwei Frauen, die zu Repräsentantinnen des geistigen Lebens im 20. Jahrhundert geworden sind". Diese schrieben sich trotz ihrer geistigen Kapazitäten belanglose Briefe, in denen sie kaum jemals auf intellektuelle Problemstellungen oder auch auf die politischen Ereignisse ihrer Zeit eingingen. Zudem seien die Briefe stilistisch und erzählerisch äußerst schwach. Das Buch, das zumindest Männern zu langweilig sein dürfte, so Schlaffer, hebe dennoch ein Problem der weiblichen geistigen Entwicklung hervor: Das ausgeprägte Phänomen der "schwesterlichen Liebe" stellt sich dem Geist entgegen.