Lojze Kovacic

Die Zugereisten. Eine Chronik

Zweites Buch. Roman
Cover: Die Zugereisten. Eine Chronik
Drava Verlag, Klagenfurt und Celovec 2005
ISBN 9783854354437
Gebunden, 344 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. 1941 erreicht der Krieg Jugoslawien. Ljubljana, das vor kurzem noch König Peter zugejubelt hat, fügt sich der italienischen Besatzungsmacht, deren schmuck uniformierte Vertreter sich, zur Belustigung der ihnen nachspionierenden Buben, vor allem als Weiberhelden und Schürzenjäger hervortun. Lojze, der dreizehnjährige Ich-Erzähler, hat es zum Anführer einer Bande von Gleichaltrigen gebracht, in der man erste Erfahrungen körperlicher Liebe ebenso teilt wie die Beute kleiner Diebstähle. Ein Polizeiverhör, gefolgt von einem neuerlichen Wohnungswechsel, bereiten dem Zusammensein in der Gruppe ein Ende. Die Eltern wollen nach Deutschland umsiedeln und lassen den Plan, weil man ihnen dafür ein nationales Bekenntnis abverlangt, wieder fallen. Wohin gehört diese Familie, die immer dazwischen steht? Und Lojze, der bald die heimlichen Aktionen der Partisanen bewundert, bald das militärische Gehabe der Domobrancen, die unter dem Schutz der nunmehr deutschen Okkupanten Freiwillige für ihren antibolschewistischen Kreuzzug werben? Während amerikanische Bomben auf Ljubljana fallen und der deutsche Vormarsch in Russland ins Stocken gerät, erwacht in ihm, dem unangepassten Schulversager, eine neue Leidenschaft: Er beginnt zu zeichnen, zu malen, zu lesen, versucht zu schreiben, knüpft Kontakte zu einem Kreis junger Dichter. Nach dem Tod des Vaters bringt er mit 16 Jahren seinen ersten literarischen Erinnerungstext zu Papier. Als dieser in einer Jugendzeitschrift abgedruckt wird, steht Ljubljana kurz davor, im Chaos der letzten Kriegstage zu versinken ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.05.2006

Rolf Wörsdörfer begrüßt begeistert den von ihm ungeduldig erwarteten zweiten Band einer Trilogie des slowenischen Autors Lojze Kovacic über eine slowenisch-saarländisch-lothringische Kürschnerfamilie, die aus Basel ausgewiesen nach Slowenien kommt und in Ljubljana ihren wirtschaftlichen Niedergang erleben muss. Als Erzähler, der die überaus wechselvolle (Besatzungs-)Geschichte der Region und der Familie erzählt, fungiert ein "außerordentlich lebhafter" Junge, der sich im Verlauf des Romans zum Schriftsteller mausert, erklärt der Rezensent. Der Autor beschreibt die zunächst italienische, dann deutsche Besatzung mit dem anschließenden Vordringen der Partisanen nach Ljubljana. Dabei entpuppt sich laut Wörsdörfer die Passage, in der der Autor die Versuche der deutschen "Umsiedlungskommission" beschreibt, die die zusammengewürfelte Familie anhand ihrer "Rassen- und Volkstumskriterien" einzuordnen versucht, als "literarisch-zeitgeschichtliches Kabinettstück". Nun wartet er mit unverminderter "Spannung" auf den dritten Band, in dem die Familie sich mit der neuen Staatsmacht nach dem Krieg zu arrangieren hat.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.09.2005

Der Name Lojze Kovacic wird um die Welt gehen, prophezeit Andreas Breitenstein und ist schlichtweg begeistert vom zweiten Teil der autobiografischen Romantrilogie des 2004 verstorbenen Autors. Auch, wenn dessen Kost nicht leicht ist: Man müsse die Drastik seines Schreibens erst aushalten lernen, dann aber könne man seine Zärtlichkeit spüren, wie Breitenstein jubiliert. Kovacic erzählt durch die Augen des 13-jährigen "Bubi" die Geschichte seiner Familie, die, von den Mussolini-Truppen in Ljubljana in die Armut getrieben, ums Überleben kämpft und schließlich sogar als reichsdeutsch eingestuft werden will - der "szenische Höhepunkt" des Romans, findet der Rezensent, der sich an die Auschwitzer Rampen-Szene bei Imre Kertesz erinnert fühlt. Dieses Buch ist "durchtränkt von Pessimismus" und reißt Abgründe auf, konstatiert Breitenstein. Grund dafür seien die "schockierende Detailgenauigkeit" und die "existenzielle Wucht", die sich etwa in der quälenden "Liebeserklärung" an den Vater widerspiegeln, die sich in einer genauen Beschreibung seines Todes ausdrückt. Breitenstein ist sichtlich berührt und feiert diesen Roman als einen der "großen Erinnerungstexte Ostmitteleuropas".