Ljudmila Petruschewskaja

Das Mädchen aus dem Hotel Metropol

Roman einer Kindheit

Klappentext

Aus dem Russischen von Antje Leetz. Mit einem Nachwort von Olga Martynova. Das Hotel Metropol in Moskau ist seit der Oktoberrevolution 1917 Wohnsitz für hohe Beamte der sowjetischen Regierung. Auch Ljudmila Petruschewskajas Familie bolschewistischer Intellektueller wohnt dort. Nach ihrer Geburt 1938 verbringt sie in dessen Art-déco-Pracht ihre ersten Jahre, bis nahe Verwandte den Stalinschen Säuberungen zum Opfer fallen, verhaftet und hingerichtet werden. Als Kind von sogenannten Volksfeinden lebt sie fortan am Rande der Gesellschaft. Im Zweiten Weltkrieg wird die Familie evakuiert. Ljudmila hungert, schläft in Güterwaggons oder unter dem Tisch einer Gemeinschaftswohnung und besucht lange keine Schule. Von der Mutter verlassen, drängt es sie zu einem Leben in Freiheit. Wie Édith Piaf singt sie auf Höfen Lieder, erzählt Geschichten und spielt bettelnd Oliver Twist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.09.2019

Rezensentin Christine Hamel bewundert die Wahrhaftigkeit, die Unbestechlichkeit und den Überlebenswillen, die sie aus Ljudmila Petruschewskajas Episoden einer Kindheit und Jugend zwischen Revolution, Krieg und Staatsterror vernimmt. Dass die Autorin ganz ohne Bitterkeit und Sentimentalität von Entbehrung und Verrohung berichtet, scheint ihr bemerkenswert. Doch Vorsicht! Unter den lakonischen Sätzen und der großen Selbstverständlichkeit, mit denen die Autorin ihre Memoiren schreibt, drohen Falltüren, Doppel- und Hintersinniges, warnt Hamel. Dann ist die Betroffenheit der Autorin angesichts des Familienschicksals als "Unterströmung" für die Rezensentin fassbar.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.08.2019

Mit stockendem Atem hat Rezensentin Cathrin Kahlweit die Memoiren der inzwischen 81-jährigen russischen Autorin, Malerin und Sängerin Ljudmila Petruschewskaja gelesen. In erstaunlich nüchternem, zugleich "poetischem und sarkastischem" Ton erzählt ihr die im Hotel Metropol aufgewachsene Schriftstellerin von einer sowjetischen Kindheit unter brutalsten Umständen, vom Betteln, Obdachlosigkeit bei Eiseskälte, Hunger, Gewalt und Leben in Heimen, aber auch von ungebändigter Überlebenskraft und Glücksmomenten. Immer wieder muss die Kritikerin schlucken, etwa wenn Petruschewskaja schildert, wie sie als Kind nur knapp einer Gruppenvergewaltigung entkam. Und dennoch kann Kahlweit das Buch kaum aus den Händen legen: Nicht zuletzt weil es die Autorin vermag, so fesselnd zu erzählen, als schreibe sie das Drehbuch eines fremden Lebens, wie die Rezensentin anmerkt.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 09.07.2019

Gregor Dotzauer bekommt zwar keinen Roman einer Kindheit von Ljudmila Petruschewskaja, dafür aber schön mäandernde, unvergessliche autobiografische Miniaturen, deren Reiz er sich nicht entziehen kann. Vor allem die Parallelisierung von eigenem Erlebtem und Sowjetgeschichte findet er gelungen. Wie die Autorin den Auswüchsen von Stalins mörderischer Herrschaft immer wieder auch Groteskes, Märchenhaftes abgewinnt, ohne zu fiktionalisieren, scheint ihm bewundernswert. Petruschewskajas unprätentiöse, dennoch farbige Sprache hat es Dotzauer angetan. Und die Übersetzung und Kommentierung von Antje Leetz findet er vorzüglich.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.06.2019

Katharina Granzin wird von Ljudmila Petruschewskajas Erinnerungen an ihre sowjetische Kindheit entführt in eine Epoche des Schmerzes. Lakonisch und mit allen Unzulänglichkeiten des Gedächtnisses beschreibt die russische Autorin ihre entbehrungsreiche, gewaltvolle Kindheit und Jugend, mal poetisch, mal komisch, mal nüchtern, so Granzin. Von ihrer Karriere beim staatlichen Rundfunk und ihrer Zustimmung zum Einmarsch in die Tschechoslowakei berichtet Petruschewskaja laut Granzin sehr gegenwärtig, trotz oder gerade weil sie sich um das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Erinnerung nicht kümmert.