Lexikon der Vertreibungen

Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts
Cover: Lexikon der Vertreibungen
Böhlau Verlag, Wien 2010
ISBN 9783205784074
Gebunden, 802 Seiten, 99,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Detlef Brandes, Holm Sundhaussen, Stefan Troebst u. a. Das "Lexikon der Vertreibungen" ist das erste Nachschlagewerk zu einem Thema, das in letzter Zeit sowohl in der Forschung wie in der breiten Öffentlichkeit heftig diskutiert worden ist. Es hat zum Ziel, den derzeitigen Stand der Forschung zur Geschichte der Deportationen, Zwangsaussiedlungen und ethnischen Säuberungen in Europa zwischen 1912 und 1999 zu bilanzieren. Als Ergebnis einer internationalen wissenschaftlichen Kooperation umfasst das Lexikon mehr als 300 Artikel von über 100 Experten aus verschiedenen Ländern Europas. Die betroffenen ethnischen Gruppen und Akteure, die wichtigsten Vertreibungs- und Aufnahmegebiete werden im Lexikon ebenso systematisch erschlossen wie zentrale Begriffe aus Wissenschaft und Recht sowie historische Ereignisse, Erinnerungskulturen und Geschichtspolitiken. Zur Erleichterung weiterer Recherchen sind jedem Lexikontext Literaturhinweise beigegeben. Das Werk ist zudem mit einem Personen-, Orts- und Sachregister ausgestattet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2011

Auf den Begriff gebracht sieht Andreas Ernst in diesem Sammelband die Geschichte der europäischen Vertreibung im 20. Jahrhundert. Die Begründung des deutsch-tschechisch-polnisch-ukrainischen Herausgeberteams für seinen zeitlichen Bezugsrahmen kann er nachvollziehen: Ethnizität als staatsbildendes Prinzip erhält ihre Bedeutung erst auf dem Balkan zwischen 1912 und 1923, in der Sowjetunion der 1930er und 40er Jahre, in Nazideutschland und schließlich in den 1990er Jahren in der Sowjetunion und in Jugoslawien. Auch die Beschreibungen betroffener Ethnien, der Akteure und der Orte der Vertreibungen und der folgenden Erinnerungskulturen überzeugen den Rezensenten. Dass die gut 300 Beiträge nicht alle das gleiche Niveau haben, leuchtet ihm ein. Wenn neben ausgewogenen Darstellungen der Ereignisse oder auch der nachfolgenden politischen Kontroversen auch solche stehen, die zum Beispiel rein völkerrechtlich zugunsten der Selbstbestimmung der Völker argumentieren, findet Ernst das allerdings höchst merkwürdig: Ausgerechnet in einem Band, der die dramatischen realhistorischen Konsequenzen solcher Sichtweisen x-fach beleuchtet!

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.07.2010

Historiker Norbert Frei hat deutlich das Verdienst eines "Lexikons der Vertreibung" für das 20. Jahrhundert vor Augen, sieht aber auch die Grenzen eines solchen Unternehmens. In dem Band sind durchaus griffig auf ein Lemma zu bringende Stichworte wie "Nansen-Pass" oder "Sondersiedler" enthalten, es sind aber auch durchaus problematischere Eintragungen zu finden, die nicht immer "trennscharf" von verwandten Themen und Vorkommnissen abzugrenzen sind, wie die Herausgeber auch selbst einräumen, so Frei. Überwiegend deutsche Autoren haben zu diesem Nachschlagewerk beigetragen, wodurch sich ein Fokus auf deutsche Themen ergibt und mitunter auch die Proportionen dieses Werks gesprengt werden, wie der Rezensent findet. So widme sich das Lexikon manchen deutschen Einzelereignissen ausgesprochen detailliert. Am Beispiel der jüngsten Debatten um ein "Zentrum der Vertreibungen" stellt sich für Frei aber grundsätzlich die Frage, ob ein solches Werk überhaupt als Printerzeugnis Sinn macht, oder ob es nicht viel besser als Online-Lexikon wirken könnte, das derartige Auseinandersetzungen stetig einzuarbeiten im Stande ist.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.06.2010

Dieses Buch sei ein "epochaler Meilenstein" und mache Mut, schreibt Andreas Kossert über die von ihm als "solides Nachschlagwerk zu einem schwierigen Thema" sehr gelobte Enzyklopädie. Denn diese "außergewöhnliche Neuerscheinung" dokumentiere die miteinander verschränkte Geschichte der Länder Europas, Verschränkungen, die im 20. Jahrhundert mit dem Mittel der ethnischen Säuberungen und Vertreibungen zerstört werden sollten und die nun erst, 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, thematisiert werden könnten. Das Kompendium biete Einträge von mehr als hundert europäischen Autoren zu insgesamt 308 Stichwörtern zum Thema und damit Einblicke in ein hochgradig vermintes Terrain. Beeindruckt ist der Kritiker auch vom entspannten Umgang mit dem Stoff, der in dieser Präsentationsform der Auftakt einer europäischen Erzählung sein könnte, in die man später die Biografien der Betroffenen einweben könne.
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