Leila Slimani

All das zu verlieren

Roman
Cover: All das zu verlieren
Luchterhand Literaturverlag, München 2019
ISBN 9783630875538
Gebunden, 224 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Nach außen hin führt Adèle ein Leben, dem es an nichts fehlt. Sie arbeitet für eine Pariser Tageszeitung, ist unabhängig. Mit ihrem Ehemann, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn lebt sie in einem schicken Viertel, ganz in der Nähe von Montmartre. Sie reisen, sie fahren übers Wochenende ans Meer. Dennoch macht Adèle dieses Leben nicht glücklich. Gelangweilt eilt sie durch die grauen Straßen, trifft sich mit Männern, hat Sex mit Fremden. Sie weiß, dass ihr die Kontrolle entgleitet. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlieren könnte. Trotzdem setzt sie alles aufs Spiel.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.06.2019

Miriam Zeh empfiehlt Leila Slimanis Debütroman über den Ennui und die sexuellen Begierden einer in Paris lebenden gut situierten Marokkanerin als Text von gesellschaftlicher Sprengkraft. Bei aller Trostlosigkeit, die der Text vermittelt, sollte der Leser nicht vergessen, dass Slimani mit ihrer an Flauberts Madame Bovary erinnernden Hauptfigur und dem Sprechen über weibliche Sexualität vielen Frauen in und außerhalb Marokkos eine Stimme verleiht, meint Zeh. Dem hohen Erzähltempo geschuldete Redundanzen und Schwächen in der Dramaturgie möchte Zeh der Debütantin verzeihen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.06.2019

Leïla Slimanis nun auf Deutsch erschienener Debütroman handelt von einer Ärztegattin und Mutter, die sich in einer Sexsucht verliert, erzählt Rezensentin Berit Glanz. An sich hält die Kritikerin es für eine gute feministische Strategie, entfesselte Sexualität in der Literatur aus einer weiblichen Perspektive zu schildern und damit die Normierung von Sex, vor allem dem von Frauen, als Unterdrückungsstrategie deutlich zu machen. Leider findet sie aber die Hinweise darauf, dass Slimanis Hauptfigur psychisch krank ist, im Buch zu präsent, weshalb man ihre ausschweifende Sexualität pathologisieren könne, so Glanz. Darüber geht der Kritikerin zufolge das revolutionäre Potenzial der freizügigen Schilderungen verloren.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.05.2019

Judith Heitkamp findet den nun auf Deutsch zu lesenden ersten Text von Leila Slimani zwar literarisch schwächer als den Folgeroman, fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung gibt es laut Heitkamp allerdings neuen gesellschaftlichen Kontext "zum Mitlesen", wenn Slimani von Selbstermächtigung und Selbstverlust durch Sex erzählt. Den brutalen Sex, zu dem eine Sucht die Protagonistin treibt, beschreibt die Autorin nüchtern, ohne Psychologie und ohne das Unerklärliche daran aufzulösen, erläutert die Rezensentin ihre Faszination. Die Figur im Text ist nicht romantisch wie Bovary; was sie tut, ist nicht Ausdruck von Freiheit wie bei Millet, so Heitkamp.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 16.05.2019

Eskapistische Sehnsüchte nach gefühlvoller Erotik, nach romantischen Liebesgeschichten oder angenehm verruchten Affären befriedigt dieses Buch nicht, warnt Rezensent Rainer Moritz - ganz im Gegenteil sogar: Wir sehen zunächst eine vermeintlich intakte, klassisch-gutbürgerliche Kleinfamilie mit Wohnung in Paris, mit Mann, Frau, Kind. So weit, so bekannt. Doch bald schon zeigt sich: in der Frau schlummert eine ungezügelte Begierde, eine Begierde danach, Objekt zu sein, sich von jedem beliebigen Mann nehmen und besitzen zu lassen. Wo diese Sucht herrührt, erfährt der Leser nicht, doch erkennt er bald, dass hinter diesem Wunsch eine tief empfundene Einsamkeit liegt. Diese Einsamkeit, so Moritz, wird hier auf "lapidare und zugleich grausame" Weise dargestellt. Slimanis Erzählkonstruktion schwächele zwar hier und dort, trotzdem hält der Rezensent diesen Roman für absolut gelungen - eine "moderne Umkehrung von Flauberts Madame Bovary".

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.05.2019

Rezensentin Mara Delius fragt sich, ob Leila Slimani vielleicht für eine "weibliche Sex-und-Gewalt-Ästhetik in der Literatur" stehen könnte: In ihrem neuesten Roman beschäftigt sich die Autorin laut Delius mit einer Protagonistin, die aus ihrem ereignislosen und sicheren Familienleben immer wieder ausbricht, um Gelegenheitssex zu haben, bei dem es bevorzugt rauer zugeht. Beeindruckt stellt die Kritikerin fest, dass Slimani dabei sogar die Vermischung von Sexualität und Gewalt, die männliche Kollegen wie Houellebecq, Littell und Co beschreiben, etwas angestrengt wirken lässt. Dass es der Protagonistin paradoxerweise darum geht, sich selbst zu bewahren, wenn sie sich beim Sex objektivieren lässt, hält die Rezensentin für eine feinsinnige und wertvolle Wendung, weshalb sie "All das zu verlieren" zum Erkenntnisgewinn wärmstens empfiehlt.