La Malinche

Übersetzung, Interkulturalität und Geschlecht
Walter Frey Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783925867552
Kartoniert, 280 Seiten, 19,43 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Barbara Dröscher und Carlos Rincon. Keine andere Frauengestalt spielt in den Darstellungen der Eroberung Mexikos eine so zentrale Rolle wie La Malinche. Lange Zeit war das Bild der Übersetzerin des Konquistadoren Cortés mit dem Makel des Verrats behaftet. Seit den siebziger Jahren jedoch ist diese Frauengestalt in der mexikanischen und der Chicana-Literatur einer deutlichen Revision unterzogen worden, die schließlich auch in der Kulturtheorie ihren Niederschlag fand. Sie ist zu einer Referenzfigur in Fragen des Geschlechts, der Ethnizität und Interkulturalität geworden, die natürlich auch Machtfragen sind. Mit diesem Band wird die im deutschsprachigen Raum noch wenig bekannte Debatte vorgestellt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.08.2001

Malinche, Mexikanerin, Geliebte, Übersetzerin und Leibeigene des spanischen Eroberers Hernán Cortéz, Mutter aller Mestizen, Verräterin - das sind die Schlagworte, mit denen diese Frau immer wieder in Verbindung gebracht wird, berichtet Alexander Honold. Um das Leben dieser Frau ranken sich viele Geschichten. Um Wahrheit und Legende geht es auch in den drei jüngst erschienenen Bänden, denen der Rezensent eine jeweils eigene Qualität abgewonnen hat.
1) Anna Lanyon: "Malinche. Die andere Geschichte der Eroberung Mexikos"
Die australische Historikerin Anna Lanyon hat aus der Not eine Tugend gemacht, ist auf Spurensuche nach Malinche durch Mexiko gereist und hat darüber einen erzählenden Bericht abgefasst. Dabei war ihr keine Legende zu abwegig, und sie hatte keine Scheu, Hunderte von Kilometern zurückzulegen, um mehr über ein Gerücht zu erfahren, berichtet der Rezensent beeindruckt, wenn gleich er auch denkt, dass einige von Lanyons Erkenntnissen auf ihre suggestive Fragetechnik zurückgehen. Ihre Recherchen über Malinches Kinder - eines hatte sie mit Cortez, eines mit einem anderen - lesen sich "fast wie eine Detektivgeschichte", meint Honold. Als Mischlingskinder mussten sie ihre Legitimität erst erstreiten, und dieser Rechtsstreit sei gut dokumentiert, auch bei der Autorin.
2) Barbara Dröscher / Carlos Rincón (Hg.): "La Malinche. Übersetzung, Interkulturalität und Geschlecht"
Die von der Lateinamerikanistin Barbara Dröscher und von Carlos Rincón zusammengestellten Studien zeigen ein genaueres, wenn auch eher widersprüchliches Bild der Malinche. Weder verurteilten die Autoren sie als "Hure der Macht" und ihre Nachkommen entsprechend als "Hurensöhne Mexikos", noch legten sie einen Glorienschein um die "Urmutter Mexikos", erzählt der Rezensent. Besonders empfiehlt er den Beitrag der New Yorker Kulturwissenschaftlerin Jean Franco, die in Malinche als historischer Figur den ambivalenten Schauplatz kolonialer Gewalt sehe.
3) Sabine Scholl: "Die geheimen Aufzeichnungen Marinas"
Die in Chicago lebende Österreicherin Sabine Scholl hat einen anderen Weg gewählt, sich der umstrittenen Figur Malinche zu nähern. Sie hat eine literarische Figur, die Mestizin Marina, geschaffen, die in einem mexikanischen Viertel in Chicago aufwächst, ihre Herkunft erforschen will und deshalb jahrelang durch die Regenwälder Brasiliens streift und dabei allerlei skurrile Menschen trifft, fasst Honold den Inhalt zusammen. Ein ganzer "tropischer Menschenzoo" mache hier seine Aufwartung, meint der Rezensent. Dass der wiederum aktuellen Theoriedebatten stark nachempfunden sei, stört ihn wenig. Eher sind ihm Scholls Reminiszenzen an Hubert Fichte, Carl Peters, Quax und Sting sowie ihr "etwas angestrengter futuristischer Fimmel" etwas säuerlich aufgestoßen. Allerdings, denkt Honold, ein bisschen Freiheit darf sein, gerade, wenn man die sagenumworbene Lebensgeschichte der Malinche zur Grundlage nimmt.