Klappentext

Die Lieblingsepoche des Autors ist fraglos das 18. Jahrhundert der Rousseau und Montesquieu, gerade wegen der Geständnisfreude, mit der es seine Leidenschaften bekennt. Vor allem aber interessiert ihn die geistige Konkurrenz zwischen den Epochen und Traditionen, das Unerledigte der Vergangenheit, ihre Lektionen; und die Gegenwart, als zuletzt kommende, wird um ihre scheinbare Überlegenheit gebracht, alle Perioden erhalten die gleiche Chance. Und so entsteht ein Gespräch zwischen den unabhängigsten Köpfen von der Aufklärung bis heute, von Montaigne bis Nietzsche und Darwin, von Büchner bis Canetti, Jünger und vielen anderen - ein Füllhorn voller immer wieder überraschender Lesefrüchte, Entwürfe, Maximen und Reflexionen; mit wiederkehrenden Motiven und Themen, wie etwa (unter dem Stichwort "Deutsche Dinge") die beständigen Eigenarten der Deutschen, die Rolle von Mitleid und Erinnerung in der heutigen Gesellschaft oder die Konkurrenz von Politik und Kultur in der deutschen Geschichte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.06.2011

Ein großes Buch aus kurzen Texten, Gedanken und wie der Titel sagt, aus "Notizen". Zeit gelassen hat sich der Rezensent Martin Meyer mit der Lektüre und mit der Besprechung: Zeit, versichert er, die dieses gehaltvolle Werk auch verdient. Nicht weniger als eine Summe des Denkens und der Haltung zur Welt, zur Kunst, zur Geschichte sind diese Schriften, die gedankliche Summe des selbst erklärten Konservativen und Ex-FAZ-Redakteurs Henning Ritter. Als Zukunftsskeptiker in einem sehr grundsätzlichen Sinn zeigt der sich darin. Die Avantgarde als Idee eines forciert-revolutionären Neuen ist, so seine Überzeugung, ein für allemal vorüber (und war ohnehin keine von Ritter sonderlich geschätzte Sache). Was bleibt, sind Nachbearbeitungen, Posthistoire, Hermeneutik, Besinnung aufs abendländische Erbe. Das wird bei Montaigne und Rousseau und Nietzsche genauer verfolgt. Nichts, preist der Rezensent, ist überflüssig in diesem Band, der Verfasser ein großer Leser und Hermeneut. Alles ist für Meyers Begriffe klug gedacht. Die Zeit, die er sich für den Band nahm, war darum, darf man aus der äußerst umfangreichen Rezension schließen, alles andere als vergeudete Zeit.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.10.2010

Wenn ein Betrieb um sich selbst kreist, ist Misstrauen immer angezeigt. Hier schreibt Kollege  Alexander Cammann über Kollege Henning Ritter, also ein Feuilletonist, der noch arrivieren will, über einen, der nichts mehr beweisen muss. Ritter ist eine graue Eminenz im Feuilleton, einer, der unter anderem wohl auch deshalb verehrt wird, weil er nicht mehr gefährlich werden kann. Wer vor diesem Hintergrund Cammanns Kritik über Ritters Notizen liest, wird den einen oder anderen Superlativ und pathetische Fragen wie "Wann hat es so etwas zuletzt in deutscher Sprache gegeben?" gelassen zur Seite wischen, um zum Kern vorzudringen. Ritter hat viel gelesen und dabei ein recht frankophiles Programm verfolgt, von Montaigne bis Derrida. Seine von Cammann ausgiebig zitierten Notizen klingen ein wenig nach Adorno, ohne dessen hochfahrende Geste, und angenehm bescheiden und präzise. Allerdings scheinen auch Ritters Aphorismen genregemäß auf dem Grat zwischen Prätention und Banalität zuweilen die Balance zu verlieren. Dass das Buch vor Ideen wimmelt, macht Cammann jedenfalls glaubhaft. Bei der Merkarbeit helfen zwei Lesebändchen, "die einen Hauch von unzeitgemäßem Luxus ausstrahlen".