Hans-Jörg Rheinberger

Experimentalsysteme und epistemische Dinge

Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas
Cover: Experimentalsysteme und epistemische Dinge
Wallstein Verlag, Göttingen 2001
ISBN 9783892444541
Broschiert, 344 Seiten, 29,65 EUR

Klappentext

Die deutsche Bearbeitung basiert auf einer Übersetzung aus dem Englischen von Gerhard Herrgott. Herausgegeben von Michael Hagner und Hans-Jörg Rheinberger. Neue Zugänge zur Geschichte der modernen Wissenschaften erkundet Hans-Jörg Rheinberger in seinem Buch. Im Zentrum steht eine Beschreibung der materiellen Anordnungen, die Laborwissenschaftler im 20. Jahrhundert als ihre "Experimentalsysteme" bezeichnen. Seit einiger Zeit wird von Theoretikern und Historikern der Naturwissenschaften dem Experiment größere Aufmerksamkeit geschenkt. Rheinberger unternimmt den Versuch, auf der Grundlage des Begriffs Experimentalsystem eine Epistemologie des modernen Experimentierens zu entwerfen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.07.2002

Hans-Jörg Rheinberger ist heute der Leiter des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte. Seine doppelte Ausbildung als Philosoph - als der er einst mit Hanns Zischler Derridas "Grammatologie" übersetzte - und als Biologe prädestiniert ihn dafür. In diesem Buch beschreibt er am konkreten Beispiel, aber mit theoretischem Hintergrund, was eine Labor- und Experimentalanordnung erfolgreich macht. Zur Anschauung stellt er den Biochemiker Paul C. Zamecnik vor, der als Laborleiter die Eigenständigkeit seiner Mitarbeiter forderte und unterstützte und so über Jahrzehnte hinweg die Entwicklung "neuer Aufgaben und Kompetenzen" vorantrieb. Rheinbergers Studie versteht sich als Beitrag zu einer "Ökonomie der epistemischen Dinge" - einzig, dass der Bezug zur "umgebenden Kultur" ausgeblendet bleibt, scheint dem Rezensenten Nils Röller ein kleines Manko des Buches.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.11.2001

Erstaunlich genug, findet Rezensent Helmut Mayer, dass sich ein idealisiertes Bild vom wissenschaftlichen Experiment so lange gehalten hat: darin hat das Experiment nur die Funktion der Bestätigung oder Widerlegung klar definierter Hypothesen. Der "reale Forschungsprozess" sieht anders, nämlich sehr viel unordentlicher und überraschungsreicher aus - und Rheinberger hat nun die Theorie dazu entworfen. Nicht im luftleeren Raum der abstrakten Spekulation, sondern anhand einer "Fallgeschichte" aus der Molekularbiologie. Zusätzlicher Gewinn, so der Rezensent, dieses Buches ist, dass in der Darstellung der Entdeckung der "Proteinsynthese" auch die Vorgeschichte des "heutigen 'gene talk'" dargestellt wird. Die Aufteilung des Buches in zwei "Stränge", die Fallgeschichte einerseits, die Entwicklung einer Theorie der experimentellen "Bricolagetechnik" andererseits, scheint dem Rezensenten sehr hilfreich. Es ist, räumt er ein, für den Nicht-Fachmann nicht immer ganz einfach, den Wendungen der Wissenschaft zu folgen, Rheinbergers Darstellung sei jedoch "eindrucksvoll und konzise" - wer die "Wissenschaftsgeschichte angemessen verstehen" will, wird, so das Resümee, um dieses Buch nicht herum kommen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.09.2001

Da hat sich Rezensent Nils Roller so viel Mühe gegeben, uns zu erklären, was es mit den "epistemischen Dingen" auf sich hat, hat sogar T. S. Eliot bemüht, und doch bleibt im Dunkeln, wie in diesem Buch die Geschichte eines Bausteins der Molekularbiologie mit zentralen Fragen der Geschichtsschreibung korrespondiert und inwiefern die Derrida-, und Heidegger-Kenntnisse des Autors der Verdeutlichung dieses Umstands zu Hilfe kommen. Folgt man den Schächten, die Rheinberger angelegt hat, versucht Roller den Leser zu locken, wird man auf Goldminen treffen, die künftig von der Kulturwissenschaft bewirtschaftet werden können. Aber wer kriecht schon gerne in dunkle Schächte?
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.07.2001

Ein Stück Wissenschaftsgeschichte, das eine "Brücke von den Natur- zu den Humanwissenschaften" aufzeige, in "glänzender Wissenschaftsprosa" hat Elisabeth von Thadden rezensiert. Man müsse zwar Satz für Satz lesen, aber mit der vom Autor ausdrücklich erteilten Lizenz zum Überblättern und dem umfangreichen Sachwortregister sei es doch "erstaunlich leicht zu verstehen". Es handelt sich um eine "Geschichte des modernen Experimentierens" anhand der Untersuchung des Labors von Paul C. Zamecnik in Harvard zwischen 1947 und 1962 mit dem "Molekül als Hauptfigur", die der Biologe und Direktor des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte nach zehnjähriger Arbeit vorgelegt hat. Thadden entdeckt, dass es im Grunde zwei "kunstvoll verwobene" Bücher seien: zum einen die Beschreibung des Geschehens im Labor und zweitens wissenschaftstheoretische Überlegungen. Der Autor frage nach der "Verknüpfung des Forschungsobjektes mit den Bedingungen seiner Untersuchung" und vermag, so die Rezensentin, über die Technik des vorgreifenden und zurückweisenden Beschreibens "die Offenheit, die Brüche und Sprünge... des vermeintlich nur geradlinigen Fortschritts" darstellerisch umsetzen. Der Autor, wohlwissend um die Entfernung seiner Überlegungen vom Laienverständnis, sei bemüht, so Thadden, "sprechende Aperçus der Wissenschaftstheorie heranzuziehen" und anschaulich zu vermitteln, was beim Experimentieren vor sich gehe. Die Rezensentin vermisst allein die biografische und psychologische Perspektive auf Forscherentscheidungen. Ebenso entgehe auch die "Kuriosität des Forschens, die Dramen des Kuriosen", die auch vom Scheitern erzählen, Rheinbergers Blick. Die Rezensentin schließt beruhigt, dass das Buch auch einen "überraschender Trost" bereithalte: die Ungewissheit der Zukunft hätten Forscher, das Molekül und der Leser gemeinsam.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2001

Hans-Jörg Rheinberger unternimmt mit seiner an der Praxis gewonnenen Theorie des Experiments den Versuch, Karl Poppers "Logik der Forschung" vom Kopf auf die Füße zu stellen. Keineswegs ist es seiner These nach so, dass die Theorie "dem Experimentator den Weg weist", sondern umgekehrt: unerwartete Ergebnisse von Experimenten führen zu neuen Theorien, denen erst in nachträglicher Geschichtsschreibung eine vermeintlich zwangsläufige "Logik der Forschung" zugeschrieben wird, wie Thomas Weber referiert. Rheinberger belege seine Thesen an den Entwicklungen der Molekularbiologie, die sich nicht so folgerichtig vollzogen, wie es in den heute gängigen Nacherzählungen den Anschein hat. Gerade das Ungeplante und Unplanbare spielte dabei nicht selten die Hauptrolle. Thomas Weber sieht die Nähe von Rheinbergers "Epistemologie des Experiments" zu Ansätzen der Semiotik und Literaturtheorie. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse, so sein Fazit, macht den Text "schwierig und anspruchsvoll", in jedem Fall aber: "sehr lesenswert".