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Gertrud Leutenegger

Das Klavier auf dem Schillerstein

Cover: Das Klavier auf dem Schillerstein
Nimbus Verlag, Wädenswil 2017
ISBN 9783038500353
Kartoniert, 96 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Elf Texte aus den Jahren 1989 bis 2016 versammelt der Band, und bereits die Titelgeschichte "Das Klavier auf dem Schillerstein" signalisiert, was alles geschehen kann, wenn die Kräfte der Phantasie zu wirken beginnen. Dies um so mehr, als Gertrud Leutenegger im vorliegenden Band aus kleinen Alltagssituationen heraus die Ahnenreihe ihrer literarischen und künstlerischen Anregungsfiguren erstehen lässt. Der Besuch bei einem alten italienischen Augenarzt führt zu einer Begegnung mit Kleists "Marquise von O..."; aus der stockdunklen Nacht eines Tessiner Tals bei Stromausfall entwickelt sich eine Unterhaltung mit Novalis; die Erinnerung an die kindliche Faszination für die Verpackung von Zwieback Hug führt zu Viscontis legendärer "Gattopardo"-Verfilmung. Autorenkollegen wie Gerhard Meier und Giovanni Orelli erlebt man als Reisebegleiter in Österreich oder China, während aus der Landschaft des Genfersees die archaische Familiensaga von Catherine Colomb wieder lebendig wird.
Dazwischen stehen Huldigungen an Dinge, Erlebnisse und Stimmungen, deren scheinbare Alltäglichkeit in Wahrheit Residuen der Poesie sind: kühle Treppenhäuser in der Tessiner Sommerhitze, morgen- und abendliche Pendlerbusfahrten in entlegene Täler oder die plötzliche Erinnerung an eine der ersten selbstgekauften Schallplatten. Am Ende fährt die Erzählerin auf den Furkapass, wo mit lächerlichen weißen Tüchern verzweifelt versucht wird, das Abschmelzen der Gletscher zu verhindern, während zugleich ein innerer Film in ihr abläuft: Wie einst Rimbaud im Winter den Gotthard überquerte - bis unter die Achseln im Schnee versinkend und der weißen Hölle nur mit knapper Not entrinnend.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.09.2017

Fast scheint es als würde Rezensent Paul Jandl seine offensichtliche Begeisterung für Gertrud Leuteneggers neuen Prosaband ein wenig dämpfen, um mit seinem Jubel nicht die wohltuende und geheimnisvolle Ruhe, die von der Literatur Leuteneggers ausgeht und von der er sich selbst erfasst fühlt, zu stören. "Atmosphärisch" nennt er die Prosastücke Leuteneggers, die diese zu verschiedenen Anlässen geschrieben hat und die doch Entscheidendes verbindet: eine hohe gedankliche Flexibilität, ein enormes sprachliches Feingefühl und eine Tiefe, die von "der Gegenwart des Schreibens" in bis in die Vergangenheiten reicht, erklärt der Rezensent. Leutenegger tut das in seinen Augen auf so einfühlsame, so geschickte Weise, dass es ihm im Nachhinein erscheint, als wären es die eigenen Erinnerungen, die er gerade gelesen hat. Das kann nur "wirkliche Literatur", ist sich der Rezensent sicher.