Demokratie als unvollendeter Prozess

Documenta 11 - Plattform 1. Wien und Berlin
Cover: Demokratie als unvollendeter Prozess
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2002
ISBN 9783775790819
Kartoniert, 411 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Okwui Enwezor, Carlos Basualdo, Ute M. Bauer und anderen. Demokratie ist in unserer Zeit zum Schlüsselbegriff eines breiten Spektrums höchst unterschiedlicher, doch augenscheinlich konvergierender Kontroversen und Argumentationen in der globalen Ordnung geworden. Dieses Buch bietet einen Kontext, in dem interpretative und konzeptuelle Ansätze zur Debatte über die Demokratie in Politik, Philosophie und Kultur argumentativ entfaltet werden können, als Einspruch gegen die neoliberale Ideologie und ihre Verbündeten, die die globale Herrschaft des Markts als bestmögliche Lösung proklamieren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2003

Rezensent Hans Christoph Buch zeigt sich verärgert über den plakativen Anti-Eurozentrismus, den sich die Herausgeber des Bandes "Democracy Unrealized" zur Documenta 11 in Kassel auf ihre Fahnen geschrieben haben. So wirft er einem der Herausgeber, Okwui Enwezor, dem künstlerischen Leiter der letzten Documenta, vor, Europas Schuldgefühle gegenüber der Dritten Welt professionell vermarktet zu haben. Obwohl nach Buchs Wahrnehmung vielen Besuchern der Abgrund zwischen der Qualität der in Kassel gezeigten Kunst und deren ideologischem Anspruch, die Welt aus den Angeln zu heben, aufgefallen war, habe sich niemand getraut, sein Unbehagen zu artikulieren, "weil Okwui Enwezor durch seinen Status als Nigerianer unangreifbar schien und allen Kritikern den Wind aus den Segeln nahm". Zwar erachtet es Buch für richtig und notwendig, "die eurozentrische Borniertheit zu überwinden und die Dritte Welt in den Blick zu nehmen, nicht als bloße Spiegelung der reichen Länder des Nordens, sondern als deren Infragestellung - je radikaler, desto besser." Doch die Kritik des imperialen Blicks, der sich zu Unrecht als Zentralperspektive ausgebe, sei nur dann überzeugend, wenn sie mit stringenten Argumenten operiert und nicht mit ideologischen Klischees, die selbst europäischer Herkunft sind. Mit Blick auf die Documenta hebt er hervor, dass ein Happening nicht einfach eine Negation der etablierten Moderne sei, bloß weil es in Kuba oder in Brasilien stattfinde.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2002

Dietrich Heissenbüttel stellt den Tagungsband der ersten in Wien und Berlin veranstalteten "Plattform" vor, von denen drei weitere parallel zur 11. Documenta parallel stattfanden. Die "Plattformen" sind "Mammutkongresse härtester Theorie", erklärt der Rezensent und er stellt zunächst einmal die provokante Frage, ob den Teilnehmern hier die "sinnliche Wahrnehmung" der Kunst verdorben werden soll. Oder handelt es sich bei den Tagungen um die "listige" Ausnutzung einer Kunstausstellung für politische Debatten? Nach Ansicht Heissenbüttels strebt der Documenta-Kurator mit diesen Veranstaltungen etwas anderes an, nämlich die Demonstration, dass nicht nur die Kunst sondern die "theoretische Reflexion" insgesamt eine "gemeinsame Sphäre der Kommunikation und Willensbildung" ausmachen, die in der "institutionalisierten Form der Demokratie" nicht genug Raum haben. Dieser soll durch die Plattformen geschaffen werden, stellt der Rezensent klar. Der Beitrag von Ian Chambers auf dieser ersten Plattform zeige, dass Europa durch die Kolonisation der ganzen Welt ihre eigenen "Koordinaten" aufoktroyiert habe, referiert der Rezensent dann aus dem Inhalt. Im Beitrag vom argentinischen Philosoph Dussel fasst er als Essenz zusammen, dass die USA erst "jahrzehntelang den demokratischen Prozess in Südamerika verhindert haben und nun die Demokratie lediglich dazu diene, den "horrenden Schuldenberg" zu verdecken. Heissenbüttel preist die Plattformen, deren erste dieser Band dokumentiert, als "rare Gelegenheit des Gedankenaustauschs zu drängenden Themen", und er hofft, dass sich die Gedankenanstöße, die von solchen Veranstaltungen ausgehen, weiter entwickeln werden.