Colum McCann

Die große Welt

Roman
Cover: Die große Welt
Rowohlt Verlag, Reinbek 2009
ISBN 9783498045111
Gebunden, 537 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. 1974: Am Morgen eines schönen Augustsommertags starren die Passanten in Lower Manhattan ungläubig zu den Twin Towers hinauf. Fast einen halben Kilometer über ihnen läuft, springt und tanzt ein Hochseilartist - ein schwebender Moment von absoluter Freiheit und künstlerischem Triumph in einer Stadt des ewigen Überlebenskampfes. Seine Magie lässt unten auf den Straßen in den gewöhnlichen Existenzen das Besondere hervortreten. Etwa in Corrigan, dem verrückten, aufopferungsvollen Iren, der sein Leben den Straßenhuren in der Bronx widmet. Er hat in seinem Kleinbus vor dem Zentralgericht am WTC übernachtet, um zweien seiner Schutzbefohlenen bei einem Ankalageerhebungstermin beizustehen: Tillie, die schon mit 38 Großmutter ist, und ihrer schönen Tochter Jazzlyn.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2009

Hoch will, wie der Titel schon sagt, Colum McCann mit diesem Roman hinaus - und scheitert. Noch nicht einmal grandios, wenn man Tobias Döring glauben darf, sondern eher daran, dass er allzu konventionell Fäden spinnt und verknüpft und nebeneinander legt. An einem Tag des Jahrs 1974 laufen die Geschichten der zentralen Figuren, von denen McCann hier erzählt, zusammen. Es ist der Tag, an dem der Drahtseilartist Philippe Petit den Abgrund zwischen den Türmen des World Trade Center auf dem Seil überquert. Mit den Schicksalen der Figuren hat das gar nichts zu tun, es handelt sich eher um die Setzung eines Zusammenhangs. Wogegen, so Döring, nichts einzuwenden wäre, gerieten die Einzelgeschichten nicht so "überschaubar und gemächlich" und wäre das ganze, das sich dann auch noch auf James Joyces "Ulysses" beruft, mehr als eine Übung aus dem "Modellbaukasten". Ein paar schöne Stellen gibt es, insgesamt aber ist das für den Rezensenten viel zu wenig.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.2009

Als riskanten und brillanten Drahtseilakt weiß Hans-Peter Kunisch den Roman von Colum McCann zu schätzen, in dessen Zentrum die spektakuläre Aktion des französischen Seiltänzers Pierre Petit steht, der 1979 auf einem zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers gespannten Seil balancierte. Denn wenn der in Dublin geborene, aber schon lange in New York lebende Autor seine vielen, nur durch diesen artistischen Akt verknüpften Figurenschicksale ausbreitet, geht es ihm um das große Ganze der jüngsten amerikanischen Geschichte, vom Vietnamkrieg bis zum 11. September und quer durch alle Gesellschaftsschichten, klärt Kunisch auf. Was ihn  nachhaltig beeindruckt ist die empathische Zuwendung, die der Autor allen seinen Figuren zukommen lässt ohne sie zu reinen Repräsentationsträgern zu machen, wobei er nach Kunischs Einschätzung mitunter nur sehr knapp dem Kitsch entgeht. Daneben aber ist es sein sicheres Gespür für gelungene Dramaturgie, die diesen Roman sicher um die Klippen der Sentimentalität herumführt, wie der Rezensent versichert. Dass McCann seine historischen Verknüpfungspunkte seinen Lesern aber nicht aufdrängt, sondern sie die Verbindungen selbst suchen lässt, empfindet der Rezensent als sehr wohltuend, genauso dass er nicht das Gefühl bekommt, ihm werde ein bestimmtes Deutungsschema für die Geschichte der USA übergeholfen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2009

Arg aus dem Gleichgewicht geraten ist Colum McCanns Roman "Die große Welt", beklagt Friedhelm Rathjen in seiner Rezension. Das zentrale Motiv dieses Romans ist ein Hochseilakt zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers im Jahr 1974. Dieser Balanceakt ist, wie Rathjen präzisiert, nicht das Thema des Romans, sondern ein gemeinsamer Bezugspunkt seiner zehn Erzählperspektiven. In einem "makellosen", dem Kunstgewerblichen nicht ganz fernen Stil berichte McCann über die Leidenschaften und Niederlagen dieser zehn Figuren. Doch dabei gerät die Sache für Rathjen ins Schwanken: Zwar findet er einige der Monologe "meisterlich", andere jedoch ertrinken seiner Ansicht nach in Klischees und "Sozialkitsch". Der Rezensent beklagt einen "Hang zu Deutungs- und Bedeutungsexzessen", mit dem der Autor seinen Roman zum Teil ruiniere. Nur zu gern würde Rathjen das Misslungene aus diesem Buch streichen und nur die guten Passagen stehen lassen: Dann "wäre es nur halb so dick und dafür doppelt so gut", urteilt er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.09.2009

Sehr eingenommen ist Rezensent Yaak Karsunke für Colum McCanns New-York-Roman "Die große Welt". Das Werk erzählt für ihn auf vielstimmige Weise von New York, von den Menschen dort, ihrem Leben und Überleben und ihrem Umgang miteinander. Wie McCann seine Figuren durch eine "labyrinthische Wirklichkeit" begleitet - der Roman spielt auf dem Straßenstrich und im Altenpflegeheim, im Gerichtssaal, auf Vernissagen, einem teuren Apartment, auf den Drogen- und Sexparties, in einem Hacker-Keller, einem Börsianer-Cafe, im Gefängnis, auf einem Friedhof -, hat Karsunke tief beeindruckt. Zudem schätzt er die souveräne "kompositorische Freiheit" des Autors und die "vorurteilslose Anteilnahme" sowie die Gerechtigkeit gegenüber seinen Figuren. Mit Lob bedenkt er schließlich auch die hervorragende Übersetzung des Romans  von Dirk van Gunsteren.
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