Alois (Hrsg.) Harasko, Roland J. Hoffmann

Odsun - Die Vertreibung der Sudetendeutschen (Vyhnani sudetskych Nemcu)

Dokumentation zu Ursachen, Planung und Realisierung einer 'ethnischen Säuberung'.Band 1: Vom Völkerfrühling und Völkerzwist 1848/49 bis zum Münchner Abkommen 1938 und zur Errichtung des 'Protektorats Böhmen und Mähren'
Sudetendeutsches Archiv, München 2000
ISBN 9783933161017
Gebunden, 944 Seiten, 74,14 EUR

Klappentext

Mit 60 Karten, 12 Grafiken sowie 380 Abbildungen und faksimilierten Dokumenten. Der erste Band der zweiteiligen Quellenedition in deutscher und tschechischer Sprache umfasst die lange und komplexe Vorgeschichte der Vertreibung der Sudetendeutschen von 1848/49 bis 1938/39 unter dem Gesichtspunkt der modernen Nations- und Nationalstaatsbildung und der mit dieser in Extremsituationen einhergehenden "ethnischen Säuberungen". Vor diesem Hintergrund wird nicht nur das Schicksal der Sudetendeutschen, sondern auch das der Tschechen und jüdischen Bewohner Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens bzw. der Tschechoslowakischen Republik in die Darstellung miteinbezogen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.11.2001

Bis ins Jahr 1848 geht der erste Band der zweisprachigen Dokumentation des Sudetendeutschen Archivs "Die Vertreibung der Sudetendeutschen" (unter der Leitung von Roland Hoffmann) zurück, um die "Spuren der deutsch-tschechischen Kontroverse" bis zur Zeit der Henlein-Bewegung in den dreißiger Jahren zu verfolgen, berichtet Alena Wagnerova. In seiner Einführung verorte Roland Hoffmann die Entwicklung Böhmens in die Entstehung der europäischen Nationalstaaten vor dem Hintergrund der Industrialisierung. Die meisten der hier gesammelten Zeitdokumente (Reden, Zeitungsberichte etc.) seien neben den "Stimmen der Vernunft" von T.G. Masaryk, Franz Spina und Wenzel Jaksch ein "wahres Gruselkabinett des Nationalismus", vor deren suggestiver Kraft die Rezensentin warnt: All der Kraftmeierei zum Trotz hätten Deutsche und Tschechen im Alltag friedlich zusammengelebt, "geheiratet, Familien gegründet und Kinder gezeugt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.07.2001

In einer Doppelrezension bespricht K. Erik Franzen zwei neue Bücher, die sich mit der Vertreibung der Sudetendeutschen aus Polen und der Tschechoslowakei beschäftigen.
1) "Odsun - die Vertreibung der Sudetendeutschen"
Die jetzt vorgelegte zweibändige Dokumentation zur schon oft gezeigten Ausstellung versucht nicht, so Franzen, eine lückenlose Ereigniskette zu konstruieren, an deren Ende zwanghaft die Vertreibung der Deutschen steht. Auf Basis möglichst disparater Quellen werde versucht, die historische Entwicklung in Böhmen und Mähren seit 1848 zu beleuchten. Lobend äußert sich Franzen über die Zweisprachigkeit aller Dokumente und die gute Auswahl an Grafiken, Karten und Fotografien. Er vermisst ein ordentliches Inhaltsverzeichnis und Sachregister. Dennoch halte das Werk auch für Fachkenner Schätze parat, so etwa viele Beispiele aus dem "Gruselkabinett nationaler Chauvinismen". Die nur chronologische Reihung der vielen Dokumente, so Franzen, stelle indes eine Herausforderung dar. Er kritisiert die tendenziell selektive Auswahl der Dokumente im Sinne einer "negativen Geschichte", findet aber auch erfreuliche, multiperspektivische Ansätze in der historischen Darstellung. Insofern. urteilt Franzen, liegt mit dem Band der tschechischen wie deutschen Öffentlichkeit eine Sammlung vor, an der niemand einfach vorbeisehen könne.
2) Detlef Brandes: "Der Weg zur Vertreibung 1938-45"
Sehr konzentriert, so Franzen, geht Detlef Brandes das Thema Vertreibung an. Brandes behandelt die Zeit zwischen 1938 und 1945. Sein Thema sind die konkreten Pläne zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und Polen und die Frage, warum alle daran beteiligten Personen die Entfernung der Deutschen für unausweichlich hielten. Der Faktenreichtum, mit dem der Autor antwortet, lobt der Rezensent, ist "schwindelerregend". Brandes sei allen Spuren der Vertreibungspolitik akribisch nachgegangen und habe das diskursive Geflecht zwischen tschechischen und böhmischen Exilpolitikern, sozialdemokratischen sudetendeutschen Emigranten, Widerstandskämpfern in den besetzten Gebieten und Vertretern der Alliierten minutiös entfaltet. Daneben zeichne sich die Untersuchung durch ein mutig präsentiertes Geschichtsbild aus, das im Münchner Abkommen den Beginn und das entscheidende Motiv der Vertreibungspolitik ausmacht. Die Vertriebenen als Hitlers Opfer? Ja, antwortet Franzen, doch "Brandes hat auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass diese Antwort ergänzt werden muss."
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