Alexandra Binnenkade, Aram Mattioli (Hg.)

Die Innerschweiz im frühen Bundesstaat (1848-1874)

Gesellschaftsgeschichtliche Annäherungen
Chronos Verlag, Zürich 1999
ISBN 9783905313307
Broschiert, 248 Seiten, 21,99 EUR

Klappentext

Die Innerschweiz im frühen Bundesstaat ist ein weitgehend unbekannter Kulturraum. Die Niederlage im Sonderbundskrieg schrieb sich in gewisser Weise fort, indem sich die Innerschweiz als "schwarzer Kontinent" gewissermassen zum weissen Fleck auf der historiographischen Landkarte der Schweiz entwickelte. Unter der Leitung des Historischen Seminars der Hochschule Luzern überprüfen elf Autorinnen und Autoren diese Sichtweise unter gesellschaftsgeschichtlichen Perspektiven. Im Mittelpunkt stand die Frage, was «1848» für die Menschen und die Gesellschaft der Innerschweiz bedeutet hat. Hat der junge Bundesstaat durch seine moderne Verfassung die Lebenswelten der hier lebenden Menschen sofort nachhaltig verändert? Oder lassen sich gegenläufige Tendenzen ausmachen, die parallel zu dem zu erwartenden Bruch Kontinuitäten ins Blickfeld rücken? Wie haben die unterschiedlichen sozialen Gruppen der Innerschweizer Gesellschaft, wie haben Frauen und Männer die ersten Jahre des jungen Bundesstaates erlebt?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.07.2000

In einer Sammelbesprechung beschäftigt sich der Rezensent mit dem Kürzel "tmn" mit mehreren Büchern, die die Umbrüche um 1848 zum zentralen Thema haben.
1.) Alexandra Binnenkade/Aram Mattioli (Hrsg.): "Die Innerschweiz im frühen Bundesstaat (1848-1874)" (Chronos-Verlag)
An diesem Buch weiß der Rezensent besonders zu schätzen, dass hier nun das Hauptaugenmerk einmal nicht auf die "liberalen Sieger" von 1848 gerichtet wird, sondern auf die unterlegenen katholischen Sonderbündler, die - aus verständlichen Gründen - nur wenig Interesse daran hatten, ihre Niederlage schriftlich zu dokumentieren. Entsprechend spärlich ist die Quellenlage. Nicht einverstanden ist der Rezensent allerdings mit der Formulierung des Herausgebers Mattioli, wenn dieser von einen `nationalen Einigungskrieg` spricht. Er selbst würde dem Begriff `Vereinheitlichungskrieg` bevorzugen, da die Neukonstruktion der Schweizer `Nation` wesentlich unblutiger als in anderen Ländern vonstatten gegangen sei. Ansonsten hebt der Rezensent verschiedene Beiträge als besonders gelungen hervor, etwa den Peter Schniders, der auf die wirtschaftliche Schwäche als Ursache für den Bürgerkrieg eingeht, oder auf den Text von Evelyn Boesch und Sibylle Omlin, die sich mit den Bildungsmöglichkeiten bürgerlicher Frauen zu dieser Zeit beschäftigen.
2.)"Das Asyl in der Schweiz nach den Revolutionen von 1848" (Verlag Paul Haupt)
Besonders interessant an diesem Band scheint dem Rezensenten die Erkenntnis von Thomas Busset, dass sich "liberale Oppositionelle auch gegenüber Gesinnungsgenossen als restriktive Realpolitiker entpuppen konnten" wenn sie an die Macht gekommen waren, wofür er mehrere Beispiele aufzählt. Hermann Wichers habe dabei in seinem Beitrag die Bemühungen um Konsens nicht nur in ihrer innerpolitischen Bedeutung beleuchtet, sondern auch hinsichtlich ihrer Außenwirkung, bei der die "Bemühung um die prekäre internationale Anerkennung" von nicht unerheblicher Bedeutung war. Nicht zuletzt gibt der Band nach Ansicht des Rezensenten über die Praxis der damaligen Asylpolitik Aufschluss, dass nach damaliger Auffassung in erster Linie ein Recht des Staates war und weniger ein "individueller Anspruch".
3.) Johann Jakob von Tschudi: "Wiens Oktobertage 1848" (Wiborada, Schellenberg)
Der Rezensent weist zunächst darauf hin, dass diese tagebuchähnlichen Aufzeichnungen (kombiniert mit einer "illustrativen Sammlung von 163 Manifesten und Flugblättern") bereits 1849 veröffentlicht worden waren und nun in einer Neuauflage vorliegen. Interessant findet er dieses Aufzeichnungen vor allem deshalb, weil von Tschudi als Schweizer sich hier auf die Seite der Monarchie stellt, was ihm äußerst ungewöhnlich erscheint. Zwar habe von Tschudi durchaus mit einzelnen Revolutionären sympathisiert. Allerdings missfiel ihm - wie der Leser erfährt - die von ihm diagnostizierte Heuchelei und Eitelkeit, so dass er schließlich sogar die äußerste Brutalität der "Retter der Monarchie" tolerierte.