Adolf Muschg

Sutters Glück

Roman
Cover: Sutters Glück
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783518412145
Gebunden, 340 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Sutter, ein ehemaliger Gerichtsreporter, seit kurzem Witwer, wird Abend für Abend und immer um dieselbe Zeit von einem anonymen Anrufer heimgesucht ? und schließlich, bei einem Spaziergang, angeschossen. Nach seiner Genesung macht er sich auf, den Täter zu finden, und ist rasch in den Spuren einer alten Geschichte: in einem Gerichtsprozess, in den er vor Jahren als Beobachter geraten und in dem es für alle Beteiligten um Tod und Leben gegangen war. Im Erinnern und minutiösen Wiederherstellen von längst Vergangenem erfährt Sutter, dass seine Frau Ruth mit ihrem Freitod Geheimnisse hinterlassen hat ? die er nun zu befragen und zu entwirren hat. Im kleinen Kosmos seiner Umgebung, die sich fortschrittlich wähnt und freundlich gibt, stößt Sutter auf alle die Fallen, in die er zeitlebens immer wieder getappt war. Sein Lebensroman, den er bald vor sich sieht, gleicht einem Krimi, in dem er die Rolle des Täters wie die des Opfers nur allzu gern zu spielen bereit war.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.03.2001

Gabriele Killert zeigt sich in ihrer ausführlichen und einfühlsamen Besprechung des Romans ganz in den Bann des Buches gezogen. Sie ist angerührt von dem Schicksal Sutters, der nach dem Selbstmord seiner Frau einen schmerzhaften Prozess der Selbsterfahrung durchmacht, und findet doch allenthalben die "radikale Ironie" und Satire, die sie bei Muschgs Büchern so schätzt. Besonders rühmt sie die "Kunst" des Autors, Dialoge zu inszenieren, in denen sich die "Leistungsgesellschaft" selbst als zwischen "Aromatherapie und Marketing" eingerichtet entlarvt. Die Rezensentin beschreibt die verstörenden Qualitäten dieses Romans, der ihr wie ein "dunkler Traum" oder ein "Märchen" erscheint, wobei sie richtig dankbar wirkt, dass der Autor einen "Faden durchs Labyrinth seiner Erzählung" gelegt hat, an dem sich die Leser entlang hangeln könne. Sie preist den Roman als ein "kunstvolles, ein schönes Buch" und meint, dass es zwar "todtraurig" ist, aber daneben auch durchaus heiter sein will.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.03.2001

Da hat sich der renommierte Schweizer Schriftsteller vom ebenfalls renommierten Literaturkritiker Heinz Ludwig Arnold einen richtigen Verriss eingefangen. Denn so begeistert wie der Suhrkamp Verlag Muschgs neuen Roman im Klappentext ankündigt, ist der Rezensent nicht. Arnold findet die Geschichte reichlich pathetisch. Die Grundkonstruktion sei mit kriminalistischen Handlungselementen überfrachtet, die leider zum Teil motivblind ins Leere liefen. Die Personenkonstellation hält der Rezensent für verwirrend: zu viele Geschichten zu berechnend erzählt. Die Lektüre ist anstrengend, meint Arnold. Dass dem Autor Plot und Erzählweise nicht leicht gefallen sind, verrate auch die Sprache, die häufig auf "preziösen Stelzen" daherkomme. Nein, nein, Arnold ist enttäuscht. Einzig einige wenige Passagen haben ihm gefallen. Schade, meint der Kritiker. Hätte Muschg sich bemüht, den Stoff in einer schlanken Erzählung zu verpacken, dann wäre vielleicht ein Text dabei herausgekommen, der an die bewährte Erzählkunst des berühmten Schriftstellers erinnert hätte, resümiert Arnold.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.02.2001

Von einem "großen" Buch spricht Rezensent Thomas Wirtz. Aber so recht wird einem nicht klar, worin diese Größe besteht. Ein Zeitroman, meint Wirtz, der in den Blick nimmt, "was heute der Fall" ist: "Biopolitik, das Ende der Kunst, Geschwätz". Das klingt nicht nach groß, eher nach klein. Doch der Rezensent spricht von letzten Fragen, die im Jetzt spielen. Mal sehen: man gerät in eine recht sinister klingende Geschichte über einen gewissen Gygax, dessen Frau ihren Darmkrebstod durch Selbstmord vorweg genommen hat. Irgendwann wird Gygax auch angeschossen. Wer vom Lesen nicht viel erwartet, meint Wirtz, könnte glauben, "Sutters Glück" sei ein Kriminalroman. Wir erwarten viel und bekommen wenig. Bloß den Hinweis, das Kriminelle habe einen "meisterhaft austarierten Platz". Per Lungendurchschuß gerate man nämlich direkt in das Innere des Opfers. Na Prost. Später ertränkt Gygax sich im See. Und beim letzten Untertauchen erlebt er, den seine Frau nur "Sutter" nannte, laut Wirtz das titelgebende Glück. Welches? Jetzt stutzt auch Wirtz, und sein Stil schwillt ab. "Celera, Plastifikation, Love Parade" - in einem ansonsten großen Buch, das "an Alteuropa festhalten" will, sind dies die "unglücklichsten Stellen", schreibt Wirtz: sie würden selbst vom Geschwätz angegriffen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.02.2001

Obwohl sich Albert von Schirnding in seiner Rezension mit einem dezidierten Urteil zurückhält, kann man davon ausgehen, dass er an diesem Buch durchaus Gefallen gefunden hat. Jedenfalls scheint er von der Gratwanderung Muschgs zwischen den beiden entscheidenden Themen dieses Buch - Spaßkultur und Todesangst - recht angetan zu sein. Hinter allen mörderischen Verwicklungen, so deutet Schirnding an, steckt die Esoterik- und Lebenshilfe-Industrie, die mit Kritikern nicht eben zimperlich umgeht. Nicht mehr Nietzsche, Thomas Mann und Hermann Hesse dominieren am Silser See, sondern "eingeflogene Zen-Meister", die Industriellen und Politikern in geschichtsträchtigen Hotels das Meditieren beibringen. Vor dieser Kulisse muss sich der Protagonist nicht nur mit einem Mordanschlag herumplagen, sondern auch mit im weitesten Sinne familiären Verwicklungen. Der Rezensent lobt die "satirisch-grotesken Elemente", die aber bisweilen zugunsten existentieller Themen zurücktreten, etwa wenn es um den "erlösenden Augenblick" des Todes geht und alle Anstrengungen des Lebens umkippen in eine "pure Mühelosigkeit".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.01.2001

Andrea Köhlers Urteil über den Roman ist zwiespältig. So gefällt ihr offensichtlich der Teil, in dem es um die Krebserkrankung und den Selbstmord der Ehefrau des Protagonisten geht, sowie das Geschehen, das aus dem "halb philosophischen" einen "halb kriminalistischen Roman" macht. Auf die Hauptfigur, einen sehr erfolgreichen Gerichtsreporter, wird geschossen, und nun sinnt er darüber nach, wer ihm nach dem Leben trachtet und warum. Bis dahin ist für die Rezensentin alles in Ordnung. Aber dass nun im zweiten und dritten Teil die Frage nach der Schuld in den Vordergrund rückt, tadelt Köhler als die "Versuchung" des Autors, "rhetorisch zu werden". Die nun einsetzenden Überlegungen seien aus den Poetikvorlesungen Muschgs hinlänglich bekannt. Durch die entfaltete "Beredsamkeit" werde der Text gewissermaßen "abgedichtet", so die Rezensentin enttäuscht. Dennoch meint sie abschließend, dass das Buch an die "schönsten Erzählungen" des Autors anknüpft, und sie rechnet es Muschg hoch an, dass er bis zum Schluss das Rätsel des Mordanschlags auf den Protagonisten nicht lüftet - und so der Roman "sein Geheimnis bewahrt".
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