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Michael Jackson und die Kinder

23.06.2016. Mayumi Lake, Poo-Chi (Puffy Pink Porn), 2000In den Rechtsabteilungen der großen Online-Buchhändler müsste derzeit mit Hochdruck an Schadensbegrenzung gearbeitet werden. Auch diverse Fotobuchverlage, Galerien, Rezensionsorgane, Kunstbuchhändler und nicht zuletzt Künstler sollten sich wappnen: Ihnen allen dürften in absehbarer Zeit Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Gerichtsprozesse ins Haus stehen. Folgt man nämlich den jüngsten Enthüllungen des amerikanischen Klatschblogs RadarOnline, das sich mit Veröffentlichungen unvorteilhafter Fotos von Celebrities einen exzellenten Ruf als seriöses journalistisches Medium von einigem Rang gemacht hat, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Teile des Kunstbetriebs ein Underground-Netzwerk für aktive Pädophile bilden.Zugegeben, die hier skizzierte Tragweite erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Und offenbar auch nicht der Deutschen Welle, dem Rolling Stone, Focus und anderen deutschsprachigen Medien (von den englischsprachigen ganz zu schweigen), die den Coup von RadarOnline mehr oder weniger ohne eigene Recherche weitgehend übernommen haben: Dort veröffentlichte man vor wenigen Tagen den Polizeibericht über die bei einer Hausdurchsuchung im Jahr 2003 bei Michael Jackson beschlagnahmten Beweismittel für einen Prozess, in dem es darum ging, ob der Popmusiker Minderjährige sexuell misshandelt und missbraucht hatte. Die zuständigen Ermittlungsbehörden haben mittlerweile bestätigt (siehe die Ergänzung dieser Meldung von Vanity Fair), dass es sich bei dem Dokument um eine Kopie ihres Bericht handelt, den sie allerdings nicht selbst veröffentlicht hätten. Auch soll dem Bericht einiges an Material "aus unbekannten Quellen oder dem Internet" beigefügt worden sein. Die Meldung von RadarOnline legt den Schluss nahe, dass der Bericht von einem an der Ermittlung beteiligten Beamten verkauft wurde. Von Thomas Groh

In Paradisum ...

Swetlana Alexijewitsch

Kritische Zahlen

10.02.2016. Ende 2014 hatte ich für ein kleines Interview von Dradio Kultur ein paar Zahlen aus dem Perlentaucher kompiliert, die dann erstaunlich intensiv diskutiert wurden: Ich hatte die Zahl der vom Perlentaucher resümierten Buchkritiken von 2001 und 2014 verglichen und dabei herausgefunden, dass sich diese Zahl praktisch halbiert hatte. Diese Zahlen beziehen sich auf die Zeitungen, deren Buchkritiken wir seit dem15. März 2000 resümieren, also die FAZ, die FR, die NZZ, die SZ, die taz und Zeit. Die Kritiken der Welt werten wir erst seit 2014 aus. (Da die Kritiken der Welt fast nur samstags erscheinen, haben wir die Literarische Welt in den ersten Jahren gar nicht bewältigen können. Zu groß war die Zahl der Kritiken damals.)Der Verleger Jörg Sundermeier griff diese dramatischen Zahlen in einem Debattenbeitrag zum Zustand der Literaturkritik beim Buchreport auf und machte sie zum Argument, um eine angeblich immer mehr aufs Event fixierte Kritik anzuprangern. Michael Pilz machte sich bei literaturkritik.de ebenfalls einige Mühe mit den Zahlen und verglich sie mit Daten des Innsbrucker Zeitungsarchivs, die meinen Zahlen widersprachen: Der Perlentaucher resümiert ja nur Buchkritiken ab einer gewissen Länge (Faustregel: 60 bis 80 Zeitungszeilen). Die von Pilz konsultierte Datenbank führte dagegen nur reine Literatur-, aber keine Sachbuchkritiken auf. Pilz kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der reinen Literaturkritiken trotz der Zeitungskrise praktisch nicht abgenommen habe. Jüngst hat Pilz seine Zahlen noch mal gründlicher gesichtet und kommt wieder zum Ergebnis, dass die Zahl der Kritiken stabil geblieben sei - trotz des seit Jahren schrumpfenden Umfangs der Zeitungen. Von Thierry Chervel

Glaube, Freiheit, Kunst

10.02.2016. Die FU bietet in diesem Sommersemester zwei sehr interessante Ringvorlesungen.Die eine widmet sich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und mit Blick auf zunehmenden Forderungen nach mehr religiöser Rücksichtnahme der Freiheit der Kunst beziehungsweise den Grenzen der Freiheit. In ihrer Einladung zu der Reihe schreiben Hans Richard Brittnacher und Susanne Scharnowski: "Die Bereitschaft zur Tilgung anstößiger Vokabeln aus literarischen Texten, die Überprüfung von Unterrichtsplänen auf religiöse und politische Unbedenklichkeit oder die "Schere im Kopf", also die vorwegnehmende Berücksichtigung möglicher Empfindlichkeiten, deuten die allmähliche Erosion des Freiheitsrechts der Kunst an." Von Thekla Dannenberg

Quasi halbiert

Ausnahmslos Differenz

13.01.2016. Liest man den Dreck, der auf Twitter zum #ausnahmslos-Aufruf veröffentlicht wird, möchte man den Autorinnen fast zustimmen. Aber das ist das Einzigartige an dieser Debatte. Sie ist von so viel Sprechverboten und Drohgebärden eingegrenzt, dass es kaum noch möglich ist, Position zu beziehen. Der Selberdenkende fühlt sich sozusagen allseitig angetanzt. Der Aufruf verdient nicht den Dreck, mit dem er beworfen wird, aber sehr wohl eine elaborierte Gegenposition.Und dies vor allem deshalb, weil er selbst zu jenen Dokumenten gehört, die den freien Blick auf die Geschehnisse einschränken wollen. Von Thierry Chervel

Die Verlagswelt ist gar nicht mehr so

Ein Reader für Leser

Löst Religion das Problem mit der Religion?

'Ihr seid Sieger!'

08.10.2015. Warum verehren heute wieder so viele Russen Stalin? Wie arbeiten die ehemaligen Sowjetrepubliken den Stalinismus auf? Über diese Fragen diskutierten gestern abend in der Heinrich-Böll-Stiftung die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch, der Georgier Lascha Bakradse und die Russen Arsenij Roginskij und Andrei Sorokin. Der Abend war ein weiterer Höhepunkt des bisher schon so reichen Internationalen Literaturfestivals Berlin. "Die Luft ist schwer zu atmen geworden", sagte der Moskauer Historiker Andrei Sorokin, der 1991 den Verlag Rosspen gegründet hatte, um in Zusammenarbeit mit der Organisation Memorial in einer hundertbändigen Reihe die entscheidenden Dokumente und Schriften zur Geschichte des Stalinismus zu veröffentlichen. Wie Sorokin in seinem Eingangsstatement erklärte, ist nicht unbedingt die Verdrängung des Stalinismus das Problem in Russland, auch wenn tatsächlich die Bemühungen um die historische Erforschung und den wissenschaftlichen Diskurs zunehmend torpediert würden. Das weitaus gravierendere Problem sei die positive Verklärung Stalins nicht nur in Fernsehserien, sondern auch in Schulbüchern. 1989 sahen nur 18 Prozent der Bevölkerung in Stalin einen Wohltäter des russischen Volkes, berichtet Sorokin, 1998 waren es bereits 36 Prozent und heute sind es über 50 Prozent. Da könne man nicht einmal mehr von einem mythologischen Stalin-Bild sprechen, das sei eher ein zoologisches, gibt Sorokin seiner Fassungslosigkeit Ausdruck. Von Thekla Dannenberg

Ein Tag im Leben des Ersten

09.07.2015. Selten habe ich so gelacht und mich danach selten so geschämt wie bei der inneren Rezitation des Tagesprogramms der ARD vom 6. Januar dieses Jahres (siehe unten). Abgeschrieben hat es Berthold Seliger für sein Buch "I Have a Stream", einen Zornesschrei über die Öffentlich-Rechtlichen Sender. Interessant ist, dass Seliger seine Radikalkritik, die in der Forderung nach Abschaffung des Systems kulminiert, von einer dezidiert linken Warte formuliert. Für Seliger ist dieser Apparat dazu da, eine angeblich neoliberale Agenda der deutschen Politik zu kaschieren. Mir leuchtet das nicht ganz ein: Dieser Supertanker des Biedersinns  schien mir immer links der Wirklichkeit vertäut. Wie soll er da einer derart schnittigen Ideologie dienen? Aber andererseits, wenn man sich dieses Programm vom 6. Januar, diesen achtzehnstündigen Schwall aus Kitsch, anguckt: Kann das Zufall sein? Seliger dekliniert es durch alle Bereiche: Die Information mit ihren leeren Ritualen, ihren Kompetenzmienen und millionenschweren Talkshow-Unternehmern, die Musik, die den letzten Sinn unter all den Schlagern und Volksmusikstars begräbt, die Nonnen-, Krankenhaus- und Tierarzt-Serien mit ihrer reaktionären Familienideologie, die Preisgabe des kulturellen Auftrags, die Hunderte von Millionen Euro, die in den Sport gesteckt werden, um den Altersdurchschnitt der Zuschauerschaft künstlich zu senken, ohne je zu thematisieren, dass wir Zahler es ja sind, die die FIFA mit unserer "Demokratieabgabe" schmieren. Dahinter kann nur eine Verschwörung stecken! Von Thierry Chervel

Ohne Transparenz keine WM-Gelder

Kunst war eh nie frei

Es muss https sein

Außerhalb des Blumenbeets

Schießerei in Kopenhagen

Charlie Hebdo und die Folgen

Ein Wald aus Verboten

Die Grenzen enger ziehen

28.01.2015. Neben ästhetischen Bedenken riefen Werke, deren Autoren von Islamisten ermordet wurden, oft auch moralische Zweifel der Feuilletonisten hervor. Wenn wir schon dabei sind und die Leichen gerade bestattet werden, müssen Feuilletonisten stets vor allem eines fragen: "Was soll Satire? Was darf sie?" Haben die Ermordeten richtig gehandelt? Sozusagen: "Die Grenzen der Satire - Im Lichte der jüngsten Meinungsäußerungen betrachtet." Edel sind die Seelen der Feuilletonisten. Es werden Karikaturisten, Polizisten und Juden umgebracht, aber sie solidarisieren sich erstmal mit den Muslimen und stellen die Frage, ob man ihnen diese Zeichnungen wirklich hätte zumuten sollen. Auch sollen die Muslime nicht gezwungen werden, sich zu der Sache zu verhalten. Die Deutschen sollen ihre Nazizeit aufarbeiten, die Amerikaner die Sklaverei, die Franzosen ihre Kolonialvergangenheit. Aber den Islam zur Selbstreflexion aufzufordern – das wäre Islamophobie.Andreas Zielcke hat in der SZ am Freitag geschrieben, was man einen "klugen Text" nennt, virtuos verschwurbelt, sich nach allen Seiten absichernd, mit schwer zu ermittelndem Standpunkt. Aber zwei Punkte macht er deutlich. In Frankreich ist eine Parodie auf ein Cover von Charlie Hebdo erschienen. Das Original "verhöhnte" den Koran, wie Zielcke sagt, denn die Heilige Schrift erweist sich als ungeeignet, Gewehrkugeln aufzuhalten. Die Parodie eines 16-jährigen Schülers zeigt einen Mann, dem nun mit Charlie Hebdo das gleiche widerfährt. Nun wird bei der Karikatur von Charlie Hebdo das Recht auf freie Meinungsäußerung eingefordert, während die Parodie wegen angeblicher Verteidigung eines Terroranschlags verfolgt wurde. Von Thierry Chervel

Figur der Opfermediokrität

27.01.2015. Ach, Ulf! Ein bisschen schal ist nicht Luz" Zeichnung des weinenden Mohammed, sondern dein ästhetizistisches Gemäkel daran, solange die Dahingemetzelten noch nicht kalt sind. Es handelt sich hier nicht um eine ästhetische Frage, sondern um eine existenzielle. Das Pathos dieser Frage müssen wir aushalten wie das tödliche Starren der Islamisten. Keiner zwingt Dich aus "politischer Raison", diese Zeichnungen gut zu finden, denn darum geht es gar nicht.Nicht in einem Wort zittert der Schock über die Ereignisse in Deinem Text nach, aber Deine Lehrmeinung über den Plattkopfhumor von Charlie Hebdo ist schon fertig ausformuliert. Obsolet sind die Zeichnungen mit ihren puerilen Witzen und grobem Strich und nichts im Vergleich zum deutschen Qualitätshumor, der überdies die Subtilität besitzt, nicht anstößig zu sein. Von Thierry Chervel

Stolz und froh

Les armes des citoyens

JeSuisCharlie... JeSuisJuif...

Le Monde zeigt alte Fernsehbilder von Chérif Kouachi

08.01.2015. Einer der drei mutmaßlichen Attentäter, Chérif Kouachi, war bereits vor zehn Jahren ins Visier der Fahnder geraten. Le Monde hat ein paar Minuten aus einer Fernsehreportage von France 3 von 2004 ausgegraben, in denen der Attentäter porträtiert wird: Man sieht ihn als einen offenbar geläuterten Ex-Islamisten, schlaksig, schüchtern lächelnd, und in einer Einstellung rappend und tanzend. Er sei ein Hiphop-Fan gewesen, eher bereit in die Disko zu gehen und Mädchen zu treffen als in der Moschee zu beten. Dann sei er allerdings unter den Einfluss des charismatischen jungen Islamisten Farid Benyettou geraten, der bereits seit 2003 Kämpfer für den Dschihad im Irak rekrutierte. Schon damals sei Kouachi in einer oberflächlichen Ausbildung die Handhabung einer Kalaschnikow erklärt worden. Koachi wurde wegen Mitgliedschaft in Benyettous Terrorgruppe, der "Filière des Buttes-Chaumont" (nach dem Pariser Park), zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. In dem Film werden Aussagen zitiert, die Kouachi offenbar vor Gericht gemacht hatte und die zeigen sollten, dass er vom Islamismus abgekommen sei. Ein Sozialarbeiter erklärt zum Abschluss, dass Kouachi froh sei, der islamistischen Szene entronnen zu sein.Einen sehr interessanten Hintergrundartikel veröffentlicht der Terror-Experte Jean-Pierre Filiu über die "Filière des Buttes-Chaumont" in Rue89. Sie rekrutierte seit 2003 Kämpfer für den Krieg im Irak. Farid Benyettou war ihr Anführer. Aus derselben Gruppe kam Boubaker al-Hakim, der nach eigenem Bekenntnis die tunesischen Oppositionspolitier Chokri Belaïd und Mohamed Brahmi ermordete und das Land damit fast an den Rand des Bürgerkriegs brachte. "In Paris und Tunis dieselben Mörder", titelte darum Rue89. Filiu erzählt von der ursprünglichen Unterstützung der Gruppe durch das syrische Regime. Später sei sie unter den Einfluss von Al-Qaida und dem "Islamischen Staat" gekommen - ob sich diese beiden Terrorgruppen so gut trennen lassen, wie man hier glaubt, bezweifelt man nach Filius Artikel. Fliu verweist auf das Buch "The Evolution of the Global Terrorist Threat", in dem er ein Kapitel über die "Filière des Buttes-Chaumont" geschrieben hat. Von Thierry Chervel
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