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Deutscher Buchpreis 2016 - Die nominierten Romane

20.09.2016. Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis wurde heute morgen veröffentlicht. Einige prominente Autoren wurden links liegen gelassen. Wir verlinken zu allen nominierten Romanen auf unsere Rezensionsnotizen und die Hörproben von Detektor.fm

Die Longlist

23.08.2016. Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016 Von Thomas Groh

Michael Jackson und die Kinder

23.06.2016. Mayumi Lake, Poo-Chi (Puffy Pink Porn), 2000In den Rechtsabteilungen der großen Online-Buchhändler müsste derzeit mit Hochdruck an Schadensbegrenzung gearbeitet werden. Auch diverse Fotobuchverlage, Galerien, Rezensionsorgane, Kunstbuchhändler und nicht zuletzt Künstler sollten sich wappnen: Ihnen allen dürften in absehbarer Zeit Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Gerichtsprozesse ins Haus stehen. Folgt man nämlich den jüngsten Enthüllungen des amerikanischen Klatschblogs RadarOnline, das sich mit Veröffentlichungen unvorteilhafter Fotos von Celebrities einen exzellenten Ruf als seriöses journalistisches Medium von einigem Rang gemacht hat, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Teile des Kunstbetriebs ein Underground-Netzwerk für aktive Pädophile bilden.Zugegeben, die hier skizzierte Tragweite erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Und offenbar auch nicht der Deutschen Welle, dem Rolling Stone, Focus und anderen deutschsprachigen Medien (von den englischsprachigen ganz zu schweigen), die den Coup von RadarOnline mehr oder weniger ohne eigene Recherche weitgehend übernommen haben: Dort veröffentlichte man vor wenigen Tagen den Polizeibericht über die bei einer Hausdurchsuchung im Jahr 2003 bei Michael Jackson beschlagnahmten Beweismittel für einen Prozess, in dem es darum ging, ob der Popmusiker Minderjährige sexuell misshandelt und missbraucht hatte. Die zuständigen Ermittlungsbehörden haben mittlerweile bestätigt (siehe die Ergänzung dieser Meldung von Vanity Fair), dass es sich bei dem Dokument um eine Kopie ihres Bericht handelt, den sie allerdings nicht selbst veröffentlicht hätten. Auch soll dem Bericht einiges an Material "aus unbekannten Quellen oder dem Internet" beigefügt worden sein. Die Meldung von RadarOnline legt den Schluss nahe, dass der Bericht von einem an der Ermittlung beteiligten Beamten verkauft wurde. Von Thomas Groh

Kündigen wir das Mietobjekt fristlos

31.05.2016. Die große Gabriele Goettle, Autorin unvergesslicher Reportagen und Porträts, sozusagen eine Art Louis-Sébastien Mercier der Bundesrepublik vor und nach der Wende, wird heute siebzig Jahre alt. Sie gehört zu den Autorinnen, deren Rang womöglich zu Lebzeiten gar nicht angemessen wahrgenommen werden kann: Es ist so wie mit manchen Fotografen, deren Werk erst gewürdigt wird, wenn die Welt, die sie dokumentieren, untergegangen ist.

In Paradisum ...

04.04.2016. Das erste, was ich von Lars Gustafsson las, war die Zeile "Die Stille der Welt vor Bach". Wochenlang stand das Buch, das ich wegen des Titels gekauft hatte, damals in meinem Bücherregal, wartete auf mich - ein Versprechen auf eine Zukunft, in der ich eine Antwort bekommen würde auf die Frage: Was hatte es mit dieser Zeile auf sich? Warum Stille? Warum sollte die Welt vor Bach still gewesen sein - gar öd und leer vielleicht? Und die gregorianischen Gesänge? Was war mit: In paradisum deducant te angeli? Von Marie Luise Knott

Swetlana Alexijewitsch

13.02.2016. Heute abend diskutieren in Berlin die Reporterin Swetlana Alexijewitsch, der Historiker Andrei Sorokin, der Historiker und Mitbegründer von Memorial Arsenij Roginskij und der Historiker Lascha Bakradse über die Aufarbeitung des Stalinismus in den postsowjetischen Staaten. Swetlana Alexijewitsch ist in Russland und Weißrussland berühmt für ihre literarischen Reportagen. Auch im Westen ist sie keine Unbekannte, doch ist sie hier längst nicht so bekannt wie beispielsweise Ryszard Kapuscinski. Am Freitag trat sie schon im Collegium Hungaricum auf, um aus ihrem neuen Buch "Second-Hand-Zeit - Das Ende des roten Menschen" vorzulesen (noch nicht erschienen). "Ich habe versucht ein Bild von der neuen Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Zusammenbruch der Utopie darzustellen", sagte sie. "Jetzt gibt es den freien Menschen, dachte ich. Aber er ist zu dieser Freiheit nicht bereit. Er ist ein Sklave. Ich versuche das zu verstehen." Von Anja Seeliger

Kritische Zahlen

10.02.2016. Ende 2014 hatte ich für ein kleines Interview von Dradio Kultur ein paar Zahlen aus dem Perlentaucher kompiliert, die dann erstaunlich intensiv diskutiert wurden: Ich hatte die Zahl der vom Perlentaucher resümierten Buchkritiken von 2001 und 2014 verglichen und dabei herausgefunden, dass sich diese Zahl praktisch halbiert hatte. Diese Zahlen beziehen sich auf die Zeitungen, deren Buchkritiken wir seit dem15. März 2000 resümieren, also die FAZ, die FR, die NZZ, die SZ, die taz und Zeit. Die Kritiken der Welt werten wir erst seit 2014 aus. (Da die Kritiken der Welt fast nur samstags erscheinen, haben wir die Literarische Welt in den ersten Jahren gar nicht bewältigen können. Zu groß war die Zahl der Kritiken damals.)Der Verleger Jörg Sundermeier griff diese dramatischen Zahlen in einem Debattenbeitrag zum Zustand der Literaturkritik beim Buchreport auf und machte sie zum Argument, um eine angeblich immer mehr aufs Event fixierte Kritik anzuprangern. Michael Pilz machte sich bei literaturkritik.de ebenfalls einige Mühe mit den Zahlen und verglich sie mit Daten des Innsbrucker Zeitungsarchivs, die meinen Zahlen widersprachen: Der Perlentaucher resümiert ja nur Buchkritiken ab einer gewissen Länge (Faustregel: 60 bis 80 Zeitungszeilen). Die von Pilz konsultierte Datenbank führte dagegen nur reine Literatur-, aber keine Sachbuchkritiken auf. Pilz kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der reinen Literaturkritiken trotz der Zeitungskrise praktisch nicht abgenommen habe. Jüngst hat Pilz seine Zahlen noch mal gründlicher gesichtet und kommt wieder zum Ergebnis, dass die Zahl der Kritiken stabil geblieben sei - trotz des seit Jahren schrumpfenden Umfangs der Zeitungen. Von Thierry Chervel

Glaube, Freiheit, Kunst

10.02.2016. Die FU bietet in diesem Sommersemester zwei sehr interessante Ringvorlesungen.Die eine widmet sich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und mit Blick auf zunehmenden Forderungen nach mehr religiöser Rücksichtnahme der Freiheit der Kunst beziehungsweise den Grenzen der Freiheit. In ihrer Einladung zu der Reihe schreiben Hans Richard Brittnacher und Susanne Scharnowski: "Die Bereitschaft zur Tilgung anstößiger Vokabeln aus literarischen Texten, die Überprüfung von Unterrichtsplänen auf religiöse und politische Unbedenklichkeit oder die "Schere im Kopf", also die vorwegnehmende Berücksichtigung möglicher Empfindlichkeiten, deuten die allmähliche Erosion des Freiheitsrechts der Kunst an." Von Thekla Dannenberg

Quasi halbiert

08.02.2016. Was Mathias Müller von Blumencron, der Doyen des deutschen Onlinejournalismus, da sagt, muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: "In Deutschland hat es in den vergangenen zwanzig Jahren nicht ein Start-up zu journalistischer Relevanz gebracht, dafür wachsen die Qualitätsmarken."Höre ich richtig? Gerade lernten wir doch aus neuesten IVW-Zahlen (hier bei turi2), dass die Printhäuser, denen die von Blumencron besungenen "Qualitätsmarken" gehören, weiter geschrumpft sind. Die Auflage der FAZ sinkt seit Jahren - mit krassen Folgen für den Inhalt des Qualitätsblatts. Allein die Zahl der Literaturkritiken pro Jahr dürfte sich seit 2000 fast halbiert haben (mehr hier)! Alle Teile der Zeitung sind quasi halbiert. Die Kulturkorrespondenten, einst der Stolz dieses stolzen Feuilletons wurden fast ausnahmslos heimgeholt.

Ausnahmslos Differenz

13.01.2016. Liest man den Dreck, der auf Twitter zum #ausnahmslos-Aufruf veröffentlicht wird, möchte man den Autorinnen fast zustimmen. Aber das ist das Einzigartige an dieser Debatte. Sie ist von so viel Sprechverboten und Drohgebärden eingegrenzt, dass es kaum noch möglich ist, Position zu beziehen. Der Selberdenkende fühlt sich sozusagen allseitig angetanzt. Der Aufruf verdient nicht den Dreck, mit dem er beworfen wird, aber sehr wohl eine elaborierte Gegenposition.Und dies vor allem deshalb, weil er selbst zu jenen Dokumenten gehört, die den freien Blick auf die Geschehnisse einschränken wollen. Von Thierry Chervel

Die Verlagswelt ist gar nicht mehr so

18.12.2015. Ich bin nicht sicher, ob der neue Gesetzentwurf gut oder schlecht ist. Die Einwände von Detlef Felken leuchten ein, relativieren sich aber auch, wenn man bedenkt, dass die Laufzeit von Verträgen meist eh nur zehn Jahre beträgt. Fünf kommen mir jetzt auch wenig vor. Ich möchte nur eines zu bedenken geben: In diesem moralisch geführten Gespräch über Treue wird gern vergessen, dass die Verlagswelt gar nicht mehr so ist, wie Felken sie beschreibt. Man denke an den Berlin Verlag, der vielleicht der instabilste war in den letzten Jahren und alle paar Monate verkauft wurde, bis er seine Heimat fand. Dabei hatte er sich allerdings vollkommen verändert. Man darf das auch ruhig als Handel mit der Backlist bezeichnen, ein in der Geschäftswelt der Bücher nornaler Vorgang. Von Ralf Bönt

Ein Reader für Leser

04.11.2015. Das neue Metablog lit21.de bündelt den Feed von literarisch relevanten Blogs, Zeitungsadressen und anderen Quellen deutscher Sprache. Auf die Idee haben uns die Autorenblogs einiger Verlage - etwa Hundertvierzehn.de - aber auch Literaturblogs von Autoren und Kritikern und Websites von Radiosendern gebracht. Einzeln agieren sie recht isoliert und verloren in den Weiten des weltweiten Netzes. Gebündelt bringen sie einen intensiven Strom literarisch interessanter neuer Inhalte. lit21.de ist also eine Art öffentlicher RSS-Reader, ein Feed-Aggregator. RSS-Feed wurde maßgeblich von dem jung verstorbenen Internetpionier Aaron Swartz miterfunden, der dieses standardisierte Format für Netzinhalte als Instrument einer sich universalisierenden Öffentlichkeit ansah. Lit21.de hat auch einen eigenen RSS-Feed, den man etwa in Feedly und anderen Readern abonnieren kann.

Löst Religion das Problem mit der Religion?

19.10.2015. Navid Kermanis Friedenspreisrede kulminierte in einem gemeinsamen Gebet. Der Autor hatte ausführlich die Klostergemeinde von Mar Elian in Syrien gepriesen, die inzwischen vom Islamischen Staat zerstört wurde: 1.700 Jahre alte Mauern wurden gesprengt. Jacques Mourad, der Leiter dieses Klosters, ist vom Islamischen Staat entführt worden und wurde auch mit Hilfe von Muslimen wieder befreit. Mourad gehört dem Orden von Mar Musa an, den Kermani tief bewundert. Auch Paolo Dall'Oglio, Gründer dieses Ordens, ist vom Islamischen Staat entführt worden. Von ihm fehlt jede Spur. Viele weitere syrische Christen aus dem Kloster befinden sich in der Gewalt dieser "religiösen Faschisten" - ja, Kermani benutzt diesen Begriff, der Bernard-Henri Lévy einst um die Ohren gehauen wurde. Am Ende seiner beeindruckenden Rede forderte Kermani das Publikum auf, gemeinsam mit ihm um die Entführten des IS zu beten. Wer nicht fromm sei, könne ja einen Wunsch formulieren. Und wer möge, möge sich erheben. Fast alle erhoben sich. Ich zögerte und blieb dann lieber sitzen.

Deutscher Buchpreis 2015: Der Preis

18.10.2015. Update vom 12. Oktober. Der Deutsche Buchpreis geht an Frank Witzels Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969"Matthes & Seitz Berlin, Februar 2015. Von Thomas Groh

'Ihr seid Sieger!'

08.10.2015. Warum verehren heute wieder so viele Russen Stalin? Wie arbeiten die ehemaligen Sowjetrepubliken den Stalinismus auf? Über diese Fragen diskutierten gestern abend in der Heinrich-Böll-Stiftung die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch, der Georgier Lascha Bakradse und die Russen Arsenij Roginskij und Andrei Sorokin. Der Abend war ein weiterer Höhepunkt des bisher schon so reichen Internationalen Literaturfestivals Berlin. "Die Luft ist schwer zu atmen geworden", sagte der Moskauer Historiker Andrei Sorokin, der 1991 den Verlag Rosspen gegründet hatte, um in Zusammenarbeit mit der Organisation Memorial in einer hundertbändigen Reihe die entscheidenden Dokumente und Schriften zur Geschichte des Stalinismus zu veröffentlichen. Wie Sorokin in seinem Eingangsstatement erklärte, ist nicht unbedingt die Verdrängung des Stalinismus das Problem in Russland, auch wenn tatsächlich die Bemühungen um die historische Erforschung und den wissenschaftlichen Diskurs zunehmend torpediert würden. Das weitaus gravierendere Problem sei die positive Verklärung Stalins nicht nur in Fernsehserien, sondern auch in Schulbüchern. 1989 sahen nur 18 Prozent der Bevölkerung in Stalin einen Wohltäter des russischen Volkes, berichtet Sorokin, 1998 waren es bereits 36 Prozent und heute sind es über 50 Prozent. Da könne man nicht einmal mehr von einem mythologischen Stalin-Bild sprechen, das sei eher ein zoologisches, gibt Sorokin seiner Fassungslosigkeit Ausdruck. Von Thekla Dannenberg

Ein Tag im Leben des Ersten

09.07.2015. Selten habe ich so gelacht und mich danach selten so geschämt wie bei der inneren Rezitation des Tagesprogramms der ARD vom 6. Januar dieses Jahres (siehe unten). Abgeschrieben hat es Berthold Seliger für sein Buch "I Have a Stream", einen Zornesschrei über die Öffentlich-Rechtlichen Sender. Interessant ist, dass Seliger seine Radikalkritik, die in der Forderung nach Abschaffung des Systems kulminiert, von einer dezidiert linken Warte formuliert. Für Seliger ist dieser Apparat dazu da, eine angeblich neoliberale Agenda der deutschen Politik zu kaschieren. Mir leuchtet das nicht ganz ein: Dieser Supertanker des Biedersinns  schien mir immer links der Wirklichkeit vertäut. Wie soll er da einer derart schnittigen Ideologie dienen? Aber andererseits, wenn man sich dieses Programm vom 6. Januar, diesen achtzehnstündigen Schwall aus Kitsch, anguckt: Kann das Zufall sein? Seliger dekliniert es durch alle Bereiche: Die Information mit ihren leeren Ritualen, ihren Kompetenzmienen und millionenschweren Talkshow-Unternehmern, die Musik, die den letzten Sinn unter all den Schlagern und Volksmusikstars begräbt, die Nonnen-, Krankenhaus- und Tierarzt-Serien mit ihrer reaktionären Familienideologie, die Preisgabe des kulturellen Auftrags, die Hunderte von Millionen Euro, die in den Sport gesteckt werden, um den Altersdurchschnitt der Zuschauerschaft künstlich zu senken, ohne je zu thematisieren, dass wir Zahler es ja sind, die die FIFA mit unserer "Demokratieabgabe" schmieren. Dahinter kann nur eine Verschwörung stecken! Von Thierry Chervel

Ohne Transparenz keine WM-Gelder

28.05.2015. Angesichts der FIFA-Krise ist es an der Zeit, dass ARD und ZDF die Konditionen öffentlich machen, zu denen sie Rechte für die letzte und für die kommenden Weltmeisterschaften kauften: Das wäre schon mal der erste Schritt zur Transparenz. Und es ließe etwa die ausgezeichnete WDR-Dokumentation über FIFA-Korruption, die gestern Abend nochmal in der ARD lief, ganz anders dastehen. Der Spiegel nennt nur "senderinterne Informationen", wonach ZDF und ARD jeweils um 200 Millionen Euro an Rechten für die letzte und künftige WM zahlen.So mutig und scharf der WDR gestern informierte: Solche Dokumentationen haben so lange einen blinden Fleck, wie sie das Verhältnis der eigenen Institution - der öffentlich-rechtlichen Sender - zu diesem Sumpf nicht thematisieren können. Von Thierry Chervel

Kunst war eh nie frei

06.05.2015. Kurz bevor gestern Abend Charlie Hebdo vom amerikanischen PEN der Freedom of Expression Courage Award ausgezeichnet wurde, sprach in Berlin der Soziologe Heinz Bude über "Die Freiheit der Kunst und Grenzen der Freheit" und Grenzen der Kunst. Die Ringvorlesung wurde nach dem Attentat von Paris initiiert, und deshalb ging es bei Budes Vortrag natürlich auch um die New Yorker Auszeichung und die immer hitziger werden Debatte nach der Kritik durch Teju Cole, Francine Prose, Michael Ondaatje und mittlerweile 200 anderen Autoren. Der Hörsaal war voll, versammelt hatten sich eher die Lehrenden als die Studierenden. Dabei hatten es Budes Ausführungen durchaus in sich. Denn in ihnen verabschiedete Bude mit den Mitteln des Pop-Diskurs so beiläufig wie mitleidlos den Universalismus. Bude wollte die Debatte um Charlie Hebdo nicht als Missverständnis zwischen Frankreich und den USA abtun, auch wenn er zurecht noch einmal darauf verwies, dass den USA der kämpferische Antiklerikalismus fremd ist. Sie sind das Land, in denen sich die Benachteiligte immer in religiösen Gemeinschaften zusammengefunden hätten. Von Martin Luther King bis Malcolm X. Und noch Curtis Mayfield habe gesungen: "Move on up." Von Thekla Dannenberg

Es muss https sein

20.04.2015. Der Perlentaucher ist auf https://www.perlentaucher.de umgestellt und also, anders als im normalen "http" verschlüsselt. Es geht dabei keineswegs darum Buchlisten, Film-Essays oder Feuilletonschauen geheim zu halten, sondern es geht darum, die Leser des Perlentauchers zu schützen. Internetseiten nicht zu verschlüsseln, ist fahrlässig gegenüber seinen Benutzern. Verschlüsselung schützt zwar nicht davor, entschlüsselt zu werden. Doch alle verschlüsselten Kommunikationsverfahren haben einen natürlichen Vorteil: Verbindlichkeit. Durch die initialen Schlüsselverhandlungen entstehen Kommunikationskanäle deren Inhalte nicht unterwegs einfach so verändert werden können. Denn wenn man ein verschlüsseltes Paket verändert, ist es praktisch immer kaputt.

Außerhalb des Blumenbeets

17.03.2015. Der Gewinner des Leipziger Buchpreises ist ein Netter. Er vereint die Gediegenheit der Hamburger Schule mit einer Sanftheit, die beinahe schmerzt. Auf die zahnlosen Fragen der Kulturzeit-Redakteurin Andrea Meier antwortet er mit vollendeter Geduld und Freundlichkeit. Aber in Wagners Augen blitzt es auch schelmisch. Keine Frage, der Mann verfügt über Einfühlsamkeit und Humor.Als Lyriker geht Wagner konventionelle Wege, bedient sich traditioneller lyrischer Formen und Mittel und lenkt den Blick auf die sogenannten kleinen Dinge. Ihre Existenz möchte er in Erinnerung rufen und ihnen neue Seiten abgewinnen, der Leser soll staunen und die Welt neu und anders wahrnehmen. Magie, nennt Wagner das und zitiert seinen Lieblingsdichter Dylan Thomas. Egal ob Wagner über Tennisbälle schreibt, über Zäune, Seife, Torf, den Grottenolm oder die Regentonne im elterlichen Garten, immer ist da der Anspruch, im Kleinen und Einzelnen wenn schon nicht das große Ganze, so doch etwas Unerwartetes zu entdecken. Von Sascha Josuweit

Schießerei in Kopenhagen

14.02.2015. Aktualisierung um 18.12 Uhr: Gegenüber AFP hat sich jetzt der französische Botschafter François Zimeray geäußert, der bei der Veranstaltung über Blasphemie und Meinungsfreiheit in dem Kopenhagener Kulturhaus anwesend war, berichtet der Figaro. "Sie haben von außen auf uns geschossen. Sie hatten das gleich vor wie bei dem Charlie-Hebdo-Massaker, aber sie sind nicht reingekommen. Dem Gefühl nach würde ich sagen, dass 50 Schüsse abgefeuert wurden, die Polizei sprach von 200. Kugeln sind durch die Türen gekommen, alle haben sich zu Boden geworfen. Wir haben es geschafft, dieses Zimmer zu verlassen, aber wir bleiben im Gebäuse, denn die Lage ist noch kritisch. Die Attentäter sind noch nicht gefasst, sie können sich noch im Viertel aufhalten." Aktualisierung um 17.52 Uhr: Ein Toter, drei Verletzte, meldet Ekstrabladet: "One person is killed and three policemen wounded by gunfire in the East of what the police regard as a terrorist attack against a Swedish Muhammad cartoonist." (Übersetzt mit Google Translate) Laut dem Newsticker von Ekstrabledet soll ein 40-jähriger Zivilist durch Schüsse ums Leben gekommen sein.

Charlie Hebdo und die Folgen

02.02.2015. Die Terroranschläge in Paris Anfang Januar haben die europäische Öffentlichkeit in Schrecken versetzt. Insbesondere das Attentat auf die Pariser Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo zielte auf das Herzstück der Demokratie: die Presse- und Meinungsfreiheit, und hat die Debatte über Grundfragen des Zusammenlebens in liberalen Gesellschaften neu entfacht. Mit Gästen aus Frankreich und Deutschland wollen wir am Montag, den 9. Februar 2015, 19.00 Uhr - 20.30 Uhr

Ein Wald aus Verboten

29.01.2015. Der erste Schock ist verflogen, die edle Wallung der Solidarität mit den Franzosen erstirbt, die Liveticker sind abgestellt. Hinter den Schwaden der Erregung zeichnen sich neue Strukturen ab: Der öffentliche Raum schrumpft. Neue Barrieren richten sich auf. Zum Teil waren diese Strukturen schon da, und wir hatten es nur noch nicht gemerkt.Natürlich kursierten in den Tagen nach dem Massaker überall die Zeichnungen von Charlie Hebdo. Selbst in der SZ, dem schüchternsten Institut in diesen Dingen in Deutschland, waren meiner Erinnerung nach in den Tagen des Massakers ein oder zwei Mohammed-Karikaturen verstreut. Glücklicherweise leben wir im Internetzeitalter, so dass die Zeichnungen für jedermann, der sucht, zu finden sind. Die andere Frage aber wird sein, ob sie von Medien im Rahmen der Berichterstattung noch eine Chance haben, gezeigt zu werden. Und ob solche Karikaturen noch neu entstehen werden. Von Thierry Chervel

Die Grenzen enger ziehen

28.01.2015. Neben ästhetischen Bedenken riefen Werke, deren Autoren von Islamisten ermordet wurden, oft auch moralische Zweifel der Feuilletonisten hervor. Wenn wir schon dabei sind und die Leichen gerade bestattet werden, müssen Feuilletonisten stets vor allem eines fragen: "Was soll Satire? Was darf sie?" Haben die Ermordeten richtig gehandelt? Sozusagen: "Die Grenzen der Satire - Im Lichte der jüngsten Meinungsäußerungen betrachtet." Edel sind die Seelen der Feuilletonisten. Es werden Karikaturisten, Polizisten und Juden umgebracht, aber sie solidarisieren sich erstmal mit den Muslimen und stellen die Frage, ob man ihnen diese Zeichnungen wirklich hätte zumuten sollen. Auch sollen die Muslime nicht gezwungen werden, sich zu der Sache zu verhalten. Die Deutschen sollen ihre Nazizeit aufarbeiten, die Amerikaner die Sklaverei, die Franzosen ihre Kolonialvergangenheit. Aber den Islam zur Selbstreflexion aufzufordern – das wäre Islamophobie.Andreas Zielcke hat in der SZ am Freitag geschrieben, was man einen "klugen Text" nennt, virtuos verschwurbelt, sich nach allen Seiten absichernd, mit schwer zu ermittelndem Standpunkt. Aber zwei Punkte macht er deutlich. In Frankreich ist eine Parodie auf ein Cover von Charlie Hebdo erschienen. Das Original "verhöhnte" den Koran, wie Zielcke sagt, denn die Heilige Schrift erweist sich als ungeeignet, Gewehrkugeln aufzuhalten. Die Parodie eines 16-jährigen Schülers zeigt einen Mann, dem nun mit Charlie Hebdo das gleiche widerfährt. Nun wird bei der Karikatur von Charlie Hebdo das Recht auf freie Meinungsäußerung eingefordert, während die Parodie wegen angeblicher Verteidigung eines Terroranschlags verfolgt wurde. Von Thierry Chervel

Figur der Opfermediokrität

27.01.2015. Ach, Ulf! Ein bisschen schal ist nicht Luz" Zeichnung des weinenden Mohammed, sondern dein ästhetizistisches Gemäkel daran, solange die Dahingemetzelten noch nicht kalt sind. Es handelt sich hier nicht um eine ästhetische Frage, sondern um eine existenzielle. Das Pathos dieser Frage müssen wir aushalten wie das tödliche Starren der Islamisten. Keiner zwingt Dich aus "politischer Raison", diese Zeichnungen gut zu finden, denn darum geht es gar nicht.Nicht in einem Wort zittert der Schock über die Ereignisse in Deinem Text nach, aber Deine Lehrmeinung über den Plattkopfhumor von Charlie Hebdo ist schon fertig ausformuliert. Obsolet sind die Zeichnungen mit ihren puerilen Witzen und grobem Strich und nichts im Vergleich zum deutschen Qualitätshumor, der überdies die Subtilität besitzt, nicht anstößig zu sein. Von Thierry Chervel

Stolz und froh

14.01.2015. Liebe Leser,stolz und froh geben wir bekannt, dass der Perlentaucher ab heute ein "responsives" Design hat, das sich automatisch den Bildschirmgrößen mobiler Geräte anpasst. Anders gesagt: Man kann uns jetzt hervorragend auch auf seinem Handy lesen. Wie eine Ziehharmonika passt sich unser Layout unterhalb einer Bildschirmbreite von 768 Pixel (Tablet aufrecht) den verschiedenen Bildschirmen an. Sowohl auf Handys als auch auf Tablets lässt sich der Perlentaucher somit komfortabel lesen! Wir freuen uns auch deshalb, weil der Perlentaucher inzwischen, je nach Tageszeit, zu 15 bis 20 Prozent auf mobilen Geräten gelesen wird. Die Subdomain mobil.perlentaucher.de, auf der es ein rudimentäres Perlentaucher-Layout gab, schaffen wir ab. Von Anja Seeliger

Les armes des citoyens

12.01.2015. Sie waren Charlie, Polizisten, Ahmed und Juden oder - wie es auf einem Plakat hieß: "In Trauer, nicht im Krieg". Fast vier Millionen Menschen haben sich gestern an den Demonstrationen in Frankreich beteiligt, allein in Paris waren es anderthalb Millionen. Sie trauerten um die Opfer der Anschläge, demonstrierten für die Freiheit des Wortes und die Einheit der Republik. Diese Menschen haben ein ganz anderes ziviles Signal in die Welt gesandt als wir es von den waffenstarrenden Bilder gewöhnt sind, die den Kampf gegen den Terror gemeinhin begleiten. Selbst die fünfzig Staats- und Regierungschefs traten nicht als geballte Staatsmacht in Erscheinung, sondern reihten sich für fünfzehn Minuten in das demonstrierende Volk ein, untergehakt wie sonst die Sozialisten und in der zweiten Reihe - nach den Verwandten und Freunden der Opfer. Wie schon in Norwegen zeigten die Citoyens, egal welcher Herkunft, dass Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit von der Gesellschaft gewollt werden. Von Thekla Dannenberg

JeSuisCharlie... JeSuisJuif...

11.01.2015. Daniel Cohn-Bendit kritisiert in Libération im Gespräch mit Annette Levy Willard die französischen Medien, die am Freitag von "vier getöteten Geiseln" sprachen. Levy Willard merkt an: "Man spricht von ermordeten Zeichnern, weil sie Zeichner waren, von ermordeten Polizisten, weil sie Polizisten waren - und die Leute, die am Freitag in einem koscheren Supermarkt einkaufen gingen? Man traut sich nicht zu sagen "Vier Juden wurden ermordet." Cohn-Bendit antwortet: "Als mich am Freitag das deutsche Fernsehen anrief, um über die Ereignisse zu sprechen, fragte mich der Journalist: "Können Sie mir erklären, warum es nach dem Massaker auf jüdische Kinder vor zwei Jahren in Toulouse keine große Mobilisierung gab?" Ich musste sagen: "Ich passe..." In Vincennes oder an der République gab es am Freitag nach den neuen Morden keine Kerzen oder Demos... Die Täter kommen nicht vom Mond, auch nicht aus dem Nahen Osten. Sie kommen von hier. Es wird zum Horror. Dieses Land muss Antworten finden. Und sich die Frage stellen: Warum produziert es Ungeheuer?"Le Monde nennt die Namen der vier ermordeten Geiseln: Yoav Hattab, Philippe Braham, Yohan Cohen und François-Michel Saada.

Le Monde zeigt alte Fernsehbilder von Chérif Kouachi

08.01.2015. Einer der drei mutmaßlichen Attentäter, Chérif Kouachi, war bereits vor zehn Jahren ins Visier der Fahnder geraten. Le Monde hat ein paar Minuten aus einer Fernsehreportage von France 3 von 2004 ausgegraben, in denen der Attentäter porträtiert wird: Man sieht ihn als einen offenbar geläuterten Ex-Islamisten, schlaksig, schüchtern lächelnd, und in einer Einstellung rappend und tanzend. Er sei ein Hiphop-Fan gewesen, eher bereit in die Disko zu gehen und Mädchen zu treffen als in der Moschee zu beten. Dann sei er allerdings unter den Einfluss des charismatischen jungen Islamisten Farid Benyettou geraten, der bereits seit 2003 Kämpfer für den Dschihad im Irak rekrutierte. Schon damals sei Kouachi in einer oberflächlichen Ausbildung die Handhabung einer Kalaschnikow erklärt worden. Koachi wurde wegen Mitgliedschaft in Benyettous Terrorgruppe, der "Filière des Buttes-Chaumont" (nach dem Pariser Park), zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. In dem Film werden Aussagen zitiert, die Kouachi offenbar vor Gericht gemacht hatte und die zeigen sollten, dass er vom Islamismus abgekommen sei. Ein Sozialarbeiter erklärt zum Abschluss, dass Kouachi froh sei, der islamistischen Szene entronnen zu sein.Einen sehr interessanten Hintergrundartikel veröffentlicht der Terror-Experte Jean-Pierre Filiu über die "Filière des Buttes-Chaumont" in Rue89. Sie rekrutierte seit 2003 Kämpfer für den Krieg im Irak. Farid Benyettou war ihr Anführer. Aus derselben Gruppe kam Boubaker al-Hakim, der nach eigenem Bekenntnis die tunesischen Oppositionspolitier Chokri Belaïd und Mohamed Brahmi ermordete und das Land damit fast an den Rand des Bürgerkriegs brachte. "In Paris und Tunis dieselben Mörder", titelte darum Rue89. Filiu erzählt von der ursprünglichen Unterstützung der Gruppe durch das syrische Regime. Später sei sie unter den Einfluss von Al-Qaida und dem "Islamischen Staat" gekommen - ob sich diese beiden Terrorgruppen so gut trennen lassen, wie man hier glaubt, bezweifelt man nach Filius Artikel. Fliu verweist auf das Buch "The Evolution of the Global Terrorist Threat", in dem er ein Kapitel über die "Filière des Buttes-Chaumont" geschrieben hat. Von Thierry Chervel
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